Es ist immer faszinierend, zu welchen Taten ein Mensch fähig ist, wenn er etwas will. Ich meine damit nicht unbedingt Habgier, sondern das Verlangen nach etwas, das eigentlich unerreichbar ist. Ich meine die Obsession, die entfacht wird und die letztendlich dafür sorgt, dass man um sich herum nichts anderes mehr wahrnehmen kann. Das gibt natürlich Stoff für spannende Geschichten. Wenn sie gut erzählt sind, muss die Figur, um die es sich dreht, gar nicht so präzise konstruiert werden, denn die Charaktereigenschaften, die diese Figur glaubhaft machen, entwickeln sich erst mit zunehmendem Verlauf der Geschichte. Man sitzt also im Kino und beobachtet einen Mann, der Schritt für Schritt in sein Verderben läuft. So etwas ähnliches versucht Giuseppe Tornatore, der italienische Regisseur, bei dem die Filmwelt immer den Atem anzuhalten scheint, wenn er einen neuen Film ankündigt. Nach „Cinema Paradiso“ und „Baaria“ kommt nun „The Best Offer“.
Virgil Oldman ist Londons bedeutendster Kunstauktionator. Wenn jemand auf dem Dachboden etwas findet, was er für annähernd wertvoll hält, geht er zu Virgil und lässt es schätzen. Oldman ist sich seines Rufes und seiner Bedeutung durchaus bewusst, weshalb er in den Luxus kommt, sich seine Kunden aussuchen zu können und sich die ein oder andere Macke zu erlauben. Zum Beispiel spricht er nie sofort mit seinen Kunden, sondern lässt von seinem Mitarbeiterstab gründlich fildern. Die Wartelisten sind also lang und nur wenige Kunden kommen in den Genuss Oldmans persönlicher Anwesenheit. An seinem Geburtstag zum Beispiel geht er ins exklusivste Restaurant am Platz und der ganze Raum beobachtet einen missmutigen Mann, der lustlos in seinem Essen herum stochert. Virgil Oldman ist also ein knorriger alter Mann, der nicht besonders gut mit Menschen umgehen kann. Nebenbei ist er aber auch auf der Suche nach etwas und sammelt wie ein Verrückter Portraits von Frauen. Mit Hilfe seines Freundes Billy ersteht er auf seinen eigenen Auktionen Bilder zu geringen Preisen. Bei Bildern, die er haben will, erstellt er falsche Wertgutachten und bezahlt so nur wenige hundertausend Pfund für ein Werk, welches eigentlich Millionen wert ist.
Eines Tages erhält er den Auftrag, die alte Ibbetson-Villa zu besuchen und ein umfassendes Gutachten zu erstellen. Das Haus ist voller Schätze und er kann sich der Faszination dieses Ortes nicht erwehren. Die Auftraggeberin hingegen strapaziert seine Geduld mehr als einmal. Entgegen seiner üblichen Verfahrensweisen, hält er bisher lediglich telefonischen Kontakt und ganz offensichtlich verheimlicht die Frau etwas. Virgil ist empört und will den Auftrag wieder ablehnen. Doch etwas hält ihn ab.
