Sie gilt als eine der erfolgreichsten Filmschaffenden Deutschlands. Gleichzeitig ist sie eine gefragte Autorin, deren Bücher sich stets mit der Gegenwartsstudie einer Gesellschaft beschäftigen, die sich gerne anders darstellt, als es der Wahrheit entspricht. In erfrischend bissigem Ton hält uns Doris Dörrie erbarmungslos den Spiegel vor. Diesen bissigen Ton sucht man allerdings in ihren Filmen vergeblich. Oft verschenkten Filme, wie „Nackt“ oder jüngst „Die Friseuse“ zu viel Potential und die durchaus guten Ansätze und Ideen versanken in der Bedeutungslosigkeit. Einmal gelang ihr ein Meisterwerk. „Kirschblüten – Hanami“ erzählte eine tragisch-schöne Geschichte, strotzte nur so vor kraftvollen Bildern und wurde obendrein noch von unglaublich starken Darstellern getragen. Ein rundum gelungener Film. Ob es Dörrie mit ihrer neuesten Arbeit „Glück“ schafft, diese Leistung zu wiederholen? Der Titel und die Story klingen vielversprechend.
Irina lebt in Berlin. Sie ist illegal hier, da sie ihre Heimat verlassen musste, nachdem dort der Krieg ausgebrochen ist und ihre gesamte Familie getötet wurde. Als illegale Einwanderin hat sie nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Deshalb arbeitet sie als Prostituierte. Kalle ist ein Straßenpunk, der niemanden was tut, außer sich selbst. Er hat sich in dieses Leben hinein gleiten lassen und zeigt keinerlei Ambitionen, die darüber hinaus gingen, sich Kleingeld für ein Bier zusammen zu schnorren oder einen Platz zum Schlafen zu finden.
Eines Tages treffen die beiden aufeinander und scheinen sich gut zu verstehen. Gemeinsam erkennen sie, dass sie nur noch den jeweils anderen haben und beschließen, zusammen zu ziehen. Irina mietet eine kleine Wohnung, in der sie weiter ihre Dienste als Prostituierte anbietet. Kalle sucht sich einen Job als Zeitungsausträger. Sie schaffen es tatsächlich, sich eine kleine Portion Glück zu erarbeiten, nur um festzustellen, dass es sehr viel Kraft braucht, sich dieses Glück zu erhalten.
Wie gesagt: Die Geschichte klingt vielversprechend und auch die Bilder, die man im Trailer zu sehen bekommt, verstärken den positiven Eindruck. Mit dieser Vorbereitung im Kino, stellt man fest, dass der positive Eindruck für die ersten zwanzig anhält und dann beginnt man, sich zu fragen, was der Film will.
Das Potential der sehr speziellen Figuren verpufft in nichtssagenden Szenen, die selbst auf ästhetischer Ebene nicht überzeugen können. Man merkt lange nicht, was nicht stimmt, denn die Musik passt, die Bilder sind meistens schön und Handlungspunkte liegen eigentlich dicht bei einander. Doch alles zum Trotz bleibt der Film seelenlos und oberflächlich. Die Motive der Hauptfiguren halten einer direkten Hinterfragung nicht lange stand. Zum Beispiel die Tatsache, dass Irina als Vergewaltigungsopfer regelmäßig Anfälle bekommt, wenn ihr Freund Kalle sie berühren will, dieses Manko aber offenbar nicht auftritt, wenn sie einen Freier begrüßt, ist rätselhaft. Fast schon störend ist der Umschwung eine halbe Stunde vor Ende des Films. Aus dem zarten Liebesfilmchen wird ein Kriminalspiel mit einigen Szenen, die kotzfreudigen Schmetterlingen im Bauch eine neue Daseinsebene ermöglichen. Aber auch der Kriminalaspaket der Geschichte wird nur am Rande und ganz schnell abgehandelt, nur damit das Liebespaar am Ende sagen kann: „...bei allem, was wir durchgemacht haben...“
Wenigstens sind die beiden Hauptdarsteller Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer positiv aufgefallen. Deren Zusammenspiel wirkt überzeugend und steckt voller Kraft. Man bekommt fast den Eindruck, die beiden warten die ganze Zeit auf den Startschuss; darauf, dass es endlich los geht.
Aber da rollt bereits der Abspann über die Leinwand und man hört einen von Dörrie verfassten und von Tomte-Sänger Thees Uhlmann produzierten Song. Im strauchelndem Schulenglisch heißt es hier „When you are happy, I am too“ und unterstreicht den Eindruck des gesamten Films. Ich war nicht glücklich, was Dörrie rein energetisch gesehen, spüren müsste und bei ihren nächsten Filmprojekten mehr in die Tiefe gehen sollte. So viel verschenktes Potential, lässt sich kaum wieder gut machen. Ein Film, der das vermag, wäre etwas Unfassbares und Ungreifbares. Eben so, wie pures Glück.
