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Donnerstag, 9. Februar 2012

Drive

In den 60er und 70er Jahren hatten die Produzenten irgendwie weniger Scheu, wenn es um Actionfilme ging. Sie waren schmerzloser, was schlechten Geschmack anging. Die Action musste stimmen und alles andere würde sich schon ergeben. So entstanden so kompromisslos konsequente Figuren, wie Dirty Harry oder Bullit. Gerade Steve McQueen, der nun mal Rennfahrer gewesen ist, und diesen Umstand einfach immer und in jedem seiner Filme unterbringen wollte, kreierte einen neuen Stil. Der Fokus lag auf den Verfolgungsjagden. Der Held musste also Auto fahren können. Alle anderen Charaktereigenschaften waren nebensächlich, wodurch der schweigsame und geheimnisvolle Actionheld geboren wurde. Oft kopiert und nachgemacht, verkam diese Figur immer mehr zum Vollpfosten und die Magie ging verloren. Jetzt ist die Magie wieder da. Mit Nicolas Winding Refn und „Drive“.

Los Angeles. Es ist Nacht. Die Stadt schläft nicht, sie erwacht. Der namenlose Held sieht aus dem Fenster und telefoniert. Mit klaren Worten macht er seine Grundsätze klar und stellt seine Regeln auf. In fünf Minuten kann viel passieren und egal, was auch geschieht: Er ist dein Mann, wenn du einen Job für ihn hast, der irgendwas mit Autos zu tun hat.
Er ist der zuverlässigste Autofahrer, den man sich vorstellen kann. Er ist Stuntfahrer und Mechaniker und nachts ist er Fluchtwagenfahrer. Die Aufträge verschafft ihm sein Kumpel Shannon, der demnächst auch beim Autorennen mit Hilfe des Drivers gewinnen will. Zu diesem Zweck muss er sich viel Geld borgen. Das bekommt er beim Gangsterboss Bernie Rose. Der ist dafür bekannt, dass er im Falle eines Fehlschlags nicht nur sein Geld wieder haben will.
Die Nachbarin des Drivers hat indes einen Ehemann, der große Probleme mit einem anderen Gangster hat. Er soll in dessen Auftrag einen Laden überfallen. Da die hübsche Irene es dem Driver angetan hat, entschließt er sich, ihrem Mann bei dem gefährlichen Unterfangen zu helfen. Mit ungeahnten Folgen.

Eigentlich ist es unmöglich, zu beschreiben, was an „Drive“ so besonders ist. Wenn man im Kino sitzt, merkt man es aber ab der ersten Minute. Es könnte an der treibenden Musik liegen, die stets im Hintergrund wabert. Es sind einige sehr coole Pop-Songs verwendet worden, die sich nahtlos zu der komponierten Tracks von Cliff Martinez gesellen. Die Musik sei hier nur deshalb als erstes erwähnt, weil sie dem Zuschauer als erstes auffällt. Als nächstes fällt einem das absolut brillante Bild auf. Es ist gestochen scharf und die Kamera wird präzise geführt. Da wackelt nichts und da verwischt nichts. Die Farben im Film stechen dadurch um so mehr hervor. Sämtliche Bilder und Fahrten sind sorgfältig vorbereitet und so wird der visuelle Rahmen des Films enorm elegant und anmutig. Die Actionsequenzen funktionieren ähnlich. Man sieht große Teile der Verfolgunsgsjagden aus der Schulterperspektive des Fahrers. Eben weil alles so präzise inszeniert ist, geht einem trotz dieser Perspektive nichts verloren und man bekommt alles mit. Die Action ist komplett handgemacht und wirkt deshalb nie übertrieben oder unrealistisch. Wohl dosiert und platziert gewinnen die Actionszenen so viel ästhetische Bedeutung, dass selbst ein John Woo neidisch werden könnte.
Die sinnlichen Actionszenen werden abgelöst von super brutalen Kampfszenen, die dem bisher lupenreinen Helden des Films eine neue Note der Unberechenbarkeit geben.
Die Story ist simpel, dafür aber um so klarer konstruiert. Die Figuren sind ebenso klar und entsprechen typischen Charakteren von klassischen Gangstergeschichten.
All das erschließt sich in den ersten zehn Minuten und dann wird es großartig.

„Drive“ ist für mich einer der interessantesten Filme der letzten Jahre. Einfach alles an diesem Film stimmt und wurde richtig gemacht. Selten wurden meine Erwartungen an einem Film derartig erfüllt und übertroffen. Noch nie hat mich ein Film durchweg so begeistert, wie „Drive“.
Es ist nicht einfach nur die Wiederbelebung eines Filmgenres. Man kann es nicht einfach in die Schublade Film-Neo-Noir, oder was auch immer stecken. Es ist alles neu und großartig und sollte von absolut jedem Filmfan gesehen und begutachtet werden.

Drive (USA, 2011): R.: Nicolas Winding Refn; D.: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Ron Perlman, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstaag, zwischen 12:00 und 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Freitag, 18. November 2011

Das Wort zum Donnerstag

Mitte November und es sieht so aus, als wäre das Kinojahr wirklich langsam gelaufen. Ich weiß, das habe ich schon sehr oft gesagt, aber so langsam scheint wirklich die Luft raus zu sein. Na gut! Wir erwarten sehnlich den Start des neuen Cronenbergs und bei uns ist noch immer nicht der neue Almodovar gelaufen. Es gibt in meinem Bekanntenkreis ein absolutes Verbot, irgendwas über „Die Haut in der ich wohne“ zu erzählen. Nur, weil der Verleih gepennt hat, und nicht ahnen konnte, dass die paar Kopien nicht reichen, lass ich mir nicht den Spaß verderben.

Aber irgendwie sind die Höhepunkte des Jahres 2011 vorbei. Es gab sehr viele Filme, die unglaublich gut waren. Man musste manchmal ein bisschen auf sie warten, und einige Filme über sich ergehen lassen, die weniger gut waren. Los ging's gleich mit einer Enttäuschung, aber keiner Überraschung. „Die Chroniken von Narnia – Die Reise auf der Morgenröte“ war genau so schwach, wie man es angesichts der schwachen Vorgänger erwarten durfte. Kein würdiger Abschluss, aber wenigstens ist es jetzt vorbei. Das Jahr der Fortsetzungen machte seinen Namen alle Ehre und warf gleich darauf den dritten Teil der Focker-Filme mit Robert De Niro und Ben Stiller ins Rennen. Auch hier gab es wenig Überraschungen, man war aber angemessen unterhalten und freute sich über gut gelaunte Superschauspieler. Dann wurde die Geduld wirklich heraus gefordert. „The Green Hornet“ von Michel Gondry bot nicht mehr als unteren Durchschnitt mit völlig alberner und überzogener Geschichte und blöden Figuren. Ein saudummer Film, dessen Überflüssigkeit nur noch von der Penetranz des Hauptdarstellers Seth Rogan übertroffen wurde. Gott sei Dank blieb mir gar nicht so viel Zeit, mich darüber zu ärgern, denn dann kam mit „Black Swan“ der erste richtige Höhepunkt im Jahr. Ich war so begeistert, dass ich schon angst bekam, das neue Jahr hätte all sein Pulver bereits im Januar verschossen und ich müsste mich den Rest von 2011 nur noch mit Gurken herum ärgern.

Der Februar belehrte mich eines Besseren. „Hereafter“, „127 Hours“ und „The King's Speech“ belohnten die Wartezeit und nährten die Freude, ins Kino zu gehen. Und dann gab es einige Ankündigungen, die mich ziemlich aufgeregt machten. Der neue Coen-Film stand vor der Tür und von „True Grit“ versprach ich mir einen intensiven und super spannenden Neo-Western mit einem fantastischen Jeff Bridges. Dass, meine Erwartungen nicht erfüllt wurden, ist nicht dem Film vorzuwerfen, aber irgendwie bin ich noch immer nicht ganz versöhnt. Das zeigt mal wieder, wie unterschiedlich der Eindruck, den man durch einen Trailer gewinnt im Vergleich zum eigentlichen Produkt sein kann. Nächster persönlicher Höhepunkt bildete „Sucker Punch“. Den Ankündigungen entsprechend sollte es ein Actionreißer werden, in dem heiße, knapp bekleidete Mädels massenhaft Monster metzelten. Und genau das war es auch. Welche kosmische Bedeutung Zack Snyder auch immer in sein Werk hinein gedichtet haben wollte, ich habe sie nicht gesehen und war deshalb auch nicht entttäsucht darüber. Im Gegenteil. Derartig kurzweilige Unterhaltung habe ich lange nicht mehr genießen dürfen. Es ist der perfekte Film, einfach nur abzuschalten und zu gaffen.
Anschließend gab es, eine kleine Durststrecke zu absolvieren. „World Incasion: Battle Los Angeles“ war Mist. Jaja. Alle haben's gewusst, aber ich wollte mich auf was cooles freuen. Schwamm drüber! „Thor“ war mittelmäßig okay. Viele gute Ansätze und Ideen aber viel verschenktes Potential. Eine Krankheit, die vielen Marvelverfilmungen innewohnt, die in letzter Zeit heraus kamen. Dann gab's Gänsehaut mit einem schockierend ehrlichen „Winter's Bone“, der ohne jeden Vorbehalt in die Schublade „Böse Filme“ geschoben werden muss. Im Juni war ich eigentlich den ganzen Monat über ziemlich platt. Schuld daran war der neue Film von Terence Malick. „Tree Of Life“ jagt mir immer noch wohlige Schauer über den Rücken, wenn ich nur daran denke. Ein unglaublich intensiver Film, der viel mehr erzählt, als man fassen kann. Dieser Film war die größte Überraschung und traf vollkommen unverhofft. Im Juli ging dann eine filmische Ära zu Ende, die vor zehn Jahren begann. Der letzte Film der Harry Potter Reihe lief an. Relativ ernüchtert von den letzten Vorgängerfilmen, war ich vom letzten Teil doch recht angetan. Ein würdiges Ende mit viel Tragik und Epicness. So muss es laufen. Abschluss heißt allerdings auch Abschluss. Wehe, es kommen irgendwelche Fortsetzungen oder Spin-Offs. Die werden dann wild entschlossen boykottiert. Der August bot mit „Super 8“ eine nostalgische Reise in die Vergangenheit und ließ feststellen, das J.J. Abrahms ein verlässlicher Filmemacher ist und man freut sich mehr als nur ein bisschen auf seine nächsten Projekte.

Im September ging es nach Leipzig zur Filmkunstmesse. Hier gab es einige sehr schöne Filme zu sehen, die mittlerweile angelaufen sind, oder erst noch kommen. Das absolute Highlight hier war der neue Film von Nicolas Winding Refn „Drive“. Dieser Film zählt für mich zu den Besten, die ich je gesehen habe. „Drive“ wäre ganz sicher der beste Film des Jahres 2011 gewesen. Allerdings startet er erst im Januar 2012 und wird somit automatisch zum besten Film nächsten Jahres gekürt. Ich kann mir im Moment nichts vorstellen, was dieses Werk übertreffen könnte. Ein schönes Festivalerlebnis bot das Preview von „Melancholia“. Lars von Trier konnte ich bis her nie so richtig genießen, aber diesmal hatte er es irgendwie geschafft. Der Film war klasse und mittlerweile dürfte ihn wohl jeder Interessierte gesehen haben.

2012 wird wieder die übliche Mischung aus lang angekündigten Blockbustern und vielen kleinen Filmen bieten. The Dark Knight Rises ist da ein wichtiger Fixpunkt, dem ich schon jetzt entgegen fiebere. Abgesehen davon bleibe ich einfach dabei, mich auf gute Filme zu freuen und hoffe, es ist nicht zu viel Mist dabei. Aber das Jahr ist lang und Überraschungen gibt es immer. Und dieses Jahr ist auch noch nicht vorbei. Es sind immerhin noch sechs Wochen, in denen viel passieren kann.

Freitag, 23. September 2011

Filmkunstmesse Leipzig - Donnerstag



Der letzte Abend in Leipzig. Morgen geht es wieder nach Hause. Auch, wenn die Filmkunstmesse für mich nicht ganz so gelaufen ist, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es eine schöne Woche und ich habe einige hochinteressante Filme sehen können. Zeit für ein kleines Resumé.
Das Highlight für mich war auf jeden Fall „Melancholia“ (*), was man ja bereits gestern an einem leicht verzückten Tonfall bemerkt haben dürfte. Auch der Eröffnungsfilm „Habemus Papam“ war eine angenehme Überraschung. Das ist sowieso das, was am meisten Spaß macht. Man bekommt gute Filme zu sehen, die man überhaupt nicht auf dem Zettel hatte und sie machen Spaß. Insgesamt hinterlässt die Organisation des Festivals leider einen leicht fahlen Nachgeschmack. All diese Veranstaltungen, zu denen man als akkreditiertes Mitglied der Presse nur halb oder gar keinen Zutritt hatte machen keinen besonders guten Eindruck. Natürlich muss man anmerken, dass es sich um eine Fachmesse für die Branche handelt. Aber wenn man sich entscheidet, diese Messe zu öffnen, dann doch bitte richtig. Leipzig ist ein guter Standort und die Filmauswahl ist hervorragend. Es wäre schade, wenn dieses Potential verschenkt werden würde und ich hoffe sehr, dass die Filmkunstmesse in den nächsten Ausgaben offener wird, und so auch die Möglichkeit erhält, zu wachsen.

19:45 Uhr



Bei der Vorstellung der Programmkinostudie 2011 wurde immer wieder der deutsche Film erwähnt, und wie wertvoll Programmkinos für den deutschen Film wären. Also suche ich mir für heute einen entsprechenden Film aus. In der Schauburg wird der neue Film von „Friendship!“ - Regisseur Markus Goller gezeigt.
„Eine ganz heiße Nummer“ ist der Titel und er spielt in einem kleinen bayrischen Dorf. Hier hat die Finanzkrise zugeschlagen und die Glashütte des Ortes muss geschlossen werden, so dass viele Einwohner ihren Job verlieren. Aber auch der ansässige Lebensmittelladen hat zu kämpfen, denn die Einwohner fahren lieber zum nächsten Supermarkt, weil es dort natürlich billiger ist. Die drei Damen des Ladens, Waltraud, Maria und Lena versuchen nach Kräften, den Laden zu halten, doch da flattert ein Brief von der Bank ins Haus. Der Kredit wird gekündigt und sie müssen sehr schnell sehr viel Geld auftreiben. Maria wird indes ständig von einem obszönen Anrufer belästigt und da kommt ihr eine Idee, mit der die anderen beiden zunächst gar nicht einverstanden sind und von der das Dorf natürlich auch absolut nie etwas erfahren darf, schon gar nicht, da sich der Dekan zum Besuch angekündigt hat.

Der Film funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie schon „Sommer in Orange“ oder „Kalender Girls“ und lebt vor allem von den starken Kontrasten, die natürlich zahlreiche skurrile und komische Situationen provozieren. Das ganze in enorm ausgeprägter bayrischer Mundart, ergibt eine lockere Komödie, die zu unterhalten versteht. Schön ist, dass man Gisela Schneeberger wieder sieht, die ich zu Letzt in Gerhard Polts „Man spricht Deutsh“ erlebt habe und der diese Rolle wie auf den Leib geschneidert ist, Lustig sind auch die ersten Gehversuche als Telefonistinnen, die vor allem durch den Dialekt enorm großen Spaß machen. Auch, wenn der Film nicht die gleiche Intensität und Rafinesse, wie seinerzeit „Friendship“ erreicht, ist er eine liebenswerte kleine Komödie geworden, die ganz frech an den Stellen weiter geht, vor denen „Sommer in Orange“ ganz brav halt gemacht hat.
„Eine ganz heiße Nummer“ läuft ab dem 27. Oktober in den Kinos und ist – wie sollte es auch anders sein – sehr zu empfehlen.
Nett war außerdem, dass Regisseur Markus Goller selbst anwesend war, sich den Film mit dem Publikum zusammen angesehen hat und anschließend sehr sympathisch Fragen beantwortet hat. So kam dann doch am letzten Abend noch einmal richtiges Festivalfeeling auf.

Das war es von der Filmkunstmesse in diesem Jahr. Auf dem Blog wird es noch ein bisschen weiter gehen und all die Filme, die jetzt in aller Kürze besprochen wurden, begegnen uns natürlich wieder.

Eine ganz heiße Nummer (D, 2011): R.: Markus Goller; D.: Gisela Schneeberger, Bettina Mittendorfer, Rosalie Tomass, u.a.; M.: Peter Horn u,a,; Offizielle Homepage

Kineast On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

(*) Freitag Vormittag durfte ich noch unverhofft „Drive“ sehen. Die Sache mit dem Highlight ist also nicht mehr ganz so eindeutig. Dazu dann später mehr...