Was haben wir mit ihm gelitten. Er war kleine Mann von der Straße, der es schaffte, sich nach ganz oben zum Star-Boxer zu kämpfen. 1975 eroberte Rocky die Kinokassen und Herzen der Zuschauer im Sturm. Das Verprügeln von Rinderhälften traf genau ins Schwarze und schaffte es, fünf mal fortgesetzt zu werden. „Rocky“ war eine erfundene Geschichte, doch gab es in dieser Zeit auch echte Boxer in echten Boxringen. Die wahre Geschichte von Micky Ward und seinem Bruder Dicky wurde jetzt aufwändig von David O. Russell verfilmt und trägt den Titel „The Fighter“
Micky ist Straßenarbeiter in Lowell und ist relativ unzufrieden mit seinem Leben. Die einzige Möglichkeit, dem Alltag zu entkommen, bietet sich ihm im Boxring. Sein Bruder Dicky trainiert ihn und seine Mutter organisiert die Kämpfe, aus denen er mal mehr, mal weniger erfolgreich hervor tritt. Dicky war früher selbst ein überaus erfolgreicher Kämpfer, dessen Glanzzeit allerdings schon lange vorbei ist und er nun mit dem Absturz in den Drogensumpf ringt. Micky hadert mit seiner Situation. Er ist seiner Familie sehr verbunden und fühlt sich verpflichtet, mit ihnen an seiner Karriere zu arbeiten. Andererseits merkt er, dass er auf diese Weise nicht weiter kommt. Dann geschehen zwei Dinge. Micky lernt die hübsche Barkeeperin Charleene kennen und sein Bruder Dicky kommt wegen zahlreicher Delikte in den Knast. Unter hartnäckigem Zureden seiner neuen Freundin, packt Micky die Gelegenheit beim Schopf und sucht sich neue Manager und Trainer, durch deren Hilfe er tatsächlich immer weiter kommt, bis der Weltmeistertitel winkt. Die Familie fühlt sich ausgeschlossen und schmiedet nun Pläne, den Boxersohn wieder zu holen.
Wie schon angedeutet, ist das Motiv nicht ganz neu. Kleiner Mann von der Straße will Boxer werden und trainiert einfach so lange, bis er Weltmeister wird. Es ist das ultimative Symbol für das Erfüllen von Lebensträumen und für das Schulterklopfen, dass man dafür benötigt. „The Fighter“ gibt sich keine Mühe, zu verbergen, dass er in genau diese Kerbe schlägt. Der Weg des Kämpfers Micky ist mit Hindernissen gepflastert und auch wenn es dramaturgisch überzeugend immer wieder zu Tiefpunkten und Rückschlägen kommt, zweifelt man als Zuschauer keine Sekunde lang daran, ob es Micky nun schafft oder nicht. Auch das Motiv des großen Bruders, der früher ein Held war und jetzt nur noch der drogenabhängige Klotz am Bein ist, hat man schon des öfteren gesehen. Um den Eindruck noch zu verstärken, hat sich Regisseur David O. Russell für einen Stil entschieden, der an alte Fernsehaufnahmen aus den 70er Jahren erinnert, was die ästhetische Brücke zu „Rocky“ noch ausbaut. Trotzdem ist „The Fighter“ durchaus sehenswert. Das ist allerdings weniger der Story, als viel mehr den überragenden Leistungen der Darsteller zu verdanken. Mark Wahlberg scheint als wortkarges und eintöniges Muskelpaket perfekt besetzt zu sein, denn er schafft es, sogar mich zu überzeugen. Größere Überraschungen bieten allerdings die Nebendarsteller. Christian Bale und Amy Adams wachsen über sich hinaus und spielen auf eine Weise, wie sie noch nie vorher zu sehen waren. Gerade in der letzten Zeit ist die Diskussion entflammt, Bale als ernstzunehmenden Schauspieler, oder als Hungerkünstler mit Körperfetisch zu betrachten ist. In „The Fighter“ beweist ein Stück weit, dass er beides unter einen Hut zu bringen vermag. Schön ist auch, dass die ganze Atmosphäre des Films sehr authentisch wirkt. Man merkt dies an Szenen, in denen die Familie ganz normal und zwanglos plaudert. Die Art und Weise, wie die Dialoge geführt werden, klingt sehr echt und gar nicht konstruiert, was zeitweise den Eindruck erweckt, man sieht sich einen Dokumentarfilm an.
„The Fighter“ ist ein guter Film und auch, wenn das grundlegende Motiv der Story nicht neu ist, birgt er lauter angenehme Überraschungen. Nicht zu Letzt die, dass auch wahre Geschichten unter Umständen ein Happy End haben können.
The Fighter(USA, 2010): R.: David O. Russell; D.: Mark Wahlberg, Christian Bale, Amy Adams, u.a.; M.: Michael Brook; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Freitag, 15. April 2011
Mittwoch, 13. April 2011
Sucker Punch
Worauf hab ich Bock? Ich möchte gerne mal wieder einen vollkommen überflüssigen und gleichermaßen spaßigen Film sehen. Ein Film, der die Grundidee des Kinos schamlos und konsequent umsetzt, nämlich mich als Zuschauer zu unterhalten. Ich habe keine Lust, mir knüppelharte Folterszenen anzusehen, ebenso wenig wie aufgesetzte und überkitschte Teeny-Komödien über das Saufen und Fressen am Campus. Mir steht nicht der Sinn nach Historienschinken oder Polit-Thriller. Dass die Welt ein schlechter Ort ist und es nicht mehr lange gut gehen kann mit uns, weiß ich doch auch so und ich möchte mich gerne mal für eine kleine Weile davon ablenken lassen. Wie gerufen kommt Zack Snyder mit „Sucker Punch“ im Gepäck.
Die kleine großbeaugte und blondbehaarte Baby Doll hat ein Problem. Die Mutter stirbt und hinterlässt in ihrem Testament alles ihren beiden Töchtern. Das findet der Stiefvater gar nicht dufte und bringt kurzerhand zunächst die jüngere Schwester um und will sich anschließend Baby Doll selbst vorknöpfen. Die wehrt sich erfolgreich und überlebt, bis die Polizei eintrifft. Alles ist gut. Pustekuchen! Der böse Stiefvater erzählt den Polizisten, Baby Doll sei verrückt geworden, hätte ihre kleine Schwester getötet und wäre dann auf ihn losgegangen. Baby Doll wird nun in die nächstbeste Irrenanstalt verfrachtet und soll dort mittels Logotomie in hirnloses Gemüse verwandelt werden. Ein Wimpernschlag und plötzlich sind wir an einem völlig anderen Ort. Baby Doll ist in einem Edelpuff und wurde von einem bösen Priester hier her geschafft. Der Puffbesitzer will sie aufmotzen für einen ganz besonderen Kunden. Doch Baby Doll verbündet sich mit den anderen Mädels, um einen Fluchtplan auszutüfteln. In einer Vision erklärt ihr ein alter und weiser Krieger, wie sie die Dinge beschaffen kann, die ihr zur Flucht verhelfen sollen. Während sie tanzt, sollen alle abgelenkt sein und die anderen sollen die begehrten Teile klauen. Immer wenn Baby Doll tanzt, geht’s in eine pompöse Fantasy-Welt, in der gegen allerlei Monster gekämpft werden muss, um an das jeweilige Artefakt heran zu kommen. Schritt für Schritt kommen die Mädchen ihrem Ziel immer näher.
Zack Snyder ist ein Perfektionist, was die visuelle Präsentation seiner Filme angeht. Während „Dawn Of The Dead“ durchaus noch als vorsichtiger Gehversuch des Regie-Frischlungs zu betrachten ist, tobt er sich seit „300“ in einem wahren Orgasmus perfekter Bilderfluten ungehemmt aus. Bisher hat er sich stets mehr oder weniger populäre Vorlagen geschnappt und sie auf die Leinwand gebannt. „Sucker Punch“ ist nun der erste Snyder-Film, bei dem er sich auch für die Story und das Drehbuch verantwortlich zeigt. Der Grundtenor des Films ist klar. Heiße Mädels in knappen Outfits kämpfen gegen überdimensionierte CGI-Monster. Dass es da nur so kracht und splattatert, ist auch absehbar. Und das ist auch die große Stärke des Films. Wir haben klassische Charaktere, die einer klassisch gradlinigen Story folgen und in unglaublich bombastischen Actionszenen ganz klassische Prügelportionen verteilen. Es gibt in einer utopischen Version des ersten Weltkriegs Zombiesoldaten, die mit Dampf und Zahnrädern angetrieben werden. Wir haben eine mittelalterliche Burg, die von tausenden griesgrämigen Ork-Viechern bewohnt ist. Es gibt einen rasenden Güterzug, der eine tickende Bombe an Bord hat, die es zu entschärfen gilt. Und, um das Menü noch abzurunden: Es gibt einen Drachen! Action! Man kommt kaum zum atmen, während der Kampfszenen. Alles ist überdimensioniert und einfach nur bombastisch. Die Mädels sehen heiß aus, haben immer einen coolen Spruch parat und Riesenwummen. „Sucker Punch“ ist der fleischgewordene Traum aller kleinen und großen Jungs. Es ist die Offenbarung einer ganzen Generation Action liebender Schlachtplattenfans. Es ist der Beweis, dass gradlinige und fulminante Action manchmal wichtiger ist, als eine anspruchsvolle Story. Es ist die Katharsis für das hochtrabende Kunstfilmchen. Es nimmt mich mit in eine unglaubliche Welt, in der alles in Zeitlupe abläuft. Ich schwebe durch ein Universum aus Licht, Feuer und Lärm. Ich schwebe mit den holden Kriegsmaiden und sie vergöttern MICH! Denn ICH bin SUCKER PUNCH!
Trotz seiner bildgewaltigen Präsentation lässt der Film offensichtlich noch genug Raum für die eigene beflügelte Fantasie. „Sucker Punch“ ist großartige Unterhaltung für den kleinen Geist. Ein Rezept, dass wunderbar funktioniert und sofort Lust auf mehr Snyder macht. Bald dürfen wir uns ja auch auf seinen „Superman“ freuen. Das dürfte dann das nächste Fest für die verkümmerten Sinne werden.
Sucker Punch (USA, 2011): R.: Zack Snyder; D.: Emily Browning, Abbie Comish, Carla Cugino, u.a.; M.: Tyler Bates; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 auf Radio Lotte Weimar.
Die kleine großbeaugte und blondbehaarte Baby Doll hat ein Problem. Die Mutter stirbt und hinterlässt in ihrem Testament alles ihren beiden Töchtern. Das findet der Stiefvater gar nicht dufte und bringt kurzerhand zunächst die jüngere Schwester um und will sich anschließend Baby Doll selbst vorknöpfen. Die wehrt sich erfolgreich und überlebt, bis die Polizei eintrifft. Alles ist gut. Pustekuchen! Der böse Stiefvater erzählt den Polizisten, Baby Doll sei verrückt geworden, hätte ihre kleine Schwester getötet und wäre dann auf ihn losgegangen. Baby Doll wird nun in die nächstbeste Irrenanstalt verfrachtet und soll dort mittels Logotomie in hirnloses Gemüse verwandelt werden. Ein Wimpernschlag und plötzlich sind wir an einem völlig anderen Ort. Baby Doll ist in einem Edelpuff und wurde von einem bösen Priester hier her geschafft. Der Puffbesitzer will sie aufmotzen für einen ganz besonderen Kunden. Doch Baby Doll verbündet sich mit den anderen Mädels, um einen Fluchtplan auszutüfteln. In einer Vision erklärt ihr ein alter und weiser Krieger, wie sie die Dinge beschaffen kann, die ihr zur Flucht verhelfen sollen. Während sie tanzt, sollen alle abgelenkt sein und die anderen sollen die begehrten Teile klauen. Immer wenn Baby Doll tanzt, geht’s in eine pompöse Fantasy-Welt, in der gegen allerlei Monster gekämpft werden muss, um an das jeweilige Artefakt heran zu kommen. Schritt für Schritt kommen die Mädchen ihrem Ziel immer näher.
Zack Snyder ist ein Perfektionist, was die visuelle Präsentation seiner Filme angeht. Während „Dawn Of The Dead“ durchaus noch als vorsichtiger Gehversuch des Regie-Frischlungs zu betrachten ist, tobt er sich seit „300“ in einem wahren Orgasmus perfekter Bilderfluten ungehemmt aus. Bisher hat er sich stets mehr oder weniger populäre Vorlagen geschnappt und sie auf die Leinwand gebannt. „Sucker Punch“ ist nun der erste Snyder-Film, bei dem er sich auch für die Story und das Drehbuch verantwortlich zeigt. Der Grundtenor des Films ist klar. Heiße Mädels in knappen Outfits kämpfen gegen überdimensionierte CGI-Monster. Dass es da nur so kracht und splattatert, ist auch absehbar. Und das ist auch die große Stärke des Films. Wir haben klassische Charaktere, die einer klassisch gradlinigen Story folgen und in unglaublich bombastischen Actionszenen ganz klassische Prügelportionen verteilen. Es gibt in einer utopischen Version des ersten Weltkriegs Zombiesoldaten, die mit Dampf und Zahnrädern angetrieben werden. Wir haben eine mittelalterliche Burg, die von tausenden griesgrämigen Ork-Viechern bewohnt ist. Es gibt einen rasenden Güterzug, der eine tickende Bombe an Bord hat, die es zu entschärfen gilt. Und, um das Menü noch abzurunden: Es gibt einen Drachen! Action! Man kommt kaum zum atmen, während der Kampfszenen. Alles ist überdimensioniert und einfach nur bombastisch. Die Mädels sehen heiß aus, haben immer einen coolen Spruch parat und Riesenwummen. „Sucker Punch“ ist der fleischgewordene Traum aller kleinen und großen Jungs. Es ist die Offenbarung einer ganzen Generation Action liebender Schlachtplattenfans. Es ist der Beweis, dass gradlinige und fulminante Action manchmal wichtiger ist, als eine anspruchsvolle Story. Es ist die Katharsis für das hochtrabende Kunstfilmchen. Es nimmt mich mit in eine unglaubliche Welt, in der alles in Zeitlupe abläuft. Ich schwebe durch ein Universum aus Licht, Feuer und Lärm. Ich schwebe mit den holden Kriegsmaiden und sie vergöttern MICH! Denn ICH bin SUCKER PUNCH!
Trotz seiner bildgewaltigen Präsentation lässt der Film offensichtlich noch genug Raum für die eigene beflügelte Fantasie. „Sucker Punch“ ist großartige Unterhaltung für den kleinen Geist. Ein Rezept, dass wunderbar funktioniert und sofort Lust auf mehr Snyder macht. Bald dürfen wir uns ja auch auf seinen „Superman“ freuen. Das dürfte dann das nächste Fest für die verkümmerten Sinne werden.
