Freitag, 22. Mai 2009
Zwangspause
Sei es wie es sei: Es ist Feiertag und deshalb auch kein reguläres Programm bei Radio Lotte, weshalb auch die Rezension in dieser Woche flach fällt. Das passt mir ganz gut, denn gerade in dieser Woche ist die Zahl, vorstellungswürdiger Filme enorm klein. Mit anderen Worten, ich weiß nicht, was ich mir hätte ansehen sollen. Ein Phänomen, dass man erst bemerkt, wenn man regelmäßig ins Kino geht: Irgendwann hat man alles Sehenswerte gesehen. Werfen wir deshalb einen kleinen Blick zurück auf das bisherige Kinojahr 2009. Ein Kinojahr, welches in erster Linie durch Enttäuschungen geprägt gewesen ist. Fortsetzungen von ohnehin schon blöden Filmen, die kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervor locken konnten, großartig angekündigte Filme, die außer viel heiße Luft nichts zu bieten hatten. Zwischendurch immer wieder die Bestätigung, dass es die alten Hollywoodsäcke es einfach immer noch am besten können. Aber anstatt mich nochmal über die Filme aufzuregen und zu äußern, die ich schon vorgestellt habe, widme ich mich hier lieber einigen Perlen, die hier noch keine Erwähnung gefunden haben.
Angenehm überrascht war ich von „Freitag der 13.“. Wieder ein Remake von Platin Dunes, der Produktionsfirma, die sich schon anderer Horror-Klassiker angenommen hat, um sie neu zu verfilmen. Zu nennen wären da die neuen Versionen von „Texas Chainsaw Massacre“ und „Halloween“. Die wurden im Vergleich zu ihren Originalen kaum verändert. Eben nur ein bisschen aufgepeppt, härter und schneller gemacht und das ganze mit zeitgemäßen Schockeffekten unterlegt. Dieses Konzept scheint aufzugehen, denn der neue „Freitag der 13.“ versetzt einen wieder ins Ur-Setting der Serie, lässt den ganzen Quatsch mit Hölle und Weltraum weg und liefert eine unterhaltsame klassische Slasher-Party. Nach dem gleichen Konzept will Platin Dunes übrigens auch die komplette (!) „Nightmare On Elmstreet“- Reihe bearbeiten.
Wo wir grade von Horrorfilmen sprechen: Da ist noch ein Film, über den man in den letzten Tagen einiges zu lesen bekam „Antichrist“ heißt der neue Film von Lars von Trier und in den Hauptrollen sind Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe zu sehen. Die Story ist hier völlig unwichtig, denn es läuft auf ungeschnittene Sex-Szenen und deftige Folter-Passagen am laufenden Band hinaus. Offenbar war von Trier depressiv und das schlägt sich in diesem Film eben nieder. Bei den Erlebnisberichten, die ich gelesen habe, frage ich mich zwei Sachen. Muss ich mir diesen Film ansehen? Und warum muss ein Regisseur, der immer gegen sämtliche Konventionen gekämpft hat und sich letztlich erfolgreich in der Filmwelt etabliert hat, jetzt auch auf der Ekel- und Gewaltwelle fahren, die durch die Kinos fegt. Höher! Schneller! Kopf ab! Nur weiter so. „Antichrist“ hat in Deutschland am 10. September Bundestart.
Zu empfehlen wäre dagegen der neue Film mit Julia Roberts und Clive Owen „Duplicity“. Hier dreht sich auf sehr verwirrende Weise alles um Industriespionage und natürlich um die Liebe. Sehr gewitzte Dialoge und eine sehr clever konstruierte Story machen das ganze zu einem kurzweiligen kleinen Film. Selbstverständlich darf man nicht all zu anspruchsvolle Unterhaltung erwarten, aber, wann hat schon mal jemand Paul Giamatti ohne Bart gesehen? Ab ins Kino und angucken.