Tornatore hatte immer einen ganz besonderen Stil, Geschichten zu erzählen. Er sucht sich immer ganz spezielle Gegenstände, an denen er dann eine Story epischen Ausmaßes entfalten kann. In „Cinema Paradiso“ waren es ein paar Schnipsel Filmrolle und in „Baaria“ zum Beispielavancierte ein alter Ring in einem halb abgerissenen Haus auf verblüffende Weise zum Schlüsselsymbol. Das funktioniert sehr gut, denn die Gedanken des Zuschauers haben einen Anker, der alles an einem bestimmten Punkt halten kann, um den sich dann die gesamte Story dreht. Ohne, dass es also zu gekünstelt wirkt, bleibt die Geschichte rund und man kann immer alles nachvollziehen. In „The Best Offer“ fehlt dieser eine Punkt irgendwie. Über lange Strecken scheint der rote Faden zu fehlen und das eigentliche Thema des Films erschließt sich erst in den letzten Minuten. Ich habe nichts gegen überraschende Wendungen oder ein schockierendes Ende. Es muss nur nachvollziehbar sein. In „Prestige“ von Christopher Nolan zum Beispiel – ein Film, der eines der großartigsten Enden der Filmgeschichte parat hält – gibt es während des gesamten Films immer wieder Hinweise. Der Zuschauer wird quasi erdrückt mit Hinweisen, die ihm das Ende eigentlich schon verraten. Allerdings wird vorgegaukelt, dass das Thema des Films ein ganz anderes ist. Deshalb ist man am Ende von „Prestige“ so überrascht, obwohl alles logisch und nachvollziehbar bleibt. Ähnlich gut funktioniert es auch in „The Sixth Sense“ von M. Night Shymalan, der hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sei.
„The Best Offer“ platzt einfach mit einem völlig unlogischen Story-Twist am Ende heraus und es wird nur dadurch erkennbar, wenn man sich nach dem Film direkt mit anderen Kinogästen austauschen kann. Das trägt zwar zur Konversation bei, hinterlässt aber irgendwie einen unbefriedigenden Eindruck. Das ist schade, denn der Großteil des Films ist sehr gelungen. Der Stil ist sozusagen zweigeteilt. Viel Szenen, die im Freien stattfinden sind grau gehalten. Szenen, die in der Villa spielen, oder bei den Auktionen wirken viel wärmer und ihnen haftet ein leichter goldener Schimmer an. Die Figur des Virgils ist voller Widersprüche. Auf der einen Seite mimt er den pedantischen aber ehrbaren Mann, auf der anderen Seite betrügt er die Leute, deren Respekt er förmlich befiehlt, um all die Bilder zu bekommen. Er ist im Grunde nichts anderes, als ein Dieb, der von Obsessionen getrieben wird. Das soll ihm natürlich irgendwann zum Verhängnis werden. Andere Figuren verkommen dafür relativ schnell zu Platzhaltern, um Schlüsselpositionen einzunehmen. Dadurch wirkt ein Großteil des Films blass.
Vorführer Falko hat mir gesagt, ein Kritiker sein kein guter Kritiker, wenn er in einer Rezension die Floskel „Im Vergleich zu seinen früheren Arbeiten...“ benutzt. Aber hier muss ich das tun, denn ich verbinde ganz besondere Erinnerungen mit Tornatore. Als Kind hatte ich die Möglichkeit, eine sehr interessante Auswahl an Filmen sehen zu können. Der erste Videorekorder im Haus wurde genutzt, um alle möglichen Filme aufzunehmen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, oft mitten in der Nacht, gelaufen sind. Neben „Apokalypse Now“, „2010“ oder „Lautlos im Weltall“ war es eben besonders „Cinema Paradiso“, der mich total begeistert hat, und den ich einfach immer und immer wieder sehen wollte. Das ist eben ein früheres Werk Tornatores, welches man nicht mehr vergisst. Ein Film, der sich in jeder kleinen Einzelheit ins Gedächtnis gebrannt hat und natürlich muss sich jeder Film, den er nachliefert dem Vergleich mit „Cinema Paradiso“ stellen. Und im Vergleich dazu, ist „The Best Offer“ sicherlich kein schlechter Film, aber eben blass und irgendwie unfertig. Fast so, als würde ein kleiner Schnipsel Filmrolle, irgendwo mittendrin fehlen.
La migliore offerta (I, GB, 2013): R.: Giuseppe Tornatore; D.: Geoffrey Rush, Liya Kebede, Donald Sutherland, u.a.; M.: Ennio Morricone; Offizielle Homepage
Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Posts mit dem Label Kunst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kunst werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Mittwoch, 17. April 2013
Freitag, 27. Januar 2012
Faust
Spielen wir Tourist in Weimar und schnappen uns einmal all die ganzen Flyer mit Veranstaltungshinweisen im Klassiker-Overkill der Kulturstadt. Ein Name taucht immer wieder auf. „Faust – Auf den Busch geklopft.“, „Faust 1 - Zu zweit“, „Faust (Magarethe)“, „Faust 2 - Zu dritt“ - Ganz klar, dass die bedeutendste Arbeit des Dichterfürsten Goethe gerade hier besonders oft und vielseitig dargeboten wird, ist das Werk schließlich in dieser schönen Stadt entstanden. Seit einigen Tagen gibt es nun einen weiteren Faust – und zwar im Kino. Der russische Regisseur Alexander Sokurov inszenierte mit „Faust“ den abschließenden vierten Teil seiner Reihe über „Das Böse und die Macht“
Faust ist ein Gelehrter. Heißt Magister, heißt Doktor gar. Hat sozusagen sämtliche Studienabschlüsse absolviert, die man sich vorstellen kann – auch nach heutigen Maßstäben. Doch all sein Wissen nützt ihm nichts bei der Suche nach den wichtigen Antworten. Hat der Mensch eine Seele? Wo ist die Seele? Im Körper scheint sie sich nicht zu befinden, denn er hat überall nachgesehen. Zusätzlich plagen ihn Geldsorgen. Er kann sich nicht einmal das Gift leisten, dass er gerne schlucken möchte, um seinem Dasein zu entfliehen. Also geht er zum Wucherer, um dort einen Ring zu verpfänden. Dem Wucherer gelingt es jedoch, Faust von seinem Vorhaben abzubringen. Zunächst scheint es so, als wolle er Faust lediglich zeigen, dass das Leben lebenswert ist und es auch schöne Dinge gibt. Schön wäre in diesem Fall Margarethe. Der Wucherer will Faust helfen, sie zu bekommen, geht dabei allerdings mit merkwürdigen Methoden sogar über Leichen. Faust ahnt nicht, dass er Teil eines diabolischen Spiels geworden ist.
Alexander Sokurov ist ein bedeutender Künstler seines Handwerks. Er scheint immer nur den extremen Weg zu suchen, seine Kunst zu verwirklichen. Seinen Film „Russian Ark“ drehte er ohne einen einzigen Schnitt zu tätigen. Die gesamten 92 Minuten wurden ohne Unterbrechungen am Stück gefilmt. Eine enorme Leistung des gesamten Teams hinter diesem Projekt. Seine Tetralogie zum Thema „Das Böse und die Macht“ widmete er Hitler, Lenin, dem japanischen Kaiser Hirohito und zu guter Letzt Faust. Ein schwer nachzuvollziehender Schritt, handelte es sich in den anderen Filme um real existierende Persönlichkeiten, wohingegen Faust – in dieser Version – eine fiktive Gestalt ist. Noch mehr Dinge lassen sich schwer nachvollziehen. Das ungewöhnliche Bildformat von 4:3 beispielsweise, oder das verwaschene Bild, die blassen Farben und die sehr häufig eintretenden verzerrten Perspektiven. Außerdem bieten sich dem Zuschauer zahlreiche groteske Szenen, die ein ums andere Mal sehr ernsthafte Situationen, wie eine Beerdigung, ins Lächerliche zu ziehen scheinen. Die sprunghafte Veränderung der Reihenfolge der Ereignisse, die man aus der Goetheschen Vorlage kennt, kann indes als künstlerische Freiheit gewertet werden. Der ganze Film ist Kunst und ich für meinen Teil habe wenig verstanden, oder richtig gedeutet. Wer hier lediglich eine filmische Adaption des Theaterstücks erwartet, wird enttäuscht werden. Der Film wurde zwar komplett in deutscher Originalsprache gedreht, nutzt aber selten den Originaltext. Hin und wieder gibt es Zitate, die jedoch unvollständig und teilweise an den falschen Stellen zum Besten gegeben werden. Nicht aber, dass hier eine oberflächliche Auseinandersetzung mit der Vorlage diagnostiziert werden darf; Sokurov scheint sich sogar sehr intensiv mit dem Text beschäftigt zu haben. Kenner des Stückes finden zahlreiche Zitate und Elemente wieder, die sogar auf den zweiten Teil der Tragödie hinweisen. Doch auch hier scheint man sich zu viel vorgenommen zu haben, denn weder der erste Teil, noch der zweite Teil sind hier vollständig umgesetzt. Alexander Sokurov hat einen sehr speziellen Stil, und den zieht er kompromisslos durch. Das jemand so etwas heutzutage noch in diesem Ausmaß wagt, ist beeindruckend, leider führt es dazu, dass man größtenteils verwirrt im Kino sitzt und angestrengt auf den Moment wartet, in dem sich alles klärt. Dieser Moment kommt leider nicht und alle Offenheit gegenüber dem Künstler nützt nichts. Man versteht es einfach nicht.
„Faust“ ist wie ein Fiebertraum von einem Film. Es ist, als wollte der Regisseur zunächst viel mehr darstellen, als es in diesem speziellem Stil möglich ist und nach der Hälfte des Films kürzt er dafür prägende Handlungsstrecken heraus. Hat sich Sokurov zu viel vorgenommen und am Ende lediglich versucht, zu retten, was zu retten ist? Ist sein Konzept dem falschen Ansatz gefolgt? Oder wollte er wirklich, dass der Film genau so ist, wie er ist? Bin ich vielleicht einfach durch dieses Monstrum an Kunst überfordert gewesen? Wahrscheinlich, denn der Film wurde auf den renommierten Filmfestivals weltweit im vergangenen Jahr mit Preisen überhäuft. Soll man sich diesen Film nun ansehen? Ich sage, ja. Vielleicht ist es Kunst, die erst dadurch zur Kunst wird, dass sie betrachtet wird. So ähnlich, wie die Mona Lisa. Ganz im Ernst, aber wirklich schön ist sie nicht und trotzdem gucken sie alle an.
Faust (RU / D / Ö, 2011): R.: Alexander Sokurov; D.: Johannes Zeiler, Anton Adsinsky, Georg Friedrich, u.a.; M.: Andrey Sigle; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, zwischen 12:00 und 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Faust ist ein Gelehrter. Heißt Magister, heißt Doktor gar. Hat sozusagen sämtliche Studienabschlüsse absolviert, die man sich vorstellen kann – auch nach heutigen Maßstäben. Doch all sein Wissen nützt ihm nichts bei der Suche nach den wichtigen Antworten. Hat der Mensch eine Seele? Wo ist die Seele? Im Körper scheint sie sich nicht zu befinden, denn er hat überall nachgesehen. Zusätzlich plagen ihn Geldsorgen. Er kann sich nicht einmal das Gift leisten, dass er gerne schlucken möchte, um seinem Dasein zu entfliehen. Also geht er zum Wucherer, um dort einen Ring zu verpfänden. Dem Wucherer gelingt es jedoch, Faust von seinem Vorhaben abzubringen. Zunächst scheint es so, als wolle er Faust lediglich zeigen, dass das Leben lebenswert ist und es auch schöne Dinge gibt. Schön wäre in diesem Fall Margarethe. Der Wucherer will Faust helfen, sie zu bekommen, geht dabei allerdings mit merkwürdigen Methoden sogar über Leichen. Faust ahnt nicht, dass er Teil eines diabolischen Spiels geworden ist.
Alexander Sokurov ist ein bedeutender Künstler seines Handwerks. Er scheint immer nur den extremen Weg zu suchen, seine Kunst zu verwirklichen. Seinen Film „Russian Ark“ drehte er ohne einen einzigen Schnitt zu tätigen. Die gesamten 92 Minuten wurden ohne Unterbrechungen am Stück gefilmt. Eine enorme Leistung des gesamten Teams hinter diesem Projekt. Seine Tetralogie zum Thema „Das Böse und die Macht“ widmete er Hitler, Lenin, dem japanischen Kaiser Hirohito und zu guter Letzt Faust. Ein schwer nachzuvollziehender Schritt, handelte es sich in den anderen Filme um real existierende Persönlichkeiten, wohingegen Faust – in dieser Version – eine fiktive Gestalt ist. Noch mehr Dinge lassen sich schwer nachvollziehen. Das ungewöhnliche Bildformat von 4:3 beispielsweise, oder das verwaschene Bild, die blassen Farben und die sehr häufig eintretenden verzerrten Perspektiven. Außerdem bieten sich dem Zuschauer zahlreiche groteske Szenen, die ein ums andere Mal sehr ernsthafte Situationen, wie eine Beerdigung, ins Lächerliche zu ziehen scheinen. Die sprunghafte Veränderung der Reihenfolge der Ereignisse, die man aus der Goetheschen Vorlage kennt, kann indes als künstlerische Freiheit gewertet werden. Der ganze Film ist Kunst und ich für meinen Teil habe wenig verstanden, oder richtig gedeutet. Wer hier lediglich eine filmische Adaption des Theaterstücks erwartet, wird enttäuscht werden. Der Film wurde zwar komplett in deutscher Originalsprache gedreht, nutzt aber selten den Originaltext. Hin und wieder gibt es Zitate, die jedoch unvollständig und teilweise an den falschen Stellen zum Besten gegeben werden. Nicht aber, dass hier eine oberflächliche Auseinandersetzung mit der Vorlage diagnostiziert werden darf; Sokurov scheint sich sogar sehr intensiv mit dem Text beschäftigt zu haben. Kenner des Stückes finden zahlreiche Zitate und Elemente wieder, die sogar auf den zweiten Teil der Tragödie hinweisen. Doch auch hier scheint man sich zu viel vorgenommen zu haben, denn weder der erste Teil, noch der zweite Teil sind hier vollständig umgesetzt. Alexander Sokurov hat einen sehr speziellen Stil, und den zieht er kompromisslos durch. Das jemand so etwas heutzutage noch in diesem Ausmaß wagt, ist beeindruckend, leider führt es dazu, dass man größtenteils verwirrt im Kino sitzt und angestrengt auf den Moment wartet, in dem sich alles klärt. Dieser Moment kommt leider nicht und alle Offenheit gegenüber dem Künstler nützt nichts. Man versteht es einfach nicht.
„Faust“ ist wie ein Fiebertraum von einem Film. Es ist, als wollte der Regisseur zunächst viel mehr darstellen, als es in diesem speziellem Stil möglich ist und nach der Hälfte des Films kürzt er dafür prägende Handlungsstrecken heraus. Hat sich Sokurov zu viel vorgenommen und am Ende lediglich versucht, zu retten, was zu retten ist? Ist sein Konzept dem falschen Ansatz gefolgt? Oder wollte er wirklich, dass der Film genau so ist, wie er ist? Bin ich vielleicht einfach durch dieses Monstrum an Kunst überfordert gewesen? Wahrscheinlich, denn der Film wurde auf den renommierten Filmfestivals weltweit im vergangenen Jahr mit Preisen überhäuft. Soll man sich diesen Film nun ansehen? Ich sage, ja. Vielleicht ist es Kunst, die erst dadurch zur Kunst wird, dass sie betrachtet wird. So ähnlich, wie die Mona Lisa. Ganz im Ernst, aber wirklich schön ist sie nicht und trotzdem gucken sie alle an.
Faust (RU / D / Ö, 2011): R.: Alexander Sokurov; D.: Johannes Zeiler, Anton Adsinsky, Georg Friedrich, u.a.; M.: Andrey Sigle; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, zwischen 12:00 und 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Donnerstag, 24. November 2011
I'm not a f**king Princess
Die Pariser Schauspielerin Eva Ionesco widmet sich in ihrer zweiten Regiearbeit einem schwierigen Thema. Irgendwie bekommen wir Beklemmungen, wenn wir darüber reden müssen. Ist das, worum es hier geht noch Kunst? Wie weit darf Kunst gehen? Wie geht man mit Kunst um, die eindeutig zu weit gegangen ist? Wie weit darf man gehen, bevor die moralische Gesellschaft zurück schlägt. Diese Fragen stellt "I'm not a F**king Princess" und beantwortet sie auf eine recht eigentümlich Art.
Hanah ist Künstlerin und stellt nach mehrfachen Fehlschlägen fest, dass sie nicht als Malerin geeignet zu sein scheint. Ein befreundeter Maler schenkt ihr eine Fotoaparat und gibt ihr damit zweifelsfrei zu verstehen, auf welchem Gebiet der bildenden Kunst sie sich wohl eher betätigen sollte. Hanah kniet sich total in diese neue Welt herein. Sie arbeitet so sehr an ihrer Karriere, dass sich ihre kleine Tochter Violetta vernachlässigt fühlt. Eines Tages nimmt Hanah ihre Tochter mit in ihr Atelier, um ihr zu zeigen, womit sie so viel Zeit verbringt. Aus einem minimalem Impuls heraus, macht Hanah ein Foto von Violetta und ihr fällt in diesem Moment die prickelnde und fast schon laszive Ausstrahlung ihres Kindes auf. So geht es weiter und die Fotos werden immer aufreizender, die Posen immer gewagter und die Kunstspezialisten immer erregter, angesichts dieser tabuträchtigen, aber ästhetisch hoch anspruchsvollen Kunstfotografien. Durch die Fotos wird Violetta regelrecht zu einem Kunstobjekt: Sie scheint sich rein äußerlich in eine lebende Puppe zu verwandeln und entfernt sich so immer mehr von ihrem Leben in der wirklichen Welt.
Dieser Film polarisiert das eigene Gewissen. Einerseits kann man sich der Faszination des Kunstgedankens nicht entziehen, andererseits will man bei manchen Szenen nicht hin sehen. Regelrechte Qualen durchlebt man, wenn die Mutter die kleine Tochter auffordert, sich auszuziehen, oder sich nicht so zu haben, ihre Beine zu spreizen. Keine Angst; der Film arbeitet sehr viel mit der Vorstellungskraft des Zuschauers und Darstellerin Anamaria Vartolomei zeigt nicht annähernd so viel nackte Haut, wie seinerzeit die echte Violetta. Beeindruckend ist der innere, wie auch äußere Wandel des kleinen Mädchens. Sie wird durch ihre Mutter zu einem lebenden Kunstwerk gemacht, und weil sie es in ihren jungen Jahren nicht besser weiß, nimmt sie die Rolle der Prinzessin in sich auf. Interessant ist auch die plötzlich zuschlagende Keule der gesellschaftlichen Doppelmoral. Erst werden die pikanten Fotos von der Kunstwelt und der Öffentlichkeit gefeiert und dann wird die Künstlerin verklagt und das Jugendamt steht mit wedelndem Zeigefinger vor der Tür. Plötzlich sagen alle: „Also, so geht's ja nicht!“ Der Film setzt außerdem sehr gekonnt passende Musik ein. Während der Foto-Shootings hört man stets eine sphärische Fläche von Klängen, wohingegen während der Szenen in der echten Welt kaum Musik zu hören ist und der Lautstärkepegel der Nebengeräusche enorm angezogen wird. Durch diesen hörbaren harten Unterschied, werden diese beiden Ebenen von Violettas Wahrnehmung wirksam getrennt.
„I'm not a f**king Princess“ ist harter Tobak, der sich der Thematik auf eine Leichtigkeit nähert, die schockiert und gleichzeitig fasziniert. Der Film ist auch gleichzeitig Tabubrecher und Gesellschaftsstudie. Einfacher wird es nach dem Kinobesuch auch nicht, über das Thema zu reden. Unser Alltag hilft, es zu verdrängen, aber im Kopf hört es lange nicht auf.
My Little Princess (F, 2011): R.: Eva Ionesco; D.: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Denis Lavant, u.a.; M.: Bertrand Burgalat; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Hanah ist Künstlerin und stellt nach mehrfachen Fehlschlägen fest, dass sie nicht als Malerin geeignet zu sein scheint. Ein befreundeter Maler schenkt ihr eine Fotoaparat und gibt ihr damit zweifelsfrei zu verstehen, auf welchem Gebiet der bildenden Kunst sie sich wohl eher betätigen sollte. Hanah kniet sich total in diese neue Welt herein. Sie arbeitet so sehr an ihrer Karriere, dass sich ihre kleine Tochter Violetta vernachlässigt fühlt. Eines Tages nimmt Hanah ihre Tochter mit in ihr Atelier, um ihr zu zeigen, womit sie so viel Zeit verbringt. Aus einem minimalem Impuls heraus, macht Hanah ein Foto von Violetta und ihr fällt in diesem Moment die prickelnde und fast schon laszive Ausstrahlung ihres Kindes auf. So geht es weiter und die Fotos werden immer aufreizender, die Posen immer gewagter und die Kunstspezialisten immer erregter, angesichts dieser tabuträchtigen, aber ästhetisch hoch anspruchsvollen Kunstfotografien. Durch die Fotos wird Violetta regelrecht zu einem Kunstobjekt: Sie scheint sich rein äußerlich in eine lebende Puppe zu verwandeln und entfernt sich so immer mehr von ihrem Leben in der wirklichen Welt.
Dieser Film polarisiert das eigene Gewissen. Einerseits kann man sich der Faszination des Kunstgedankens nicht entziehen, andererseits will man bei manchen Szenen nicht hin sehen. Regelrechte Qualen durchlebt man, wenn die Mutter die kleine Tochter auffordert, sich auszuziehen, oder sich nicht so zu haben, ihre Beine zu spreizen. Keine Angst; der Film arbeitet sehr viel mit der Vorstellungskraft des Zuschauers und Darstellerin Anamaria Vartolomei zeigt nicht annähernd so viel nackte Haut, wie seinerzeit die echte Violetta. Beeindruckend ist der innere, wie auch äußere Wandel des kleinen Mädchens. Sie wird durch ihre Mutter zu einem lebenden Kunstwerk gemacht, und weil sie es in ihren jungen Jahren nicht besser weiß, nimmt sie die Rolle der Prinzessin in sich auf. Interessant ist auch die plötzlich zuschlagende Keule der gesellschaftlichen Doppelmoral. Erst werden die pikanten Fotos von der Kunstwelt und der Öffentlichkeit gefeiert und dann wird die Künstlerin verklagt und das Jugendamt steht mit wedelndem Zeigefinger vor der Tür. Plötzlich sagen alle: „Also, so geht's ja nicht!“ Der Film setzt außerdem sehr gekonnt passende Musik ein. Während der Foto-Shootings hört man stets eine sphärische Fläche von Klängen, wohingegen während der Szenen in der echten Welt kaum Musik zu hören ist und der Lautstärkepegel der Nebengeräusche enorm angezogen wird. Durch diesen hörbaren harten Unterschied, werden diese beiden Ebenen von Violettas Wahrnehmung wirksam getrennt.
„I'm not a f**king Princess“ ist harter Tobak, der sich der Thematik auf eine Leichtigkeit nähert, die schockiert und gleichzeitig fasziniert. Der Film ist auch gleichzeitig Tabubrecher und Gesellschaftsstudie. Einfacher wird es nach dem Kinobesuch auch nicht, über das Thema zu reden. Unser Alltag hilft, es zu verdrängen, aber im Kopf hört es lange nicht auf.
My Little Princess (F, 2011): R.: Eva Ionesco; D.: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Denis Lavant, u.a.; M.: Bertrand Burgalat; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Abonnieren
Posts (Atom)