Sucker Punch (USA, 2011): R.: Zack Snyder; D.: Emily Browning, Abbie Comish, Carla Cugino, u.a.; M.: Tyler Bates; Offizielle Homepage
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Donnerstag, 31. März 2011
Biutiful
Es war eine kleine Sensation. „Babel“ war eine relativ schlichte Produktion, der kaum Chancen eingeräumt wurde, auf dem internationalen Markt zu bestehen, geschweige denn, wichtige Filmpreise und Belobigungen zu erhalten. Die Gründe hierfür sind relativ klar. Es handelt sich um einen Episodenfilm, der zu drei Vierteln mit Untertiteln unterlegt ist. Das mag wichtig sein, um das eigentliche Thema – die Wirren der verschiedenen Sprachen – zu veranschaulichen, ist aber erfahrungsgemäß ein echter Publikumskiller. Die Überraschung war perfekt. Der Film erreichte ein enormes Einspielergebnis, floppte nicht einmal in den USA und kassierte Oscar-Nominierungen in allen wichtigen Kategorien, die er 2007 nur wegen der unglaublich dicht gesäten ebenbürdigen Konkurrenz nicht in Auszeichnungen umwandeln konnte. Alles in Allem war es ein voller Erfolg und Regisseur Inarritu hatte allen Grund, sich selbst die Schulter zu klopfen. Trotzdem hat er sich vier Jahre Zeit gelassen, einen neuen Film zu machen, der nun auch endlich in weimarer Kinos zu sehen ist.
Uxbal ist ein Kleinkrimineller, der sich in Barcelona durch schlägt. Seine Haupteinnahmequelle sind illegale Einwanderer aus Afrika, die sich als Straßenhändler und Dealer betätigen. Er verschafft ihnen gute Plätze und hält ihnen die Polizei vom Hals. Außerdem vermittelt er für ein paar chinesische Industrielle Jobs für deren illegale Arbeitskräfte. Zusätzlich betätigt er sich als Medium und wird von Menschen gerufen, die einen verstorbenen Mitmenschen betrauern. Er nutzt telepathische Fähigkeiten, um letzte Botschaften der Toten zu empfangen. Er weiß, dass ein Verstorbener niemals würde gehen können, wenn er in der Welt der Lebenden noch etwas unerledigt zurück gelassen hat. Nachdem er nach einer Routineuntersuchung beim Arzt eine erschütternde Nachricht erhält, will er sich verstärkt der Familie widmen, damit er eben nichts zurück lassen muss und in Frieden die Welt verlassen kann.
„Biutiful“ erzählt zwei Geschichten. Wir erleben einmal den etwas aufgeplusterten Leidensweg des kleinen Gangsters Uxbal, der immer wieder ins Mystische und auch ins Melodramatische, gar Kitschige abrutscht. Der andere Part ist wesentlich realistischer und härter und berichtet über das Leben am Rande der Gesellschaft in einer riesigen Stadt, wie Barcelona. Während Uxbal immer wieder in Szenen, familiärer Banalitäten zu sehen ist, führt uns Inarritu stets die ungeschönte Wahrheit vor Augen, was mitunter in schockierenden und drastischen Szenen gipfelt. An diesen Stellen kommt der Film aber immer wieder ins Straucheln, denn irgendwie wirken diese beiden Teile der Geschichte so inkompatibel, dass das Gesamtbild und die Glaubwürdigkeit des ganzen Films immer wieder Flöten geht. Allerdings schafft es der Film mit viel Mühe, den Zuschauer immer wieder auf den richtigen Weg zu bringen, und baut an den richtigen Stellen eine enorme Spannung auf. Trotzdem ist das Erzählkonzept von „Biutiful“ nicht so flüssig und ausgereift, wie das bei „Babel“ gelungen ist. Man gewinnt den Eindruck, der Film will zu viel erzählen und ist trotz seiner langen Laufzeit enorm voll gepackt und geradezu überladen. Trotz einiger Kleinigkeiten, die mich noch stören, was die technische Umsetzung mancher Szenen angeht, beeindruckt der Film allein durch die mächtigen und ausdrucksstarken Bilder, die ununterbrochen auf die Sinne prasseln und das war ja seinerzeit auch die größte Stärke von „Babel“.
„Biutiful“ ist gut, aber nicht so gut, wie man es angesichts der langen Produktionszeit und des fantastischen Hauptdarstellers hätte erwarten können. Die Mängel des Films sind eben nicht den Fähigkeiten der Mitwirkenden geschuldet, sondern dem Gesamtkonzept, welches sich einfach einen Tick zu viel vorgenommen hat. Sehenswert ist „Biutiful“ allemal, schon allein, um sich wieder mal zu beweisen, dass Javier Bardem einer der besten und vielseitigsten Schauspieler unserer Zeit ist, und es hoffentlich noch sehr lange bleiben wird.
Biutiful (ESP, MEX, 2010): R.: Alejandro Gonzales Inarritu; D.: Javier Bardem, Maricel Alvarez, Eduard Fernandez, u.a.; M.: Gustavo Santaolalla; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Uxbal ist ein Kleinkrimineller, der sich in Barcelona durch schlägt. Seine Haupteinnahmequelle sind illegale Einwanderer aus Afrika, die sich als Straßenhändler und Dealer betätigen. Er verschafft ihnen gute Plätze und hält ihnen die Polizei vom Hals. Außerdem vermittelt er für ein paar chinesische Industrielle Jobs für deren illegale Arbeitskräfte. Zusätzlich betätigt er sich als Medium und wird von Menschen gerufen, die einen verstorbenen Mitmenschen betrauern. Er nutzt telepathische Fähigkeiten, um letzte Botschaften der Toten zu empfangen. Er weiß, dass ein Verstorbener niemals würde gehen können, wenn er in der Welt der Lebenden noch etwas unerledigt zurück gelassen hat. Nachdem er nach einer Routineuntersuchung beim Arzt eine erschütternde Nachricht erhält, will er sich verstärkt der Familie widmen, damit er eben nichts zurück lassen muss und in Frieden die Welt verlassen kann.
„Biutiful“ erzählt zwei Geschichten. Wir erleben einmal den etwas aufgeplusterten Leidensweg des kleinen Gangsters Uxbal, der immer wieder ins Mystische und auch ins Melodramatische, gar Kitschige abrutscht. Der andere Part ist wesentlich realistischer und härter und berichtet über das Leben am Rande der Gesellschaft in einer riesigen Stadt, wie Barcelona. Während Uxbal immer wieder in Szenen, familiärer Banalitäten zu sehen ist, führt uns Inarritu stets die ungeschönte Wahrheit vor Augen, was mitunter in schockierenden und drastischen Szenen gipfelt. An diesen Stellen kommt der Film aber immer wieder ins Straucheln, denn irgendwie wirken diese beiden Teile der Geschichte so inkompatibel, dass das Gesamtbild und die Glaubwürdigkeit des ganzen Films immer wieder Flöten geht. Allerdings schafft es der Film mit viel Mühe, den Zuschauer immer wieder auf den richtigen Weg zu bringen, und baut an den richtigen Stellen eine enorme Spannung auf. Trotzdem ist das Erzählkonzept von „Biutiful“ nicht so flüssig und ausgereift, wie das bei „Babel“ gelungen ist. Man gewinnt den Eindruck, der Film will zu viel erzählen und ist trotz seiner langen Laufzeit enorm voll gepackt und geradezu überladen. Trotz einiger Kleinigkeiten, die mich noch stören, was die technische Umsetzung mancher Szenen angeht, beeindruckt der Film allein durch die mächtigen und ausdrucksstarken Bilder, die ununterbrochen auf die Sinne prasseln und das war ja seinerzeit auch die größte Stärke von „Babel“.