Dann gibt es ein paar Filme, die für dieses Jahr angekündigt waren, auf die man aber vergeblich warten sollte. Geradezu unkommentiert kann man die Meldungen stehen lassen, dass Peter Jackson das Computerspiel „Halo“ verfilmen will. Abgesehen von dieser haarsträubenden Nachricht, gab es bisher keine Neuigkeiten. Schaut man dieser Tage bei IMDB vorbei, sieht man, dass das Veröffentlichungsjahr auf 2012 korrigiert wurde. Genau so erging es der Kinoversion von Warcraft. Die soll man ab 2011 im Kino genießen dürfen. Dass Computerspiele einfach nicht ins Kino gehören, hat bisher noch niemand so richtig begriffen.
„The Hobbit“ nimmt dagegen immer mehr realistische Formen an. Nun soll Guillermo del Torro Regie führen und Peter Jackson fungiert als Produzent. Die Dreharbeiten dazu beginnen nächstes Jahr. Zwei Jahre später soll er dann fertig sein. Verschiedene Gerüchte treiben dem Hobby Ork Schweißperlen auf die Stirn. Regisseur und Produzent könnten sich durchaus vorstellen, einen CGI-Film daraus zu machen und Ralph Möller behauptet, eine Rolle im Film zu spielen.
Das ist jedoch alles noch Zukunftsmusik, die wir einfach noch nicht hören können. In greifbarer Nähe sind dagegen andere Zukunftsszenarien. Anfang Juni startet der neueste Teil der Terminator Serie. Mit neuem Schauspieler-Ensemble und einem neuen Konzept, will man der Serie wieder die Ernsthaftigkeit und Beklemmung ein hauchen, die sie ursprünglich haben sollte. Im November kommt außerdem der neue Film von Roland Emmerich. „2012“ heißt er und wieder einmal geht die Welt unter. Die Story begründet sich auf Maya-Mythologie. Demnach endet der Maya-Kalender am 20.12.2012. Für dieses Datum ist eine weltweite und einschneidende Veränderung aller Lebensverhältnisse prophezeit. Der Film interpretiert das wie folgt, in dem er eine Reihe von Katastrophen inszeniert. Alles schon mal gehabt, aber selten so spektakulär. Eine Flutwelle, die den Himalaja überspült, gab es einfach noch nie.
Dazu das übliche Harry-Potter-Geplänkel, zahlreiche komische CGI-Kinderfilme und – man halte sich bitte fest – natürlich vergeht kein Jahr, ohne einen neuen Film der SAW-Reihe. Dieser Film wird noch ekliger werden, die Puzzle-Fallen noch genialer, Jigsaw wird wieder sterben und doch nicht tot sein. Das ganze trägt den kreativen Titel „SAW 6“ und startet am 10. Oktober.
Letzter Titel für heute soll sein „The Limits of Control“. Der neue Jim Jarmush Film startet nächste Woche und ich werde einen genaueren Blick riskieren. Die Ergebnisse gibt es dann, wie immer, hier nach zu lesen.
Sonntag, 17. Mai 2009
J.J. Abrahms - Star Trek
Stille herrscht im so oft gepriesenem Weltraum. Die unendlichen Weiten sind vor allem weitgehend unangetastet und die Menschheit hat gerade erst begonnen, zu Galaxien vorzudringen, die noch kein Mensch zuvor gesehen hat. Das Erdenschiff „Kelvin“ patrouilliert vor sich hin und empfängt plötzlich seltsame magnetische Anomalien. Auf einmal öffnet sich ein Schlund, ein riesiges Raumschiff taucht auf und eröffnet das Feuer. Die Kelvin wird zerstört. Allerdings wird ein Großteil der Besatzung gerettet, was im wesentlich dem heldenhaften Einsatz von Commander George Kirk zu verdanken ist, der dabei sein Leben lässt. Vorher wurde noch sein Sohn geboren und in seinen letzten Minuten einigt sich George mit der Mutter auf den Namen „James Tiberius“. 25 Jahre später lebt sich der künftige Weltraumheld in Iowa als rebellischer Tunichtgut aus und denkt überhaupt nicht daran in die Fußstapfen seines berühmten Vaters zu treten. Eines Tages wird er von einem Sternenflottenoffizier angesprochen, der Kirk nahe legt, sich bei der Akademie einzuschreiben und schon in wenigen Jahren Kommandant eines Raumschiffs zu werden. James überlegt nicht lange und steigt am nächsten Morgen in die Raumfähre zur Akademie ein. Allerdings scheint er mehr an der hübschen Sprachexpertin Uhura interessiert zu sein. Im Shuttle trifft er auf einen hypochondrischen Arztlehrling mit Flugangst und die beiden Querulanten werden Freunde Zusammen mit seinem neuen besten Freund „Pille“ meistert er die Herausforderungen an der Akademie mehr schlecht als recht und wird schließlich dem Kommando von Captain Pike auf der nagelneuen Enterprise zugeteilt. Hier treffen sie auf den Vulkanier Spock, der ein absoluter Vorzeigestudent mit Bestnoten ist und sogleich zum stellvertretenden Captain ernannt wird. Nach zahlreichen kleinen Auseinandersetzungen wird die Lage ernst. Ein Notruf vom verbündeten Planeten Vulkan veranlasst die Flotte zu einer Rettungsaktion. Doch dort empfängt sie der finstere Romulaner Nero.