Glück (D, 2012): R.: Doris Dörrie; D.: Alba Rohrwacher, Vinzenz Kiefer, Matthias Brandt, u.a.; M.: Hauschka; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:00 bis 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
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Mittwoch, 7. März 2012
Donnerstag, 10. März 2011
Another Year
Wer ist schon glücklich? Das Schicksal hält doch immer etwas bereit, um uns das Leben, den Tag oder zumindest die Stimmung zu versauen. Ist das Glück wirklich etwas abstraktes Anfassbares? Warum ist es so schwer zu erreichen und noch schwerer zu behalten? Wie kann es Menschen geben, die einfach nur glücklich sind? Fragen, denen Regisseur Mike Leigh in seinem neuen Film „Another Year“ nachgeht.
Tom und seine Frau Gerri sind seit vielen Jahren verheiratet und leben glücklich zusammen in einem kleinen Haus am Rande Londons. Ihr Sohn Joe ist erwachsen und schon eine ganze Weile aus dem Haus. Er arbeitet in der Stadt als Anwalt. Tom und Gerri bekommen oft unverhofft Besuch von einer Freundin. Sie heißt Mary und steht nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens. Mit Männern hatte sie kein Glück. Ihre Scheidung hat sie nur mit seelischer Unterstützung ihrer Freundin Gerri überstanden. Doch sie hört die Uhr ticken und ist nahezu krampfhaft auf der Suche nach der großen Liebe. Da sie die nicht findet, wird sie immer verzweifelter, je öfter sie die beiden Freunde besucht. Im Sommer bekommen die beiden Besuch von Ken. Er ist ein alter Freund von Tom und hat viel Pech im Leben gehabt. Er hat seinen Job satt und es belastet ihn sehr, dass um ihn herum alle alten Freunde nach und nach das Zeitliche segnen. Auch er wird immer verzweifelter und sucht Trost bei seinen Freunden. Im Winter stirbt die Frau von Toms Bruder Ronne. Die Familie ist auf dieser Seite stark dezimiert. Also fahren Tom und Gerri zusammen mit ihrem Sohn Joe zum Bruder Ronne, um ihm bei der Beerdigung beizustehen. Da taucht nach vielen Jahren plötzlich Ronnes Sohn auf. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist mehr als angespannt und wieder müssen Tom und Gerri Schützenhilfe leisten.
Mike Leigh ist etwas erstaunliches gelungen. Er hat es geschafft, auf absolut überzeugende Weise einen beobachtenden Stil zu etablieren und zusätzlich eine packende und rührende Geschichte zu erzählen. Das Motiv des überglücklichen Paares, welches ununterbrochen vom Unglück und Leid seiner Mitmenschen bombardiert zu werden scheint und sich dennoch nicht beirren lässt und trotz allem stark bleibt, ist dermaßen rührend, dass man es gar nicht zusätzlich ausschmücken muss. Dementsprechend ist „Another Year“ sehr schlicht geraten. In eine grobe Episodenform gepresst, ist alles andere sparsam. Die Kamera bewegt sich nur, wenn es nötig ist. Die Musik spielt nur, wenn niemand redet, der Schnitt wird lediglich in klassischer und ebenso sparsamer Weise eingesetzt. Die Atmosphäre, die die Story und ihre Charaktere prägt, kann sich so ungehindert entfalten. Auch, wenn all dies handwerklich gesehen einmalig und beeindruckend ist, muss man nach einer Weile feststellen, dass diese konsequente Erzählweise auf Dauer doch anstrengend und manchmal fast langweilig wird. Vor allem gegen Ende gibt es einen Dialog zwischen Ronne und Mary, der enorm viel Durchhaltevermögen abverlangt. Auch an anderen Stellen, kommt dieses Gefühl kurzzeitig auf, ist aber meiner Meinung nach eben dem authentischen Stil des Films geschuldet und kann fast vernachlässigt werden. Die Motive der gesamten Story sind sehr schön ausgearbeitet. Zum Beispiel fahren Tom und Gerri regelmäßig in ihren Schrebergarten. Dieser Garten ist stets tabu für Gäste und Besucher aller Art und bietet sozusagen den letzten Zufluchtsort, den die Familie eben benötigt, um ihr inneres Glück behalten zu können.
„Another Year“ ist ein schöner Film. Wir sehen ganz normale Menschen, die eben in dieser speziellen Konstruktion den Inbegriff von Glück und Unglück aufzeigen. Dieses Bild so klar zu bauen, ohne es aufgesetzt, oder abstrakt wirken zu lassen, ist eine enorme Leistung, die ich weder den Darstellen, noch dem Regisseur zugetraut hätte. Absolut sehenswert!
Another Year (GB, 2010): R.: Mike Leigh; D.: Jim Broadbent, Lesley Manville, Ruth Sheen, u.a.; M.: Gary Yashon; Offizielle Homepage
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Tom und seine Frau Gerri sind seit vielen Jahren verheiratet und leben glücklich zusammen in einem kleinen Haus am Rande Londons. Ihr Sohn Joe ist erwachsen und schon eine ganze Weile aus dem Haus. Er arbeitet in der Stadt als Anwalt. Tom und Gerri bekommen oft unverhofft Besuch von einer Freundin. Sie heißt Mary und steht nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens. Mit Männern hatte sie kein Glück. Ihre Scheidung hat sie nur mit seelischer Unterstützung ihrer Freundin Gerri überstanden. Doch sie hört die Uhr ticken und ist nahezu krampfhaft auf der Suche nach der großen Liebe. Da sie die nicht findet, wird sie immer verzweifelter, je öfter sie die beiden Freunde besucht. Im Sommer bekommen die beiden Besuch von Ken. Er ist ein alter Freund von Tom und hat viel Pech im Leben gehabt. Er hat seinen Job satt und es belastet ihn sehr, dass um ihn herum alle alten Freunde nach und nach das Zeitliche segnen. Auch er wird immer verzweifelter und sucht Trost bei seinen Freunden. Im Winter stirbt die Frau von Toms Bruder Ronne. Die Familie ist auf dieser Seite stark dezimiert. Also fahren Tom und Gerri zusammen mit ihrem Sohn Joe zum Bruder Ronne, um ihm bei der Beerdigung beizustehen. Da taucht nach vielen Jahren plötzlich Ronnes Sohn auf. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist mehr als angespannt und wieder müssen Tom und Gerri Schützenhilfe leisten.
Mike Leigh ist etwas erstaunliches gelungen. Er hat es geschafft, auf absolut überzeugende Weise einen beobachtenden Stil zu etablieren und zusätzlich eine packende und rührende Geschichte zu erzählen. Das Motiv des überglücklichen Paares, welches ununterbrochen vom Unglück und Leid seiner Mitmenschen bombardiert zu werden scheint und sich dennoch nicht beirren lässt und trotz allem stark bleibt, ist dermaßen rührend, dass man es gar nicht zusätzlich ausschmücken muss. Dementsprechend ist „Another Year“ sehr schlicht geraten. In eine grobe Episodenform gepresst, ist alles andere sparsam. Die Kamera bewegt sich nur, wenn es nötig ist. Die Musik spielt nur, wenn niemand redet, der Schnitt wird lediglich in klassischer und ebenso sparsamer Weise eingesetzt. Die Atmosphäre, die die Story und ihre Charaktere prägt, kann sich so ungehindert entfalten. Auch, wenn all dies handwerklich gesehen einmalig und beeindruckend ist, muss man nach einer Weile feststellen, dass diese konsequente Erzählweise auf Dauer doch anstrengend und manchmal fast langweilig wird. Vor allem gegen Ende gibt es einen Dialog zwischen Ronne und Mary, der enorm viel Durchhaltevermögen abverlangt. Auch an anderen Stellen, kommt dieses Gefühl kurzzeitig auf, ist aber meiner Meinung nach eben dem authentischen Stil des Films geschuldet und kann fast vernachlässigt werden. Die Motive der gesamten Story sind sehr schön ausgearbeitet. Zum Beispiel fahren Tom und Gerri regelmäßig in ihren Schrebergarten. Dieser Garten ist stets tabu für Gäste und Besucher aller Art und bietet sozusagen den letzten Zufluchtsort, den die Familie eben benötigt, um ihr inneres Glück behalten zu können.
„Another Year“ ist ein schöner Film. Wir sehen ganz normale Menschen, die eben in dieser speziellen Konstruktion den Inbegriff von Glück und Unglück aufzeigen. Dieses Bild so klar zu bauen, ohne es aufgesetzt, oder abstrakt wirken zu lassen, ist eine enorme Leistung, die ich weder den Darstellen, noch dem Regisseur zugetraut hätte. Absolut sehenswert!
Another Year (GB, 2010): R.: Mike Leigh; D.: Jim Broadbent, Lesley Manville, Ruth Sheen, u.a.; M.: Gary Yashon; Offizielle Homepage
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