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Mittwoch, 14. November 2012

Skyfall

Er ist ein Phänomen der Popkultur – was auch immer man darunter versteht. Er ist der strahlende Held der freien Welt. Er ist stets eine Momentaufnahme der realen Welt und ein Spiegel, der uns auf eine gewisse naive und unterhaltsame Weise vorgehalten wird. Er ist außerdem der Albtraum aller Feministinnen weltweit. Er ist ein verdammter Chauvinist – aber kann der küssen...
Er ist gleichzeitig die längste und ambitionierteste Filmreihe aller Zeiten. Nun – nach vier langen Jahren – ist er wieder da. Der Mann, der seinen Namen nicht sagen kann, ohne, dass jedes Mal smoother 60s Jazz angespielt wird: Bond – James Bond...

Agent 007 ist mit einem heiklen Auftrag betraut worden. Er muss verhindern, dass eine Liste mit den Namen aller Geheimagenten gestohlen wird, die sich in terroristische Organisationen einschleusen konnten. Dieser Auftrag führt ihn an einen absurd-abwegigen Ort und so muss Bond den flüchtigen Dieb durch Istanbul verfolgen. Während die beiden Kontrahenten mit Motorrädern über die Dächer der Stadt brausen, sitzt M in der Zentrale und verfolgt die Ereignisse über Funk.
Bonds Kollegin Eve ist ebenfalls vor Ort und bildet den Backup – falls etwas schief geht. Und es geht schief. Bond stellt den Dieb auf dem Dach eines Zuges und es sieht ganz so aus, als ob er den Kampf diesmal verlieren würde. M wird das Risiko zu hoch und sie befiehlt Eve, zu schießen, obwohl kein eindeutiges Schussfeld besteht. Noch mehr geht schief und der Bösewicht wird verfehlt. Stattdessen wird Bond getroffen, der darauf hin in eine tiefe Schlucht fällt und für tot erklärt wird.
Kurz darauf geschieht etwas unfassbares. Der Verschlüsselungscode für die Liste mit den Namen, der sich ausschließlich auf M's persönlichem Computer befindet, wird geknackt und die Zentrale des MI6 wird durch einen Bombenanschlag zerstört. M muss sich nun vor der Regierung rechtfertigen und gerät zunehmend unter Druck. Außerdem muss sie die ersten Spuren zu den Tätern verfolgen. Offensichtlich steckt der mysteriöse Silva hinter den Angriffen und der scheint seinen Gegnern immer einen Schritt voraus zu sein. Es sieht recht finster aus für den MI6; da taucht James Bond wieder auf...