J.J. Abrahms hat Kreativität und vor allem Mut bewiesen. Genau, wie die klingonische Sprache, hat sich Star Trek nämlich zu einem überaus komplizierten Konstrukt entwickelt. Zahlreiche Geschichten sind zu einer großen Historie verschmolzen, die in jedem Punkt logisch und nachvollziehbar ist. Jedes Ereignis, dass in einem der Filme statt findet, muss in irgendeiner Weise zum großen Ganzen passen. Logisch ist hierbei auch, dass der Kreativität entsprechend enge Grenzen gesteckt sind. Eine neue Star Trek Episode zu erzählen hat sich bisher immer nur ein Team aus alt eingesessenen Star Trek Veteranen getraut. Namentlich Rick Berman, Jonathan Frakes, Levar Burton, Brent Spiner oder auch Patrick Stewart. Von diesen alten Hasen fehlt im neuen Film jede Spur und wir haben eine Menge frisches Blut. J.J. Abrahms nimmt die Star Trek Elemente, die schon immer Spaß gemacht haben, lässt die langweiligen, bierernsten Komponente weg und würzt das ganze mit zeitgemäßer Optik und Action und vielen, vor allem unverbrauchten, jungen Gesichtern. Dass hierbei die Philosophie und die moralische Botschaft etwas auf der Strecke bleibt, tut dem Film meiner Meinung nach keinen Abbruch.
Es wurde höchste Zeit für das schonungslose Aufpeppen des gesamten Franchise. Mögen die Trekkies Amok laufen und die Produzenten lynchen, wenn es sie glücklich macht. Star Trek 11 ist supercool, kurzweilig und bietet den perfekten Einstieg für alle Neulinge und für alle, denen Star Trek einfach zu komplex und kompliziert geworden ist.
Star Trek (USA 2009): R.: J.J. Abrahms; D.: Chris Pine, Zachery Quinto, Carl Urban, u.a.; M.: Michael Giacchino; Offizielle Homepage
On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr bei Radio Lotte Weimar
Sonntag, 10. Mai 2009
Gus Van Sant - Milk
Harvey Milk ist ein homosexueller Büroangestellter in New York. Er führte bisher ein eher biederes Leben und lebte seine Homosexualität vor allem heimlich aus, da es in den 70er Jahren ernste Konsequenzen bedeutete, sich öffentlich dazu zu bekennen. An seinem vierzigsten Geburtstag lernt Harvey den jungen Scott kennen und verliebt sich in ihn. Kurz darauf entschließen sich beide, nach San Francisco zu gehen, weil sie glauben, dort in Ruhe leben zu können. Dort angekommen, merken sie allerdings, dass selbst in tollsten Hippievierteln kein Platz für Homosexuelle ist. Harvey sieht nur einen Weg, sich Gehör und vor allem Gleichberechtigung zu verschaffen, nämlich den politischen. Er kandidiert als Stadtrat in San Francisco und obwohl alle Chancen gegen ihn stehen und er bei mehreren Wahlen eine Niederlage erfährt, schafft er es 1978 und wird dank einer regelrecht viralen Werbekampagne und vielen Unterstützern zum ersten öffentlich bekennenden schwulen Stadtrat in einer amerikanischen Stadt. In Amt und Würden tun sich nicht nur mehr Möglichkeiten für Harveys Ziele auf, es offenbaren sich neue Schwierigkeiten und mehr und mehr politische Gegner.
"Milk" basiert auf wahren Ereignissen und wurde vom Regie-Querulanten Gus Van Sant nüchtern und trotzdem packend in Szene gesetzt. Hier wird durch einen einfachen Kniff eine besonders hohe Authentizität bewirkt. Das Bild sieht immer ein bisschen staubig aus und die Kamera steht nie so richtig still. Dadurch wirkt das ganze, wie eine alte Dokumentation, die man sich auf einem ebenso alten Projektor ansieht. Technische Spielereien, die kein Mensch braucht, werden manche sagen, aber dadurch wird alles wesentlich intensiver für den Zuschauer. Intensiv ist auch Hauptdarsteller Sean Penn zu erleben, der seine Performance vorbereitete, in dem er sich Fotos und Filmaufnahmen vom echten Harvey Milk ansah. Für seine ungewöhnlich beeindruckende Leistung ist Sean Penn mit dem Oscar ausgezeiczhnet worden. Außerdem sind zu sehen Emile Hirsch und James Franco, der zu letzt im wenig rühmlichen dritten Teil der Spider-Man-Filme als grüner Kobold zu sehen war.
"Milk" ist ein spannendes Portrait über einen Mann, der sich gegen sämtliche Hindernisse warf, um die Rechte einer sozialen Minderheit zu festigen. Solche Menschen hat es schon immer gegeben und einem jeden von ihnen haben wir Veränderungen historischen Ausmaßes zu verdanken. Noch eines haben diese Menschen leider auch gemeinsam. Wie Harvey Milk sammeln sie eine große Zahl von Feinden an und einer dieser Feinde geht den letzten Schritt. Harvey Milk wurde kurz nach der Entscheidung gegen Anti-Schwulen-Gesetze in Kalifornien von einem Amtskollegen im Rathaus erschossen.
Milk (USA 2008): R.: Gus Van Sant; D.: Sean Penn, James Franco, Emile Hirsch, u.a.; M.: Danny Elfman; Offizielle Homepage
Filmrezensionen jeden Donnerstag 12.25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Donnerstag, 30. April 2009
Barry Levinson - Inside Hollywood
Vor vielen Jahren gab es einen kleinen, aber feinen Film, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Regisseur Barry Levinson zeigte uns zusammen mit Robert De Niro und Dusin Hofman in „Wag The Dog“, wie in den USA Wahlkampf betrieben wird und dass eine Krise immer dann kommt, wenn sie am nützlichsten ist. Vor allem aber brachte er den Zuschauer zum Grübeln und regte dazu an, jeder Nachrichtenmeldung mit einer gesunden Portion Skepsis zu begegnen. Jetzt ist der neue Film von Levinson in den deutschen Kinos gestartet und wieder spielt De Niro die Hauptrolle. Diesmal wird man hinter die Kulissen von Hollywood entführt und merkt, dass das Bild, welches dort vermittelt wird, gar nicht so neu und schockierend ist.
Ben ist einer der erfolgreichsten Produzenten in Hollywood und hat gerade einen neuen Film mit Sean Penn fertig gestellt. Außerdem mischt er in zahlreichen anderen hochkarätigen Produktionen mit und steht kurz vor dem Beginn der Dreharbeiten zum neuen Bruce-Willis-Streifen. Privat sieht es ein bisschen chaotischer aus. Mehrere geschiedene Ehefrauen und Kinder wollen versorgt werden. Das scheint Ben allerdings nicht so viel auszumachen und er findet sich irgendwie damit ab. Doch dann gehen die Probleme los. Der Sean-Penn-Film fällt beim Test-Screening beim Publikum durch und die Studiocheffin verlangt vom Regisseur ein alternatives Ende. Der sieht sich natürlich in seiner künstlerischen Freiheit beschnitten. Es liegt an Ben, den ausgeflippten Filmemacher zu überzeugen. Zusätzlich gibt es Probleme mit Bruce Willis, dessen Aussehen gar nicht seinem Image entspricht. Er ist fett und hat einen Vollbart. Wieder ist es Bens Sache, ihn zu überzeugen, sich zu rasieren, sonst soll das Projekt gestoppt werden. Und privat bemerkt Ben mit Unmut, dass einer seiner Kollegen sich heimlich mit einer von Bens Ex-Frauen trifft, für die er allerdings noch immer viel empfindet.
