Donnerstag, 29. Oktober 2009

Verblendung

Harry Potter scheint abgelöst zu sein. Zumindest in hiesigen Buchhandlungen. Schon lange gibt es keine Schlangen sehnsüchtig wartender Hobbymagier mehr und schon längst sind die Bestsellerlisten Zauberschülerfrei. Es gibt also Platz für Neues. Wenn man dann eine "Thriller-Trilogie" mit dem Namen Millenium entdeckt, die mit dem reißerischen Prädikat „spannend“ geschmückt ist, deren erster Teil "Verblendung" heißt und gerade verfilmt wurde, und man den Namen des Autors liest - Stieg Larsson - wird man allerdings erstmal skeptisch.

Mikael Blomkvist ist Journalist für das politische Magazin "Millenium". Er hat gerade eine Reportage über einen korrupten Großindustriellen veröffentlicht und wird nun wegen Verleumdung zu Gefängnisstrafe verurteilt. Bis er seine Haftstrafe antreten muss, wird er beurlaubt. Doch er bekommt nicht viel Zeit, sich auszuruhen. Der Milliardär Henryk Vanger engagiert ihn, um einen 40 Jahre alten Fall aufzuklären. Die Nichte Vangers, Harriet, verschwand eines Tages spurlos. Vanger glaubt, sie sei ermordet worden, Mikael ist sich da nicht so sicher und beginnt seine Untersuchungen. Er sieht sich einer komplizierten Familiengeschichte gegenüber, die voller Intrigen steckt. Die Familie Vanger bildet nämlich auch den Vorstand einer der größten Konzerne im Land. Dadurch hat praktisch jeder, der noch lebenden Familienmitglieder ein Motiv. Keiner der befragten Vangers gibt wirklich Auskunft, so dass Mikael nicht besonders gut vorran kommt und kurz davor steht, aufzugeben. Da erhält er plötzlich unerwartete Hilfe. Die Hackerin Lisbeth Salander, die Blomkvist bereits früher beobachtet hat, nimmt Kontakt mit ihm auf und liefert ihm erste brauchbare Spuren, zum Beispiel der Hinweis, dass Harriet tatsächlich ermordet worden ist. Gemeinsam nehmen Mikael und Lisbeth die Untersuchungen wieder auf und kommen einem grausigen Geheimnis Schritt für Schritt auf die Spur.

"Verblendung" ist der erste Teil der Milleniumtrilogie, die nun im Einjahresabstand in die Kinos kommt. Die Vorlage ist das Vorzeigemodell einer erfolgreichen Romanreihe. Der spannende Thriller vom schwedischen Schriftsteller und Journalisten Stieg Larsson fand keine Beachtung und Larsson hatte große Probleme, einen Verlag zu finden. Ungeachtet dessen schrieb er immer weiter, denn der kommerzielle Erfolg seiner Bücher interessierte ihn weniger. Er wollte, dass sie veröffentlicht wurden. Ein ihm bekannter Verleger nahm ihm den Stoff letztendlich ab und mit mäßigem Erfolg startete der Verkauf. Nebenbei publizierte Larsson einige Artikel über die Neo-Rechtsextremistische Szene in Europa und sorgte damit für einige Aufregung und auch unangenehme Aufmerksamkeit. Zu gleichen Teilen erhielt er neue Aufträge wie auch Morddrohungen. Gerade, als seine Bücher bekannter wurden und astronomische Verkaufszahlen einfahren, verstarb Larsson völlig überraschend an einem Herzinfarkt. Während die Bücher unglaublich spannend sind, bietet die Verfilmung jedoch eher durchschnittliche Thrillerkost. Der Fall ist sehr spannend und es macht großen Spaß, zu sehen, wie die beiden Protagonisten einen 40 Jahre alten Fall langsam aber sicher aufklären können. Dennoch fehlt es dem Film ein wenig an Dynamik und er braucht sehr lange, um richtig in Fahrt zu kommen. Hervor zu heben ist auf jeden Fall die Darstellung Michael Nyqvisrs und der Newcommerin Naomi Repace, der die Rolle der toughen und rätselhaften Hackerin Lisbeth wie auf den Leib geschrieben ist.

Insgesamt ist der Film eher wie eine sehr lange spannende, aber nicht ungewöhnliche Tatort-Folge. Das lässt ein wenig an der Berechtigung des Hypes um Stieg Larsson zweifeln, weshalb ich mir für die beiden weiteren Teil lieber die Bücher vornehmen werde und die Filme einfach auslassen werde.

Män Som Hatar Kvinnor (Dänemark, Deutschland, Schweden 2009): R.: Niels Arden Oplev; D.: Naomi Repace, Michael Nyqvist, Sven-Bertl Taube, u.a. M.: Jacob Groth; Offizielle Homepage

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Mittwoch, 14. Oktober 2009

Love Exposure

Mann und Frau wollen ins Kino. Also konsultiert man gemeinsam das Kinoprogramm. Welcher Film soll es sein? Mann will Explosionen, scharfe Autos, heiße Frauen. Frau will Romantik, einen süßen Hauptdarsteller, Drama und ein Happy End. Hier scheint es also einen Interessenkonflikt zu geben und früher gab es nur eine Möglichkeit, einen handfesten Streit zu vermeiden. Mann und Frau gehen in die Schnulze, da es für ihn sowieso nur eine Alibiveranstaltung ist und sie ohne weiteres bekommen hat, was sie wollte. Nun gibt es eine zweite und viel bessere Option, Unstimmigkeiten aus dem Weg zu gehen. Diese Option ist vom japanischen Regisseur Shion Sono, vereint alles, was Mann und Frau wollen, hat eine Laufzeit von 237 Minuten und trägt den einprägsamen Titel „Love Exposure“

Yu ist 17 Jahre alt. Sein Vater ist Priester geworden, nachdem dessen Frau wegen einer schweren Krankheit verstorben ist. Durch seine Mutter hat Yu ein großes Ziel: Die Frau finden, die seine persönliche Maria wird. Davon wird er allerdings vorerst abgebracht, denn sein Vater scheint sich zu sehr in seine Priesterrolle hinein zu steigern und verlangt von Yu täglich, seine Sünden zu beichten. Yu ist prinzipiell ein herzensguter Mensch und hat ein wenig lasterhaftes Leben vor zu weisen. Aus der Not heraus erfindet er seine Sünden, doch der Vater durchschaut das sofort und zeigt demonstrativ immer mehr Unmut. Um dem abzuhelfen startet Yu mit seinen Freunden zahlreiche Unternehmungen, um echte Sünden zu begehen. Vom offensichtlichen Erfolg angespornt kommt Yu auf die Idee, eine ganz spezielle Sünde zu praktizieren. Innerhalb kürzester Zeit wird er zum besten Höschen-Shooter der Stadt. Mit ausgefeilten Techniken und einer unbestechlichen Philosophie sammeln er und seine Freunde Höschen-Fotos, ohne dass die kollektive Weiblichkeit davon etwas mit bekommt. Über diesen unerschöpflichen Anstieg an schier unverzeihlichen Sünden ist Yu's Vater derart entsetzt, dass er kurzerhand auszieht. Eines Tages geschieht jedoch das Wunder und Yu trifft bei einer Schlägerei auf die schöne Yoko. Unmissverständliche körperliche Zeichen und sein Instinkt verraten ihm, Yoko ist seine Maria. Wie es der Zufall will, ist er allerdings als Frau verkleidet, als er sie trifft. Alles wird nun etwas kompliziert und die mysteriöse Sekte der „Church of Zero“ trägt zu weiteren Verwirrungen bei.

Was für ein Film! Wer sich darauf einlässt, wird mit wahnwitziger Geschwindigkeit in eine Geschichte gezogen, der man einfach nicht entkommen kann, egal, wie lang der Film noch weiter gehen würde. Die vier Stunden vergehen wie im Flug und machen sich höchstens dann bemerkbar, wenn man irgendwie ungünstig gesessen hat, oder die Blase nach ihrem Recht verlangt. Es ist unglaublich, mit welcher Leichtigkeit Regisseur Shion Sono mit den Genres spielt. Übergangslos wird aus einer völlig überzogenen Komödie ein Psychohorror, um dann in ein ausgewachsenes Drama überzugehen, welches sich anschließend in heißer Kung-Fu-Schwertkampfaction entlädt. Und dann wird es plötzlich ein Pornofilm mit Splattereinlagen, in dem das Blut sprudelt, als gäbe es kein Morgen. Dieser ständige Wechsel ist vollkommen überzeugend eingebaut. Man hat nie das Gefühl, es wäre unangebracht, oder gar übertrieben. Es mag an dieser Stelle überraschen, dass der Film in einem erfrischend schlichten Stil gehalten ist. Es gibt keinerlei CGI-Effekte, überzogene oder bombastische Actioneinlagen. Alles ist mit einfacher Digicam gefilmt und dennoch entstehen wunderschöne Bilder, die man nicht mehr vergisst. Außerdem schafft es der Film, trotz seiner ungewöhnlichen Länge und teils absurden Story, die Spannung aufrecht zu erhalten und am Ende einen sinnvollen Kreis zu schließen. So sehr man am Anfang auch von der fast schon rohen Ästhetik beeindruckt ist, stellt man fest, dass ein unglaublicher Aufwand dahinter steckt, all diese wahnwitzigen Elemente zu einer großartig erzählten Geschichte zu verknüpfen.

Ich zitiere nicht gerne die Texte, die in der Werbung für einen Film erscheinen, aber an dieser Stelle trifft es die Tatsache einfach auf den Punkt: „Love Exposure“ ist 237 Minuten Liebeswahn. Wer nicht gerne Filme sieht, bei denen er nicht weiß, was ihn erwartet, sollte es lassen. Filmfreaks, die einfach einen Film sehen wollen, der vollkommen anders ist als alles, was sie kennen, kommen hier nicht daran vorbei. Trotz allem Wahnsinns, weiß man am Ende des Filmes übrigens eins: In Japan ist sowas längst normal.

Ai no mukidashi (Japan, 2008): R.: Shion Sono; D.: Takahiro Nishijima, Hikari Mitsushima, Sakura Ando, ua.; M.: Tomohide Harada; Offizielle Homepage

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Samstag, 10. Oktober 2009

Schande

Vor drei Wochen habe ich hier einen Film besprochen, der durch die Metapher einer Science-Fiction-Story recht eindeutig Kritik an den sozialen Zuständen Südafrikas übte. „District 9“ ging dabei viele interessante Wege, verzettelte sich am Ende aber zu sehr im Motiv der Alieninvasion an sich, so dass die eigentliche Botschaft etwas verloren ging. Dem gleichen Thema, aber auf völlig andere Weise, widmet sich der neue Film von Steve Jacobs, „Schande“

David Lurie ist Literaturprofessor an einer Universität in Kapstadt. Nach mehreren gescheiterten Ehen und einer mehr schlechten, als rechten Karriere hat er sich zu einem weltfremden Misanthropen entwickelt. Eines Tages entdeckt er die junge Studentin Melanie und nutzt seine Position, um sie zu verführen. Die Affäre kommt ans Licht und David wird sowohl vom Kollegium, als auch von der Öffentlichkeit an den Pranger gestellt. David ist allerdings völlig desinteressiert und geradezu lethargisch, so dass er einfach seine Schuld zu gibt und deshalb seine Anstellung verliert. Daraufhin tritt er den Rückzug an und fährt aufs Land, um seine Tochter zu besuchen.
Die lesbische Lucy lebt fernab von der Zivilisation auf einem Stück Land und betreibt dort eine Art Hundepension. Sie baut Blumen an, die sie regelmäßig auf dem Markt verkauft und so ihr Geld verdient. Außerdem teilt sie sich das Land mit dem Schwarzen Petrus und lebt mit ihm in einer Art Wohngemeinschaft. David sieht sich mit seinen stark ausgeprägten Vorurteilen konfrontiert und versucht, mit großem Nachdruck, seine Tochter zu überreden, das unsichere Leben auf dem Land aufzugeben. Lucy will davon nichts wissen. Sie glaubt daran, dass ein harmonisches Zusammenleben aller Menschen in Südafrika möglich ist, trotz der Auswirkungen und Schäden, die die Apartheid hinterlassen hat. Eines Tages werden David und Lucy von drei schwarzen Herumtreibern überfallen und ausgeraubt. David wird schwer verletzt und Lucy vergewaltigt.
Trotz der überwältigenden Scham bleibt Lucy bei ihrem Glauben und will in der Einsamkeit bleiben und nicht einmal zur Polizei gehen.

Der 2000 erschienene Roman „Schande“ von J.M. Coetzee erregte viel Aufsehen, da er ein hartes aber authentisches Bild des heutigen Südafrikas zeichnete und eine unverhohlene Gesellschaftskritik lieferte, die keiner so leicht schlucken wollte. Für diesen Roman ist Coetzee als erster Autor weltweit zweimal mit dem Booker-Prize ausgezeichnet worden. Nun wurde der Roman von Steve Jacobs behutsam und sehr sensibel verfilmt. John Malkovich übernimmt die Rolle des Professor Lurie und wächst weit über sich hinaus. Er füllt diese Figur so intensiv mit Leben, dass der Rest des Films stilistisch in den Hintergrund gerät. Deshalb verzichtet Steve Jacobs auch auf aufwendige oder unangebrachte Spielereien und lässt durch ganz klare und eindeutige Bilder die Atmosphäre des rauen und ungastlichen Hinterlandes Südafrikas wirken. Auch geht Jacobs relativ kompromisslos mit den Gefühlen und dem Gemütszustand seines Publikums um und unterwirft den Film einer ständig wachsenden Anspannung, die sich einfach nicht auflösen will. Die Nerven liegen blank und man fühlt sich einfach deprimiert, ob der harten Realität dieses Szenarios. Das ist der größte Pluspunkt des Films. Er lässt keine Distanz zu, sondern holt den Zuschauer ganz nah heran. Man kann überhaupt nicht auf die Idee, kommen, zu sagen: Es ist in Südafrika und das ist weit weg.

„Schande“ ist harter Tobak und nichts für den gemütlichen Kinoabend nebenbei. Aber um so wichtiger, da es selten gelingt, ein derart realistisches Bild über eine Gesellschaft zu zeichnen, ohne wirklich Partei für die eine, oder die andere Seite zu ergreifen. Nach diesem Film hat man keinen Kloß im Hals, sondern Beton im Bauch

Disgrace (Australien / Südafrika 2008): R.: Steve Jacobs; D.: John Malkovich, Paula Arundell, Jessica Haines, u.a.; M.: Antony Partos; Offizielle Homepage

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Freitag, 2. Oktober 2009

Die Entführung der U-Bahn Pelham 123

Wir leben in einer unsicheren Welt, die durch eine ständige Angst vor dem Terror geprägt ist. Terroristen agieren nämlich in einem Bereich, der uns am meisten weh tut. In unserem Alltag. Sobald man vor die Tür geht, könnte es passieren. Nur, weil man an einem zentralen Gebäude vorbei läuft, oder weil man sich ein Fußballspiel ansieht, oder eben, weil man ein öffentliches Verkehrsmittel nutzt. Klar, dass es sich Hollywood nicht nehmen lässt, mit dieser Angst zu spielen und zahlreiche spannende Filme auf die Leinwand zu zaubern. Aktuell liefern sich Denzel Washington und John Travolta das bekannte stereotype Duell zwischen Gut und Böse in Tony Scotts neuem Film „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“

Hinter diesem unförmigen Monstertitel verbirgt sich eine ganz simple Story. Der Gangster Ryder betritt eines Morgens mit einigen Kumpanen die U-Bahn 123 der Linie 6 in Manhattan und entführt diese kurzerhand. Genau an diesem Tag hat Mr. Garber Dienst in der Fahrdienststelle. Zu ihm stellen die Entführer als erstes Kontakt her und verlangen innerhalb einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Überraschenderweise scheint die Beschaffung des Lösegeldes keinerlei Probleme zu bereiten. Auch das übliche Gerede, man verhandle nicht mit Terorristen, kommt nicht zum Tragen. Das einzige Problem ist Zeit. Ganz ehrlich: Versucht ihr doch mal innerhalb einer Stunde durch den Berufsverkehr von einem Ende Manhattans zum anderen zu kommen. Garbers Aufgabe ist es nun, Zeit zu schinden und sich auf ein packendes Psychoduell mit dem Anführer der Gangster ein zu lassen.

In den 70er Jahren gab es eine Reihe von Katastrophenfilmen, die allesamt spannend inszeniert zu unterhalten und zu erschrecken wussten. „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ mit Robert Shaw und Walter Matheau bildete da keine Ausnahme. Der Film war für damalige Verhältnisse sehr hart und brutal und zudem noch politisch unkorrekt, was die Darstellung sozialer Randgruppen angeht. Zudem waren sich Held und Bösewicht ähnlicher, als man es erwartet hätte. Dazu noch die total simple Story, in der jeder Baustein passte und es wurde ein perfekter Thriller, der voll und ganz dem Zeitgeist vom kalten Krieg und allgemeiner Unzufriedenheit und der Angst vor dem Terror aus den eigenen Reihen entsprach. Ein durchaus nachvollziehbarer Schritt also, diesen Stoff neu zu verfilmen. Regisseur Tony Scott hat eine Vorliebe für schnelle und authentisch inszenierte Filme, neigt allerdings dazu, zu Gunsten von Action und Spannung, das ein oder andere Zugeständnis beim logischen Aufbau der Story zu machen. Bei der einfachen Geschichte von diesem Film allerdings kein Problem, könnte man denken.
Kommen wir zum Punkt: „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ ist so packend und spannend, wie sein Titel. John Travolta hat in den letzten Jahren die Hoffnung gesät, er wäre als ernst zu nehmender Schauspieler zurück gekommen, sich allerdings zu oft hinreißen lassen, seltsame Rollen an zu nehmen. Seine Darstellung des Gangsters Ryder ruft fatale Erinnerungen an den Bösewicht aus „Stirb Langsam 2“ wach. Denzel Washington zeigt immerhin so viel Initiative, seine Darstellung zu reduzieren, wie es seine Rolle vor sieht und verbringt die meiste Zeit des Films sitzend am Mikrophon, was der ganzen Sache natürlich jede Menge Dynamik nimmt. Die Dialoge zwischen den beiden Hauptfiguren haben überhaupt keine Substanz und scheinen nur dazu zu dienen, die Zeit bis zum Ablauf des Ultimatums der Gangster zu füllen.
Die packenden Actionsequenzen kränkeln an der technischen Umsetzung. Um die wahnwitzige Geschwindigkeit der U-Bahn darzustellen hat man den Zug in bester MTV-Manier mit wackeliger Knopfkamera gefilmt und das Bild einfach beschleunigt. Ein ganz einfacher Trick, der seine Wirkung verfehlt und genau so billig aussieht, wie sich seine Beschreibung anhört.

„Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ ist der Versuch, das Remake eines spannenden Films zu machen und das Ergebnis liefert einen einfachen und einfallslosen Abklatsch. Das größte Verbrechen dieses Films ist die Langeweile, obwohl es doch eigentlich gefährlich und vor allem schnell sein sollte.

The Taking Of Pelham 123 (USA 2009): R.: Tony Scott; D.: John Travolta, Denzel Washington, James Gandolfini, u.a.; M.: Harry Gregson-Williams; Offizielle Homepage

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Donnerstag, 24. September 2009

Whisky mit Wodka

„Man wacht nicht eines Tages auf und stellt fest, dass man älter wird. Man stellt fest, dass man schon alt ist“ So sinniert Andreas Dresen durch den Mund seiner Hauptfigur, die müde vom Leben und vom Alkohol am Strand sitzt und verträumt auf das Meer hinaus starrt. Obwohl Dresen erst 46 Jahre alt ist beschäftigt er sich in seinem neuen Film „Whisky mit Wodka“ einmal mehr mit der Thematik des Älterwerdens und dem Altsein.

Otto Kullberg ist Schauspieler. Sein ganzes Leben lang hat er Filme gedreht und ist zu einem echten Original avanciert. Im Laufe der Jahre hat er sich einen festen Ruf erarbeitet und je älter er wird, desto beliebter ist er. Gerade ist er wieder dabei, einen Film zu drehen. Er spielt einen alt gewordenen Casanova, der zahlreiche Affären mit Müttern und deren Töchtern unterhält. Eine Paraderolle also für Otto. Doch neben zahlreichen Star-Allüren hat er sich auch ein ausgewachsenes Alkoholproblem angeeignet und es kommt, wie es kommen muss. Otto bricht während der Dreharbeiten volltrunken zusammen. Regisseur und Produzent werden nervös und der Studiochef trifft eine ungewöhnliche Entscheidung. Es wird ein anderer Schauspieler engagiert, Nun sollen alle Szenen doppelt gedreht werden. Einmal mit Otto und dann noch einmal mit dem wesentlich jüngeren Ersatzschauspieler. Zum einen will man damit die Produktion retten, falls Otto noch einmal zusammenbricht, zum anderen soll der Star motiviert werden, sein bestes zu geben, damit er nicht aus dem Film geschnitten wird. Und so kommt es auch. Es beginnt eine Art Duell und Otto wächst über sich hinaus und verschwendet keine Gelegenheit, dem jüngeren Darsteller in die Scharade zu fahren.

„Whisky mit Wodka“ erzählt eine schöne Geschichte, die durch zwei sehr unterschiedliche, aber charismatische Figuren getragen wird, die im Grunde nur eine ältere und eine jüngere Version der gleichen Figur darstellen. Das Thema des Älterwerdens ist allgegenwärtig. Otto wird immer wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Ob es nun heißt, früher sei er viel besser gewesen, oder ob er mit seiner Schauspielerkollegin alte Plätze aufsucht, die sie früher, als sie noch zusammen waren immer besucht haben. Und natürlich kommt Otto durch die Begegnung mit seiner quasijüngeren Version sehr ins Grübeln. Auch wenn die Figuren durch ihre fantastischen Darsteller (Henry Hübchen und Corinna Harfouch) sehr authentisch entwickelt werden, geht die eigentliche Botschaft des Films leider ein bisschen unter. Das ist der Umgebung und der Rahmenhandlung geschuldet. Es geht um das Drehen eines Filmes und somit werden dem Zuschauer stets detaillierte Blicke hinter die Kulissen gewährt. Das nimmt allerdings ein bisschen überhand und man ist ständig von der eigentlichen Handlung abgelenkt. Die Pappkulissen und Scheinwerfer sind praktisch allgegenwärtig und zerstören zu oft die Stimmung. Es ist mal wieder Zeit für den geflügelten Satz, dass an dieser Stelle weniger mehr gewesen wäre. Auch wenn es diesmal nicht um übermäßig eingesetzte CGI-Effekte geht, ist es doch wieder die äußere Form der mehr Zeit und Aufwand gewidmet wurde, als der eigentlichen Geschichte. Etwas, dass man bei Dresen nach „Wolke 9“ nicht unbedingt erwartet hätte.

„Whisky mit Wodka“ ist aber weitaus mehr als nur ein weiterer Film mit „W“. Er erzählt eine schöne Geschichte, zeigt einen glänzenden Henry Hübchen, bei dem es immer Spaß macht, ihm zu zu sehen und hat sich eben nur ein wenig bei der Verteilung von äußerer und innerer Präsentation verkalkuliert.

Whisky mit Wodka (D 2009): R.: Andreas Dresen; D.: Henry Hübchen, Corinna Harfouch, Sylvester Groth, Markus Hering; Offizielle Homepage

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Donnerstag, 17. September 2009

District 9

Es ist doch eigentlich ein alter Hut. Ein schöner, sonniger Tag; niemand denkt etwas böses. Plötzlich schiebt sich ein riesiges Objekt vor die Sonne und ein bedrohlicher Schatten wandert über die Stadt. Außerirdische Wesen sind angekommen und sie wollen die Erde zerstören und die Menschheit versklaven. Ganz klar. Doch wir werden uns nicht ergeben, sondern wir werden kämpfen und den außerirdischen Aggressor vor die Tür setzen. Oder auch nicht? Dass es manchmal doch anders kommen kann, als man immer denkt, und der Spieß auch sehr schnell umgedreht werden kann, kann man jetzt wieder mal feststellen, wenn man sich den neuen Film von Neill Blomkamp, „District 9“, ansieht.

Das Unfassbare ereignet sich in Südafrika und zwar genau über Johannesburg. Ein riesiges Raumschiff bleibt über der Stadt schweben und rührt sich nicht mehr. Nach kurzer Zeit schickt die Regierung bewaffnete Einsatztrupps nach oben. Im Inneren des Schiffes finden sich ungefähr 2 Millionen Aliens, die alle sehr geschwächt und krank sind. Aus unbekannten Gründen sind sie auf der Erde gestrandet und sind außer Stande, wieder weg zu fliegen. Es wird schnell reagiert und ein Flüchtlingslager für die Fremden direkt unter dem Schiff eingerichtet. Werden die Außerirdischen zunächst noch freundlich aufgenommen und schnelle Hilfe geleistet, spitzt sich die Lage im und um das Lager zu. Es kommt zu Übergriffen und zahlreichen Verbrechen, an denen Aliens beteiligt sind. Außerdem wird das Lager zu einem riesigen Slum, in dem sich auch das organisierte Verbrechen nieder lässt. Die Regierung beauftragt nun den Konzern MNU mit der Räumung von District 9 und der anschließenden Umsiedlung der Aliens in ein Lager weit vor der Stadt. Gesagt getan. Ein bewaffnetes Räumkommando dringt in das Lager ein und geht recht brachial gegen die Fremden vor. Viele der Außerirdischen verstehen nicht, warum sie plötzlich dort weg sollen. Hinzu kommt, dass MNU der weltgrößte Waffenhersteller ist. Die Motive sind also höchst fragwürdig und die brutale Durchführung der Räumung löst allgemeinen Unmut bei der Erdbevölkerung aus.

Neill Blomkamp hatte große Schwierigkeiten, ein Studio für die Produktion zu finden. Also fragte er Peter Jackson um Rat. Der nahm einige Änderungen am Drehbuch vor, so dass die Story in der Kontinuität des Computerspiels „Halo“ angesiedelt werden konnte. Prompt meldete sich Sony als Produzent an und hinter dem Projekt stand plötzlich eine riesige Fangemeinde. Um so überraschender, dass letztendlich trotzdem ein guter Film daraus geworden ist. Blompkamp hat ein ungewöhnliches talent, mit Bildern zu arbeiten und Specialeffects in eben diese Bilder ein zu bauen. Die Kamera steht nie still und es ist immer ein bisschen körnig. Alles sieht aus, wie in den Nachrichten, nur dass eben insektoide Außerirdische durch das Bild huschen. Man gewöhnt sich so schnell an diesen autehntischen Stil, dass man sich oft daran erinnern muss, dass man gerade einen Science-Fiction-Film genießt. Die schlichte, aber doch sehr spannende Geschichte tut natürlich ein übriges. Hoch interessant ist natürlich der Fakt, dass diesmal die Menschen die Bösen sind. Eigentlich ist der Film eine große Metapher auf die Diskriminierung aller Minderheiten. Und die Dinge, die im Film den Außerirdischen angetan werden, werden täglich und weltweit Menschen angetan und zwar von anderen Menschen. Und das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt am Konzept des Films. Man kann sich als Zuschauer recht bequem hinter dem Sci-Fi-Motiv verstecken und die sozialkritische Aussage hinter dem Film kann zu leicht weg gewischt werden.

„District 9“ ist aber auf jeden Fall empfehlenswert. Schon allein durch seinen ungewöhnlichen visuellen Stil und der noch ungewöhnlicheren Story. Ein kleines Projekt, dass groß geworden ist, unterhaltsam ist und zu dem noch zum Nachdenken und Diskutieren anregt. Welcher Film kann das schon von sich behaupten?

District 9 (USA 2009): R.: Neill Blomkamp; D.: Sharito Copley, Jason Cope, Nathalie Boltt, u.a.; M.: Clinton Shorter; Offizielle Homepage

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Sonntag, 6. September 2009

Zerrissene Umarmungen

Sie ist eine der schönsten Frauen der Welt. Unzählige Zeitschriften haben ihr diesen Titel bereits verliehen. Sie ist auf der ganzen Welt bekannt und zählt zur absoluten Schauspielerelite. Trotzdem liest man selten etwas in den Klatschspalten über sie. Sie führt nicht das überschwängliche Leben eines Hollywoodstars, sondern macht stets nur durch ihre Leistung als Schauspielerin von sich reden. Es geht um Penelope Cruz, die in Madrid geboren ist und das perfekte Bild, der typischen, heißblütigen, wunderschönen, aber geheimnisvollen Spanierin prägt. Und in den letzten Jahren häufen sich Filme, in denen man einfach merkt, dass sie stets unterschätzt wurde. Zuletzt durfte man sie in „Elegy“ an der Seite von Ben Kingsley bewundern und einige Jahre zuvor traf sie auf den spanischen Regisseur Pedro Almodovar, in dessen neuesten Film „Zerrissene Umarmungen“ sie man seit Donnerstag im Lichthauskino in Weimar sehen kann.

Mateo ist Regisseur und hat schon mehrere hochgelobte Dramen verfilmt. Nun ist es ihm gelungen, eine Komödie zu schreiben und macht sich an die Vorbereitungen zum Dreh. Beim Casting lernt er Lena kennen. Für ihn sind sofort zwei Dinge klar: Sie ist die perfekte Besetzung für seine Hauptrolle und er verliebt sich sofort in sie. Eine heikle Angelegenheit, denn sie ist mit dem Großindustriellen Ernesto Martel zusammen. Dieser beschließt, den Film zu produzieren, um mehr Kontrolle über seine Geliebte zu haben. Das Verhängnis nimmt also unaufhaltsam seinen Lauf. 14 Jahre später arbeitet Mateo an einem neuen Projekt. Plötzlich taucht der Sohn von Ernesto auf und schlägt ihm vor, einen Film über seinen alten Vater zu machen. Mateo, der bis dahin unter neuer Identität gelebt hat, wird von seiner Vergangenheit eingeholt und Geheimnisse, die all die Jahre schlummerten, werden endlich aufgelöst.

Man tut sich ein wenig schwer, die recht simple Story zusammenzufassen, ohne zu viel zu verraten. „Zerrissene Umarmungen“ bietet nämlich das klassische Drama, bei dem von vornherein klar ist, was geschieht und trotzdem hofft man die ganze Zeit, es möge nicht passieren. Jede Figur ist perfekt ausgearbeitet und in die gut konstruierte Geschichte eingebaut. Ist man zu Anfangs noch etwas irritiert durch diverse Zeitsprünge, hat man sich schnell an den Erzählstil gewöhnt und kann sich ihm bis zum Ende nicht mehr entziehen. In der Geschichte geht es die ganze Zeit um das Drehen von Filmen. Das wirkt sich auch auf den visuellen Stil von „Zerrissene Umarmungen“ aus. Almodovar reiht nämlich zahlreiche Zitate an große Klassiker aus vergangenen Tagen an einander. Man fühlt sich immer erinnert an Filme von Hitchcock, oder Robert Wise. Almodovar tut das allerdings auf sehr geschickte Weise, dass man nie wirklich sagen kann, aus welchem Film man diese Szenen kennen könnte. Also, auch ohne sich direkt an das Vorbild erinnern zu müssen, erkennt man die liebevollen Zitate. Und natürlich ist Penelope Cruz wieder wunderbar und man kann sich einfach nicht an ihr satt sehen. Almodovar hat nach den Dreharbeiten zu „Volver“ gesagt, sie sei die Schauspielerin, die er immer gesucht habe und würde nur noch mit ihr Filme machen wollen. Und er setzt sie liebevoll und gekonnt in Szene, lässt mit ihr Bilder entstehen, die man nicht mehr vergisst.

„Zerrissene Umarmungen“ ist das perfekte Drama, in wunderbaren Bildern und vollendeter Langsamkeit inszeniert und man kann seine Freude kaum verbergen, darüber, dass heutzutage noch solche Filme gemacht werden können und auch noch so schön funktionieren.

Los abrazos rotos (ESP 2009): R.: Pedro Almodovar; D.: Penelope Cruz, Lluis Homar, Bianca Portillo, u.a.; Offizielle Homepage

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