Trailer sind aus der Hölle. Früher hat man Trailer nur im Kino gesehen und zwar vor dem Hauptfilm. Da hat man eine Viertelstunde Werbung für Bier und Kartoffelchips ausgehalten, um dann mit Trailern zu den nächsten Filmen belohnt zu werden. Da gab es einen Trailer pro Film und der war meistens so blöde geschnitten, dass man überhaupt keinen zuverlässigen Eindruck vom beworbenen Film gewinnen konnte. Aber egal. Man wusste das Wichtigste, nämlich dass der Film demnächst im Kino laufen würde. Heute funktioniert das alles ein bisschen anders. Es gibt Teaser, Trailer, Clips und Spots und selbst Trailer feiern heute Premiere und werden vorher angeteast. Einige sind sehr kunstvoll und cool. Für meinen Geschmack zeigen Trailer aber heutzutage einfach zu viel, wenn nicht gar alles. Man guckt einen Trailer und hat alles sehenswerte gesehen. Man will aber gerne glauben, dass der komplette Film doch mehr zu bieten hat und guckt sich das Ding an. Dann kann man an den lustigsten Stellen nicht mehr lachen, weil man das schon aus dem Trailer kennt und die spektakulären Special-Effects wirken bereits veraltet. Der Trailer von „Moonrise Kingdom“ war supercool, was konsequenter Weise zu der Vermutung führen müsste, dass es der Film nicht mehr sein kann. Wirklich?
Irgendwann in den 60er Jahren gab es auf einer der zahllosen Inseln vor der Küste Neuenglands einen heftigen Sturm. Der Sturm gilt lange Zeit als schlimmstes Wetterextrem, welches die USA heimgesucht hat. Dieser Sturm spielt eigentlich nur eine kleine Rolle, bildet aber eine eindrucksvolle Kulisse für eine fantastische Abenteuergeschichte.
Sam ist ein Waisenjunge und verbringt den Sommer im Pfadfindercamp. Eines Morgens wird sein Verschwinden entdeckt. Sam hat seine Ausrüstung geschnappt, sich ein Kanu geklaut, einen Kündigungsbrief hinterlassen und sich aus dem Staub gemacht.
Der Sheriff der Insel wird sofort informiert und die Pfadfinder organisieren eine Suchaktion. Gleichzeitig wird das verschwinden eines weiteren Kindes festgestellt. Suzie hat ebenfalls einiges eingepackt und ist einfach verschwunden. Der Sheriff ist zwar ein bisschen beschränkt, kann sich aber ziemlich bald vorstellen, dass die beiden zusammen unterwegs sind. Wichtiger sind die Gründe für die Flucht. Sam ist der unbeliebteste Junge im Pfadfinderlager und keiner weiß so richtig warum. Seine Pflegefamilie hat angekündigt, ihn nicht mehr zurück zu nehmen, sollte er gefunden werden und eine Dame vom Jugendamt ist unterwegs, um ihn in ein sogenanntes „Jugendasyl“ zu verfrachten. Kein Wunder also, dass er abgehauen ist. Aber so geht’s ja nun nicht. Einfach weg zu laufen. Tse! Also wird die Suche fortgesetzt. Sam und Suzie machen es den Verfolgern nicht leicht, denn sie sind selbst ganz gut mit den Gegebenheiten der Insel vertraut.
Gleich vorweg: Dies ist der beste Film, den ich von Wes Anderson gesehen habe. Nie hat er den Stil so konsequent durch gezogen. Selten waren seine Filme ähnlich komplex. Oft musste man sich mit skurrilen und schwer zu deutenden Bildern auseinander setzen. Diesmal nicht. „Moonrise Kingdom“ ist nahezu perfekt. Der gesamte Film wurde nicht nur analog, sondern auch noch mit 40 Jahre alten Kameras gedreht, wodurch ein einmaliger Look kreiert wurde, der durch detaillierte Kostüme und Kulissen noch verstärkt wird. Dazu wurden unglaublich komplexe Figuren geschaffen, die trotz des recht eiligen Erzählstils enorm vielschichtig sind. Keine Figur entspricht irgendwelchen oberflächlichen Schablonen, selbst, wenn sie nur kurze Minutenauftritte haben. Bruce Willis zum Beispiel. Noch nie habe ich ihn derart überzeugend gesehen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass dieser Mann noch so spielen kann. Auch die beiden Hauptdarsteller Jared Gilman und Kara Hayward glänzen überragend. Der Grund für diese überzeugenden Figuren liegt in der Geschichte. Die ist auf herrlich schlichte Weise und nicht ohne eine gewisse Naivität angelehnt an große Klassiker der Tragödie. Zwei Außenseiter, die durch diese Gemeinsamkeit ihre Liebe zu einander entdecken, die natürlich nicht toleriert werden kann, ergreifen die Flucht vor dem alten Leben. Unerbittlich werden sie gejagt und immer wieder in ihre alten Zwänge zurück gedrängt. Kommt einem natürlich sehr bekannt vor. Und Wes Anderson packt diese Motive in eine Art Kinderwelt und lässt seine Protagonisten diese spannende Abenteuer erleben. Manches erinnert an Spiele, die man als Kind gespielt hat, in denen die Fantasie keine Grenzen kannte und man sich stundenlang in imaginäre Abenteuer stürzte.