„Inside Hollywood“ wurde sehr sensibel und vorsichtig inszeniert. Obwohl man sich vielleicht eine bissigere Art erhofft hat, bemerkt man doch eine sehr feine Note und Satire im Untergrund, die auf die langjährige Erfahrung der am Film beteiligten Personen schließen lässt. Es gibt zahlreiche witzige Dialoge und so viele Seitenhiebe auf bekannte Hollywood-Akteure, dass man sie wahrscheinlich gar nicht alle mitbekommt. Die einzigen Darsteller übrigens, die wirklich nicht gut weg kommen, sind Sean Penn und Bruce Willis.
Über schauspielerische Leistungen eines Robert De Niro braucht man hier kein Wort mehr zu verlieren, denn mittlerweile ist es fast egal, welche Filme er macht; er ist einfach immer sehr gut. Allerdings sollte er sich in Zukunft vor dem ein oder anderem Fantasy-Märchen oder Slasher in Acht nehmen. Erwähnenswert wäre an dieser Stelle noch Michael Winscott, der den durchgeknallten Regisseur Jeremy spielt. Er ist ein Charakterschauspieler, den man schon in so vielen Filmen gesehen hat und sich nie sein Gesicht merken kann. Zuletzt fiel er mir in Robin Hood als Guy von Gisborne bei einer unbequemen Begegnung mit einem Löffel auf.
„Inside Hollywood“ ist ein kleiner Film, dessen satirische Abrechnung mit Hollywood ganz unterschwellig daher kommt und man muss schon genau aufpassen, dass man sie nicht verpasst. Das ist angesichts des großartigen „Wag The Dog „ ein bisschen schade, aber wer wollte schon nochmal genau das selbe sehen?
What Just Happened (USA 2008): R.: Barry Levinson; D.: Robert De Niro, Robin Wright Penn, Bruce Willis, u.a.; M.: Marcelo Zarvos; Offizielle Homepage
Filmrezensionen (fast) jeden Donnerstag 12: 25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Donnerstag, 23. April 2009
Neveldine & Taylor - Crank 2 - High Voltage
Ich werde es wohl nie lernen. Keine Fortsetzung ist so gut, wie das Original. Wenn mir aber das Original so gut gefallen hat und ich einfach nach mehr lechze, werfe ich eben alle Bedenken und besseres Wissen über Bord und lasse mich auf das Sequel ein. Und dann geht’s los. Man zieht ununterbrochen Vergleiche mit dem Vorgänger, findet ständig Dinge, die es schon gegeben hat, findet den Fortgang der Story irgendwie unpassend, die neuen Idee zu verkrampft. Am Ende ist man enttäuscht, aber es schleicht sich der unverbesserliche Gedanke ins Hirn, sich auch einen dritten Teil anzuschauen, sollte er denn irgendwann mal kommen. Der geneigte Leser mag sich nun fragen, wovon ich überhaupt rede. Wir leben im Zeitalter des Fortsetzungswahns. Alle Filme, der letzten Jahre, die mehr oder weniger erfolgreich liefen, bekommen eine neue Zahl hinter den Titel geschrieben. Nebenbei erwähnt, erwarten den Zuschauer dieses Jahr noch Fortsetzungen zu folgenden Filmen: Star Trek, Transformers, Terminator, Harry Potter, Sakrileg und X-Men. Jetzt ist aber erstmal der neue Film von den Regisseuren Neveldine und Taylor dran. Es geht um „Crank 2 – High Voltage“
Wer den ersten Teil kennt, weiß im Grunde schon, worum es geht. Chev Chelios ist Profikiller für ein Mafiakartell und wird eines Tages von einem Konkurenten vergiftet. Das einzige, was das Gift aufhält, ist Adrenalin. Chev stürmt also die ganze Zeit wie ein Berserker durch den ersten Teil, auf der Suche, nach seinem Mörder in Spe. Ziel erreicht, Gegner tot, Chev zufrieden. Dumm nur, dass er gerade aus einem Hubschrauber gestürzt ist und unterwegs zum harten Boden der Realität ist. Das Unvermeidliche passiert; er prallt auf und ist tot.
