Posts mit dem Label lore werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label lore werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 8. November 2012

Lore

Die deutsche Geschichte weist mehr als einen unschönen Aspekt auf. Jeder weiß zum Beispiel sofort, worum es geht, wenn man von „dunklen Kapiteln“ spricht. Der zweite Weltkrieg und die Schrecken rund um dieses weltumfassende Gemetzel, wurde ausführlich in zahlreichen Filmen aufgearbeitet. Auch die deutsche Filmlandschaft konnte einige sehr gute und ernsthafte Filminterpretationen bieten, die durch ihre Machart und sensible Herangehensweise durchaus zu beeindrucken wussten und im Gedächtnis haften bleiben.
Während der zweite Weltkrieg an sich oft filmisch dargestellt wurde, man sich sogar an den Brocken über Hitlers letzte Tage heran gewagt hat – und ganz nebenbei, recht überzeugend eingefangen hat – gibt es noch einige historische Kapitel, an deren Re-Inszenierung sich bisher kein deutscher Regisseur getraut hat. Die australische Regisseurin Cate Shortland hat sich eines sehr schwierigen Teils der historischen Aufarbeitung angenommen und erzählt nun die bewegende Geschichte von „Lore“

Süd-Deutschland, 1945. Der Krieg ist vorbei und das Land ist vollkommen zerstört. Die Besatzungstruppen der Alliierten, Franzosen und der Russen sind einmarschiert und haben das Land in Sektoren aufgeteilt. Währen sich die Besatzungstruppen vorerst nur um Soldaten und andere Militärs kümmern, muss die Bevölkerung erst einmal alleine klar kommen. Lore lebt mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in einem großen Gehöft im Schwarzwald. Ihr Vater ist ein ranghoher Nazigeneral und wird trotz eines Fluchtversuchs von amerikanischen Soldaten verhaftet. Nachdem auch Lores Mutter abgeholt wird, muss die älteste Tochter selbst die Verantwortung über die Familie übernehmen. Sie merken schnell, dass sie nicht da bleiben können, wo sie sind, da hier viele Menschen wissen, wessen Tochter sie ist. Sie sieht nur einen Weg: Sie muss zur Großmutter nach Hamburg fliehen. Sie schnappt sich die Geschwister und macht sich zu Fuß auf den Weg. Ihre Reise führt sie durch ein zerstörtes Land voller Elend und Grauen. Vor allem die Bewohner des Landes gehen nicht besonders zimperlich miteinander um. Lore ist hin und her gerissen, zwischen ihrer eigenen anerzogenen Überzeugung und dem nackten Überlebenswillen.

„Lore“ ist ein echter Brocken. Schonungslos wird gezeigt, was in Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit los gewesen sein muss.  Das Land entpuppt sich nämlich innerhalb kürzester Zeit als gnadenlose Outlaw-Zone, in der es nur um das Überleben geht und der größte Feind, ist der Mensch. Und zwar der Mensch, der jahrelang dein Nachbar oder dein Freund war. Diese bedrohliche Atmosphäre wird bereits in den ersten Minuten des Films geschaffen und hält die komplette Zeit an. Der Film zeigt auch, zu welchen enormen Taten man fähig ist, wenn es tatsächlich um nichts anderes geht, als zu überleben. Viele Dinge wirken erschreckend authentisch. Lore ist mit ihren vier Geschwistern alleine unterwegs. Sie haben auch noch ein Baby dabei und dieses Baby avanciert immer häufiger zum Schlüssel. Zum Beispiel wollen immer wieder Mitmenschen das Baby zum Tausch gegen Lebensmittel haben. Mit einem Baby auf Arm bekommt man leichter Obdach, Essen und andere Dinge. Andere Szenen mit angedeuteten Vergewaltigungen und Hinrichtungen von Flüchtigen an Kontrollpunkten, lassen den allgemeinen Schock noch tiefer sacken. Interessant ist, dass man viele derartige Szenen aus einer ganz anderen Art von Filmen kennt. Die Darstellung einer postapokalyptischen Welt ist stets wichtiger Bestandteil von Zombiefilmen. Diese Zombiefilme versinnbildlichen eine der größten Ängste der modernen Gesellschaft: Die Angst vor dem absoluten Kontrollverlust und der Horror einer völlig aus dem Ruder laufenden Gesellschaft. Selbstverständlich braucht es keine Zombies, um diesen Zustand zu erreichen. Dass diese Motive nun in einem historischen Film auftauchen, macht sie noch beängstigender, denn sie haben nicht mehr die Distanz der Utopie. Sie sind echt. Vielleicht liegen sie in der Vergangenheit, aber sie sind echt.
Dass Shortland sich für diesen Stil entschieden hat, macht „Lore“ total beklemmend und beängstigend. Vielleicht war ihr das düstere Gesamtbild ihres Werks selbst zu hart, denn sie versucht oft, die Atmosphäre mit künstlerisch anmutenden Einsprengseln aufzulockern. So sieht man manchmal Nahaufnahmen von summenden Insekten, oder Zeitlupenshots von herabfallenden Laubblättern. So schön diese Bilder sein mögen, sie wirken deplatziert. Psychologen würden möglicherweise ihre wahre Freude an diesen Szenen haben, stellen sie wohl das Bedürfnis der Regisseurin dar, angesichts all der Schrecken einfach an etwas Schönes zu denken. Und dieses Bedürfnis verspürt der Zuschauer ebenfalls sehr stark.

„Lore“ ist harter Stoff und man vergisst durch das ganze Grauen dieser schwierigen Zeit, die Qualitäten des Films zu würdigen. Saskia Rosendahl zum Beispiel ist absolut beeindruckend, nicht nur weil sie hier ihre erste Spielfilmrolle souverän meistert. Der Film hingegen glänzt durch schonungslose Ehrlichkeit, die der Zuschauer teilweise schwer verkraften kann und genau so geht es mir mit dieser Zeit. Ich weiß fast nichts darüber, denn meine Großmütter und -väter, die diese Zeit  mit erlebt haben, schweigen bis heute.

Lore (D, 2012): R.: Cate Shortland; D.: Saskia Rosendahl, Ursina Lardi, Kai-Peter Malina, u.a.; M.: Max Richter; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:00 bis 13:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 20. September 2012

Filmkunstmesse Leipzig 2012


Die Filmkunstmesse in Leipzig ist die größte Fachmesse für Arthousekinos in Deutschland.
Die Messe bietet für Kinobetreiber und Verleihfirmen zahlreiche Seminare und Workshops, sich über Strategien bei der Vermarlktung von kleineren Filmproduktionen weiterzubilden.Zusätzlich kann man sich über neue Kinotechnik informieren. Die zunehmende Digitalisierung des Kinos stellt viele kleine Kinos vor das Problem, dass sie nicht wissen, wie das Ganze finanziert werden soll. Der wichtigste Teil der Messe aber sind die FIlme. Viele FIlme, die erst noch in den deutschen kinos anlaufen werden, erleben in Leipzig oft ihre Premieren und in zahlreichen Screenings hat man einfach schon mal die Möglichkeit, die Filme zu sehen und als Kinobetreiber zu entscheiden, ob man sie spielen will.
Und damit sind wir beim interessanten Teil der ganzen Veranstlatung.
Alles, was arthousetechnisch im nächsten halben Jahr auch nur ansatzweise interessant werden könnte, wird hier gezeigt.
So gibt es zum Beispiel die neuen Arbeiten von Francois Ozon und Oliver Stone zu sehen. Fathi Akim ist sogar selbst anwesend und hat seinen neuen Film im Gepäck.
Außerdem läuft die Neuverfilmung von Charles Dickens "Great Expectations" - mit Helena Bonham Carter und Ralph Fiennes - die bereits jetzt schon mit Preisen überhäuft wurde.
Es läuft "Die Jagd", der neue FIlm von Thomas Vinterberg.
Eröffnet wird die Messe von "Die Wand", ein atemberaubender und beeindruckender Solo-Auftritt von Martina Gedeck.
All das läuft und Jan muss draußen bleiben, der aus organisatorischen Gründen noch immer kein Badget um den Hals trägt. Aber das ist ein anderes Thema, über das sich an anderer Stelle mit hochrotem Kopf ereifert wird
Der neue FIlm von Martin MacDonagh steht auf dem Programm und heißt "Seven Psychopaths". Der "Brügge - sehen und sterben"-Regisseur schickt ein hochkarätiges Ensemble in eine turbulente Gangster-Komödie. Wir sehen Colin Farell, Sam Rockwell, Woody Harelson und Christopher Walken. Das Ganze istvöllig überzogen aber mit grandiosen Witzen und spritzigen Dialogen. Ein großer Spaß für Menschen mit einer leichten Affinität zu schwarzem Humor und ein Fest für alle Filmfans. Der Film ist nämlich vollgepackt mit skurillen Zitaten aus dem Actionkino der 70er Jahre.
Hatte ich erwähnt, dass Tom Waits auch mit spielt? Nein? Jetzt sei es erwähnt. Obwohl das eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Bei einem Film von MacDonagh, der "Seven Psychopaths" heißt, ist doch eigentlich klar, dass Tom Waits einer von ihnen ist.

Einen ganz anderen Ton schlägt "Lore" an.
Die australische Regisseurin Cate Shortland tut das, was sich offenbar kein deutscher Regisseur traut. Sie präsentiert die filmische Aufarbeitung der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland. Lore ist die Tochter eines hochrangigen Nazigenerals. Als die Eltern von den Alliierten abgeholt werden, schnappt sich Lore ihre vier Geschiwster und flieht. Auf dem Weg zur Großmutter quer durch das zerstörte Land, wird Lore mit großen zweifeln an ihrer bisher unerschütterten Überzeugung konfrontiert. Der Film gewährt einen verstörenden Blick auf eine Zeit, über die wir eigentlich gar nicht zu genau bescheid wissen wollen. Auch, wenn viele Dinge nur angedeutet werden, muss man mit Lore schreckliche Dinge durchleben. Selbst Shortland war das wohl alles etwas zu hart, denn sie weicht das ganze ab und zu mit fiebrigen und kunstvollen Einsprengseln auf, die den Zuschauer zwar etwas schonen, aber irgendwie deplatziert wirken. Dennoch ist "Lore" ein sehr beeindruckender Film mit nicht minder beeindruckenden Nachwuchsschauspielern.
Soweit ein kleiner Einblick in die unglaublich große Liste an Filmen, die in diesem Jahr in Leipzig präsentiert wurden.

Auch in ihrer zwölften Ausgabe hat die FIlmkunstmesse in Leipzig wieder gezeigt, wie viel Potential der gesamte Arthouse-Sektor birgt. Überraschendes, Beeindruckendes und viele kleine Filmperlen, die im nächsten halben Jahr laufen werden, lassen das Filmherz höher schlagen und mich regelrecht frohlockend in den kalten winter starten.
Das wird ein Fest...

"Seven Psychopaths" wird in Deutschland, vorraussichtlich unter dem Titel "Sieben Psychos", am 6. Dezember 2012 starten.
"Lore" startet am 1. November 2012. Der Film hat schon jetzt diverse Preise erhalten, unter anderem den Publikumspreis von Locarno. "Lore" wurde außerdem für die Oscars zur Nominierung eingereicht.