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Mittwoch, 24. Juli 2013

Fliegende Liebende

Pedro Almodovar ist ein Meister der Tragik. In seinen Filmen durchlitt man zusammen mit den Protagonisten immer schreckliche Seelenqualen. Wie der Mann das immer wieder geschafft hat, lässt sich manchmal gar nicht so leicht sagen. Klar, in „Alles über meine Mutter“ oder „Sprich mit Ihr“ trieft die Tragik aus jeder Pore – allerdings, ohne diesen kitschigen Schwermut. Bei „Volver“ und „Zerrissene Umarmungen“ wird schon ein etwas lockerer Ton angestimmt, wodurch die dramatischen Einschläge aber noch besser funktionieren. Selbst im Weird-Science-Schocker „Die Haut, in der ich wohne“, wurden förmlich neue Dimensionen der menschlichen Tragödie erschlossen.
Da sollte man sich zu Recht fragen, wie Almodovar in einer Komödie funktionieren kann.

Was gibt es schöneres, als einen Transkontinentalflug? Mir persönlich fallen ungefähr tausend Dinge ein, die ich lieber täte, als in ein Flugzeug zu steigen. Manchmal lässt es sich aber nicht vermeiden und dann hofft man einfach das beste, und dass der Flug so angenehm wie möglich wird.
Der Flug von Spanien nach Mexiko, der an diesem Tag abhebt, hat allerdings ein echtes Problem. Schon wenige Minuten nach dem Start, stellen die beiden Piloten fest, dass sich das Fahrwerk nicht richtig bedienen lässt. Eine Landung ist somit unmöglich.
Anstatt in Panik zu verfallen, überlassen sie dem Chefsteward Joserro die Entscheidung, wie er es den Passagieren beibringen soll. Der macht das, was er in einer solchen Situation immer macht; er gibt den Fluggästen eine wilde Mischung aus Alkohol und Mescalin. Das hat ganz unterschiedliche Wirkungen. Das frischgebackene Ehepaar beginnt sofort und ununterbrochen, zu kopulieren – obwohl die Ehefrau gar nicht richtig wach ist. Das Selbe gilt für den Kapitän und Josserro. Ein Mann, der in eine politische Affäre um ein Flughafen-Großprojekt verwickelt ist, schüttet den Passagieren sein Herz aus. Ein Filmschauspieler ruft bei seiner Verflossenen an, um sich mit ihr zu versöhnen und eine Frau, die sich für ein Medium hält, riecht überall im Flugzeug den Tod. Irgendwann kommt die Frage auf, wo das Flugzeug nun landen kann und wer, zum Teufel die Maschine überhaupt steuert.
Und da haben wir es. Wenn Almodovar eine ausgewiesene Komödie macht, dann fallen sämtliche Hemmungen. Wie nie zuvor frönt er den beiden Motiven, die immer wieder in seinen Geschichten vorkommen: Homo-, beziehungsweise Bi- und Transsexualität und exzessiver Drogengebrauch. Weil dies alles im, ohnehin übertriebenen, Rahmen einer Komödie angesiedelt ist, ist man gar nicht so schockiert. Auch der Sex spielt eine wichtige Rolle in dieser Geschichte. Das bildet allerdings nur das Gerüst, um die eigentliche Geschichte der Menschen zu erzählen.
An diesen Stellen scheint der ganze übertriebene Zirkus immer in den Hintergrund zu rücken und man erkennt sofort den konventionellen Almodovar-Stil. Es ist fast so, als wolle er den Zuschauer testen. Als würde er die Frage stellen: „Wieviel Sex, Schwulenporno und Travestieshow wollt ihr ertragen?“ Es wird immer weiter ausgereizt und wer darauf hereinfällt, ist schnell genervt von der styropornen , qietschbunten 60er-Jahre-Kulisse und von den bekloppten Dialogen und noch bekloppteren Witzen. Aber Almodovar trifft mit dieser Mischung mal wieder genau ins Schwarze. Durch soziale Netzwerke und die zunehmende Virtualisierung der eigenen Person, ist es viel schwieriger geworden, einen Menschen kennen zu lernen. Man muss sich durch viele gestellte Fotos, falsche Details und sonstiges 2.0-Beiwerk wühlen, bis man die Person endlich so vor sich hat, wie sie wirklich ist. So ähnlich funktioniert es bei „Fliegende Liebende“ auch. Man muss sich durch den ganzen Schmuck durchwühlen, um den Menschen zu sehen. Und dieser Mensch ist, wie sollte es anders sein, ein emotionales Wrack.

Ich sehe durch diesen Film obendrein die wesentlichen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit bestätigt. Die meisten Leute haben nicht unbedingt Angst vor Krieg oder Terror. Selbst der Verlust des Jobs nimmt nicht einen so hohen Stellenwert ein, wie die Homophobie. Menschen, die darunter leiden, ertragen den neuen Almodovar nicht, und verlassen das Kino. Das zweite Problem ist die Humorlosigkeit unserer Gesellschaft.
Alles muss immer tot-ernst sein. Alle denken ständig, man will sich über sie lustig machen, wenn man einen Witz erzählt. Das ist verdammt anstrengend.

Los amantes pasajeros (ESP 2013): R.: Pedro Almodovar; D.: Javier Camara, Lola Duerias, Hugo Silva, Penelope Cruz, Antonio Banderas, u.a.; M.: Alberto Iglesias; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 12. Dezember 2011

Die Haut in der ich wohne

Pedro Almodovar ist ein Regisseur, dessen Ruhm irgendwie nicht zu seinen Filmen zu passen scheint. Fans des spanischen Filmemachers lieben seine Filme und können stets kaum die Zeit abwarten, bis sein nächstes Werk erscheint. Die Erwartungen sind immer wieder enorm hoch und man munkelt, diskutiert und fachsimpelt schon lange, bevor irgendjemand den Film überhaupt gesehen hat. Und dann sitzt man endlich im Kino und alles ist anders. Nicht, weil der Film schlecht wäre, oder man enttäuscht ist. Almodovar hat einen so bezaubernden und schlichten Stil, dass man den Eindruck gewinnt, er selbst schere sich gar nicht um die ganze Aufregung, die entsteht, wenn sein neuer Film angekündigt wird. So zumindest ging es mir nun, nachdem ich endlich „Die Haut in der ich wohne“ sehen konnte.

Zur Story will man gar nicht so viel sagen. Eigentlich hat man nur angst, man nehme zu viel vorweg und damit den Spaß derer, die den Film noch nicht kennen. So viel ist klar: Es geht um Robert Ledgard. Er ist Arzt und zählt zu den besten Chirurgen des Landes. In seiner eigenen Klinik behandelt er diskret und gut bezahlt ganz besondere Patienten. Zumindest glaubt das sein Team an Ärzten, die ihm stets bei Nacht und Nebel im isolierten OP assistieren. Seit einiger Zeit hat er nur noch eine Patientin, die das Haus nicht verlassen darf und die stets in einem verschlossenem Zimmer lebt. Niemand weiß, wer sie ist und was Ledgard mit ihr macht. Das Geheimnis droht aufzufliegen, als plötzlich und unverhofft der Sohn der Haushälterin an der Tür steht. Der polizeilich gesuchte Räuber scheint etwas über die Vergangenheit des Doktors zu wissen, was auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen darf.

Die Geschichte ist schräg und nimmt im Laufe des Films immer merkwürdigere Züge an. Almodovar erzählt stets Geschichten, die zwar komplex sind, aber auch klar einer geraden Linie folgen. Auch, wenn man nun durch das ungewöhnliche Setting zunächst den Eindruck gewinnt, es handele sich um etwas vollkommen neues und man überall mit Schnappatmung liest, Almodovar hätte einen harten Psychothriller gemacht, was ja nun so gar nicht zu dem Spanier passen will, ist eigentlich alles, wie gewohnt. Der Stil, der im wesentlichen durch die einprägsame Bildsprache entsteht, ist typisch für den Regisseur. Es ist toll, mit welcher Leichtigkeit hier Bilder gebaut werden, die ganz beiläufig in die Handlung einfließen. Durch die knalligen Farben und die sehr intensive Musik wird hier ein Gefühl des Bombastischen und Dramatischen geschaffen. Etwas, was die wenigsten Regisseure schaffen, ohne auf moderne, zum Beispiel digitale, Spielereien zurück zu greifen. Almodovar verzichtet nicht nur auf derartiges Werkzeug, er setzt sogar gradezu altmodische Mittel ein, die noch aus den Anfangstagen der Filmgeschichte zu stammen scheinen. Essentielle Botschaften des Films werden nicht durch gesprochene Worte, sondern durch Musik oder eben Bilder vermittelt. Das verpasst auch „Die Haut in der ich wohne“ einen altmodischen Touch, ohne dass es den Film alt macht. Apropos altmodisch: Antonio Banderas sieht mit seinen 51 Jahren immer noch so aus, als wäre er Mitte Zwanzig. Abgesehen davon spielt er den wahnsinnigen Doktor sehr überzeugend und mit einer beängstigenden Intensität.

„Die Haut in der ich wohne“ ist auf gewisse Weise ganz anders und trotzdem ein typischer Almodovar. Spannend ist, dass der Stil, den er bisher stets für ausgewachsene Dramen verwendet hat, auch hier wunderbar funktioniert. Und wenn man genau hinsieht, findet man auch hier die grundlegenden Themen wieder, die er auch sonst abhandelt. Die Frage nach dem Gewissen, danach, wie weit man für die Lebe gehen kann und nicht zu Letzt die Frage nach der eigenen Identität.

La piel que habito (ESP, 2011): R.: Pedro Almodovar; D.: Antonio Banderas, Elana Amaya, Marisa Paredes, u.a.; M.: Alberto Iglesias; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.