An dieser Stelle setzt der zweite Teil ein. Kaum gelandet, wird Chev von düster drein blickenden Menschen von der Straße gekratzt und in einen Transporter geworfen. Plötzlich wacht er auf und wird Zeuge, wie ein Haufen Ärzte sein Herz heraus holen und es durch ein künstliches ersetzen. Außer sich vor Wut, tötet er die Ärzte und unternimmt die Flucht. Sein Ziel ist klar: Er sucht den Mann, der sein Herz in einer handlichen kleinen Kühlbox davon getragen hat. Bei seiner Flucht, wird allerdings die Batterie von Chevs Kunstherz beschädigt. Um nicht einfach um zu fallen, braucht er regelmäßig Stromstöße. Die Schwächeanfälle kommen immer in den unmöglichsten Situationen und viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Also unternimmt er alles, um die Kunstpumpe nicht einschlafen zu lassen. Zwischendurch treffen wir alle Charaktere aus dem ersten Teil wieder und lernen zahlreiche neue, skurrile Gestalten kennen.
Vor drei Jahren war „Crank“ eine echte Überraschung. Der Film war dreckig, sehr actionlastig, durchsetzt von coolen Sprüchen und vor allem wahnsinnig schnell. Gepaart mit einem hohen Brutalitätsgrad und einer einfachen, stumpfsinnigen Story, war das für mich der perfekte Männerfilm. Tja und im zweiten Teil haben wir genau die selben Elemente, nur eben noch schneller und überzogener. So unglaublich es klingen mag, aber genau das lässt Langeweile aufkommen. Die Anarcho-Regisseure leben sich richtig aus und man sieht genau, für welche Szenen mehr Geld zur Verfügung stand. Jason Staham tobt ununterbrochen, Amy Smart stolpert halbnackt von einer dummen Situation in die andere und die skurrilen Gangster sterben wie die Fliegen. Insgesamt war der erste Teil aber wesentlich cooler und spontaner. Im zweiten Teil ist alles ein bisschen verkrampft. Mit Biegen und Brechen werden unmögliche Zusammenhänge zum Vorgänger geschaffen und ein Ende zusammengeschustert, dass so unkreativ, wie offen ist, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Teil Drei über die Leinwände flimmert.
Es bliebe noch zu erwähnen, dass „Crank 2 – High Voltage“ ein Film für Erwachsene ist und deshalb auch keine Jugendfreigabe in Deutschland erhalten hat. Wer sich darüber jetzt zu Tode ärgern möchte, weil er das zarte achtzehnte Lebensjahr noch nicht erreicht hat, darf sich auf die entschärfte DVD-Asugabe freuen, die allerdings noch ein paar Monate auf sich werden lässt.
„Crank 2 – High Voltage“ ist ein völlig überzogener und vor allem überflüssiger Film. Genau, wie die Warnung, sich diesen Film anzusehen. Denn wem es in Bezug auf Fortsetzungen genauso geht, wie mir, kann gar nicht anders, als ins Kino zu rennen. Aber es soll niemand sagen, ich hätte ihn nicht gewarnt. Mein Gott, wir armen Opfer.
Crank 2 - High Voltage (USA 2009): R.: Neveldine & Taylor; D.: Jason Statham, Amy Smart, Art Hsu, u.a; M.: Mike Patton; Offizielle Homepage
Filmrezensionen jeden Donnerstag 12.25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Sonntag, 19. April 2009
Tarsem Singh - The Fall
Manchmal gibt es allerdings Regisseure, die das Fantasy-Tool-Kit links liegen lassen und das ganze ein bisschen individueller gestalten. Einer ist zum Beispiel der spanische Regisseur Guillermo del Toro, der hinter „Pans Labyrinth“ stand. Der indische Filmemacher Tarsem Singh gehört ebenfalls zu den Fantasy-Querulanten und faszinierte und schockierte zu gleich mit dem Thriller „The Cell“.
Nach über zwei Jahren Drehzeit und einem weiteren Jahr Suche nach einem Verleih läuft jetzt sein neuer Film „The Fall“ in den deutschen Kinos.
Alexandria liegt im Krankenhaus. Sie lebt 1920 mit ihrer Familie in Los Angeles und arbeitet jeden Tag auf einer Orangenplantage. Bei der Arbeit hat sie sich den Arm gebrochen und wartet nun auf Genesung. Bei einem ihrer Streifzüge trifft sie den Stuntman Roy, der ihr immer wieder fantastische Geschichten erzählt. In seinen Geschichten geht es um fünf skurile Helden, die sich alle aus unterschiedlichen Gründen geschworen haben, einen bösen Gouverneur zu töten. Hauptfigur ist der maskierte Bandit, der seinen Bruder rächen will. Die Helden durchleben zahlreiche Abenteuer und Kämpfe in einer fremden, faszinierenden Welt. Während Roy die Geschichte erzählt, bilden sich in Alexandrias Kopf die Bilder dazu. Roy hingegen baut seine eigene Lebensgeschichte in das Märchen mit ein und alle Menschen in der Umgebung der Beiden spielen auch in der Geschichte eine Rolle. Bald stellt sich heraus, dass Roy in Wirklichkeit von einem Mann betrogen wurde und ihm seine Freundin ausgespannt wurde.
Während Alexandria immer stärker und gesünder wird, scheint Roy genau diese Lebensenergie zu verlieren und wird immer lustloser. Bald hat er nur noch einen Gedanken vor Augen, nämlich sich das Leben zu nehmen. Das schlägt sich natürlich dramatisch auf den Fortgang des Märchens nieder.
Man merkt es gleich, die Story gibt eigentlich nicht viel her und bildet nur den Rahmen für eine Reihe opulent inszenierter Bilder, die wirklich atemberaubend sind. Mit einer unglaublichen Detailliebe zeichnet Tarsem diese Bilder, bis es an eine Sammlung von epischen Fresken erinnert. Hinzu kommen wunderschöne Kostüme, die das Bild und sein Motiv stets komplettieren.
Tarsem verzichtet hierbei nahezu komplett auf digitale Effekte oder sonstige Spielereien und drehte statt dessen an über 250 Originalschauplätzen und ließ unglaublich große Filmbühnen aufbauen. Das sorgte dafür, dass die Kosten für die Produktion explodierten und der Regisseur nach Fertigstellung echte Schwierigkeiten hatte, den Film zu verkaufen. Doch es gibt auch Schwachpunkte. Die Hingabe, die man den Bildern anmerkt, fehlt leider bei den Figuren, die allesamt oberflächlich und teilweise lächerlich wirken. Besonders sauer stößt hierbei der Naturforscher Darwin auf, der in einem schreiend bunten Federkostüm immer die genialsten Vorschläge hat, die ihm aber eigentlich ein kleiner Affe flüstert, den er immer dabei hat. Zusammen zucken lassen den Zuschauer auch diverse Erklärungsversuche, warum der Held mit einem spanischen Akzent spricht.
Tarsem muss sich immer wieder Vergleiche zu seinem Vorgängerfilm „The Cell“ gefallen lassen und bei diesem Vergleich hält „The Fall“ leider nicht stand. Sowohl die Story, als auch die Bilder überzeugten mich bei „The Cell“ mehr und ich vermute, dass der Regisseur angesichts der Schwierigkeiten bei der Produktion von „The Fall“ zu viele Zugeständnisse machen musste, so dass das Ergebnis möglicherweise nicht den ursprünglichen Vorstellungen entspricht. „The Fall“ ist etwas anderes im Fantasy-Einerlei, aber nichts wirklich packendes. Insgesamt muss ich leider sagen, dass mich dieser Film nach der langen Wartezeit enttäuscht hat.
The Fall (GB / I / USA 2006): R.: Tarsem Singh; D.: Catinca Untaru, Lee Pace, Justine Waddell, u.a.; M.: Kristina Levy; Offizielle Homepage
Filmrezensionen jeden Donnerstag 12.25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar
Donnerstag, 9. April 2009
Jonathan Demme - Rachels Hochzeit
Eine Hochzeit soll im Prinzip für alle Beteiligten ein schönes und unvergessliches Erlebnis werden. In unterschiedlichen Kulturen wird dieser festliche Akt auf unterschiedliche Weise zelebriert. Schauen wir nach Amerika. Dort ist eine Hochzeit – zumindest in Filmen - immer eine riesige Veranstaltung mit unzähligen Gästen, Programmpunkten und Bergen von Essen. Ein organisatorischer Alptraum und alles muss perfekt sein. Nichts darf schief gehen. Beim krampfhaften Ringen um Perfektion kann es passieren, dass man den Blick für das Wesentliche verliert. Unliebsame Gäste, eine völlig zerrüttete Familie und geradezu hysterische Sucht nach Harmonie, all das kann man im neuen Film von Jonathan Demme, „Rachels Hochzeit“, sehen.