„Moonrise Kingdom“ ist ein echter Augenöffner. Herrlich skurril, aber nicht chaotisch. Tragisch, aber stets mit einem Augenzwinkern. Viellschichtig, aber ohne Pathos. Es ist eine Verbeugung vor der Kindheit und einer alten Welt, die es früher mal gegeben hat, die jetzt nur noch in der Fantasie existiert. Und in diesem Film.
Moonrise Kingdom (USA, 2012): R.: Wes Anderson; D.: Bruce Willis, Edward Norton, Kara Hayward, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:00 bis 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
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Freitag, 29. Juni 2012
Freitag, 22. Juli 2011
Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Es ist vorbei. Zehn Jahre Kampf zwischen Gut und Böse gipfelten kürzlich mal wieder in einer epischen und fulminanten Filmschlacht, bei der kein Auge trocken blieb. Kaum zu glauben, dass es wirklich schon zehn Jahre sind. Erst gestern, so scheint es, stieg der kleine Harry das erste Mal in den Hogwartsexpress. Wie faszinierend damals noch alles war. Das hinüber schreiten zum Gleis 9 ¾ war mindestens ein ebenso großes Abenteuer, wie das Große Festmahl, ganz zu schweigen vom Auffinden des Steins der Weisen und die erste Konfrontation mit dem dunklen Lord Voldemort. Am 14. Juli nahm nun eines der ambitioniertesten Filmprojekte und erfolgreichsten Filmserien aller Zeiten ihr Ende.
Erinnern wir uns kurz. Harry Potter hat sich die Aufgabe gestellt, die sieben Horkruxe zu finden und zu zerstören. Hierbei handelt es sich um magische Gegenstände, in denen Voldemort Teile seiner Seele versteckt hat. Wenn man diese Gegenstände zerstört, kann man den finsteren Lord selbst besiegen. Die Suche nach den Horkruxen ist nicht besonders einfach, denn überall lauern Todesser und das ganze Land ist unter Kontrolle der dunklen Hexer. Harry, Ron und Hermine sind auf der Flucht und haben nun erfahren, dass Voldemort auch noch die Heiligtümer des Todes haben will, um unbesiegbar zu werden. Im aller letzten Teil nun versammeln sich alle in Hogwarts. Hier hat inzwischen Severus Snape das Kommando übernommen und führt ein strenges und hartes Regime. Harry hat mittlerweile die meisten Horkruxe zerstört und muss sich nun mit seinen Freunden auf die entscheidende Schlacht vorbereiten. Gleichzeitig wird er aber immer wieder mit seiner Rolle als Auserwählter und mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Außerdem besteht eine unheimliche Verbindung zwischen ihm und Voldemort, so dass nie sicher ist, ob Harry nicht selbst auch zum dunklen Lord werden könnte.
Hach! Auch wenn ich irgendwann das Interesse an den Büchern verloren habe, und die Filme meiner Meinung nach immer mehr abflachten, kann ich mir ein gewisses wehmütiges Gefühl nicht verkneifen. Es ist wirklich vorbei! Die Geschichte ist fertig erzählt und sie wird nicht weiter gehen. Zumindest, wenn man Joanne K. Rowling glauben darf. Im letzten Film wird erwartungsgemäß das bewährte Konzept der letzten Jahre weiter verfolgt. Alles ist sehr düster, deprimierend, mit rasanten Actionszenen und kleinen, auflockernden Witzchen versetzt und alles läuft in galoppierendem Tempo einem epischen Finale entgegen, dass im Vergleich mit dem ersten Potter-Film dann doch ein bisschen den Rahmen sprengt. Erinnert ihr euch? Die kleinen niedlichen Kinder, die zum großen Finale im „Stein der Weisen“ ein nervenaufreibendes Schachspiel absolvieren mussten? Schach wird zur Massenschalcht ala Herr-der-Ringe, bei der die Beteiligten fallen, wie die Fliegen. Nicht nur Harry Potter ist erwachsen geworden, auch die Ganze Machart des Films richtet sich eindeutig an erwachsenere Zuschauer. Die zum Teil schockierenden Gewaltszenen rütteln einen immer wieder wach und man muss sich daran erinnern, dass man „Harry Potter“ guckt und nicht irgendeinen Mittelalterfilm mit martialischer Schlachtenplatte. Okay! Ganz so schlimm ist natürlich nicht, aber auch hier kommt wieder die Frage der Verhältnismäßigkeit, die erstaunlicher weise dazu führt, dass man sich häufiger an den Erstling von 2001 erinnert, als bei den anderen Filmen. Wie schon beim ersten Teil des Finales merkt man auch hier wieder, dass dieses Doppelfeature ein Geschenk an die Fans ist. Menschen, die noch nie etwas von Harry Potter gehört haben, stehen durchweg im Regen und ihnen wird auch nicht erklärt, was Sache ist. Wer HP7.1 nicht gesehen hat, braucht sich gar nicht in den Kinosaal zu wagen, denn der Storyanteil des Buches wurde im ersten Teil größtenteils absolviert. Die Frage des Vorgängers bleibt bestehen: Wie viel kann ein Film wert sein, der nicht in der Lage ist, für sich allein zu stehen, ohne nicht ständig die Schützenhilfe der Fangemeinschaft im Rücken zu haben? Harry Potter ist ein Phänomen der modernen Kultur. Eine mittellose Schriftstellerin erfindet die berühmteste Romanfigur der letzten 10 Jahre, verkauft diese Idee an die richtigen Leute, die es tatsächlich schaffen, eine gut geölte Geldmaschine daraus zu machen. Und diese Maschine soll jetzt einfach still stehen? Mir fällt es sehr schwer, das zu glauben und ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Jahren noch aus dem Potter-Universum auf uns zu kommt.
„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ ist trotzdem ein mehr als würdiger Abschluss der Saga. Sämtliche Defizite an Epicness und spektakulären Szenen, die es in den Vorgängerfilmen gegeben haben mag, werden nachgeholt und das Auge wird von Anfang an mit tollen Bildern verwöhnt.
Ein wenig befremdlich wirkt die letzte Szene, in der man Harry und seine Freunde als erwachsene Menschen sieht, die ihre eigenen Kinder zum Bahnhof bringen. So bekommt das ganze ein wagnerartiges Zyklusfeeling, dass noch mehr den Verdacht nährt, dass nach HP7.2 noch lange nicht Schluss ist.
Harry Potter and the Deathly Hallows Part 2 (GB, 2011): R.: David Yates; D.: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Erinnern wir uns kurz. Harry Potter hat sich die Aufgabe gestellt, die sieben Horkruxe zu finden und zu zerstören. Hierbei handelt es sich um magische Gegenstände, in denen Voldemort Teile seiner Seele versteckt hat. Wenn man diese Gegenstände zerstört, kann man den finsteren Lord selbst besiegen. Die Suche nach den Horkruxen ist nicht besonders einfach, denn überall lauern Todesser und das ganze Land ist unter Kontrolle der dunklen Hexer. Harry, Ron und Hermine sind auf der Flucht und haben nun erfahren, dass Voldemort auch noch die Heiligtümer des Todes haben will, um unbesiegbar zu werden. Im aller letzten Teil nun versammeln sich alle in Hogwarts. Hier hat inzwischen Severus Snape das Kommando übernommen und führt ein strenges und hartes Regime. Harry hat mittlerweile die meisten Horkruxe zerstört und muss sich nun mit seinen Freunden auf die entscheidende Schlacht vorbereiten. Gleichzeitig wird er aber immer wieder mit seiner Rolle als Auserwählter und mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Außerdem besteht eine unheimliche Verbindung zwischen ihm und Voldemort, so dass nie sicher ist, ob Harry nicht selbst auch zum dunklen Lord werden könnte.
Hach! Auch wenn ich irgendwann das Interesse an den Büchern verloren habe, und die Filme meiner Meinung nach immer mehr abflachten, kann ich mir ein gewisses wehmütiges Gefühl nicht verkneifen. Es ist wirklich vorbei! Die Geschichte ist fertig erzählt und sie wird nicht weiter gehen. Zumindest, wenn man Joanne K. Rowling glauben darf. Im letzten Film wird erwartungsgemäß das bewährte Konzept der letzten Jahre weiter verfolgt. Alles ist sehr düster, deprimierend, mit rasanten Actionszenen und kleinen, auflockernden Witzchen versetzt und alles läuft in galoppierendem Tempo einem epischen Finale entgegen, dass im Vergleich mit dem ersten Potter-Film dann doch ein bisschen den Rahmen sprengt. Erinnert ihr euch? Die kleinen niedlichen Kinder, die zum großen Finale im „Stein der Weisen“ ein nervenaufreibendes Schachspiel absolvieren mussten? Schach wird zur Massenschalcht ala Herr-der-Ringe, bei der die Beteiligten fallen, wie die Fliegen. Nicht nur Harry Potter ist erwachsen geworden, auch die Ganze Machart des Films richtet sich eindeutig an erwachsenere Zuschauer. Die zum Teil schockierenden Gewaltszenen rütteln einen immer wieder wach und man muss sich daran erinnern, dass man „Harry Potter“ guckt und nicht irgendeinen Mittelalterfilm mit martialischer Schlachtenplatte. Okay! Ganz so schlimm ist natürlich nicht, aber auch hier kommt wieder die Frage der Verhältnismäßigkeit, die erstaunlicher weise dazu führt, dass man sich häufiger an den Erstling von 2001 erinnert, als bei den anderen Filmen. Wie schon beim ersten Teil des Finales merkt man auch hier wieder, dass dieses Doppelfeature ein Geschenk an die Fans ist. Menschen, die noch nie etwas von Harry Potter gehört haben, stehen durchweg im Regen und ihnen wird auch nicht erklärt, was Sache ist. Wer HP7.1 nicht gesehen hat, braucht sich gar nicht in den Kinosaal zu wagen, denn der Storyanteil des Buches wurde im ersten Teil größtenteils absolviert. Die Frage des Vorgängers bleibt bestehen: Wie viel kann ein Film wert sein, der nicht in der Lage ist, für sich allein zu stehen, ohne nicht ständig die Schützenhilfe der Fangemeinschaft im Rücken zu haben? Harry Potter ist ein Phänomen der modernen Kultur. Eine mittellose Schriftstellerin erfindet die berühmteste Romanfigur der letzten 10 Jahre, verkauft diese Idee an die richtigen Leute, die es tatsächlich schaffen, eine gut geölte Geldmaschine daraus zu machen. Und diese Maschine soll jetzt einfach still stehen? Mir fällt es sehr schwer, das zu glauben und ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Jahren noch aus dem Potter-Universum auf uns zu kommt.
„Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ ist trotzdem ein mehr als würdiger Abschluss der Saga. Sämtliche Defizite an Epicness und spektakulären Szenen, die es in den Vorgängerfilmen gegeben haben mag, werden nachgeholt und das Auge wird von Anfang an mit tollen Bildern verwöhnt.
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Ein wenig befremdlich wirkt die letzte Szene, in der man Harry und seine Freunde als erwachsene Menschen sieht, die ihre eigenen Kinder zum Bahnhof bringen. So bekommt das ganze ein wagnerartiges Zyklusfeeling, dass noch mehr den Verdacht nährt, dass nach HP7.2 noch lange nicht Schluss ist.
Harry Potter and the Deathly Hallows Part 2 (GB, 2011): R.: David Yates; D.: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
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Freitag, 24. Juni 2011
The Tree Of Life
Wer ist Terence Malick? In erster Linie ist er ein Regisseur, der in keine Schublade, die Hollywood in all den Jahren mal mehr mal weniger freiwillig etabliert hat, hinein passt. 1973 verblüffte er mit „Badlands“, einem ambitionierten und stilsicheren Erstling, der übrigens heute noch von tausenden Fans diskutiert und analysiert wird. Philosophen und Theologen debattierten unzählige Male die Aussagen und Botschaften dieses Films. Filmexperten sehen in „Badlands“ außerdem die perfekte Fusion aus Filmsinfonie und dem „Lovers on The Run“-Motiv und damit die Schaffung eines komplett neuen Genres. Schon damals schlug sich in Ansätzen das nieder, was Malick im Laufe seines Schaffens immer exzessiver in seine Filme einfließen ließ: Die Frage nach dem Sinn unseres Daseins und die Darstellung eines der schwierigsten Motive im Film überhaupt. Das Menschsein. Sind seine bisherigen Filme vielleicht als Experiemente zu sehen, hat Malick nun in „The Tree Of Life“ die absolute Vollendung dieses Motivs geschaffen.
Die Story ist schnell erzählt und wiederholt jenen Satz, den man immer als erstes liest, informiert man sich in Artikeln über diesen Film: Es geht um eine Familie in den 50er Jahren. Jack ist der älteste von drei Brüdern. Während die Mutter die Einstellung vertritt, dass das Leben frei ist und man nur nach dem Prinzip der Gnade leben muss, um ein guter Mensch zu sein und dabei nicht den Glauben an das Gute verliert, predigt Jacks Vater das genaue Gegenteil. Nur der Stärkere überlebt. Gute Menschen kommen nicht weit und dem Gesetz der Natur ist jeder unterworfen. Unbewusst tragen die Eltern diesen Glaubenskonflikt durch ihren Sohn aus, der zunehmend desillusioniert wird. Als Erwachsener vegetiert Jack unmotiviert vor sich hin und fällt immer wieder in Erinnerungen an seine Kindheit zurück.
Die Story mag vielleicht nichts Besonderes sein und man hat genau dieses Motiv schon unzählige Male in filmischer Form gesehen. Einem Brad Pitt traut man vielleicht auch nicht die Rolle eines gestrengen und zugeknöpften Vaters in den amerikanischen 50ern zu. Und Terence Malick hat seinen letzten Film vor beinahe 10 Jahren abgeliefert. Was zum Teufel ist also so besonders an „The Tree Of Life“? Man muss es gesehen haben, denn dieser Film ist schlicht und ergreifend überwältigend. Malick wählt einen absolut unkonventionellen Erzählstil. Es wird verhältnismäßig wenig gesprochen und über weite Passagen sind unglaublich dicht arrangierte Bildkollagen zu sehen. Malik zieht auf sehr verblüffende Art geradezu bombastische Vergleiche, wenn er die recht simple Geschichte der Familie Jacks mit der Entstehung des Lebens auf der Erde gleichsetzt und diese Metapher in einer 20-Minütigen Sequenz gipfelt, in der man Bakterien und Einzellern beim Wachsen zu sieht, bis sie schließlich als mächtige Dinosaurier über die Erde stapfen. Die Bilder und die Komposition der Gleichen geschieht voller Anmut und bildet ein nahezu Ehrfurcht gebietendes Ganzes. Man wird sich plötzlich der Dimensionen bewusst, die das Leben haben kann. Die Geschichte der Familie wird auch ungewöhnlich erzählt. Es ist fast so, als würde man als Beobachter immer mal vorbei schauen. Manchmal kommt man mitten im Gespräch dazu und verlässt die Szene wieder, bevor der Satz beendet ist. Hierbei kommt ein unglaublich dynamischer Kamerastil zum tragen, der durch einen nicht weniger dynamischen Schnitt noch verstärkt wird. Ebenso ist Kombination aus klassischen Musikstücken, zum Beispiel von Smetana und die eigens komponierte Filmmusik von Alexandre Desplat tragendes Element der gesamten Atmosphäre dieses Films.
Im Nachhinein lässt sich sehr schwer sagen, was mir so sehr an „The Tree Of Life“ gefallen hat. Es ist die Flut ein Eindrücken, der man mehr als zwei Stunden lang ausgesetzt ist und es ist das Gefühl des Gigantischem, welches man bekommt. Es ist beinahe, als habe man an einer Offenbarung des Regisseurs teil. Das ist im Übrigen einem starken sakralem Tenor geschuldet, der ebenfalls zu den Hauptmotiven des Films gehört.
Abschließend ist eigentlich nur zu wiederholen: Man muss diesen Film gesehen haben. Ungeachtet dessen, was man von Terence Malick hält, ob einem der Film nun gefällt, oder ob man nichts damit anfangen kann. Dieser Film ist etwas ganz Besonderes und ich habe noch nie etwas vergleichbares gesehen. Man ist überwältigt und möglicherweise verzeiht man es sich nicht, wenn man „The Tree Of Life“ tatsächlich verpasst hat. Tue ich zum Abschied noch etwas absolut Einmaliges und Unerwartetes? Danke ich dem Regisseur für seine Arbeit? Ja! Danke Terence!
The Tree Of Life (USA, 2011): R.: Terence Malick; D.: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Rezension On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Die Story ist schnell erzählt und wiederholt jenen Satz, den man immer als erstes liest, informiert man sich in Artikeln über diesen Film: Es geht um eine Familie in den 50er Jahren. Jack ist der älteste von drei Brüdern. Während die Mutter die Einstellung vertritt, dass das Leben frei ist und man nur nach dem Prinzip der Gnade leben muss, um ein guter Mensch zu sein und dabei nicht den Glauben an das Gute verliert, predigt Jacks Vater das genaue Gegenteil. Nur der Stärkere überlebt. Gute Menschen kommen nicht weit und dem Gesetz der Natur ist jeder unterworfen. Unbewusst tragen die Eltern diesen Glaubenskonflikt durch ihren Sohn aus, der zunehmend desillusioniert wird. Als Erwachsener vegetiert Jack unmotiviert vor sich hin und fällt immer wieder in Erinnerungen an seine Kindheit zurück.
Die Story mag vielleicht nichts Besonderes sein und man hat genau dieses Motiv schon unzählige Male in filmischer Form gesehen. Einem Brad Pitt traut man vielleicht auch nicht die Rolle eines gestrengen und zugeknöpften Vaters in den amerikanischen 50ern zu. Und Terence Malick hat seinen letzten Film vor beinahe 10 Jahren abgeliefert. Was zum Teufel ist also so besonders an „The Tree Of Life“? Man muss es gesehen haben, denn dieser Film ist schlicht und ergreifend überwältigend. Malick wählt einen absolut unkonventionellen Erzählstil. Es wird verhältnismäßig wenig gesprochen und über weite Passagen sind unglaublich dicht arrangierte Bildkollagen zu sehen. Malik zieht auf sehr verblüffende Art geradezu bombastische Vergleiche, wenn er die recht simple Geschichte der Familie Jacks mit der Entstehung des Lebens auf der Erde gleichsetzt und diese Metapher in einer 20-Minütigen Sequenz gipfelt, in der man Bakterien und Einzellern beim Wachsen zu sieht, bis sie schließlich als mächtige Dinosaurier über die Erde stapfen. Die Bilder und die Komposition der Gleichen geschieht voller Anmut und bildet ein nahezu Ehrfurcht gebietendes Ganzes. Man wird sich plötzlich der Dimensionen bewusst, die das Leben haben kann. Die Geschichte der Familie wird auch ungewöhnlich erzählt. Es ist fast so, als würde man als Beobachter immer mal vorbei schauen. Manchmal kommt man mitten im Gespräch dazu und verlässt die Szene wieder, bevor der Satz beendet ist. Hierbei kommt ein unglaublich dynamischer Kamerastil zum tragen, der durch einen nicht weniger dynamischen Schnitt noch verstärkt wird. Ebenso ist Kombination aus klassischen Musikstücken, zum Beispiel von Smetana und die eigens komponierte Filmmusik von Alexandre Desplat tragendes Element der gesamten Atmosphäre dieses Films.
Im Nachhinein lässt sich sehr schwer sagen, was mir so sehr an „The Tree Of Life“ gefallen hat. Es ist die Flut ein Eindrücken, der man mehr als zwei Stunden lang ausgesetzt ist und es ist das Gefühl des Gigantischem, welches man bekommt. Es ist beinahe, als habe man an einer Offenbarung des Regisseurs teil. Das ist im Übrigen einem starken sakralem Tenor geschuldet, der ebenfalls zu den Hauptmotiven des Films gehört.
Abschließend ist eigentlich nur zu wiederholen: Man muss diesen Film gesehen haben. Ungeachtet dessen, was man von Terence Malick hält, ob einem der Film nun gefällt, oder ob man nichts damit anfangen kann. Dieser Film ist etwas ganz Besonderes und ich habe noch nie etwas vergleichbares gesehen. Man ist überwältigt und möglicherweise verzeiht man es sich nicht, wenn man „The Tree Of Life“ tatsächlich verpasst hat. Tue ich zum Abschied noch etwas absolut Einmaliges und Unerwartetes? Danke ich dem Regisseur für seine Arbeit? Ja! Danke Terence!
The Tree Of Life (USA, 2011): R.: Terence Malick; D.: Brad Pitt, Sean Penn, Jessica Chastain, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
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Montag, 28. Februar 2011
The King's Speech
Seit einigen Wochen geistert ein Filmtitel ganz besonders oft durch die Medien und ist derzeit nicht aus der Filmwelt weg zu denken. „The King’s Speech“ war nicht nur bei allen wichtigen Filmfestivals vertreten, hat nicht nur Oscar-Nominierungen in nahezu jeder wichtigen Kategorie erhalten, sondern bietet einem Schauspieler, der im Laufe der Jahre immer bekannter geworden ist, die perfekte Bühne für einen unvergesslichen Auftritt.
Es geht um King George VI. Nachdem sein Vater gestorben ist, übernimmt zunächst sein älterer Bruder die Bürde der Krone und als Bruder des Königs fällt es George zu, regelmäßig bei öffentlichen Auftritten, kurze Reden zu halten. Allerdings hat er ein schweres Stotterproblem, welches seit seiner frühesten Kindheit verankert ist und keiner der Ärzte, die ihn bisher behandelt haben, konnte überzeugende Resultate liefern. Georges Frau hat nun einen neuen Experten für Sprechstörungen gefunden. Lionel Louge übernimmt den berühmten Patienten und konfrontiert den Prinzen mit ungewöhnlichen und vor allem, für einen Monarchen unangebrachten Behandlungsmethoden. Lionel merkt schnell, dass ein Großteil des Problems in Georges Psyche und ständiger Unsicherheit liegt und drängt ihn immer häufiger dazu, aus sich heraus zu gehen und über sein Leben und sehr private Details zu reden. In mühevoller Arbeit lässt sich George auf die merkwürdigen Übungen ein und baut langsam und zaghaft eine Freundschaft zu Lionel auf.
Natürlich ist die Erwartung an diesen Film besonders in den letzten Wochen enorm gesteigert worden. Überall hängen Plakate, ständig hört und sieht man Trailer im Radio oder im Fernsehen und man trifft nur auf verzückte Mienen derer, die den Film bereits gesehen haben. Im Schatten einer regelrechten Oscarflut*, die zu erwarten ist, muss der Film einfach super und total knorke sein und hat obendrein nicht weniger als der beste Film aller Zeiten zu sein. Diese Erwartungshaltung mag ein wenig übertrieben sein und würde man sie einnehmen, würde der Film dieser natürlich nicht gerecht werden. Erwartet man hingegen einen kleinen, schlichten Film, der eine schöne Geschichte erzählt und dann auch noch von sehr guten Schauspielern präsentiert wird, bekommt man genau das. „The King’s Speech“ ist tatsächlich einfach, wendet aber einige technische Tricks an. Zum Beispiel ist der ganze Film recht blass und farblich reduziert. Man bekommt ein bisschen den Eindruck, man guckt sich alte Fotos an, die nachträglich koloriert wurden. Im Gegensatz dazu glänzen eben die Darsteller und vor allem Colin Firth und Geoffrey Rush spielen sehr präzise und gut konstruierte Figuren, so dass es großen Spaß macht, ihnen dabei zu zu sehen. Moment mal! Konstruierte Figuren? Ja! Zwar hat Drehbuchautor David Seidler die Geschichte selbst recherchiert und aufgeschrieben, aber auf Bitten der Witwe König Georges VI ein paar dramaturgische Kniffe angewandt und die Figuren dadurch leicht verändert. Pah! Na und? Pfeif doch auf historische Genauigkeit! „The King’s Speech“ ist gute Unterhaltung und rührt die nahe am Wasser gebauten Zuschauer das ein oder andere Mal dazu, geräuschvoll ins Taschentuch zu schniefen.
„The King’s Speech“ ist ein ganz einfacher Film, der mit klassischen Mitteln eine historische Figur beleuchtet, und dabei trotzdem einen lockeren, fast frechen Ton anschlägt. Der Hype um diesen Film macht es fast ein bisschen kaputt, denn natürlich ist es nicht der beste Film aller Zeiten. Was man aber ohne Übertreibung sagen kann, ist, dass Colin Firth tatsächlich sehr gut spielt und ich ihm mal sämtliche Daumen drück für den kommenden Sonntag.
* “The King’s Speech hat bei der Oscarverleihung 2011 die Auszeichnungen für den besten Film, die beste Regie, den besten Hauptdarsteller und für das beste Originaldrehbuch erhalten.
The King’s Speech (GB, 2011): R.: Tom Hooper; D.: Colin Firht, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus, CineStar
Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar.
Es geht um King George VI. Nachdem sein Vater gestorben ist, übernimmt zunächst sein älterer Bruder die Bürde der Krone und als Bruder des Königs fällt es George zu, regelmäßig bei öffentlichen Auftritten, kurze Reden zu halten. Allerdings hat er ein schweres Stotterproblem, welches seit seiner frühesten Kindheit verankert ist und keiner der Ärzte, die ihn bisher behandelt haben, konnte überzeugende Resultate liefern. Georges Frau hat nun einen neuen Experten für Sprechstörungen gefunden. Lionel Louge übernimmt den berühmten Patienten und konfrontiert den Prinzen mit ungewöhnlichen und vor allem, für einen Monarchen unangebrachten Behandlungsmethoden. Lionel merkt schnell, dass ein Großteil des Problems in Georges Psyche und ständiger Unsicherheit liegt und drängt ihn immer häufiger dazu, aus sich heraus zu gehen und über sein Leben und sehr private Details zu reden. In mühevoller Arbeit lässt sich George auf die merkwürdigen Übungen ein und baut langsam und zaghaft eine Freundschaft zu Lionel auf.
Natürlich ist die Erwartung an diesen Film besonders in den letzten Wochen enorm gesteigert worden. Überall hängen Plakate, ständig hört und sieht man Trailer im Radio oder im Fernsehen und man trifft nur auf verzückte Mienen derer, die den Film bereits gesehen haben. Im Schatten einer regelrechten Oscarflut*, die zu erwarten ist, muss der Film einfach super und total knorke sein und hat obendrein nicht weniger als der beste Film aller Zeiten zu sein. Diese Erwartungshaltung mag ein wenig übertrieben sein und würde man sie einnehmen, würde der Film dieser natürlich nicht gerecht werden. Erwartet man hingegen einen kleinen, schlichten Film, der eine schöne Geschichte erzählt und dann auch noch von sehr guten Schauspielern präsentiert wird, bekommt man genau das. „The King’s Speech“ ist tatsächlich einfach, wendet aber einige technische Tricks an. Zum Beispiel ist der ganze Film recht blass und farblich reduziert. Man bekommt ein bisschen den Eindruck, man guckt sich alte Fotos an, die nachträglich koloriert wurden. Im Gegensatz dazu glänzen eben die Darsteller und vor allem Colin Firth und Geoffrey Rush spielen sehr präzise und gut konstruierte Figuren, so dass es großen Spaß macht, ihnen dabei zu zu sehen. Moment mal! Konstruierte Figuren? Ja! Zwar hat Drehbuchautor David Seidler die Geschichte selbst recherchiert und aufgeschrieben, aber auf Bitten der Witwe König Georges VI ein paar dramaturgische Kniffe angewandt und die Figuren dadurch leicht verändert. Pah! Na und? Pfeif doch auf historische Genauigkeit! „The King’s Speech“ ist gute Unterhaltung und rührt die nahe am Wasser gebauten Zuschauer das ein oder andere Mal dazu, geräuschvoll ins Taschentuch zu schniefen.
„The King’s Speech“ ist ein ganz einfacher Film, der mit klassischen Mitteln eine historische Figur beleuchtet, und dabei trotzdem einen lockeren, fast frechen Ton anschlägt. Der Hype um diesen Film macht es fast ein bisschen kaputt, denn natürlich ist es nicht der beste Film aller Zeiten. Was man aber ohne Übertreibung sagen kann, ist, dass Colin Firth tatsächlich sehr gut spielt und ich ihm mal sämtliche Daumen drück für den kommenden Sonntag.
* “The King’s Speech hat bei der Oscarverleihung 2011 die Auszeichnungen für den besten Film, die beste Regie, den besten Hauptdarsteller und für das beste Originaldrehbuch erhalten.
The King’s Speech (GB, 2011): R.: Tom Hooper; D.: Colin Firht, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage
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Dienstag, 14. September 2010
oO - Ein Prophet
Eine neue Rubrik auf Kineast. Manchmal gibt es Filme, die auf eine besondere Art und Weise dafür sorgen, dass mir die Kinnlade schlagartig nach unten fällt, und ich eigentlich erstmal sprachlos bin. Nach einer Weile finde ich die Sprache wieder und werde diese besonderen Filme nun also in einer besonderen Kategorie hier besprechen. Der Name dieser Rubrik ist schlicht und eindeutig „oO“.
Kein Kinojahr vergeht, ohne dass nicht mindestens einer jenen Filme kommt, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, nachdem man sie gesehen hat. Ich persönlich nenne sie gerne „böse Filme“. Sie handeln stets von den Abgründen im Menschen, von moralisch fragwürdigen Entscheidungen und enden hoch dramatisch. War es vor zwei Jahren Sidney Lumets „Tödliche Entscheidung“ und im letzten Jahr „Das weiße Band“, so ist es in diesem Jahr der neue Film von Jacques Audiard gewesen, „Ein Prophet“.
Malik ist 19 Jahre alt, hat keine abgeschlossene Schulausbildung, lebt auf der Straße und soll nun 6 Jahre ins Gefängnis. Hier ist das Leben natürlich auch nicht viel leichter, als vorher. Es herrschen strenge Regeln seitens der Wärter und noch strengere Regeln seitens der Insassen. Hier ist alles streng hierarchisch organisiert und Malik merkt schnell, dass er sich niemals alleine durchschlagen könnte. Die beiden größten Gruppen – Kurden und die Männer um den Paten des Gefängnisses, Cesar – wollen ihn beide für sich haben. Malik entscheidet sich, für Cesar zu arbeiten und beginnt seine Karriere mit einem Auftragsmord. Cesar gewährt ihm dafür einige Annehmlichkeiten und vor allem Schutz. Bald erledigt Malik die Geschäfte außerhalb des Gefängnisses, denn er bekommt befristeten Freigang. Nach einer Weile hat Malik nicht nur Lesen und Schreiben gelernt, sondern auch zahlreiche Sprachen – unter anderem Kurdisch. Setzt ihn Cesar zunächst noch als Spitzel ein, ersinnt Malik bald einen Plan, beide Gruppen gegeneinander auszuspielen.
Die Geschichte des kleinen Gauners, der durch seine soziale Herkunft unweigerlich in den Sumpf des Verbrechens gesogen wird, und allen Anstrengungen zum Trotz nichts dagegen unternehmen kann, ist nicht neu. Doch selten wurde sie dermaßen intensiv und authentisch zugleich in einem Film umgesetzt, wie das in „Ein Prophet“ geschehen ist. Regisseur Audiard entscheidet sich für einen sehr schlichten Stil und fängt alles mit einfacher Handkamera ein. Außerdem finden viele der Schlüsselszenen in sehr kleinen Räumen statt, so dass die Kamera den Zuschauer ganz nah an das Geschehen heran lässt. Die dominanten Farben des Filmes werden durch das Knastsetting diktiert. Wir haben Grau, Braun, Weiß und sehr oft eben leuchtendes Rot. Die beklemmende Atmossphäre der ganzen Geschichte wird stets durchbrochen von explizieten Gewaltszenen, die durch ihre schlichte Darstellung noch intensiver wirken, als man es eigentlich aushalten will. Die meisten Schauspieler liefern eine souveräne, aber reduzierte Performance ab. Das geschieht mit Absicht, denn im Vergleich zu den abgestumpften Knastbrüdern, denen nichts eine Regung entlocken kann, spielt Shooting-Star Tahar Rahim unglaublich intensiv und füllt die Figur des Malik sehr sensibel mit Leben. So avanciert diese Figur zu einem regelrechten Leuchtfeuer, in Mitten all der Tragik und Tristesse.
„Ein Prophet“ ist eindeutig ein harter, brutaler und böser Film, der aber auf ganz schlichte Art und Weise die Wahrheit erzählt. Es ist eine Wahrheit, bei der man sehr schnell weiß, dass man sie gar nicht so genau erfahren will, wie sie der Film schildert. Die Spannung entsteht von innen heraus und lässt einen nicht los. Mit Sicherheit einer der interessantesten, aber auch fragwürdigsten Filme diesen Jahres. Um so unverständlicher, dass er in Deutschland in nahezu keinem Kino lief. Dafür ist der Film nun auf DVD erschienen.
Un prophète (F, 2009): R.: Jacques Audiard; D.: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bancherif, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage.
Kein Kinojahr vergeht, ohne dass nicht mindestens einer jenen Filme kommt, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, nachdem man sie gesehen hat. Ich persönlich nenne sie gerne „böse Filme“. Sie handeln stets von den Abgründen im Menschen, von moralisch fragwürdigen Entscheidungen und enden hoch dramatisch. War es vor zwei Jahren Sidney Lumets „Tödliche Entscheidung“ und im letzten Jahr „Das weiße Band“, so ist es in diesem Jahr der neue Film von Jacques Audiard gewesen, „Ein Prophet“.
Malik ist 19 Jahre alt, hat keine abgeschlossene Schulausbildung, lebt auf der Straße und soll nun 6 Jahre ins Gefängnis. Hier ist das Leben natürlich auch nicht viel leichter, als vorher. Es herrschen strenge Regeln seitens der Wärter und noch strengere Regeln seitens der Insassen. Hier ist alles streng hierarchisch organisiert und Malik merkt schnell, dass er sich niemals alleine durchschlagen könnte. Die beiden größten Gruppen – Kurden und die Männer um den Paten des Gefängnisses, Cesar – wollen ihn beide für sich haben. Malik entscheidet sich, für Cesar zu arbeiten und beginnt seine Karriere mit einem Auftragsmord. Cesar gewährt ihm dafür einige Annehmlichkeiten und vor allem Schutz. Bald erledigt Malik die Geschäfte außerhalb des Gefängnisses, denn er bekommt befristeten Freigang. Nach einer Weile hat Malik nicht nur Lesen und Schreiben gelernt, sondern auch zahlreiche Sprachen – unter anderem Kurdisch. Setzt ihn Cesar zunächst noch als Spitzel ein, ersinnt Malik bald einen Plan, beide Gruppen gegeneinander auszuspielen.
Die Geschichte des kleinen Gauners, der durch seine soziale Herkunft unweigerlich in den Sumpf des Verbrechens gesogen wird, und allen Anstrengungen zum Trotz nichts dagegen unternehmen kann, ist nicht neu. Doch selten wurde sie dermaßen intensiv und authentisch zugleich in einem Film umgesetzt, wie das in „Ein Prophet“ geschehen ist. Regisseur Audiard entscheidet sich für einen sehr schlichten Stil und fängt alles mit einfacher Handkamera ein. Außerdem finden viele der Schlüsselszenen in sehr kleinen Räumen statt, so dass die Kamera den Zuschauer ganz nah an das Geschehen heran lässt. Die dominanten Farben des Filmes werden durch das Knastsetting diktiert. Wir haben Grau, Braun, Weiß und sehr oft eben leuchtendes Rot. Die beklemmende Atmossphäre der ganzen Geschichte wird stets durchbrochen von explizieten Gewaltszenen, die durch ihre schlichte Darstellung noch intensiver wirken, als man es eigentlich aushalten will. Die meisten Schauspieler liefern eine souveräne, aber reduzierte Performance ab. Das geschieht mit Absicht, denn im Vergleich zu den abgestumpften Knastbrüdern, denen nichts eine Regung entlocken kann, spielt Shooting-Star Tahar Rahim unglaublich intensiv und füllt die Figur des Malik sehr sensibel mit Leben. So avanciert diese Figur zu einem regelrechten Leuchtfeuer, in Mitten all der Tragik und Tristesse.
„Ein Prophet“ ist eindeutig ein harter, brutaler und böser Film, der aber auf ganz schlichte Art und Weise die Wahrheit erzählt. Es ist eine Wahrheit, bei der man sehr schnell weiß, dass man sie gar nicht so genau erfahren will, wie sie der Film schildert. Die Spannung entsteht von innen heraus und lässt einen nicht los. Mit Sicherheit einer der interessantesten, aber auch fragwürdigsten Filme diesen Jahres. Um so unverständlicher, dass er in Deutschland in nahezu keinem Kino lief. Dafür ist der Film nun auf DVD erschienen.
Un prophète (F, 2009): R.: Jacques Audiard; D.: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bancherif, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage.
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