Nachdem James Bond durch die späteren Teile mit Pierce Brosnan eine ausgeprägte Talfahrt absolviert hat, war die Neukonzeption des smarten Geheimagenten ein echter Segen. Daniel Craig entwickelte einen Bond mit Ecken und Kanten, der hart und kompromisslos mit ebenso kompromisslosen Schurken um die Geschicke der Welt und um sein eigenes Seelenheil kämpft. Der neue Bond wurde nämlich mit extrem emotionalen Situationen konfrontiert, mit denen sich ein Sean Connery nie herumschlagen musste. Diese recht einfachen und klischeehaften Storykniffe reichen aber aus, um eine überraschende Tiefe dieser bisher recht oberflächlichen Figur zu schaffen. Hinzu kommt eine tragische Note, die man bei bisherigen Abenteuern des Agenten auch nicht kannte. Das Ganze hat einen nüchternen und auf das Wesentliche reduzierten Rahmen und bot so einen perfekt konstruierten und super spannenden Agenten-Thriller.
Nach diesem überraschenden Reboot kam ein schwacher Nachfolger. Dessen Defizite wurden auf die Produktionsschwierigkeiten und dem Autorenstreik zurück geführt. Das kann nun keine Entschuldigung mehr sein, denn auch „Skyfall“ hatte mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Zunächst drohte die Pleite des Studios MGM. Anschließend wurde das Budget enorm zusammen gestrichen und dann wurden längst erteilte Drehgenehmigungen in Indien wieder entzogen. Der oscarprämierte Regisseur Sam Mendes ging es souverän an und man merkt dem fertigen Produkt keinerlei Querelen oder Schwierigkeiten beim Entstehungsprozess an. Ganz im Gegenteil: „Skyfall“ ist nahezu perfekt inszeniert. Hier erlebt man sofort das meisterliche Können eines Regisseurs, der seinen eigenen Stil in zahlreichen Filmen prägen konnte, die mit James Bond überhaupt nichts zu tun hatten.
Mendes' Filme waren immer sehr tragisch und von sehr gut konstruierten und starken Figuren geprägt. Es war nicht ganz klar, ob dieser Stil bei James Bond funktionieren würde, ohne die Fans der klassischen Variante zu verschrecken. „Skyfall“ ist nun genau das geworden: Ein Film, versetzt mit liebevollen Zitaten und Querverweisen auf die klassischen Filme und voll mit tragischen Momenten. Weder die Einführung eines neuen Q's, noch die Beleuchtung von Bonds tragischer Kindheit, wirken dabei bemüht oder krampfhaft.
Neben der gut inszenierten und platzierten Action, nimmt sich der Film viel Zeit, um die Charaktere zu entwickeln. So dauert es ein gutes Drittel des Films, bis Bösewicht Silva – grandios: Javier Bardem – das erste Mal auftaucht. Wirkte ein LeChiffre damals beim ersten Auftritt noch ein bisschen übertrieben – und mit seinem künstlichen Auge, der Narbe im Gesicht und dem Asthmaspray, wie die Reinkarnation aller bisherigen Bondschurken in einer Person – braucht es bei Silva nur eine einzige, geniale Einstellung, um alles über diese Figur zu erfahren. Das Verhältnis zwischen Bond und M wird extrem wirkungsvoll dargestellt, durch einige wenige Nahaufnahmen von Gesichtsausdrücken.
Das sind die Unterschiede und in diesen Momenten zeigt Sam Mendes, fast schon gönnerhaft, wie man es richtig macht. Und – sozusagen als Zugabe – liefert er den spektakulärsten Showdown der kompletten Reihe.

Ich bin von „Skyfall“ begeistert. Es ist ein Film, der mir einfach in jeder Hinsicht gefällt. Mehr Lob geht nicht und mehr kann ich dazu wohl nicht mehr sagen. Von vorne an zu fangen, wäre wohl wirklich unnötig...

Skyfall (GB, 2012): R.: Sam Mendes; D.: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, u.a.; M.: Thomas Newman; Offizielle Homepage

In Weimar: CineStar

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:00 bis 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 20. September 2012

Was bleibt

"Der deutsche Film..." Ich habe keine Ahnung, wie viele Rezensionen an dieser Stelle schon mit diesen Worten begonnen haben. Filme aus Deutschland sind wichtig, präsentieren sich aber stets mit einer sehr stark schwankenden Qualität. Es ist also ein Unterschied, ob der Regisseur hinter einem Projekt nun Marcus H. Rosenmüller heißt, oder Til Schweiger. Neben zahlreichen völlig überbewerteten Romantic Commedys aus deutschen Landen, gibt es - Gott sei Dank - immer wieder kleine Perlen, die die große Bürde auf sich genommen haben, die Ehre des deutschen FIlmes zu verteidigen. So auch der neue Film von Hans-Christian Schmid "Was bleibt"

Marko hat es derzeit nicht besonders leicht. Die Beziehung zu seiner Freundin ist grade dabei, in die Brüche zu gehen und Markos Sohn leidet schon jetzt sehr unter der bevorstehenden Trennung seiner Eltern. Dann trudelt eine Nachricht seines Vaters ein. Irgendetwas wichtiges scheint passiert zu sein und die Eltern trommeln die ganze Familie und einige Freunde zusammen, für ein Treffen und eine kleine Feier.
Nachdem alle im Elternhaus eingetroffen sind, stellt sich heraus, dass es eine reine Familienveransstaltung wird und die große Ankündigung eigentlich eher eine Nebenrolle spielt. Der Vater hat seinen erfolgreich laufenden Verlag abgegeben. Gitte, die Mutter von Marko hat allerdings den größeren Hammer auf Lager. Seit vielen Jahren ist sie psychisch schwer krank und hat nun die Medikamente abgesetzt. Sie glaubt, auch ohne sie gut leben zu können. Die Familie ist da anderer Ansicht. Günther - der Vater - hält das für einen großen Fehler und nimmt sich vor, siene Frau noch vorsichtiger zu behandeln. Das wiederum führt dazu, dass Gitte sich ausgeschlossen fühlt. Das alles ist aber nur der Gipfel einer sehr langen und traurigen Familiengeschichte. all das bricht nun über Marko herein, der merkt, dass seine eigene Familie vielleicht noch gerettet werden kann.

Hans-Christian Schmid ist auch ein Regissuer, dessen Arbeiten einer stark schwankenden Qualität unterliegen. "23" zählt unter Fans zu  denausführlichsten Retrospektiven zum Thema Illuminaten und Verschwörungstheorien. "Crazy" wiederum war filmisch eher schwach, hat aber einen unglaublichen Erfolg gefeiert, weil die klischeebeahftete Komödie über kleine Jungs, die auf einem Internat langsam zu großen Jungs werden, bei der Zielgruppe irgendwie genau ins Schwarze getroffen hat. Über den Wahrheitsgehalt solch martialischer Riten, wie Kekswichsen wird noch heute heiß diskutiert.
"Was bleibt" wirkt auf den ersten Blick ganz anders, entpuppt sich aber schnell als perfekte Stilschablone für die Arbeiten von Hans-Christian Schmid.
Der Film fährt den gewohnten reduzierten Stil - unvermeidlich ist natürlich die Wackelkamera - und legt den Fokus auf die Figuren.
Corinna Harfouch ist eine wunderbare Schauspielrin, die ihre Rollen stets enrom überzeugend zu spielen versteht, es aber auch immer wieder sehr verblüffend meistert, ihre ganz persönliche Noite mit einzubringen.
Auch Lars Eidingers Darstellung ist sehr gelungen und es macht große Freude, den Schauspieler bei der Arbeit zu beobachten. Er ist eben einfach ein sympathischer Typ und versteht ebenfalls, diese Eigenschaft in seine Rolle mit einfließen zu lassen.
So positiv diese beiden Schauspieler auffallen, wirkt der Rest des Ensembles irgendwie hölzern und gekünstelt. Viele Szenen im Film sollen sehr alltäglich, also echt, wirken. Durch das hölzerne Spiel einiger Figuren wirkt es aber irgendwie falsch oder unpassend. Man hat nicht den Eindruck, dass die einzelnen Familienmitglieder wirklich unter der Situation leiden. Vor allem Jacob nervt schon fast durch seine komische Gestik, und seine Art zu sprechen klingt, wie auswendig gelernt.
Abgesehen davon ist der Film allerdings sehr rund und erzählt eine traurige Geschichte, die packt und mitfühlen lässt.

Einen dicken Kloß im Hals habend, verlässt man das Kino und ist doch gleichzeitig froh darüber, mal wieder ein solches Erlebnis gehabt zu haben. Filme, die derart gekonnt mit den Emotionen spielen können, gibt es nicht oft. Wenn es sie gibt, dann kommen sie oft aus Deutschland. Mission geglückt?

Was bleibt (D, 2012): R.: Hans-Christian Schmid; D.: Corinna Harfouch, Lars Eidinger, Sebastian Zimmler, u.a.; M.: The Notwist; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, zwischen 12:00 und 13:00 Uhr, auf Radio Lotte Weimar.