Kym hat eine unangenehme Karriere als Junkie hinter sich. Seit neun Monaten ist sie clean und darf nun für ein Wochenende die Entzugsklinik verlassen. Ihre Schwester Rachel heiratet. Zu Hause begegnet man Kym mit Skepsis und Misstrauen, denn sie ist das schwarze Schaf der Familie. Neben zahlreichen unausgesprochenen Vorwürfen, plagt sich Kym mit Schuldgefühlen, denn sie fühlt sich verantwortlich dafür, dass ihre Eltern sich getrennt haben.
Zur Hochzeit versammelt sich nun die ganze Familie und die Erinnerungen kommen mit aller Wucht zurück. Es ist viel Ärger vorprogrammiert und es gibt viel Streit um Banalitäten. Immer wieder steht der Konflikt zwischen den beiden ungleichen Schwestern im Vordergrund. Während Rachel nämlich eine erfolgreiche Karriere als Psychologin bevor steht, muss Kym immer wieder Treffen anonymer Suchtkranker besuchen und ihre Zukunft sieht gar nicht so rosig aus. Außerdem ist Kym so versessen auf Wiedergutmachung, dass sie sich am laufenden Band bei allen Menschen pauschal entschuldigt und glaubt, damit seien alle Zwistigkeiten beigelegt. Zusätzlich tut sich Kym sehr schwer damit, sich einzugliedern, da sie viele Familienmitglieder nicht mehr kennt.
Dabei darf die bevorstehende Hochzeit nicht außer Acht gelassen werden. Weswegen alle bestrebt sind, sich ihre gute Laune nicht verderben zu lassen.
„Rachels Hochzeit“ ist ein schlichter Film und Regisseur Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“, „Der Manchurian Kandidat“) zeigt, dass er nach zahlreichen seltsamen Filmen, noch ganz normale Menschen filmen kann. Der Film ist so schlicht, dass man sich teilweise an Vinterbergs „Das Fest“ erinnert fühlt, auch wenn Demme den Dogma-Stil nicht ganz so brutal nutzt. Wir sehen minutenlange Begrüßungsszenen, ohne dass etwas prägnantes passiert. Es gibt Dialoge, die absolut belanglos sind und ins Nichts führen. Überhaupt ist die ganze Familie so unspektakulär normal dargestellt, dass man sich bald eher wie ein Voyer, als wie ein Kinobesucher vorkommt. Das erfüllt den Film mit einer gewissen Spannung und ist im Vergleich mit anderen aktuellen Kinofilmen der lebende Beweis für „Weniger ist mehr“.
Hervorzuheben ist die Hauptdarstellerin Anne Hathaway, die endlich mal nicht in dümmlich-leichten Teenie-Komödien zu sehen ist und durchaus schauspielerische Qualitäten besitzt, die man ihr nicht zu getraut hätte. Sie schafft es, die patzige und freche, böse Schwester zu mimen, der scheinbar alles völlig egal ist, was mit der Familie zu tun hat, aber innerlich unglaubliches Leid erfährt und sich von niemanden verstanden fühlt.
„Rachels Hochzeit“ ist kein wichtiger Film und wegen seines reduzierten Stils auch völlig unspektakulär. Dennoch wird eine hochdramatische Geschichte erzählt und trotz des Quasi-Happy-Ends bleibt einem ein kleiner Kloß im Hals.
Nach Genuss des Films hat man übrigens auf alles Lust, nur nicht aufs Heiraten.
Rachels Hochzeit (USA 2008): R.: Jonathan Demme; D.: Anne Hathaway, Rosemarie DeWitt, Bill Irwin, u.a; M.: Zafer Tawil; Offizielle Homepage
Filmrezensionen jeden Donnerstag, 12.25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar