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Dienstag, 20. August 2013

Der zweifache Gosling # 2 - Only God Forgives

Es war eine große Überraschung, als der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn 2011 in Cannes, den Preis für die beste Regie gewann. Vorher hatte man von „Drive“ nicht viel gehört. Ein Actionfilm, der von einem Fluchtwagenfahrer handelt. Das erregte sofort Assoziationen an „The Fast And The Furious“ oder an jenen unsäglichen Nicolas Cage-Film „Drive Angry“.
Mit derartigen Filmen hatte dieses Werk aber absolut nichts zu tun. „Drive“ war spannend, intensiv, unglaublich toll fotografiert und bot neben einem neuen Stil gleichzeitig eine Verbeugung an solch Klassiker, wie „Bullit“, oder „The Driver“.
Obendrein bot „Drive“ einen Soundtrack zum Niederknien und katapultierte Ryan Gosling über Nacht an die Spitze der Liste der beliebtesten Schauspieler der letzten Jahre. Ich selbst bin immer noch der Meinung, dass „Drive“ einer der besten Filme ist, die ich je gesehen habe. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die erneute Zusammenarbeit des Duos Refn / Gosling.

Bangkok ist eine große Stadt. Eine riesige Stadt. Buchstäblich ein Moloch. Ein Ort voller Faszination und Gegensätze. Ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten. Die beiden amerikanischen Brüder Billy und Julian verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit der Ausrichtung von Boxkämpfen, aber reich wurden sie durch den Verkauf von Drogen im großen Stil. Auch in Bangkok ist das illegal, aber hier funktioniert das alles ein bisschen anders. Dem ganzen liegt ein empfindliches Gleichgewicht zu Grunde. Zwischen allen Fraktionen gibt es Abmachungen und Verträge. So lange sich alle an diese Verträge halten, gibt es keine Probleme. Eines Tages taucht Billy in einem Bordell auf. Nachdem er hier nicht das bekommt, was er will, tötet er die Tochter des Bordellbesitzers. Der Polizist Chang, dessen Aufgabe es ist, das Gleichgewicht zu erhalten, tötet Billy. Das wiederum ruft die Mutter der beiden Brüder, Chrystal, auf den Plan. Da Julian offensichtlich nicht in der Lage ist, den Tod seines Bruders angemessen zu rächen, beauftragt sie ein paar Auftragskiller und setzt diese auf Chang an. Das hat allerdings fatale Folgen, denn Chang ist unterwegs, wie ein erbarmungsloser und kompromissloser Racheengel.

Als dieser Film angekündigt wurde, empfand ich alles andere , als Vorfreude. Sofort war gewiss, dass „Only God Forgives“ niemals genau so gut, oder gar besser, als „Drive“ sein kann. Dem entsprechend hoffte ich, dass Refn nicht versuchen würde, sein Meisterwerk noch einmal machen zu wollen. Aber wollte ich einen Film sehen, der ständig mit „Drive“ verglichen werden würde, aber gleichzeitig völlig anders sein musste? Die ersten Bilder ließen die Befürchtungen wachsen. Das sah mir alles zu sehr nach „Drive“ aus. Im Trailer hörte man Musik von Cliff Martinez, die ebenfalls frappierende Ähnlichkeiten zur Musik von „Drive“ aufwies. Und dann saß ich im Kino und stellte als erstes fest: „Only God Forgives“ ist völlig anders. Der gesamte Stil entspricht eher früheren Refn-Filmen, hat mich zwischendurch aber sogar an David Lynch erinnert. Goslings performative Arbeit wirkt noch reduzierter, als in „Drive“. Bis auf einen kleinen Ausraster, scheint seine Figur regelrecht apathisch durch den Film zu schweben. Selbst während der Kampfszene zeigt er keinerlei Regung. Aber auch seine Filmmutter stellt fest, dass mit ihm irgendwas nicht zu stimmen scheint. Ähnlich geartet, aber ungleich gruseliger ist sein Widerpart. Der Polizist Chang tut unfassbar grausame Dinge, ohne, dass er auch nur mit der Wimper zuckt. Ebenso undurchsichtig erscheinen mir dessen Motive. Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, warum Chang das tut, was er tut. Selbst der treibende Motor der Handlung des gesamten Films erschließt sich mir nicht so recht. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich erst jetzt über „Only God Forgives“ schreiben kann. Im Gespräch mit einem Kollegen, stellte er fest, dass Refn einfach alles an der Geschichte im Film auf des Wesentliche reduziert. Demnach, stellt Chang den Beweis für eine – irgendwie geartete – Existenz irgendeines Gottes, oder eben dessen Rache dar. Jemand zieht sich seinen Zorn zu und wird eben  entsprechend geläutert. Ende der Geschichte! Dieses Konzept ist meiner Meinung nach aber nicht zu Ende gedacht. Gegenüber der simplen Handlung steht nämlich die komplizierte Konstellation der beiden Brüder mit ihrer Mutter. Wen stellt sie denn in diesem Gott-Gleichnis dar? Was auch immer Refn hier nun auf das Wesentliche reduziert haben mag, die visuelle Ebene des Films betrifft das nicht. Nahezu perfekt inszenierte und komponierte Bilder, lassen den Film regelrecht schweben. Größtenteils wirken sie auch eher, wie Traumsequenzen. Irgendwie unrealistisch. Dem gegenüber steht die unfassbar harte Gewaltdarstellung. Derart Schockierendes und mit einer derart kalten Beiläufigkeit ausgeübt, habe ich noch nie in einem Film gesehen. Hier ist mal wieder ein heftiger Slap an die FSK dran. Bei der ersten Prüfung hatte „Only God Forgives“ keine Jugendfreigabe erhalten. Der Verleih ging in Berufung und nach einer zweiten Prüfung wurde der ungeschnittenen Fassung ein Freigabe ab 16 erteilt. Das kann jeder so bewerten, wie es ihm angemessen scheint.

Dass alle bisherigen Filme Refns, inklusive „Only God Forgives“ nichts für schwache Nerven sind, kann man sich allerdings denken und nun muss jedem selbst überlassen sein, zu entscheiden, ob er diese Szenen ertragen kann, oder nicht. Leider sind diese Momente auch fast das Einzige, was mir im Gedächtnis geblieben ist. Dieser Film funktioniert bei mir leider gar nicht. Ich bewundere allerdings den Mut und die Konsequenz Nicolas Winding Refns. Nach „Drive“ hätte es wohl jeder verstanden, wenn er einfach noch mal das Gleiche probiert hätte.

Only God Forgives (F, THA, USA, SWE, 2013): R.: Nicolas Winding Refn; D.: Ryan Gosling, Vitnaya Pansringarm, Kristin Scott Thomas, u.a.; M: Cliff Martinez; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 8. November 2012

Lore

Die deutsche Geschichte weist mehr als einen unschönen Aspekt auf. Jeder weiß zum Beispiel sofort, worum es geht, wenn man von „dunklen Kapiteln“ spricht. Der zweite Weltkrieg und die Schrecken rund um dieses weltumfassende Gemetzel, wurde ausführlich in zahlreichen Filmen aufgearbeitet. Auch die deutsche Filmlandschaft konnte einige sehr gute und ernsthafte Filminterpretationen bieten, die durch ihre Machart und sensible Herangehensweise durchaus zu beeindrucken wussten und im Gedächtnis haften bleiben.
Während der zweite Weltkrieg an sich oft filmisch dargestellt wurde, man sich sogar an den Brocken über Hitlers letzte Tage heran gewagt hat – und ganz nebenbei, recht überzeugend eingefangen hat – gibt es noch einige historische Kapitel, an deren Re-Inszenierung sich bisher kein deutscher Regisseur getraut hat. Die australische Regisseurin Cate Shortland hat sich eines sehr schwierigen Teils der historischen Aufarbeitung angenommen und erzählt nun die bewegende Geschichte von „Lore“