„Biutiful“ ist gut, aber nicht so gut, wie man es angesichts der langen Produktionszeit und des fantastischen Hauptdarstellers hätte erwarten können. Die Mängel des Films sind eben nicht den Fähigkeiten der Mitwirkenden geschuldet, sondern dem Gesamtkonzept, welches sich einfach einen Tick zu viel vorgenommen hat. Sehenswert ist „Biutiful“ allemal, schon allein, um sich wieder mal zu beweisen, dass Javier Bardem einer der besten und vielseitigsten Schauspieler unserer Zeit ist, und es hoffentlich noch sehr lange bleiben wird.
Biutiful (ESP, MEX, 2010): R.: Alejandro Gonzales Inarritu; D.: Javier Bardem, Maricel Alvarez, Eduard Fernandez, u.a.; M.: Gustavo Santaolalla; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Dienstag, 29. März 2011
Den hatte ich verpasst - Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt
„Nerd: (engl. für Schwachkopf) Der Nerd ist ein Soziotypus der Informationsgesellschaft.“ heißt es im Duden. Nerds verfügen außerdem über herausragende Videospiel-Kenntnisse (sog. Skills) und zeichnen sich durch ein enormes Fachwissen auf sehr speziellen Gebieten aus. Nerds sind außerdem außer Stande, zwischenmenschliche Beziehungen aufrecht zu erhalten und soziale Kontakte zu pflegen. Hinzu kommt eine konsequente Ignoranz gegenüber Ordnung oder Hygiene. Nerds gelten als Sonderlinge und vegetieren am Rande der Gesellschaft. Da Nerds weder psychisch noch physisch an irgendeiner diagnostizierbaren Krankheit zu leiden scheinen, gibt es nahezu keine Möglichkeit, sie von ihrem Leiden zu befreien. Das größte Problem hierbei scheint das mangelnde Verständnis dieser Gattung zu sein. Unsere Gesellschaft ist eben einfach nicht für Nerds geschaffen. Das erstaunlichste an Nerds ist aber, dass sie diesen Zustand der sozialen Isolation vollkommen bewusst wählen und alles dafür tun, ihn zu erhalten. Um ein anschauliches Beispiel zu nennen: Fängt die Mutter eines Nerds an, sich für die Hobbys ihres Sohnes zu interessieren, ist dieser auf dem besten Weg, bald kein Nerd mehr zu sein.
Scott Pilgrim ist 22 Jahre alt, lebt im fernen Land Toronto, Kanada, spielt Bass in der Band „Sex Bob Omb“ und datet was 17-jähriges. Knives ist 17, Chinesin und Scotts Freunde – allen voran seine Schwester – können es nicht fassen. Scott ist nämlich ein Möchtegern-Frauenheld und hat sich eigentlich noch gar nicht von seiner letzten Trennung erholt, die für ihn nicht hätte schmerzhafter sein können. Eines Tages trifft er auf Ramona Flowers. Sie ist das schönste und coolste Mädchen, das er je gesehen hat und weiß sofort und ganz sicher, dass sie die Richtige sein muss. Ohne zu zögern, macht sich Scott an sie heran und scheint tatsächlich bei Ramona landen zu können. Noch im Glückstaumel, stürmen mehrere große Probleme auf Scott ein. Er muss mit Knives Schluss machen, auch, wenn es ihm sehr schwer fällt und er es immer wieder hinaus zögert, bis es fast zu spät ist. Außerdem muss er sich der Liga der teuflischen Ex-Lover stellen, um Ramona endgültig für sich gewinnen zu können.
Hinter dieser normalen, ja geradezu banalen Liebesgeschichte verbirgt sich der verrückteste und ausgeflippteste Film der letzten Jahre. „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ fängt ganz harmlos an und bedient zunächst den dezenten und charmanten Humor, den man vielleicht aus „Scrubs“ oder „Garden State“ kennt. Sofort fällt auch die nerdige Note auf. Witze und Slapstick für die man eine gehörige Portion Understatement benötigt und bei denen man nicht weiß, ob man das wirklich den ganzen Film durchhält und witzig finden will. Doch „Scott Pilgrim“ ist in jeder Hinsicht unkonventionell und so steigert sich der Film in enormen Tempo bis hin zu völlig überzogenen Actioneinlagen und spektakulären Kämpfen, wie man sie bisher höchstens in zünftigen Prügelspielen an der Spielkonsole gesehen hat. Der Film wedelt hierbei regelmäßig mit offensichtlichen metaphorischen Dampframmen, damit auch keine Missverständnisse aufkommen könnten, worum es überhaupt geht. Hier treffen zwei extreme Gegensätze aufeinander. Kleine, charmante Teeniekomödie vs. Brachiale Actionklopperei. Regisseur Edgar Wright tobt sich richtig aus und persifliert gewissenhaft und ausführlich den ganzen Subkulturzweig der Nerdness mit allem was dazu gehört, nicht ohne sich gleichzeitig tief zu verbeugen und ihr ein zeitloses Denkmal zu setzen. Beeindruckend ist, dass der Film trotz des spektakulären Rahmens niemals den roten Faden der eigentlichen Story verliert, so albern sie auch sein mag. Wright ist Experte auf diesem Gebiet, zog er doch 2004 mit „Shaun Of The Dead“ erst die Zombies und 2007 mit „Hot Fuzz“ schließlich die Superpolizisten der britischen Provinz durch den Kakao. Bei diesen Filmen wird aber nicht einfach irgendein Film billig nachgemacht, sondern stets ein ganzes Genre mit intelligentem Humor auf die Schippe genommen. Zu welchem Genre „Scott Pilgrim“ zu zählen ist, fällt enorm schwer. Nennen wir es einfach ein grandioses Stück „Nerdness“
„Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ ist hierzulande ganz klammheimlich am großen Publikum vorbei gegangen, was ja eigentlich auch der Sinn der ganzen Sache sein müsste. Leider hat Hollywood kein Verständnis für solche Querulantenfilme, ebenso, wie die Gesellschaft kein Verständnis für Nerdtum aufbringen kann. Betrachtet man „Scott Pilgrim“ von der rein filmischen Seite, findet man ein unglaublich sorgfältig und detailverliebtes Kleinod und man darf um Himmels Willen nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen, sich ihn endlich anzusehen.
Scott Pilgrim vs. The World (USA, Kanada, 2010): R.: Edgar Wright; D.: Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead, Ellen Wong, u.a.; M.: Nigel Godrich
Scott Pilgrim ist 22 Jahre alt, lebt im fernen Land Toronto, Kanada, spielt Bass in der Band „Sex Bob Omb“ und datet was 17-jähriges. Knives ist 17, Chinesin und Scotts Freunde – allen voran seine Schwester – können es nicht fassen. Scott ist nämlich ein Möchtegern-Frauenheld und hat sich eigentlich noch gar nicht von seiner letzten Trennung erholt, die für ihn nicht hätte schmerzhafter sein können. Eines Tages trifft er auf Ramona Flowers. Sie ist das schönste und coolste Mädchen, das er je gesehen hat und weiß sofort und ganz sicher, dass sie die Richtige sein muss. Ohne zu zögern, macht sich Scott an sie heran und scheint tatsächlich bei Ramona landen zu können. Noch im Glückstaumel, stürmen mehrere große Probleme auf Scott ein. Er muss mit Knives Schluss machen, auch, wenn es ihm sehr schwer fällt und er es immer wieder hinaus zögert, bis es fast zu spät ist. Außerdem muss er sich der Liga der teuflischen Ex-Lover stellen, um Ramona endgültig für sich gewinnen zu können.
Hinter dieser normalen, ja geradezu banalen Liebesgeschichte verbirgt sich der verrückteste und ausgeflippteste Film der letzten Jahre. „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ fängt ganz harmlos an und bedient zunächst den dezenten und charmanten Humor, den man vielleicht aus „Scrubs“ oder „Garden State“ kennt. Sofort fällt auch die nerdige Note auf. Witze und Slapstick für die man eine gehörige Portion Understatement benötigt und bei denen man nicht weiß, ob man das wirklich den ganzen Film durchhält und witzig finden will. Doch „Scott Pilgrim“ ist in jeder Hinsicht unkonventionell und so steigert sich der Film in enormen Tempo bis hin zu völlig überzogenen Actioneinlagen und spektakulären Kämpfen, wie man sie bisher höchstens in zünftigen Prügelspielen an der Spielkonsole gesehen hat. Der Film wedelt hierbei regelmäßig mit offensichtlichen metaphorischen Dampframmen, damit auch keine Missverständnisse aufkommen könnten, worum es überhaupt geht. Hier treffen zwei extreme Gegensätze aufeinander. Kleine, charmante Teeniekomödie vs. Brachiale Actionklopperei. Regisseur Edgar Wright tobt sich richtig aus und persifliert gewissenhaft und ausführlich den ganzen Subkulturzweig der Nerdness mit allem was dazu gehört, nicht ohne sich gleichzeitig tief zu verbeugen und ihr ein zeitloses Denkmal zu setzen. Beeindruckend ist, dass der Film trotz des spektakulären Rahmens niemals den roten Faden der eigentlichen Story verliert, so albern sie auch sein mag. Wright ist Experte auf diesem Gebiet, zog er doch 2004 mit „Shaun Of The Dead“ erst die Zombies und 2007 mit „Hot Fuzz“ schließlich die Superpolizisten der britischen Provinz durch den Kakao. Bei diesen Filmen wird aber nicht einfach irgendein Film billig nachgemacht, sondern stets ein ganzes Genre mit intelligentem Humor auf die Schippe genommen. Zu welchem Genre „Scott Pilgrim“ zu zählen ist, fällt enorm schwer. Nennen wir es einfach ein grandioses Stück „Nerdness“
„Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ ist hierzulande ganz klammheimlich am großen Publikum vorbei gegangen, was ja eigentlich auch der Sinn der ganzen Sache sein müsste. Leider hat Hollywood kein Verständnis für solche Querulantenfilme, ebenso, wie die Gesellschaft kein Verständnis für Nerdtum aufbringen kann. Betrachtet man „Scott Pilgrim“ von der rein filmischen Seite, findet man ein unglaublich sorgfältig und detailverliebtes Kleinod und man darf um Himmels Willen nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen, sich ihn endlich anzusehen.
Scott Pilgrim vs. The World (USA, Kanada, 2010): R.: Edgar Wright; D.: Michael Cera, Mary Elizabeth Winstead, Ellen Wong, u.a.; M.: Nigel Godrich
Mal wieder gesehen - Catch Me If you Can
Nur wer hart und ehrlich arbeitet, wird es im Leben zu etwas bringen. Das ist zumindest die Botschaft, die den Kindern seit je her von Lehrern, Chefs, Eltern und allen, die auch nur im Ansatz als Respektsperson durchgehen könnte, in den Kopfe gehämmert wird. Und wie reagieren die lieben Kleinen? Entweder sie sagen „Leckt mich“, färben sich die Haare, zerreißen ihre Klamotten, verprügeln Polizisten und hören Musik, die ihren Eltern unter keinen Umständen gefallen darf. Ist das normal? Andere gehen gemäßigtere Wege mit verheerenden Folgen. Sie überlegen sich raffinierte Pläne, um durch Betrug und Täuschung das ganze System auszuhebeln und zusätzlich Unmengen von Geld zu ergaunern.
Frank Abagnale Junior ist berühmt. Er ist einer der erfolgreichsten Trickbetrüger der letzten Jahrzehnte und beschaffte sich durch Scheckbetrug mehr als 6 Millionen Dollar. Außerdem war er als Pilot, Arzt, Anwalt und Lehrer tätig, ohne überhaupt die Highschool abgeschlossen zu haben. Er war in den 70er Jahren der „Most Wanted Man“ und wurde von zahlreichen Behörden – allen voran das FBI – erbittert gejagt, bis er 1975 letztendlich in Frankreich gestellt wurde. Der Film erzählt die Geschichte der Familie Abagnale so, dass Franks Vater von chronischer Pleite verfolgt, von Banken und Geschäftspartnern um viel Geld und seine Existenz betrogen wurde. Wegen der Geldnöte verließ Franks Mutter ihren Mann und ihren Sohn. So macht er also die Banken für das Leid und den Zerfall seiner Familie verantwortlich. Mit einer unfassbaren Leichtigkeit und Dreistigkeit mogelt er sich durch die haarsträubendsten Lügen und kommt auch noch damit durch. Er gibt sich als Pilot aus und nimmt Freiflüge in Anspruch. Er bewirbt sich als Chefarzt an einer Klinik, um anschließend die Anwaltsprüfung abzulegen und sich als Heiratsschwindler betätigt. Stets sitzt ihm der ehrgeizige FBI-Agent Carl im Nacken, der in Frank nicht nur den raffiniertesten Betrüger seiner Karriere sieht, sondern auch einen ebenbürdigen Gegner.
Es scheint das neue Dreamteam in Hollywood zu sein. Steven Spielberg, Tom Hanks und Leonardo DiCaprio harmonieren in diesem Film dermaßen perfekt, als hätten sie in ihrer Karriere nie mit jemand anderem gearbeitet. Obwohl diese Kombination so gut funktionierte und der Film weltweit mehr als 350 Millionen Dollar einspielte, ging er bei den wichtigsten Filmpreisverleihungen leer aus. Die Gesetzmäßigkeiten in Hollywood versteht sowieso kein Mensch und wenn man auf die Oscars und Golden Globes pfeift, bekommt man eine Geschichtsstunde mit biographischen Zügen und dem unbestechlichen Hollywood-Unterhaltungswert. Der Film basiert auf der Autobiographie des echten Frank Junior und fängt den Charme der swinging sixtys – und seventys – authentisch ein. Auffallend und spannend zugleich ist, dass das Wesen von Helden und Vorbildern in dieser Zeit sehr prägend gewesen ist. Piloten und Ärzte waren prinzipiell Respektpersonen und ihre Integrität stand nie außer Frage. Vor allem das öffentliche Leben richtete sich voll und ganz nach dem Prinzip „Kleider machen Leute“. Mit enormen handwerklichem Geschick verarbeitet der Film dieses uralte Erzählmotiv, welches wir nicht zuletzt seit den Abenteuern des Tapferen Schneiderleins nur zu gut kennen. Erstaunt stellte man damals fest, dass der Herzensbrecher und Schönling aus „Romeo & Julia“ und „Titanic“, Leonardo DiCaprio, tatsächlich ein ernst zu nehmender und durchaus fähiger Schauspieler zu sein schien. Er liefert in diesem Film eine enorme Leistung ab, denn wie Frank, schlüpft er in die unterschiedlichsten Rollen, die er gut darstellen muss, um als raffinierter Trickbetrüger überzeugen zu können.
„Catch Me If You Can“ ist ein überaus gelungener und schöner Film, der auch nach beinahe einem Jahrzehnt nichts von seiner Faszination und seiner Aktualität verloren hat. Frank Abagnale Junior ist zwar ein Krimineller, der einem aber von Anfang an sympathisch vorkommt, denn schließlich hat er es ja nur auf das Geld der Mächtigen und Reichen abgesehen, womit wir, ganz nebenbei, ein weiteres uraltes Erzählmotiv entdeckt hätten. Nach seiner Festnahme wurde Frank übrigens vom FBI engagiert, um dort im Betrugsdezernat zu arbeiten. Er entwickelte unter anderem den ersten fälschungssicheren Scheck der Welt.
Catch Me If You Can (USA, 2002): R.: Steven Spielberg; D.: Leonardo Di Caprio, Tom Hanks, Christopher Walken, u.a.; M.: John Williams.
Frank Abagnale Junior ist berühmt. Er ist einer der erfolgreichsten Trickbetrüger der letzten Jahrzehnte und beschaffte sich durch Scheckbetrug mehr als 6 Millionen Dollar. Außerdem war er als Pilot, Arzt, Anwalt und Lehrer tätig, ohne überhaupt die Highschool abgeschlossen zu haben. Er war in den 70er Jahren der „Most Wanted Man“ und wurde von zahlreichen Behörden – allen voran das FBI – erbittert gejagt, bis er 1975 letztendlich in Frankreich gestellt wurde. Der Film erzählt die Geschichte der Familie Abagnale so, dass Franks Vater von chronischer Pleite verfolgt, von Banken und Geschäftspartnern um viel Geld und seine Existenz betrogen wurde. Wegen der Geldnöte verließ Franks Mutter ihren Mann und ihren Sohn. So macht er also die Banken für das Leid und den Zerfall seiner Familie verantwortlich. Mit einer unfassbaren Leichtigkeit und Dreistigkeit mogelt er sich durch die haarsträubendsten Lügen und kommt auch noch damit durch. Er gibt sich als Pilot aus und nimmt Freiflüge in Anspruch. Er bewirbt sich als Chefarzt an einer Klinik, um anschließend die Anwaltsprüfung abzulegen und sich als Heiratsschwindler betätigt. Stets sitzt ihm der ehrgeizige FBI-Agent Carl im Nacken, der in Frank nicht nur den raffiniertesten Betrüger seiner Karriere sieht, sondern auch einen ebenbürdigen Gegner.
Es scheint das neue Dreamteam in Hollywood zu sein. Steven Spielberg, Tom Hanks und Leonardo DiCaprio harmonieren in diesem Film dermaßen perfekt, als hätten sie in ihrer Karriere nie mit jemand anderem gearbeitet. Obwohl diese Kombination so gut funktionierte und der Film weltweit mehr als 350 Millionen Dollar einspielte, ging er bei den wichtigsten Filmpreisverleihungen leer aus. Die Gesetzmäßigkeiten in Hollywood versteht sowieso kein Mensch und wenn man auf die Oscars und Golden Globes pfeift, bekommt man eine Geschichtsstunde mit biographischen Zügen und dem unbestechlichen Hollywood-Unterhaltungswert. Der Film basiert auf der Autobiographie des echten Frank Junior und fängt den Charme der swinging sixtys – und seventys – authentisch ein. Auffallend und spannend zugleich ist, dass das Wesen von Helden und Vorbildern in dieser Zeit sehr prägend gewesen ist. Piloten und Ärzte waren prinzipiell Respektpersonen und ihre Integrität stand nie außer Frage. Vor allem das öffentliche Leben richtete sich voll und ganz nach dem Prinzip „Kleider machen Leute“. Mit enormen handwerklichem Geschick verarbeitet der Film dieses uralte Erzählmotiv, welches wir nicht zuletzt seit den Abenteuern des Tapferen Schneiderleins nur zu gut kennen. Erstaunt stellte man damals fest, dass der Herzensbrecher und Schönling aus „Romeo & Julia“ und „Titanic“, Leonardo DiCaprio, tatsächlich ein ernst zu nehmender und durchaus fähiger Schauspieler zu sein schien. Er liefert in diesem Film eine enorme Leistung ab, denn wie Frank, schlüpft er in die unterschiedlichsten Rollen, die er gut darstellen muss, um als raffinierter Trickbetrüger überzeugen zu können.
„Catch Me If You Can“ ist ein überaus gelungener und schöner Film, der auch nach beinahe einem Jahrzehnt nichts von seiner Faszination und seiner Aktualität verloren hat. Frank Abagnale Junior ist zwar ein Krimineller, der einem aber von Anfang an sympathisch vorkommt, denn schließlich hat er es ja nur auf das Geld der Mächtigen und Reichen abgesehen, womit wir, ganz nebenbei, ein weiteres uraltes Erzählmotiv entdeckt hätten. Nach seiner Festnahme wurde Frank übrigens vom FBI engagiert, um dort im Betrugsdezernat zu arbeiten. Er entwickelte unter anderem den ersten fälschungssicheren Scheck der Welt.
Catch Me If You Can (USA, 2002): R.: Steven Spielberg; D.: Leonardo Di Caprio, Tom Hanks, Christopher Walken, u.a.; M.: John Williams.
Montag, 28. März 2011
Jack In Love
Wenn sich Hollywood-Schauspieler einmal etabliert haben, versuchen die meisten, ihrem Kurs treu zu bleiben und machen keine Experimente. Ist man durch einen Actionfilm berühmt geworden, bleibt man dabei und dreht eben nur noch Actionfilme. Man wird zum Actionstar und keinen interessiert es, ob man vielleicht auch Dramen oder Komödien spielen möchte. Philip Seymour Hoffman ist Schauspieler, hat in so vielen Filmen eher kleinere Rollen gespielt, dass Sie ihn garantiert schon gesehen haben, ohne ihn zu erkennen und ist dabei dermaßen wandlungsfähig – nicht nur äußerlich. Nun wagt er einen Schritt, den wenige Schauspieler zuvor erfolgreich absolvieren konnten: Er führt Regie im kleinen Stil bei „Jack in Love“
Wie der Titel vermuten lässt, geht es um Jack. Der liebt Reggae, trägt rudimentäre Rastas, arbeitet bei einem Limousinen-Service und hat nur seine besten Freunde Clyde und Lucy. Er ist recht zufrieden mit einem Leben, erlebt allerdings nicht viel Spektakuläres. Seine Freunde stört das so sehr, dass sie sich entschließen, ihn auf Vordermann zu bringen. Am einfachsten – denken sie – geht das, indem man Jack mit der bezaubernden, aber unglaublich schüchternen Conny verkuppelt. Das scheint auch ganz gut zu klappen und die beiden vertragen sich wunderbar. Dann gibt es einige kleinere Hindernisse. Conny will mit Jack im Sommer Boot fahren. Jack hat nun nur wenige Monate Zeit, Schwimmen zu lernen. Sein Kumpel Clyde will es ihm beibringen. Dann erzählt Conny, dass noch nie jemand für sie gekochte hätte. Ganz klar, dass Jack das übernehmen möchte. Allerdings kann er nicht kochen. So besorgt ihm Lucy einen Superkoch, der Jack in die Künste des Essenmachens einführt. Jack kniet sich also ordentlich rein, um es seinen beiden besten Freunden recht zu machen und natürlich, um bei Conny erfolgreich landen zu können.
„Jack in Love“ basiert auf einem Bühnenstück von Robert Glaudini und fügt sich damit perfekt in das Profil von Projekten, die Philip Seymour Hoffmans Interesse wecken. Auch „Glaubensfrage“ von 2008 wurde aus einem Theaterstück adaptiert. Theaterstücke sind aber keine Filme und nur die wenigsten Regisseure haben es bis jetzt hingekriegt, diesen Umstand aus zu bügeln, oder sogar zu nutzen. Gerade an „Jack in Love“ merkt man, wie unterschiedlich Theater und Film tatsächlich sein können. Muss man die Leistung der Schauspieler – im Speziellen Philip Seymour Hoffman – loben, zieht man Minuspunkte bei der Dramaturgie ab. Hinzu kommt eine altbackene Inszenierung und uninspirierte Bilder eines grauen, verschneiten New Yorks. Die Dialoge wirken irgendwie plastisch und gekünstelt und bis auf einige rohe Entgleisungen sind insbesondere John Ortiz und Daphne Rubin-Vega nicht in der Lage, überzeugende Gefühlsregungen zu zeigen. Sie spielen eben das Vorzeigepärchen, dass die typischen Beziehungsprobleme hat. Auch, wenn sie sich in Jacks Leben einmischen und alles tausendmal besser wissen als er, sind sie offensichtlich nicht in der Lage, ganz klare Probleme ihrer eigenen Beziehung zu lösen. Es lohnt sich allerdings nicht, sich zu sehr darüber aufzuregen, denn im Grunde ist „Jack in Love“ nichts besonderes. Es ist schön, zu sehen, dass Philip Seymour Hoffman immer noch ein guter Schauspieler ist, der wahrscheinlich wirklich jede Rolle perfekt spielen kann, solange er sich irgendwie damit identifizieren kann. Als Regisseur hat eine eher durchschnittliche Leistung absolviert, die in seinem nächsten Projekt auf jeden Fall ausbaufähig ist.
„Jack In Love“ ist aber nicht vollkommen abzulehnen, und die Sympathie, die man seinem Regisseur entgegen bringt, lässt über die gravierenden Mängel etwas hinweg sehen. Es ist ein Erstling mit allen Ecken und Kanten und weil es eben um die liebe Liebe geht, lassen wir das nochmal durchgehen.
Jack Goes Boating (USA, 2010): R.: Philip Seymour hoffman; D.: Philip Seymour Hoffman, John Ortiz, Daphne Rubin-Vega, u.a.; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Wie der Titel vermuten lässt, geht es um Jack. Der liebt Reggae, trägt rudimentäre Rastas, arbeitet bei einem Limousinen-Service und hat nur seine besten Freunde Clyde und Lucy. Er ist recht zufrieden mit einem Leben, erlebt allerdings nicht viel Spektakuläres. Seine Freunde stört das so sehr, dass sie sich entschließen, ihn auf Vordermann zu bringen. Am einfachsten – denken sie – geht das, indem man Jack mit der bezaubernden, aber unglaublich schüchternen Conny verkuppelt. Das scheint auch ganz gut zu klappen und die beiden vertragen sich wunderbar. Dann gibt es einige kleinere Hindernisse. Conny will mit Jack im Sommer Boot fahren. Jack hat nun nur wenige Monate Zeit, Schwimmen zu lernen. Sein Kumpel Clyde will es ihm beibringen. Dann erzählt Conny, dass noch nie jemand für sie gekochte hätte. Ganz klar, dass Jack das übernehmen möchte. Allerdings kann er nicht kochen. So besorgt ihm Lucy einen Superkoch, der Jack in die Künste des Essenmachens einführt. Jack kniet sich also ordentlich rein, um es seinen beiden besten Freunden recht zu machen und natürlich, um bei Conny erfolgreich landen zu können.
„Jack in Love“ basiert auf einem Bühnenstück von Robert Glaudini und fügt sich damit perfekt in das Profil von Projekten, die Philip Seymour Hoffmans Interesse wecken. Auch „Glaubensfrage“ von 2008 wurde aus einem Theaterstück adaptiert. Theaterstücke sind aber keine Filme und nur die wenigsten Regisseure haben es bis jetzt hingekriegt, diesen Umstand aus zu bügeln, oder sogar zu nutzen. Gerade an „Jack in Love“ merkt man, wie unterschiedlich Theater und Film tatsächlich sein können. Muss man die Leistung der Schauspieler – im Speziellen Philip Seymour Hoffman – loben, zieht man Minuspunkte bei der Dramaturgie ab. Hinzu kommt eine altbackene Inszenierung und uninspirierte Bilder eines grauen, verschneiten New Yorks. Die Dialoge wirken irgendwie plastisch und gekünstelt und bis auf einige rohe Entgleisungen sind insbesondere John Ortiz und Daphne Rubin-Vega nicht in der Lage, überzeugende Gefühlsregungen zu zeigen. Sie spielen eben das Vorzeigepärchen, dass die typischen Beziehungsprobleme hat. Auch, wenn sie sich in Jacks Leben einmischen und alles tausendmal besser wissen als er, sind sie offensichtlich nicht in der Lage, ganz klare Probleme ihrer eigenen Beziehung zu lösen. Es lohnt sich allerdings nicht, sich zu sehr darüber aufzuregen, denn im Grunde ist „Jack in Love“ nichts besonderes. Es ist schön, zu sehen, dass Philip Seymour Hoffman immer noch ein guter Schauspieler ist, der wahrscheinlich wirklich jede Rolle perfekt spielen kann, solange er sich irgendwie damit identifizieren kann. Als Regisseur hat eine eher durchschnittliche Leistung absolviert, die in seinem nächsten Projekt auf jeden Fall ausbaufähig ist.
„Jack In Love“ ist aber nicht vollkommen abzulehnen, und die Sympathie, die man seinem Regisseur entgegen bringt, lässt über die gravierenden Mängel etwas hinweg sehen. Es ist ein Erstling mit allen Ecken und Kanten und weil es eben um die liebe Liebe geht, lassen wir das nochmal durchgehen.
Jack Goes Boating (USA, 2010): R.: Philip Seymour hoffman; D.: Philip Seymour Hoffman, John Ortiz, Daphne Rubin-Vega, u.a.; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Donnerstag, 17. März 2011
Rango
Habe ich nicht neulich noch vom sterbenden Genre des Western gesprochen? Hollywood reagiert mal wieder super schnell und beweist, dass Western noch lange nicht tot sind und sich sogar eignen, einen knuddeligen CGI-Film im Land der untergehenden Sonne an zu siedeln.
Unser Held ist eine Kreuzung aus Chamäleon und Gecko und lebt zufrieden in seinem Terrarium zusammen mit kopfloser Barbie, Plastepalme und Aufziehfisch. Mit dieser Truppe hat er schon zahlreiche erfolgreiche Theater- und Musicalinszenierungen realisiert und die Proben für den neuesten Streich sind in vollem Gange. Da geschieht das Unglück und die Echse fällt in ihrem Glaskasten aus dem fahrenden Auto auf die Straße. Nach kurzer Orientierung und der stürmischen Bekanntschaft mit einem Habicht, kommen wir in Dreck an. Ein kleines Städtchen mitten in der Wüste, dessen Einwohner unter chronischem Wassermangel leiden. Das wirkt sich auch auf deren Gemütszustand aus und irgendwie sind die Leute von Dreck alle bekloppt. Unser Held sieht hier allerdings die Chance seines Lebens. Er nennt sich ab sofort Rango, der Furchtlose, der die gefürchteten Jenkins-Brüder mit nur einer Kugel getötet hat und dessen Bruder Klapperschlangen-Jake heißt. Rango ist der Held, der Recke, der Draufgänger, den Dreck braucht. Rango wird sie alle fertig machen und ihnen das Wasser bringen. Doch natürlich haben ein paar böse Jungs ganz andere Pläne.
Gore Verbinski war für mich immer ein typischer Marionettenregisseur. Er war der Regisseur der „Fluch der Karibik“-Filme, hinter denen ein ganz anderer Name meistens viel größer steht. Im Schatten eines Superproduzenten, wie Jerry Bruckheimer, bleibt einem natürlich nicht viel Raum zur kreativen Entfaltung. Klar, dass auch der Ruhm entsprechend verteilt wird und niemand so richtig weiß, wer zum Teufel eigentlich Gore Verbinski ist. Allerdings hat er vor seiner Piratenphase „Das Ritual“ und „Mäusejagd“ gemacht - zwei Filme, die man getrost vergessen kann – und „The Mexican“ und „Ring“ - zwei Filme, die man eigentlich auch vergessen kann, die aber zumindest vom handwerklichen Aspekt sehr interessant und durchaus gelungen sind. Sie zeigen zumindest, dass Verbinski auch ohne Megaproduzenten im Rücken arbeiten kann und funktionierende Filme auf die Beine stellen kann. „Rango“ zitiert nun ganz frech alle möglichen anderen Filme, zelebriert das Westerngenre mit so viel Freude und Enthusiasmus, dass John Wayne die Tränen kommen würden, spielt mit einer lockeren Mischung aus Disneyromantik und Tarantino-Shoot-Out mit den Gefühlen und Emotionen der Zuschauer und wendet obendrein noch ein absolut innovatives Arbeitsverfahren an. Die Schauspieler Johnny Depp und Isla Fisher, die den Hauptfiguren ihre Stimmen leihen, haben im Studio die einzelnen Szenen wirklich gespielt, nur dass eben nicht das Bild, sondern der Ton aufgenommen wurde und die Animationen den entsprechenden Stimmungen nachträglich angepasst wurde. Nur kurz zur Erläuterung: Bei uns stehen die Synchronsprecher vor einem Bildschirm und achten auf die Lippenbewegung der zu synchronisierenden Probanden. Dabei gehen sie Satz für Satz vor und oft interagieren sie Sprecher nicht mal miteinander, wenn sie Dialoge sprechen sollen.
„Rango“ ist durch und durch gelungen. Die Geschichte ist packend und sogar spannend. Die Figuren sind sehr ulkig, wirken aber nicht aufgesetzt. Die ganze Ästhetik ist schmutzig und hat einen sehr realistisch aussehenden Used-Look. Technisch ist alles auf dem neuesten Stand und die animierten Landschaften und Fahrzeuge sehen unglaublich echt aus. „Rango“ beweist, dass man die Kreativität nicht einpacken muss, nur weil man den Film am Computer macht. Die Story muss eben nicht computeranimiert sein.
Rango (USA, 2011): R.: Gore Verbinski; OVA.: Johnny Depp, Isla Fisher, Bill Nighy, u.a.; M.: Hans Zimmer; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Unser Held ist eine Kreuzung aus Chamäleon und Gecko und lebt zufrieden in seinem Terrarium zusammen mit kopfloser Barbie, Plastepalme und Aufziehfisch. Mit dieser Truppe hat er schon zahlreiche erfolgreiche Theater- und Musicalinszenierungen realisiert und die Proben für den neuesten Streich sind in vollem Gange. Da geschieht das Unglück und die Echse fällt in ihrem Glaskasten aus dem fahrenden Auto auf die Straße. Nach kurzer Orientierung und der stürmischen Bekanntschaft mit einem Habicht, kommen wir in Dreck an. Ein kleines Städtchen mitten in der Wüste, dessen Einwohner unter chronischem Wassermangel leiden. Das wirkt sich auch auf deren Gemütszustand aus und irgendwie sind die Leute von Dreck alle bekloppt. Unser Held sieht hier allerdings die Chance seines Lebens. Er nennt sich ab sofort Rango, der Furchtlose, der die gefürchteten Jenkins-Brüder mit nur einer Kugel getötet hat und dessen Bruder Klapperschlangen-Jake heißt. Rango ist der Held, der Recke, der Draufgänger, den Dreck braucht. Rango wird sie alle fertig machen und ihnen das Wasser bringen. Doch natürlich haben ein paar böse Jungs ganz andere Pläne.
Gore Verbinski war für mich immer ein typischer Marionettenregisseur. Er war der Regisseur der „Fluch der Karibik“-Filme, hinter denen ein ganz anderer Name meistens viel größer steht. Im Schatten eines Superproduzenten, wie Jerry Bruckheimer, bleibt einem natürlich nicht viel Raum zur kreativen Entfaltung. Klar, dass auch der Ruhm entsprechend verteilt wird und niemand so richtig weiß, wer zum Teufel eigentlich Gore Verbinski ist. Allerdings hat er vor seiner Piratenphase „Das Ritual“ und „Mäusejagd“ gemacht - zwei Filme, die man getrost vergessen kann – und „The Mexican“ und „Ring“ - zwei Filme, die man eigentlich auch vergessen kann, die aber zumindest vom handwerklichen Aspekt sehr interessant und durchaus gelungen sind. Sie zeigen zumindest, dass Verbinski auch ohne Megaproduzenten im Rücken arbeiten kann und funktionierende Filme auf die Beine stellen kann. „Rango“ zitiert nun ganz frech alle möglichen anderen Filme, zelebriert das Westerngenre mit so viel Freude und Enthusiasmus, dass John Wayne die Tränen kommen würden, spielt mit einer lockeren Mischung aus Disneyromantik und Tarantino-Shoot-Out mit den Gefühlen und Emotionen der Zuschauer und wendet obendrein noch ein absolut innovatives Arbeitsverfahren an. Die Schauspieler Johnny Depp und Isla Fisher, die den Hauptfiguren ihre Stimmen leihen, haben im Studio die einzelnen Szenen wirklich gespielt, nur dass eben nicht das Bild, sondern der Ton aufgenommen wurde und die Animationen den entsprechenden Stimmungen nachträglich angepasst wurde. Nur kurz zur Erläuterung: Bei uns stehen die Synchronsprecher vor einem Bildschirm und achten auf die Lippenbewegung der zu synchronisierenden Probanden. Dabei gehen sie Satz für Satz vor und oft interagieren sie Sprecher nicht mal miteinander, wenn sie Dialoge sprechen sollen.
„Rango“ ist durch und durch gelungen. Die Geschichte ist packend und sogar spannend. Die Figuren sind sehr ulkig, wirken aber nicht aufgesetzt. Die ganze Ästhetik ist schmutzig und hat einen sehr realistisch aussehenden Used-Look. Technisch ist alles auf dem neuesten Stand und die animierten Landschaften und Fahrzeuge sehen unglaublich echt aus. „Rango“ beweist, dass man die Kreativität nicht einpacken muss, nur weil man den Film am Computer macht. Die Story muss eben nicht computeranimiert sein.
Rango (USA, 2011): R.: Gore Verbinski; OVA.: Johnny Depp, Isla Fisher, Bill Nighy, u.a.; M.: Hans Zimmer; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
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