Die historische Aufarbeitung der DDR-Zeit hat gerade erst begonnen und es wird noch sehr lange dauern, bis sie abgeschlossen ist. Erschwerend hierbei ist sicher die oft zitierte "Mauer in den Köpfen". Der Film ist hierbei ein sehr wichtiges Medium, um den Zugang zum Thema zu erleichtern. Egal, ob ein Film ernsthaft, mit einem Augenzwinkern, oder mit einer gänzlich neuen Perspektive an die DDR heran geht, er trägt einen kleinen, aber wichtigen Teil zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte bei.
"Boxhagener Platz" heißt der neue FIlm von Matti Geschoneck und es geht um die 68er...Aber im Osten.
Holger ist 14 Jahre alt. Seiner Oma - Ottie - sind alle Männer hörig. Sie hat schon fünf Männer überlebt und der sechste klopft bereits an die Himmelspforte. Und schon stehen die nächsten Kandidaten bereit. Der Altnazi Fisch-Winkler und der intellektuelle Trunkenbold, Karl.
Holgers Vater ist der Genosse Abschnittsbevollmächtigte und seine Mutter spielt die Rebellin, die demonstrativ am Käfig rüttelt.
Eines Tages wird Fisch-Winkler tot in seinem Laden aufgefunden. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf und tappt zunächst im Dunkeln. Karl bringt Holger allerdings auf eine heiße Idee. Ist eine militante Studentengruppe aus dem Westen gekommen, um hier auf Nazijagd zu gehen? Gibt es die Kommune 25 wirklich, oder weiß Karl am Ende mehr, als er zugeben will?
Holger hat kaum Zeit, sich um den Fall zu kümmern, denn stets hilft er der Oma beim Einkaufen oder bei der Pflege, der zahlreichen Gräber. Dann tauchen Stasimitarbeiter auf und die Situation wird immer ernster.
Für alle, die DDR-Filme scheuen, weil sie es einfach nicht mehr sehen wollen, oder weil sie glauben, die Filme verhohnepipeln diese Zeit nur, sei gesagt, dass der ständige Vergleich von "Boxhagener Platz" mit "Sonnenallee" völlig haltlos und aus der Luft gegriffen ist.
Beide Filme handeln zwar von einer bestimmten Zeit in der DDR, mehr Gemeinsamkeiten gibt es aber nicht. "Boxhagener Platz" ist locker inszeniert, aber nicht, ohne auf eine beständige Ernsthaftigkeit zu bauen, so, dass der Film nicht zur Ulk-Klamotte verkommt. Alle Scherze haben ein einen hohen authentischen Touch und entstehen eher aus ganz alltäglichen Situationen. Gerade, weil viele Alltagsszenen den Grundtenor des Films bilden, wirken die "Fingerzeig-Szenen", in denen der Polizistenvater Vorträge über die Vorteile des Sozialismus hält, oder die Lehrerein Holger über Menschen aufklärt, die mit Unwahrheiten dem Staat schaden wollen, ein bisschen überstilisiert und aufgesetzt. Insgesamt überzeugen aber die guten Schauspieler, die trockene humorvolle Inszenierung und vor allem die unglaublich ausführlich aufgebaute Kulisse. Es überrascht immer wieder, wie viel von diesem ganzen Krempel noch übrig ist, der eben vor 40 Jahren in Mode war.
"Boxhagener Platz" bietet einen kleinen Blick auf die DDR in einem sehr kleinen Viertel. Wir sehen, wie die Menschen dort gelebt haben und was sie beschäftigt hat. Ganz einfach. Hier gibt es dann doch eine Gemeinsamkeit mit "Sonnenallee". Es wird nicht gejammert. Den Menschen geht es nicht schlecht und sie führen ein ganz normales Leben.
Boxhagener Platz (D 2010): R.: Matti Geschoneck; D.: Gudrun Richter, Samuel Schneider, Horst Krause, u.a.; M.: Florian Tessloff; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Immer Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Freitag, 26. März 2010
Freitag, 19. März 2010
Crazy Heart
Es geht um das Leben. Es geht um Probleme, die man im Leben hat. Es geht um die Straße des Lebens, die vor Dir liegt und die beschritten werden will. Es geht um die Musik und darum, für die Fans da zu sein. Er ist wie der Grashüpfer, der den Sommer über nur Musik gemacht hat und nun als verlassener Tropf allein im Regen steht. Eine Geschichte wie sie nur Hollywood schreiben kann und die Countrymusik. Beides trifft mal wieder auf einander im neuen Film „Crazy Heart“, mit Jeff Bridges.
Bad Blake ist 57 Jahre alt. Er ist als Countrysänger sein ganzes Leben lang unterwegs gewesen. War er früher einer der beliebtesten Vertreter des Genres, der riesige Säle mit begeisterten Fans gefühlt hat, tingelt er heute von einem Saloon zum nächsten, muss dort mit PickUp-Bands auftreten und bekommt nicht mal Freigetränke. Er ist ohnehin schon desillusioniert und nun erfährt er auch noch, dass ein ehemaliges Mitglied seiner früheren Band, immer berühmter wird und mit Songs Geld verdient, die er sich von Bad selbst hat schreiben lassen. Darunter leidet natürlich auch seine eigene Bühnenshow, denn er ist häufiger betrunken, als nüchtern und schludert seine Auftritte mehr schlecht, als recht dahin. Ihm ist das allerdings völlig egal und ihn interessiert es eigentlich gar nicht, was andere von ihm denken. Sein Produzent schickt ihn sowieso ständig von einem Gig zum nächsten und Bad ist selten länger, als eine Nacht im selben Ort. In Santa Fe lernt er allerdings die junge Reporterin Jean kennen und plötzlich kommt Bad ins Grübeln. Er entdeckt Energien, von deren Existenz er überhaupt nichts ahnte. Für ihn ist das Leben plötzlich wunderbar, ohne, dass er selbst etwas daran ändern musste. Bad Blake erkennt aber nicht die Grenzen, vor denen er unmittelbar steht und deren Überschreitung ernsthafte Konsequenzen für ihn haben würde.
Jeff Bridges hat es geschafft. Er hat die perfekte Schauspielkarriere absolviert. Sein Vater brachte ihm die wichtigsten Grundlagen der Schauspielerei bei. Nach ersten zaghaften Gehversuchen in einigen Fernsehshows, bekam er 1970 eine erste Kinorolle im überaus albernen Fantasymärchen „The Yin and the Yang of Mr. Go“. Seitdem ging es stetig weiter und es gab eigentlich keine Zeit, in der Jeff Bridges nichts zu tun hatte. Zu den einprägsamsten Auftritten zählen auf jeden Fall die, in „König der Fischer“, „Arlington Road“ und natürlich „Big Lebowski“ Allein bei diesen drei Beispielen erkennt man die größte Stärke Jeff Bridges': Seine Fähigkeit, sehr unterschiedliche Rollen absolut überzeugend zu spielen; Wändlungsfähigkeit an den Tag zu legen und dennoch einen individuellen Stil zu etablieren, den man wieder erkennt und der ihn sympathisch erscheinen lässt. Diese lockere und sympathische Art verhilft Jeff Bridges letztendlich immer wieder zu den richtigen Rollen, zur richtigen Zeit und ihr verdankt er nun auch den Oscar für „Crazy Heart“ Der Film handelt ein ur-amerikanisches Motiv ab. Nach wie vor scheint die Countrymusik sehr wichtig zu sein. Die Ikonen, die sie noch immer produziert werden mit großer Begeisterung gefeiert, ebenso, wie deren Versagen gnadenlos mit Verachtung quittiert wird. Dieses Thema scheint eine Konstante im Genre zu sein, denn es taucht nicht das erste Mal in einem Film auf. „Walk The Line“ weist da gewisse Parallelen auf. Hier darf allerdings kein Plagiat vermutet werden, sondern einfach ein Leitmotiv. Nie endender Ruhm, der zum unvermeidlichen Absturz führt. „Crazy Heart“ handelt dieses klassische Motiv souverän ab und bietet neben guten und gern gesehenen Schauspielern – Maggie Gyllenhaal, Colin Farrell und Robert Duvall – noch exklusiv komponierte Songs, die Jeff Bridges selbst singt. Und zwar gar nicht mal so schlecht. Lustig sind ein paar kleine Seitenhiebe auf die Dude-Rolle und auch sonst gibt es viele Kleinigkeiten, die alles auf sehr sympathische Art authentisch machen.
„Crazy Heart“ ist nicht unbedingt besonders, wegen seiner Geschichte, oder wegen seiner Musik, sondern einzig und allein deswegen, weil es Jeff Bridges einen meisterhaften Auftritt beschert, den er mit Bravour meistert und für den er auch entsprechend honoriert wurde.
Crazy Heart (USA 2009): R.: Scott Cooper; D.: Jeff Bridges, Maggie Gyllenhaal, Colin Farell, u.a.; M.: T-Bone Burnett; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnarst, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Bad Blake ist 57 Jahre alt. Er ist als Countrysänger sein ganzes Leben lang unterwegs gewesen. War er früher einer der beliebtesten Vertreter des Genres, der riesige Säle mit begeisterten Fans gefühlt hat, tingelt er heute von einem Saloon zum nächsten, muss dort mit PickUp-Bands auftreten und bekommt nicht mal Freigetränke. Er ist ohnehin schon desillusioniert und nun erfährt er auch noch, dass ein ehemaliges Mitglied seiner früheren Band, immer berühmter wird und mit Songs Geld verdient, die er sich von Bad selbst hat schreiben lassen. Darunter leidet natürlich auch seine eigene Bühnenshow, denn er ist häufiger betrunken, als nüchtern und schludert seine Auftritte mehr schlecht, als recht dahin. Ihm ist das allerdings völlig egal und ihn interessiert es eigentlich gar nicht, was andere von ihm denken. Sein Produzent schickt ihn sowieso ständig von einem Gig zum nächsten und Bad ist selten länger, als eine Nacht im selben Ort. In Santa Fe lernt er allerdings die junge Reporterin Jean kennen und plötzlich kommt Bad ins Grübeln. Er entdeckt Energien, von deren Existenz er überhaupt nichts ahnte. Für ihn ist das Leben plötzlich wunderbar, ohne, dass er selbst etwas daran ändern musste. Bad Blake erkennt aber nicht die Grenzen, vor denen er unmittelbar steht und deren Überschreitung ernsthafte Konsequenzen für ihn haben würde.
Jeff Bridges hat es geschafft. Er hat die perfekte Schauspielkarriere absolviert. Sein Vater brachte ihm die wichtigsten Grundlagen der Schauspielerei bei. Nach ersten zaghaften Gehversuchen in einigen Fernsehshows, bekam er 1970 eine erste Kinorolle im überaus albernen Fantasymärchen „The Yin and the Yang of Mr. Go“. Seitdem ging es stetig weiter und es gab eigentlich keine Zeit, in der Jeff Bridges nichts zu tun hatte. Zu den einprägsamsten Auftritten zählen auf jeden Fall die, in „König der Fischer“, „Arlington Road“ und natürlich „Big Lebowski“ Allein bei diesen drei Beispielen erkennt man die größte Stärke Jeff Bridges': Seine Fähigkeit, sehr unterschiedliche Rollen absolut überzeugend zu spielen; Wändlungsfähigkeit an den Tag zu legen und dennoch einen individuellen Stil zu etablieren, den man wieder erkennt und der ihn sympathisch erscheinen lässt. Diese lockere und sympathische Art verhilft Jeff Bridges letztendlich immer wieder zu den richtigen Rollen, zur richtigen Zeit und ihr verdankt er nun auch den Oscar für „Crazy Heart“ Der Film handelt ein ur-amerikanisches Motiv ab. Nach wie vor scheint die Countrymusik sehr wichtig zu sein. Die Ikonen, die sie noch immer produziert werden mit großer Begeisterung gefeiert, ebenso, wie deren Versagen gnadenlos mit Verachtung quittiert wird. Dieses Thema scheint eine Konstante im Genre zu sein, denn es taucht nicht das erste Mal in einem Film auf. „Walk The Line“ weist da gewisse Parallelen auf. Hier darf allerdings kein Plagiat vermutet werden, sondern einfach ein Leitmotiv. Nie endender Ruhm, der zum unvermeidlichen Absturz führt. „Crazy Heart“ handelt dieses klassische Motiv souverän ab und bietet neben guten und gern gesehenen Schauspielern – Maggie Gyllenhaal, Colin Farrell und Robert Duvall – noch exklusiv komponierte Songs, die Jeff Bridges selbst singt. Und zwar gar nicht mal so schlecht. Lustig sind ein paar kleine Seitenhiebe auf die Dude-Rolle und auch sonst gibt es viele Kleinigkeiten, die alles auf sehr sympathische Art authentisch machen.
„Crazy Heart“ ist nicht unbedingt besonders, wegen seiner Geschichte, oder wegen seiner Musik, sondern einzig und allein deswegen, weil es Jeff Bridges einen meisterhaften Auftritt beschert, den er mit Bravour meistert und für den er auch entsprechend honoriert wurde.
Crazy Heart (USA 2009): R.: Scott Cooper; D.: Jeff Bridges, Maggie Gyllenhaal, Colin Farell, u.a.; M.: T-Bone Burnett; Offizielle Homepage
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Freitag, 12. März 2010
A Serious Man
„Barton Fink“, „The Big Lebowski“, „O Brother Where Art Tou“ und „Burn After Reading“. Skurrile Titel zu noch skurrileren Filmen. Die Regisseure Joel und Ethan Coen hatten schon immer ein Talent, die etwas schrägeren Seiten des Lebens zu fokussieren und sie in teilweise aberwitzige Geschichten mit vollkommen abgedrehten und obskuren Figuren zu erzählen. Schienen ihre Filme eine lange Zeit nur für ein ganz spezielles Publikum gemacht zu sein, ernteten sie mit ihrer Verfilmung des Cormac McCarthy Romans „No Country For Old Men“ die Begeisterung aller Kritiker und Zuschauer und vor allem 4 Oscars, darunter auch den Preis für den besten Film. Die Coens waren in aller Munde und Köpfe. Ein Erfolg, mit dem sie wohl auch nicht gerechnet hätten und seitdem gilt jeder neue Film von vornherein als Pflichtprogramm für alle, die sich nach guten und ungewöhnlichen Filmen sehnen. So auch ihr neuestes Werk „A Serious Man“
Larry ist Gastprofessor an der Universität und gibt Vorlesungen im Fach Physik. Er führt das beschauliche und sittenstrenge Leben eines ganz normalen, jüdischen Mannes. Er lebt mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn in einem kleinen Häuschen, in der Nachbarschaft von vielen weiteren kleinen Häuschen, fährt einen durchschnittlichen Familienwagen, zahlt seine Hypotheken und hofft derzeit auf eine Festanstellung an der Uni. Eines Tages überfallen ihn plötzlich tausend Probleme und bringen sein geruhsames Leben ordentlich durcheinander. Ein koreanischer Student, der gerade in der Physikprüfung durchgefallen ist, will ihn bestechen, irgendjemand bestellt in seinem Namen Platten bei einem Schallplattenclub, seine Frau will die Scheidung und sein geisteskranker Bruder geht irgendwelchen illegalen Aktivitäten in Larrys Haus nach. Larry will sich nacheinander um seine Sorgen kümmern, kommt aber nicht dazu, weil es immer mehr werden. Als ein ernsthafter Mann bleibt ihm nur noch ein Ausweg: Er sucht spirituellen Beistand bei einem Rabbi.
Die Coens müssen aufpassen. Ihre große Stärke war es immer, ungewöhnliche und total unrealistische Geschichten zu erzählen, die aber dadurch an Authentizität gewannen, dass sie durch unglaublich gründlich ausgearbeitete Figuren getragen wurden. Die Story von „Big Lebowski“ zum Beispiel ist völlig abgedreht, erscheint aber im Vergleich zu den noch abgedrehteren Charakteren wieder recht gemäßigt. Bei „No Country For Old Men“ würde man nicht glauben, dass ein Mensch so kompromisslos böse sein kann, wenn gerade dieser Mensch nicht so extrem dargestellt wäre. Selbst in „Burn after Reading“, den man getrost als unterhaltsamen Nonsens abhaken kann, ging das Konzept auf und es wurde auf überraschend tiefsinnige Weise eine völlig alberne und oberflächliche Geschichte erzählt. Im neuesten Film haben wir wieder eine große Ansammlung von total extremen und völlig unterschiedlichen Figuren, denen aber im Grunde nichts besonderes passiert. Das Gleichgewicht zwischen stark erzählter Story und stark ausgeprägten Figuren ist gestört und fällt zu Gunsten der Präsentation. Das wiederum treiben die Coens dermaßen auf die Spitze, dass sowohl Anfang, als auch Ende des Films völlig sinnlos sind. Nicht nur, dass die Geschichte einfach aufhört, man hat sogar das Gefühl, es würde dem Zuschauer etwas vorenthalten werden. Der Höhepunkt, auf den die ganze Geschichte zu steuert, wird sogar noch visuell und dramaturgisch vorbereitet und bevor er sich entladen kann, rollt der Abspann über die Leinwand. Was auch immer sich die Regisseure bei diesem Kniff gedacht haben mochten: Es lässt ein überaus frustrierendes Gefühl entstehen. Entweder – denkt man – man hat den Film nicht verstanden, oder man wurde hier gerade so richtig verarscht. Es lässt an der Kunstfertigkeit und dem Verständnis für Filme, dass die Coens in ihrem düsteren Meisterwerk „No Country For Old Men“ an den Tag legten, zweifeln. Deshalb sinken sie in der Gunst des breiten Publikums, deshalb gab es auch in diesem Jahr keinen Oscar und deshalb müssen die Coens aufpassen.
„A Serious Man“ erzählt eine jüdische Geschichte und vielleicht haben Zuschauer, die an der Unzulänglichkeit leiden, keine Juden zu sein, einfach nicht das nötige Verständnis, um sie zu ergründen. Bei den Coens war das bisher aber eigentlich nie ein Problem.
A Serious Man (USA 2009): R.: Joel & Ethan Coen; D.:Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Sari Lennick, u.a.; M.: Carter Burwell; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Larry ist Gastprofessor an der Universität und gibt Vorlesungen im Fach Physik. Er führt das beschauliche und sittenstrenge Leben eines ganz normalen, jüdischen Mannes. Er lebt mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn in einem kleinen Häuschen, in der Nachbarschaft von vielen weiteren kleinen Häuschen, fährt einen durchschnittlichen Familienwagen, zahlt seine Hypotheken und hofft derzeit auf eine Festanstellung an der Uni. Eines Tages überfallen ihn plötzlich tausend Probleme und bringen sein geruhsames Leben ordentlich durcheinander. Ein koreanischer Student, der gerade in der Physikprüfung durchgefallen ist, will ihn bestechen, irgendjemand bestellt in seinem Namen Platten bei einem Schallplattenclub, seine Frau will die Scheidung und sein geisteskranker Bruder geht irgendwelchen illegalen Aktivitäten in Larrys Haus nach. Larry will sich nacheinander um seine Sorgen kümmern, kommt aber nicht dazu, weil es immer mehr werden. Als ein ernsthafter Mann bleibt ihm nur noch ein Ausweg: Er sucht spirituellen Beistand bei einem Rabbi.
Die Coens müssen aufpassen. Ihre große Stärke war es immer, ungewöhnliche und total unrealistische Geschichten zu erzählen, die aber dadurch an Authentizität gewannen, dass sie durch unglaublich gründlich ausgearbeitete Figuren getragen wurden. Die Story von „Big Lebowski“ zum Beispiel ist völlig abgedreht, erscheint aber im Vergleich zu den noch abgedrehteren Charakteren wieder recht gemäßigt. Bei „No Country For Old Men“ würde man nicht glauben, dass ein Mensch so kompromisslos böse sein kann, wenn gerade dieser Mensch nicht so extrem dargestellt wäre. Selbst in „Burn after Reading“, den man getrost als unterhaltsamen Nonsens abhaken kann, ging das Konzept auf und es wurde auf überraschend tiefsinnige Weise eine völlig alberne und oberflächliche Geschichte erzählt. Im neuesten Film haben wir wieder eine große Ansammlung von total extremen und völlig unterschiedlichen Figuren, denen aber im Grunde nichts besonderes passiert. Das Gleichgewicht zwischen stark erzählter Story und stark ausgeprägten Figuren ist gestört und fällt zu Gunsten der Präsentation. Das wiederum treiben die Coens dermaßen auf die Spitze, dass sowohl Anfang, als auch Ende des Films völlig sinnlos sind. Nicht nur, dass die Geschichte einfach aufhört, man hat sogar das Gefühl, es würde dem Zuschauer etwas vorenthalten werden. Der Höhepunkt, auf den die ganze Geschichte zu steuert, wird sogar noch visuell und dramaturgisch vorbereitet und bevor er sich entladen kann, rollt der Abspann über die Leinwand. Was auch immer sich die Regisseure bei diesem Kniff gedacht haben mochten: Es lässt ein überaus frustrierendes Gefühl entstehen. Entweder – denkt man – man hat den Film nicht verstanden, oder man wurde hier gerade so richtig verarscht. Es lässt an der Kunstfertigkeit und dem Verständnis für Filme, dass die Coens in ihrem düsteren Meisterwerk „No Country For Old Men“ an den Tag legten, zweifeln. Deshalb sinken sie in der Gunst des breiten Publikums, deshalb gab es auch in diesem Jahr keinen Oscar und deshalb müssen die Coens aufpassen.
„A Serious Man“ erzählt eine jüdische Geschichte und vielleicht haben Zuschauer, die an der Unzulänglichkeit leiden, keine Juden zu sein, einfach nicht das nötige Verständnis, um sie zu ergründen. Bei den Coens war das bisher aber eigentlich nie ein Problem.
A Serious Man (USA 2009): R.: Joel & Ethan Coen; D.:Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Sari Lennick, u.a.; M.: Carter Burwell; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
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Ein Jahr Kineast
In aller Bescheidenheit und entsprechend schmucklos kommt hier der Geburtstags-Post. In Anbetracht dessen, dass jeden Tag tausende von neuen Blogs aus dem Erdboden schießen, die dann genau so schnell wieder verschwinden, bin ich schon ein kleines bisschen stolz auf mich, diese Geschichte hier durch gehalten zu haben, obwohl ich eigentlich stinkenfaul bin. Das ist natürlich der Radiokiste zu verdanken, die einfach eine gewisse Regelmäßigkeit abverlangt und natürlich meinem Bruder. Falls er also irgendwann mal ins Filmgeschäft einsteigen sollte, dann als Produzent. Für den Job ist er wie gebohren.
Ich bedanke mich jedenfalls für die bisherige Aufmerksamkeit und hoffe, dass es im zweiten Jahr noch mehr Leser werden.
Und jetzt viel Spaß mit der neuesten Rezension.
Donnerstag, 4. März 2010
Shutter Island
Das menschliche Gehirn ist sehr vielseitig. Es steuert unseren Körper, ermöglicht es uns, zu denken und hilft beim Auswerten und Interpretieren aller Eindrücke, die man so sammelt. Manchmal geschieht es allerdings, dass etwas falsch interpretiert wird. Im neuen Film „Shutter Island“ von Martin Scorsese passiert genau das, und es passiert doch nicht. Nichts Genaues weiß man weder vor, noch nach dem Film und der Wahn kriecht aus allen Ritzen auf den Kinosessel zu.
Shutter Island ist eine, der berüchtigsten Nervenheilanstalten in Amerika. Ein ungastlicher, schwarzer Felsen vor der Ostküste der USA, vom Sturm gepeitscht und buchstäblich zum davon laufen. Hierher werden die beiden Marshalls Teddy Daniels und Chuck Aule gerufen. Sie sollen den örtlichen Sicherheitskräften helfen, eine entflohene Patientin zu finden. Diese Patientin gilt als überaus gefährlich, denn sie hat ihre drei Kinder im Wahn ertränkt und leugnet selbst nach vielen Jahren in der Anstalt, dass ihre Kinder überhaupt tot sind. Daniels und Aule stehen vor einem Rätsel, denn auf Shutter Island gibt es nicht viele mögliche Verstecke und wegen einer unwegsamen Steilküste rund um die Insel herum, kann auch niemand ohne weiteres weg. Also beginnen die Polizisten mit einer ausführlichen Befragung aller Mitarbeiter und Insassen. Nach einigen Gesprächen mit dem Anstaltsleiter und dem leitenden Psychologen Dr Cawley, stellt Daniels fest, dass nicht alle der Befragten die Wahrheit sagen und offensichtlich weitaus mehr auf der Insel vorgeht, als es den Anschein hat.
Leonardo Di Caprio ist ein Schauspieler, der gleichermaßen bewundert und bedauert werden kann. Um das Image des romantischen Sunny-Boys los zu werden, welches ihm seit „Romeo & Julia“ und „Titanic“ anhaftet, spielt er immer anspruchsvollere Rollen. Dadurch hat er sich zu einem sehr guten und ernsthaften Schauspieler entwickelt, der die unterschiedlichsten Charaktere überzeugend dar zu stellen weiß. Trotz aller Mühen ist aber der Oscar immer wieder an ihm vorbei gegangen. Immer, wenn er eine Rolle gespielt hat, für die er die Auszeichnung verdient hätte, ging irgendwas schief. Für „Departed“ war er in der falschen Kategorie nominiert und im letzten Jahr hätte er den Oscar für „Revolutionary Road“ kriegen müssen, rechnete aber nicht mit der Macht der Toten. Di Caprios Oscar ging posthum an Heath Ledger. „Shutter Island“ wird ihm nun leider auch nicht helfen, denn es ist nicht der große Blockbusterwurf geworden, den man vielleicht erwartet hat. Der Film spielt ununterbrochen mit dem Wissen und den Erwartungen des Zuschauers, nur um ihn auf eine völlig andere Spur zu locken, die sich dann auch wieder als kalt erweist. Das geschieht allerdings nicht auf schnelle und actionreiche Weise, sondern läuft ganz langsam und leise und sehr sensibel inszeniert ab. Es gibt kaum Schockeffekte und Scorsese lässt sich viel Zeit, um einprägsame Bilder zu kreieren. Der Grundtenor des Films ist düster und stürmisch, doch hat alles eine anmutige Ästhetik. Es wirkt alles, wie ein Bühnenstück, oder wie ein ganz alter Gruselfilm. Die meisterhaft komponierte Musik von Urgestein Robbie Robertson trägt einen großen Teil dazu bei. Trotz verhältnismäßig kurzer Auftritte, begeistert das aufgebotene Schauspielensemble. Neben Leonardo Di Caprio treten Ben Kingsley und Max von Sydow auf. Diese alten Männer, die, wie kaum andere, den versteinerten Blick zelebrieren, ziehen die Atmosphärenschraube ordentlich an und sorgen auf unerwartete Weise dafür, dass der recht verwirrende Storyverlauf stets logisch, nachvollziehbar und vor allem spannend bleibt.
„Shutter Island“ ist kein Schocker, trotzdem aber irgendwie ein Thriller und auch ein Gruselfilm, der gleichzeitig eine Gesellschaftsstudie sein will. Martin Scorsese ist ein Meister des Films und auch wenn dieser Film kein Meisterwerk ist, ist er perfekt inszeniert und es macht großen Spaß, ihn an zu sehen. Man weiß übrigens bis zum Schluss und weit darüber hinaus nicht richtig, was nun eigentlich gespielt wird und das lässt nun wirklich an der eigenen Psyche zweifeln und fröstelnd an die inneren Abgründe denken.
Shutter Island (USA 2010): R.: Martin Scorsese; D.: Leonardo Di Caprio, Ben Kingsley, Max von Sydow, u.a.; M.: Robbie Robertson; Offiezielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr, live auf Radio Lotte Weimar
Shutter Island ist eine, der berüchtigsten Nervenheilanstalten in Amerika. Ein ungastlicher, schwarzer Felsen vor der Ostküste der USA, vom Sturm gepeitscht und buchstäblich zum davon laufen. Hierher werden die beiden Marshalls Teddy Daniels und Chuck Aule gerufen. Sie sollen den örtlichen Sicherheitskräften helfen, eine entflohene Patientin zu finden. Diese Patientin gilt als überaus gefährlich, denn sie hat ihre drei Kinder im Wahn ertränkt und leugnet selbst nach vielen Jahren in der Anstalt, dass ihre Kinder überhaupt tot sind. Daniels und Aule stehen vor einem Rätsel, denn auf Shutter Island gibt es nicht viele mögliche Verstecke und wegen einer unwegsamen Steilküste rund um die Insel herum, kann auch niemand ohne weiteres weg. Also beginnen die Polizisten mit einer ausführlichen Befragung aller Mitarbeiter und Insassen. Nach einigen Gesprächen mit dem Anstaltsleiter und dem leitenden Psychologen Dr Cawley, stellt Daniels fest, dass nicht alle der Befragten die Wahrheit sagen und offensichtlich weitaus mehr auf der Insel vorgeht, als es den Anschein hat.
Leonardo Di Caprio ist ein Schauspieler, der gleichermaßen bewundert und bedauert werden kann. Um das Image des romantischen Sunny-Boys los zu werden, welches ihm seit „Romeo & Julia“ und „Titanic“ anhaftet, spielt er immer anspruchsvollere Rollen. Dadurch hat er sich zu einem sehr guten und ernsthaften Schauspieler entwickelt, der die unterschiedlichsten Charaktere überzeugend dar zu stellen weiß. Trotz aller Mühen ist aber der Oscar immer wieder an ihm vorbei gegangen. Immer, wenn er eine Rolle gespielt hat, für die er die Auszeichnung verdient hätte, ging irgendwas schief. Für „Departed“ war er in der falschen Kategorie nominiert und im letzten Jahr hätte er den Oscar für „Revolutionary Road“ kriegen müssen, rechnete aber nicht mit der Macht der Toten. Di Caprios Oscar ging posthum an Heath Ledger. „Shutter Island“ wird ihm nun leider auch nicht helfen, denn es ist nicht der große Blockbusterwurf geworden, den man vielleicht erwartet hat. Der Film spielt ununterbrochen mit dem Wissen und den Erwartungen des Zuschauers, nur um ihn auf eine völlig andere Spur zu locken, die sich dann auch wieder als kalt erweist. Das geschieht allerdings nicht auf schnelle und actionreiche Weise, sondern läuft ganz langsam und leise und sehr sensibel inszeniert ab. Es gibt kaum Schockeffekte und Scorsese lässt sich viel Zeit, um einprägsame Bilder zu kreieren. Der Grundtenor des Films ist düster und stürmisch, doch hat alles eine anmutige Ästhetik. Es wirkt alles, wie ein Bühnenstück, oder wie ein ganz alter Gruselfilm. Die meisterhaft komponierte Musik von Urgestein Robbie Robertson trägt einen großen Teil dazu bei. Trotz verhältnismäßig kurzer Auftritte, begeistert das aufgebotene Schauspielensemble. Neben Leonardo Di Caprio treten Ben Kingsley und Max von Sydow auf. Diese alten Männer, die, wie kaum andere, den versteinerten Blick zelebrieren, ziehen die Atmosphärenschraube ordentlich an und sorgen auf unerwartete Weise dafür, dass der recht verwirrende Storyverlauf stets logisch, nachvollziehbar und vor allem spannend bleibt.
„Shutter Island“ ist kein Schocker, trotzdem aber irgendwie ein Thriller und auch ein Gruselfilm, der gleichzeitig eine Gesellschaftsstudie sein will. Martin Scorsese ist ein Meister des Films und auch wenn dieser Film kein Meisterwerk ist, ist er perfekt inszeniert und es macht großen Spaß, ihn an zu sehen. Man weiß übrigens bis zum Schluss und weit darüber hinaus nicht richtig, was nun eigentlich gespielt wird und das lässt nun wirklich an der eigenen Psyche zweifeln und fröstelnd an die inneren Abgründe denken.
Shutter Island (USA 2010): R.: Martin Scorsese; D.: Leonardo Di Caprio, Ben Kingsley, Max von Sydow, u.a.; M.: Robbie Robertson; Offiezielle Homepage
In Weimar: CineStar
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Donnerstag, 25. Februar 2010
Invictus - Unbezwungen
Wenn man sich in Hollywood auf eine Sache verlassen kann, dann, dass berühmte und bedeutende Persönlichkeiten immer einen Platz im Kino finden werden, solange damit Geld verdient werden kann, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Jetzt gibt es einen Film über einen Mann, der wiederum von einem Regisseur inszeniert wurde, der sich durchaus selbst ein filmisches Denkmal verdient hätte. John Carlin schrieb einen Roman über Nelson Mandela, der jetzt von Clint Eastwood verfilmt wurde.
Südafrika, 1990. Eine Wagenkolonne fährt durch die Straßen und zieht neugierige Blicke auf sich. In einem der Autos sitzt Doktor Nelson Mandela, der gerade nach beinahe 30-jähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde und nun der Hoffnungsträger der gesamten schwarzen Bevölkerung Südafrikas geworden ist. Bei der weißen Bevölkerung verursacht er im gleichen Maße Angst und Misstrauen, als er bekannt gibt, in die Politik zurück zu kehren will und mit Hilfe des ANC als Präsident kandidieren wird. 1994 wird er gewählt und tritt sein Amt an. Natürlich begegnen ihm zahlreiche seiner weißen Mitarbeiter mit Misstrauen und teilweise offenem Hass. Doch Mandela weiß, dass der einzige Weg zum Frieden, der der Vergebung ist. Niemand wird entlassen, und sogar das Team seiner Leibwächter wird mit ehemaligen weißen Polizisten aufgefüllt. Auch wenn Mandela das Bild der Toleranz offen vor sich trägt, reicht es nicht aus und die Stimmung in der Bevölkerung kocht langsam hoch. Als Mandela ein Rugbyspiel der Südafrikanischen Nationalmannschaft sieht, stellt er fest, dass alle weißen Fans ihre Mannschaft anfeuern, während alle schwarzen Fans, die gegnerische Mannschaft feiern. Mandela sieht hier die Möglichkeit, das Volk durch die Begeisterung für diesen Sport zu vereinen und so für innere Ruhe zu sorgen, damit er die wichtigen außenpolitischen Aufgaben bewältigen kann. Abgesehen davon will er um jeden Preis den Weltmeisterpokal holen.
Vor beinahe einem Jahr lief der letzte Film von Clint Eastwood. „Gran Torino“ begeisterte damals mit einer tollen Story, unglaublich intensiv konstruierten Figuren und einem der besten filmischen Abgänge aller Zeiten. Eastwoods letzter Auftritt vor der Kamera ließ die Erwartungen für seine nächsten Filme natürlich enorm in die Höhe schnellen, da auch die vorhergehenden Filme allesamt sehr gut waren und immer besser wurden. Mit anderen Worten: „Invictus“ hatte gefälligst genau so gut zu sein. Und er ist eigentlich auch gut. Es gibt nichts ernsthaftes zu bemängeln. Die beiden Schauspieler Morgan Freeman und Matt Damon liefern solide Darstellungen der authentischen Figuren ab. Freeman trifft Mandela sehr präzise und einige Szenen, die man von Nachrichtenbildern kennt, sind so gut nachgestellt, dass man den Unterschied kaum zu erkennen vermag. Matt Damon hat für seine Rolle als Kapitän der Rugbymannschaft mehrere Kilo zugenommen und sich eine bullige Muskelgestallt antrainiert. Der Film ist angenehm nüchtern inszeniert und viele Einstellungen haben einen fast dokumentarischen Stil. Trotz einiger pathetischer Ansprachen und Dialoge, ist alles recht schlicht und wirkt nicht zu überzogen. Spektakulär sind natürlich die Rugbyszenen, in denen schweißnasse Riesen mit aller Gewalt auf einander prallen. Auch der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß und die ganze unsichere Situation, die letztlich zu einem Bürgerkrieg hätte führen können, ist passend eingefangen. Trotzdem geht man mit dem Gefühl aus dem Kino, man wäre irgendwie ein bisschen enttäuscht und hätte mehr erwartet.. Das schöne an Clint Eastwoods Filmen war die intensive und manchmal auch kompromisslose Ausarbeitung der handelnden Figuren. Sie taten immer bis zur letzten Konsequenz genau das, was von ihnen erwartet wurde. Nie taten sie etwas unlogisches oder unpassendes, nur weil das vielleicht für ein Happy-End im Film gesorgt hätte. Dadurch wirkte alles so echt und man war ganz nah dran. Diese Eigenschaft fehlt den Figuren in „Invictus“. Vielleicht liegt es daran, dass die Hauptfiguren noch leben und Eastwood aus einer zu großen Ehrfurcht heraus weniger intensiv an deren Darstellung gearbeitet hat. Welche Motive auch immer dabei eine Rolle gespielt haben mochten, es ist kein typischer Eastwood-Film geworden, sondern eher ein Film, wie ihn jeder andere auch hätte machen können. Und natürlich hat uns Clint Eastwood mit seinen großartigen Filmen verwöhnt gegenüber denen „Invictus“ einfach nicht mithalten kann.
„Invictus“ erzählt auf schlichte und nüchterne Weise die Geschichte einer Rugbymannschaft, deren größter Fan Nelson Mandela war. Es ist nicht Eastwoods bester Film, bietet aber ausreichend Futter, um die Zeit bis zum nächsten zu überstehen.
Invictus (USA 2009): R.: Clint Eastwood; D.: Morgan Freeman, Matt Damon, Julian Lewis Jones, u.a.; M.: Kyle Eastwood; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Südafrika, 1990. Eine Wagenkolonne fährt durch die Straßen und zieht neugierige Blicke auf sich. In einem der Autos sitzt Doktor Nelson Mandela, der gerade nach beinahe 30-jähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde und nun der Hoffnungsträger der gesamten schwarzen Bevölkerung Südafrikas geworden ist. Bei der weißen Bevölkerung verursacht er im gleichen Maße Angst und Misstrauen, als er bekannt gibt, in die Politik zurück zu kehren will und mit Hilfe des ANC als Präsident kandidieren wird. 1994 wird er gewählt und tritt sein Amt an. Natürlich begegnen ihm zahlreiche seiner weißen Mitarbeiter mit Misstrauen und teilweise offenem Hass. Doch Mandela weiß, dass der einzige Weg zum Frieden, der der Vergebung ist. Niemand wird entlassen, und sogar das Team seiner Leibwächter wird mit ehemaligen weißen Polizisten aufgefüllt. Auch wenn Mandela das Bild der Toleranz offen vor sich trägt, reicht es nicht aus und die Stimmung in der Bevölkerung kocht langsam hoch. Als Mandela ein Rugbyspiel der Südafrikanischen Nationalmannschaft sieht, stellt er fest, dass alle weißen Fans ihre Mannschaft anfeuern, während alle schwarzen Fans, die gegnerische Mannschaft feiern. Mandela sieht hier die Möglichkeit, das Volk durch die Begeisterung für diesen Sport zu vereinen und so für innere Ruhe zu sorgen, damit er die wichtigen außenpolitischen Aufgaben bewältigen kann. Abgesehen davon will er um jeden Preis den Weltmeisterpokal holen.
Vor beinahe einem Jahr lief der letzte Film von Clint Eastwood. „Gran Torino“ begeisterte damals mit einer tollen Story, unglaublich intensiv konstruierten Figuren und einem der besten filmischen Abgänge aller Zeiten. Eastwoods letzter Auftritt vor der Kamera ließ die Erwartungen für seine nächsten Filme natürlich enorm in die Höhe schnellen, da auch die vorhergehenden Filme allesamt sehr gut waren und immer besser wurden. Mit anderen Worten: „Invictus“ hatte gefälligst genau so gut zu sein. Und er ist eigentlich auch gut. Es gibt nichts ernsthaftes zu bemängeln. Die beiden Schauspieler Morgan Freeman und Matt Damon liefern solide Darstellungen der authentischen Figuren ab. Freeman trifft Mandela sehr präzise und einige Szenen, die man von Nachrichtenbildern kennt, sind so gut nachgestellt, dass man den Unterschied kaum zu erkennen vermag. Matt Damon hat für seine Rolle als Kapitän der Rugbymannschaft mehrere Kilo zugenommen und sich eine bullige Muskelgestallt antrainiert. Der Film ist angenehm nüchtern inszeniert und viele Einstellungen haben einen fast dokumentarischen Stil. Trotz einiger pathetischer Ansprachen und Dialoge, ist alles recht schlicht und wirkt nicht zu überzogen. Spektakulär sind natürlich die Rugbyszenen, in denen schweißnasse Riesen mit aller Gewalt auf einander prallen. Auch der Konflikt zwischen Schwarz und Weiß und die ganze unsichere Situation, die letztlich zu einem Bürgerkrieg hätte führen können, ist passend eingefangen. Trotzdem geht man mit dem Gefühl aus dem Kino, man wäre irgendwie ein bisschen enttäuscht und hätte mehr erwartet.. Das schöne an Clint Eastwoods Filmen war die intensive und manchmal auch kompromisslose Ausarbeitung der handelnden Figuren. Sie taten immer bis zur letzten Konsequenz genau das, was von ihnen erwartet wurde. Nie taten sie etwas unlogisches oder unpassendes, nur weil das vielleicht für ein Happy-End im Film gesorgt hätte. Dadurch wirkte alles so echt und man war ganz nah dran. Diese Eigenschaft fehlt den Figuren in „Invictus“. Vielleicht liegt es daran, dass die Hauptfiguren noch leben und Eastwood aus einer zu großen Ehrfurcht heraus weniger intensiv an deren Darstellung gearbeitet hat. Welche Motive auch immer dabei eine Rolle gespielt haben mochten, es ist kein typischer Eastwood-Film geworden, sondern eher ein Film, wie ihn jeder andere auch hätte machen können. Und natürlich hat uns Clint Eastwood mit seinen großartigen Filmen verwöhnt gegenüber denen „Invictus“ einfach nicht mithalten kann.
„Invictus“ erzählt auf schlichte und nüchterne Weise die Geschichte einer Rugbymannschaft, deren größter Fan Nelson Mandela war. Es ist nicht Eastwoods bester Film, bietet aber ausreichend Futter, um die Zeit bis zum nächsten zu überstehen.
Invictus (USA 2009): R.: Clint Eastwood; D.: Morgan Freeman, Matt Damon, Julian Lewis Jones, u.a.; M.: Kyle Eastwood; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Freitag, 19. Februar 2010
In meinem Himmel
Ein neuer Film von Peter Jackson. Juhu! Über den kleinen, pummelgien Teilzeithobbit, der eine Vorliebe für schwer verfilmbare Stoffe hat, der jedes mal, wenn ihm ein Scheitern prophezeit wird, um so mehr Erfolg hat, brauche ich im Grunde kein Wort zu verlieren. Immer, wenn er ein Projekt abgeschlossen hat, dass jeden anderen Regisseur in den Suizid getrieben hätte, nimmt er sich vor, als nächstes einen ganz einfachen Film zu machen und zieht sich das nächste unverfilmbare Buch an Land. Nach "Der Herr der Ringe", "King Kong" und "District 9" hat er jetzt Alice Sebolds Roman "In meinem Himmel" opulent adaptiert.
Susie ist 14 Jahre alt, frisch verliebt in den romantischen Schönling Ray, interessiert sich für Fotographie und hat ein großes Problem. Sie ist tot. Von einem Kindermöder in die Falle gelockt und brutal ermordet, ist sie nun in der Zwischenwelt zwischen Erde und Himmel und kann nur noch ohnmächtig die Lebenden beobachten. Dabei sieht sie zum Beispiel ihren Vater, der einfach nicht aufgeben kann, zu forschen und zu recherchieren, um den Mörder seiner Tochter zu finden. Sie sieht ihre kleine Schwester, die nicht nur genau das Leben führt, welches Susie auch sehr gern geführt hätte, sondern auch Gefahr läuft, das nächste Opfer des Mörders zu werden. Susie kann nichts am Verlauf der Dinge in der Welt der Lebenden ändern, kann aber dennoch nicht los lassen. Solange sie ihr Leben nicht hinter sich lassen kann, bleiben ihr die Pforten des Himmels versperrt. Sie bleibt in der Zwischenwelt und versucht nach Kräften, ihrer Familie Signale und Zeichen zu senden. Auch die Polizei ist mit Nachforschungen beschäftigt, tappt aber weitgehend im Dunkeln. Das bringt den Mörder dazu, sich zu sicher zu fühlen, so dass er bald wieder beginnt, einen neuen Plan zu schmieden.
"In meinem Himmel" ist ein hierzulande relativ unbekanntes Buch, was dazu führt, dass man den Rahmen der Geschichte etwas befremdlich findet. Es ist nämlich eine relativ normale Krimigeschichte, in der jemand versucht, einen Mörder zu überführen. Die Szenen in der fiktiven Zwischenwelt wirken dagegen eher deplaziert. Der Eindruck wird durch die visuelle Darstellung noch verstärkt. Peter Jackson inszeniert sehr penibel die 70er Jahre neu. Hier stimmt alles, von den Autos, über die Klamotten bis hin zu originalgetreuen Werbeplakaten und Milchtüten. Dieses ultrarealistische Bild läuft regelrecht Amok gegen die völlig überzogenen und kreischend bunte Fantasiewelt, in der sich Susie bewegt. Während die Lebenden ihr Dasein im amerikanischen Pennsylvania fristen, wurden viele Szenen im "Himmelsreich" in Neuseeland gedreht. Ein herbstlicher Laubwald etwa, oder ein majestetisches Gebirge, dessen Gipfel mit mächtigen Gletschern bedeckt sind. Diese Plätze erkennt man natürlich sofort und fragt sich, ob der Himmel nun in Neuseeland oder in Mittelerde liegt. Merkwürdig scheint auch, dass Susie in der Zwischenwelt stetigen Stimmungsschwankungen unterworfen ist. Tobt sie eben noch in wilden Kostümen über einen imaginären Laufsteg und spielt Supermodel und freut sich darüber, wirklich alles tun und lassen zu können, was sie will, steht sie im nächsten Moment mit feuchten Augen im blassen Mondlicht und starrt wehmütig in das lebendige Diesseits. Das und die ganze Ästhetik sorgt dafür, dass man den Sinn dieser zweiten Erzählebene hinterfragt, denn eigentlich braucht die Geschichte sie nicht. Der Film ist spannend, aber nur an den Stellen, die in jedem anderen Krimi auch spannend sind. Etwa, wenn das kleine Mädchen im Haus des Mörders nach Hinweisen sucht, während er gemächlich und nichts ahnend die Einfahrt hochrollt.
Hier kommt übrigens Peter Jacksons handwerkliches Geschick einmal mehr zum tragen. Immer wieder holt er unscheinbare und unauffällige Gegenstände ganz nah an die Kamera heran, und es ergeben sich spektakuläre Perspektiven und Bilder.
"In meinem Himmel" ist der Versuch Peter Jacksons, einen "normalen" Film zu machen. In wie weit ihm das gelingt, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Ich für meinen Teil muss leider sagen: Ein Film mit schönen Bildern, die aber überflüssig sind, um die Geschichte zu erzählen.
The Lovley Bones (USA/NZL 2009): R.: Peter Jackson; D.: Saoirse Ronan, Rache Weisz, Mark Wahlberg, u.a.; M.: Brian Eno; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Susie ist 14 Jahre alt, frisch verliebt in den romantischen Schönling Ray, interessiert sich für Fotographie und hat ein großes Problem. Sie ist tot. Von einem Kindermöder in die Falle gelockt und brutal ermordet, ist sie nun in der Zwischenwelt zwischen Erde und Himmel und kann nur noch ohnmächtig die Lebenden beobachten. Dabei sieht sie zum Beispiel ihren Vater, der einfach nicht aufgeben kann, zu forschen und zu recherchieren, um den Mörder seiner Tochter zu finden. Sie sieht ihre kleine Schwester, die nicht nur genau das Leben führt, welches Susie auch sehr gern geführt hätte, sondern auch Gefahr läuft, das nächste Opfer des Mörders zu werden. Susie kann nichts am Verlauf der Dinge in der Welt der Lebenden ändern, kann aber dennoch nicht los lassen. Solange sie ihr Leben nicht hinter sich lassen kann, bleiben ihr die Pforten des Himmels versperrt. Sie bleibt in der Zwischenwelt und versucht nach Kräften, ihrer Familie Signale und Zeichen zu senden. Auch die Polizei ist mit Nachforschungen beschäftigt, tappt aber weitgehend im Dunkeln. Das bringt den Mörder dazu, sich zu sicher zu fühlen, so dass er bald wieder beginnt, einen neuen Plan zu schmieden.
"In meinem Himmel" ist ein hierzulande relativ unbekanntes Buch, was dazu führt, dass man den Rahmen der Geschichte etwas befremdlich findet. Es ist nämlich eine relativ normale Krimigeschichte, in der jemand versucht, einen Mörder zu überführen. Die Szenen in der fiktiven Zwischenwelt wirken dagegen eher deplaziert. Der Eindruck wird durch die visuelle Darstellung noch verstärkt. Peter Jackson inszeniert sehr penibel die 70er Jahre neu. Hier stimmt alles, von den Autos, über die Klamotten bis hin zu originalgetreuen Werbeplakaten und Milchtüten. Dieses ultrarealistische Bild läuft regelrecht Amok gegen die völlig überzogenen und kreischend bunte Fantasiewelt, in der sich Susie bewegt. Während die Lebenden ihr Dasein im amerikanischen Pennsylvania fristen, wurden viele Szenen im "Himmelsreich" in Neuseeland gedreht. Ein herbstlicher Laubwald etwa, oder ein majestetisches Gebirge, dessen Gipfel mit mächtigen Gletschern bedeckt sind. Diese Plätze erkennt man natürlich sofort und fragt sich, ob der Himmel nun in Neuseeland oder in Mittelerde liegt. Merkwürdig scheint auch, dass Susie in der Zwischenwelt stetigen Stimmungsschwankungen unterworfen ist. Tobt sie eben noch in wilden Kostümen über einen imaginären Laufsteg und spielt Supermodel und freut sich darüber, wirklich alles tun und lassen zu können, was sie will, steht sie im nächsten Moment mit feuchten Augen im blassen Mondlicht und starrt wehmütig in das lebendige Diesseits. Das und die ganze Ästhetik sorgt dafür, dass man den Sinn dieser zweiten Erzählebene hinterfragt, denn eigentlich braucht die Geschichte sie nicht. Der Film ist spannend, aber nur an den Stellen, die in jedem anderen Krimi auch spannend sind. Etwa, wenn das kleine Mädchen im Haus des Mörders nach Hinweisen sucht, während er gemächlich und nichts ahnend die Einfahrt hochrollt.
Hier kommt übrigens Peter Jacksons handwerkliches Geschick einmal mehr zum tragen. Immer wieder holt er unscheinbare und unauffällige Gegenstände ganz nah an die Kamera heran, und es ergeben sich spektakuläre Perspektiven und Bilder.
"In meinem Himmel" ist der Versuch Peter Jacksons, einen "normalen" Film zu machen. In wie weit ihm das gelingt, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Ich für meinen Teil muss leider sagen: Ein Film mit schönen Bildern, die aber überflüssig sind, um die Geschichte zu erzählen.
The Lovley Bones (USA/NZL 2009): R.: Peter Jackson; D.: Saoirse Ronan, Rache Weisz, Mark Wahlberg, u.a.; M.: Brian Eno; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
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