Süd-Deutschland, 1945. Der Krieg ist vorbei und das Land ist vollkommen zerstört. Die Besatzungstruppen der Alliierten, Franzosen und der Russen sind einmarschiert und haben das Land in Sektoren aufgeteilt. Währen sich die Besatzungstruppen vorerst nur um Soldaten und andere Militärs kümmern, muss die Bevölkerung erst einmal alleine klar kommen. Lore lebt mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in einem großen Gehöft im Schwarzwald. Ihr Vater ist ein ranghoher Nazigeneral und wird trotz eines Fluchtversuchs von amerikanischen Soldaten verhaftet. Nachdem auch Lores Mutter abgeholt wird, muss die älteste Tochter selbst die Verantwortung über die Familie übernehmen. Sie merken schnell, dass sie nicht da bleiben können, wo sie sind, da hier viele Menschen wissen, wessen Tochter sie ist. Sie sieht nur einen Weg: Sie muss zur Großmutter nach Hamburg fliehen. Sie schnappt sich die Geschwister und macht sich zu Fuß auf den Weg. Ihre Reise führt sie durch ein zerstörtes Land voller Elend und Grauen. Vor allem die Bewohner des Landes gehen nicht besonders zimperlich miteinander um. Lore ist hin und her gerissen, zwischen ihrer eigenen anerzogenen Überzeugung und dem nackten Überlebenswillen.

„Lore“ ist ein echter Brocken. Schonungslos wird gezeigt, was in Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit los gewesen sein muss.  Das Land entpuppt sich nämlich innerhalb kürzester Zeit als gnadenlose Outlaw-Zone, in der es nur um das Überleben geht und der größte Feind, ist der Mensch. Und zwar der Mensch, der jahrelang dein Nachbar oder dein Freund war. Diese bedrohliche Atmosphäre wird bereits in den ersten Minuten des Films geschaffen und hält die komplette Zeit an. Der Film zeigt auch, zu welchen enormen Taten man fähig ist, wenn es tatsächlich um nichts anderes geht, als zu überleben. Viele Dinge wirken erschreckend authentisch. Lore ist mit ihren vier Geschwistern alleine unterwegs. Sie haben auch noch ein Baby dabei und dieses Baby avanciert immer häufiger zum Schlüssel. Zum Beispiel wollen immer wieder Mitmenschen das Baby zum Tausch gegen Lebensmittel haben. Mit einem Baby auf Arm bekommt man leichter Obdach, Essen und andere Dinge. Andere Szenen mit angedeuteten Vergewaltigungen und Hinrichtungen von Flüchtigen an Kontrollpunkten, lassen den allgemeinen Schock noch tiefer sacken. Interessant ist, dass man viele derartige Szenen aus einer ganz anderen Art von Filmen kennt. Die Darstellung einer postapokalyptischen Welt ist stets wichtiger Bestandteil von Zombiefilmen. Diese Zombiefilme versinnbildlichen eine der größten Ängste der modernen Gesellschaft: Die Angst vor dem absoluten Kontrollverlust und der Horror einer völlig aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Selbstverständlich braucht es keine Zombies, um diesen Zustand zu erreichen. Dass diese Motive nun in einem historischen Film auftauchen, macht sie noch beängstigender, denn sie haben nicht mehr die Distanz der Utopie. Sie sind echt. Vielleicht liegen sie in der Vergangenheit, aber sie sind echt.
Dass Shortland sich für diesen Stil entschieden hat, macht „Lore“ total beklemmend und beängstigend. Vielleicht war ihr das düstere Gesamtbild ihres Werks selbst zu hart, denn sie versucht oft, die Atmosphäre mit künstlerisch anmutenden Einsprengseln aufzulockern. So sieht man manchmal Nahaufnahmen von summenden Insekten, oder Zeitlupenshots von herabfallenden Laubblättern. So schön diese Bilder sein mögen, sie wirken deplatziert. Psychologen würden möglicherweise ihre wahre Freude an diesen Szenen haben, stellen sie wohl das Bedürfnis der Regisseurin dar, angesichts all der Schrecken einfach an etwas Schönes zu denken. Und dieses Bedürfnis verspürt der Zuschauer ebenfalls sehr stark.

„Lore“ ist harter Stoff und man vergisst durch das ganze Grauen dieser schwierigen Zeit, die Qualitäten des Films zu würdigen. Saskia Rosendahl zum Beispiel ist absolut beeindruckend, nicht nur weil sie hier ihre erste Spielfilmrolle souverän meistert. Der Film hingegen glänzt durch schonungslose Ehrlichkeit, die der Zuschauer teilweise schwer verkraften kann und genau so geht es mir mit dieser Zeit. Ich weiß fast nichts darüber, denn meine Großmütter und -väter, die diese Zeit  mit erlebt haben, schweigen bis heute.

Lore (D, 2012): R.: Cate Shortland; D.: Saskia Rosendahl, Ursina Lardi, Kai-Peter Malina, u.a.; M.: Max Richter; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:00 bis 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Drive

In den 60er und 70er Jahren hatten die Produzenten irgendwie weniger Scheu, wenn es um Actionfilme ging. Sie waren schmerzloser, was schlechten Geschmack anging. Die Action musste stimmen und alles andere würde sich schon ergeben. So entstanden so kompromisslos konsequente Figuren, wie Dirty Harry oder Bullit. Gerade Steve McQueen, der nun mal Rennfahrer gewesen ist, und diesen Umstand einfach immer und in jedem seiner Filme unterbringen wollte, kreierte einen neuen Stil. Der Fokus lag auf den Verfolgungsjagden. Der Held musste also Auto fahren können. Alle anderen Charaktereigenschaften waren nebensächlich, wodurch der schweigsame und geheimnisvolle Actionheld geboren wurde. Oft kopiert und nachgemacht, verkam diese Figur immer mehr zum Vollpfosten und die Magie ging verloren. Jetzt ist die Magie wieder da. Mit Nicolas Winding Refn und „Drive“.

Los Angeles. Es ist Nacht. Die Stadt schläft nicht, sie erwacht. Der namenlose Held sieht aus dem Fenster und telefoniert. Mit klaren Worten macht er seine Grundsätze klar und stellt seine Regeln auf. In fünf Minuten kann viel passieren und egal, was auch geschieht: Er ist dein Mann, wenn du einen Job für ihn hast, der irgendwas mit Autos zu tun hat.
Er ist der zuverlässigste Autofahrer, den man sich vorstellen kann. Er ist Stuntfahrer und Mechaniker und nachts ist er Fluchtwagenfahrer. Die Aufträge verschafft ihm sein Kumpel Shannon, der demnächst auch beim Autorennen mit Hilfe des Drivers gewinnen will. Zu diesem Zweck muss er sich viel Geld borgen. Das bekommt er beim Gangsterboss Bernie Rose. Der ist dafür bekannt, dass er im Falle eines Fehlschlags nicht nur sein Geld wieder haben will.
Die Nachbarin des Drivers hat indes einen Ehemann, der große Probleme mit einem anderen Gangster hat. Er soll in dessen Auftrag einen Laden überfallen. Da die hübsche Irene es dem Driver angetan hat, entschließt er sich, ihrem Mann bei dem gefährlichen Unterfangen zu helfen. Mit ungeahnten Folgen.

Eigentlich ist es unmöglich, zu beschreiben, was an „Drive“ so besonders ist. Wenn man im Kino sitzt, merkt man es aber ab der ersten Minute. Es könnte an der treibenden Musik liegen, die stets im Hintergrund wabert. Es sind einige sehr coole Pop-Songs verwendet worden, die sich nahtlos zu der komponierten Tracks von Cliff Martinez gesellen. Die Musik sei hier nur deshalb als erstes erwähnt, weil sie dem Zuschauer als erstes auffällt. Als nächstes fällt einem das absolut brillante Bild auf. Es ist gestochen scharf und die Kamera wird präzise geführt. Da wackelt nichts und da verwischt nichts. Die Farben im Film stechen dadurch um so mehr hervor. Sämtliche Bilder und Fahrten sind sorgfältig vorbereitet und so wird der visuelle Rahmen des Films enorm elegant und anmutig. Die Actionsequenzen funktionieren ähnlich. Man sieht große Teile der Verfolgunsgsjagden aus der Schulterperspektive des Fahrers. Eben weil alles so präzise inszeniert ist, geht einem trotz dieser Perspektive nichts verloren und man bekommt alles mit. Die Action ist komplett handgemacht und wirkt deshalb nie übertrieben oder unrealistisch. Wohl dosiert und platziert gewinnen die Actionszenen so viel ästhetische Bedeutung, dass selbst ein John Woo neidisch werden könnte.
Die sinnlichen Actionszenen werden abgelöst von super brutalen Kampfszenen, die dem bisher lupenreinen Helden des Films eine neue Note der Unberechenbarkeit geben.
Die Story ist simpel, dafür aber um so klarer konstruiert. Die Figuren sind ebenso klar und entsprechen typischen Charakteren von klassischen Gangstergeschichten.
All das erschließt sich in den ersten zehn Minuten und dann wird es großartig.

„Drive“ ist für mich einer der interessantesten Filme der letzten Jahre. Einfach alles an diesem Film stimmt und wurde richtig gemacht. Selten wurden meine Erwartungen an einem Film derartig erfüllt und übertroffen. Noch nie hat mich ein Film durchweg so begeistert, wie „Drive“.
Es ist nicht einfach nur die Wiederbelebung eines Filmgenres. Man kann es nicht einfach in die Schublade Film-Neo-Noir, oder was auch immer stecken. Es ist alles neu und großartig und sollte von absolut jedem Filmfan gesehen und begutachtet werden.

Drive (USA, 2011): R.: Nicolas Winding Refn; D.: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Ron Perlman, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstaag, zwischen 12:00 und 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 21. September 2011

Filmkunstmesse Leipzig - Dienstag


12:00 Uhr

Nach dem gestrigen Debakel mit der Technik, wird heute als erstes das Equipment gesichtet, getestet, dran herum gespielt und letztendlich sogar einigermaßen zum Laufen gebracht. Tagsüber wird ein bisschen in der Stadt herum gefahren und das spät sommerliche Wetter versöhnt etwas mit dem Umstand, dass man nun doch plötzlich viel mehr Zeit hat, als ursprünglich gedacht.

22:15 Uhr


Dann geht es wieder in die Passagenkinos in der Innenstadt, eine Einrichtung, die es mir irgendwie angetan hat. Es hat alles ein ganz besonderes Flair, welches irgendwie an goldene, längst vergangene Tage denken lässt. Auch ist die Filmauswahl, die hier in der Regel präsentiert wird, sehr interessant und hebt sich angenehm von anderen mainstreamiger geprägten Multiplex-Kinos ab. Hier fand gestern bereits die Eröffnungsveranstaltung statt und hier hin verschlägt es mich auch am heutigen Abend.
Es wird „Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte“ gezeigt, der Regie-Erstling des englischen Schauspielers Paddy Considine. Considine ist hierzulande nicht all zu bekannt, hat aber bis heute in knapp 30 – überwiegend britischen – Produktionen mitgespielt. Beim diesjährigen Sundance Festival gewann er den World Cinema Regiepreis und der Film gilt schon jetzt als ein absolutes Highlight der britischen Filmkultur.

„Tyrannosaur“ erzählt von Joseph, der alleine in einem verwahrlosten Vorstadtviertel lebt. Er ist stets stark gerizt und stürzt sich, ohne große Überlegungen in jeden sich bietenden Konflikt. Er sieht in seiner ständigen Wut selbst ein Problem und weiß nicht, wie er sie beherrschen soll. Eines Tages kommt er in den Laden von Hannah. Sie betreibt eine Art An- und Verkauf für die ärmeren Bewohner des Viertels, lebt selbst allerdings in gut betuchten Verhältnissen. Sie ist sehr gläubig und fühlt sich berufen, sich Joseph anzunehmen und sich um sein Seelenheil zu kümmern. Der sieht in ihren Ansichten allerdings bloß Konfliktpotential und fackelt nicht lange, ihr kräftig vor den Kopf zu stoßen. Bald stellt sich allerdings heraus, dass Hannah mit ihrem Leben und ihrer Ehe mit einem ziemlich gestörten Ehemann ganz und gar nicht zufrieden ist und Joseph merkt, dass er wohl doch etwas für sie empfindet, und sei es nur Reue.

Was sich zunächst anhört, wie eine ganz normale Liebesgeschichte, entpuppt sich schnell als einer der ehrlichsten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Es fällt auf, dass jüngst viele, sehr harte und deprimierende Filme aus Großbritannien kommen. Man denke bloß an „Harry Brown“ und im letzten Jahr an „Fish Tank“. Angesichts der heftigen Krawalle, die das Land erschütterten, dürfte wohl jeder mitbekommen haben, dass auf der Insel einiges im Argen liegt. „Tyrannosaur“ nimmt den Zuschauer an die Hand, führt ihn mitten hinein, und lässt ihn dann dort stehen. Man bekommt die gesamte und ungeschönte Wahrheit zu sehen. Vielen Menschen geht es schlecht und sie leben am Existenzminimum, wohin gegen ein kleiner Teil der Bevölkerung ein wohlhabendes Leben führen darf. Das ganze Land ist voller Kontraste und die prallen in diesem Film ungehemmt aufeinander. Die beiden Hauptdarsteller Peter Mullan und Olivia Colman liefern unglaublich detailierte und intensive Darstellungen ab und Regisseur Paddy Considine unterstützt diese starke Leistung mit einem unglaublich nahen Stil. Dieser Film deprimiert und fasziniert zugleich und auch wenn nicht viel Schönes zu sehen ist, schafft er ein Quasi-Happy-End, ohne gekünstelt, oder aufgesetzt zu wirken.

Ganz sicher ist „Tyrannosaur“ ein großes Highlight in diesem Restkinojahr, das lange im Gedächtnis bleiben wird und das schaffen nur Filme, die über etwas Wahres und Echtes berichten. An dieser Stelle also der gleiche Text, wie gestern. Ab 13. Oktober läuft der Film in den deutschen Kinos und wird dringend empfohlen. Das war's vom Messe-Dienstag. Morgen wird es um die filmgewordene Traurigkeit gehen, denn ich werde mir Lars von Trier's Melancholia ansehen. Bis dann.

Tyrannosaur (GB, 2011): R.: Paddy Considine; D.: Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan, u.a.; M.: Dan Baker; Filmstartsseite

Der nächste Kineast: Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Freitag, 29. Oktober 2010

Mal wieder gesehen - Wall Street

Michael Douglas. Cool. Ein Schauspieler, dessen größte Stärke immer seine intensive Ausstrahlung war. Ein Blick von Michael Douglas macht alle schauspielerischen Unzulänglichkeiten wett. Shia LaBeouf. Hmm. Den können ganz viele nicht leiden. Milchbubi. Vorzeigerebell mit goldenem Löffel unterm Kissen. Nervbacke. Aber ich mag ihn irgendwie. Klar ist er jung, aber ich halte ihn für einen fähigen Schauspieler. Irgendwas muss ja dran sein, sonst würde er nicht ständig Rollen in großen Produktionen spielen. Der Trailer zu „Wall Street - Geld schläft nicht“ ist dermaßen nichtssagend, dass man Angst bekommt, nicht zu verstehen, worum es überhaupt geht. So geht es mir jedenfalls. Um „Wall Street“ von 2010 sehen zu können, muss man vorher „Wall Street“ aus dem Jahre 1987 gesehen haben.

Und darum geht's: Bud Fox ist ein junger Aktienbroker, der für eine Agentur Charts analysiert und diverse Aktien den Kunden der Agentur schmackhaft macht. Das läuft ungefähr so: Bud beobachtet einen Kurs. Bud denkt sich, das könnte toll werden und ruft seinen Klienten an. Läuft alles gut, ist der Kunde zufrieden, der Chef ist noch zufriedener und Bud ist ungefähr zwanzig Jahre älter geworden, bevor das Ganze wieder von vorne los geht. Wie viele andere an der Wall Street, hat auch Bud ein Vorbild. Gordon Gecko ist eine absolute Legende. Keiner versteht die Aktien so gut wie er, und Verluste sind ihm fremd. Bud versucht nun, an Gecko heran zu kommen, um für ihn zu arbeiten und von ihm zu lernen. Da er sehr hartnäckig ist, schafft er es tatsächlich eines Tages in Geckos Büro und verschafft ihm durch einen Tipp einen stattlichen Gewinn. Gecko stellt Bud nun an und nimmt ihm gleichzeitig unter seine Fitiche. Bei einem Empfang lernt Bud die atemberaubende Carolyn kennen und verliebt sich in sie. Das Leben beginnt nun, schön zu werden. Er arbeitet für Gecko und lebt mit der Frau seiner Träume zusammen. Doch die Aufträge für seinen Mentor bringen Bud regelmäßig an die Grenzen der Legalität und er beginnt, sich zu verstricken. Außerdem hat Carolyn eine Affäre mit Gecko selbst. Es lässt sich unschwer erahnen, dass dies nicht lange gut gehen kann.

1987 warb 20th Century Fox wie folgt für "Wall Street": "Nach Platoon führt uns Regisseur Oliver Stone in den nächsten Krieg in einem Dschungel, härter als alle anderen der Welt." Aus heutiger Sicht hinkt dieser Vergleich mächtig, aber für Stone war es beinahe die selbe Liga. Als provokanter Regisseur suchte sich Stone stets Themen heraus, die besonders den Amerikanern weh taten. Später änderte er seinen Stil und provozierte durch Bilder. "Wall Street" schildert nun den ganz normalen Alltag an der Börse. Mit sämtlichen Abgründen und Intrigen, die nun mal dazu gehören. Heute bereitet es keine großen Schwierigkeiten mehr, sich vorzustellen, dass es wirklich so läuft, aber 1987 schlug der Film ein, wie eine Bombe und löste weltweite Diskussionen über die Vorgehensweise und Reglementierungen an Börsen aus. Wie im Film, wird über Millionenbeträge beim Frühstück entschieden und ist man zunächst noch fasziniert von der Art und Weise, mit welcher Sicherheit und Beiläufigkeit mit Zahlen jongliert wird, bekommt man bald mit, dass hinter jedem Geldbetrag auch eine Existenz steht, die gleichzeitig mit den sinkenden Aktienkursen baden geht. Michael Douglas ist als großmächtiger Gordon Gecko ohne Gewissen absolut großartig und man merkt ihm den Spaß und die Freude an dieser Rolle förmlich an. Charlie Sheen ist cool und spielt hervorragend den etwas grünen Neuling, der beginnt zu lernen. Noch cooler allerdings ist, dass Martin Sheen den Vater von Bud spielt und dieser das absolute Gegenteil von Gordon Gecko darstellt. Während Gecko eindeutig zu den oberen Zehntausend gehört, ist Buds Vater ein hart arbeitender Flughafentechniker, der allerdings keinerlei Perspektiven hat und für immer der kleine Mann bleiben muss.

"Wall Street" ist ein interessanter aufregender und nicht zu letzt provokanter Film, den man gesehen haben sollte, nicht zuletzt eben, um den neuen Film zu verstehen. Und was ich von dem halte, kommt im nächsten Post.

Wall Street (USA, 1987): R.: Oliver Stone; D.: Charlie Sheen, Michael Douglas, Martin Sheen, u.a.; M.: Stewart Copeland.

Dienstag, 14. September 2010

oO - Ein Prophet

Eine neue Rubrik auf Kineast. Manchmal gibt es Filme, die auf eine besondere Art und Weise dafür sorgen, dass mir die Kinnlade schlagartig nach unten fällt, und ich eigentlich erstmal sprachlos bin. Nach einer Weile finde ich die Sprache wieder und werde diese besonderen Filme nun also in einer besonderen Kategorie hier besprechen. Der Name dieser Rubrik ist schlicht und eindeutig „oO“.

Kein Kinojahr vergeht, ohne dass nicht mindestens einer jenen Filme kommt, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt, nachdem man sie gesehen hat. Ich persönlich nenne sie gerne „böse Filme“. Sie handeln stets von den Abgründen im Menschen, von moralisch fragwürdigen Entscheidungen und enden hoch dramatisch. War es vor zwei Jahren Sidney Lumets „Tödliche Entscheidung“ und im letzten Jahr „Das weiße Band“, so ist es in diesem Jahr der neue Film von Jacques Audiard gewesen, „Ein Prophet“.

Malik ist 19 Jahre alt, hat keine abgeschlossene Schulausbildung, lebt auf der Straße und soll nun 6 Jahre ins Gefängnis. Hier ist das Leben natürlich auch nicht viel leichter, als vorher. Es herrschen strenge Regeln seitens der Wärter und noch strengere Regeln seitens der Insassen. Hier ist alles streng hierarchisch organisiert und Malik merkt schnell, dass er sich niemals alleine durchschlagen könnte. Die beiden größten Gruppen – Kurden und die Männer um den Paten des Gefängnisses, Cesar – wollen ihn beide für sich haben. Malik entscheidet sich, für Cesar zu arbeiten und beginnt seine Karriere mit einem Auftragsmord. Cesar gewährt ihm dafür einige Annehmlichkeiten und vor allem Schutz. Bald erledigt Malik die Geschäfte außerhalb des Gefängnisses, denn er bekommt befristeten Freigang. Nach einer Weile hat Malik nicht nur Lesen und Schreiben gelernt, sondern auch zahlreiche Sprachen – unter anderem Kurdisch. Setzt ihn Cesar zunächst noch als Spitzel ein, ersinnt Malik bald einen Plan, beide Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Die Geschichte des kleinen Gauners, der durch seine soziale Herkunft unweigerlich in den Sumpf des Verbrechens gesogen wird, und allen Anstrengungen zum Trotz nichts dagegen unternehmen kann, ist nicht neu. Doch selten wurde sie dermaßen intensiv und authentisch zugleich in einem Film umgesetzt, wie das in „Ein Prophet“ geschehen ist. Regisseur Audiard entscheidet sich für einen sehr schlichten Stil und fängt alles mit einfacher Handkamera ein. Außerdem finden viele der Schlüsselszenen in sehr kleinen Räumen statt, so dass die Kamera den Zuschauer ganz nah an das Geschehen heran lässt. Die dominanten Farben des Filmes werden durch das Knastsetting diktiert. Wir haben Grau, Braun, Weiß und sehr oft eben leuchtendes Rot. Die beklemmende Atmossphäre der ganzen Geschichte wird stets durchbrochen von explizieten Gewaltszenen, die durch ihre schlichte Darstellung noch intensiver wirken, als man es eigentlich aushalten will. Die meisten Schauspieler liefern eine souveräne, aber reduzierte Performance ab. Das geschieht mit Absicht, denn im Vergleich zu den abgestumpften Knastbrüdern, denen nichts eine Regung entlocken kann, spielt Shooting-Star Tahar Rahim unglaublich intensiv und füllt die Figur des Malik sehr sensibel mit Leben. So avanciert diese Figur zu einem regelrechten Leuchtfeuer, in Mitten all der Tragik und Tristesse.
„Ein Prophet“ ist eindeutig ein harter, brutaler und böser Film, der aber auf ganz schlichte Art und Weise die Wahrheit erzählt. Es ist eine Wahrheit, bei der man sehr schnell weiß, dass man sie gar nicht so genau erfahren will, wie sie der Film schildert. Die Spannung entsteht von innen heraus und lässt einen nicht los. Mit Sicherheit einer der interessantesten, aber auch fragwürdigsten Filme diesen Jahres. Um so unverständlicher, dass er in Deutschland in nahezu keinem Kino lief. Dafür ist der Film nun auf DVD erschienen.

Un prophète (F, 2009): R.: Jacques Audiard; D.: Tahar Rahim, Niels Arestrup, Adel Bancherif, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage.