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Mittwoch, 30. Juli 2014

Die geliebten Schwestern

Auf der diesjährigen Berlinale im Februar war dieser Film der, von den Medien und der Festivalleitung immens gehypte Star. Es ist ein Film, der von einem nahezu unbekannten Regisseur inszeniert wurde, dessen Arbeiten in den letzten Jahren vor allem im Fernsehen zu sehen waren. Hier durchlief Dominik Graf die üblichen Stationen, die für einen deutschen Regisseur, der nicht den standardisierten Leuchtfeuer-Hollywood-Karriere-Weg gehen will, anscheinend unvermeidbar sind. So führten diverse Tatorte und Polizeirufe zu seinem Ruf, ein Krimiexperte zu sein. Dabei scheint das in Deutschland die einzige Möglichkeit zu sein, halbwegs kreative, oder zumindest bezahlte Regiearbeit zu praktizieren. Doch halt! Ein weiteres Genre gibt es, nämlich das der Biografie. Wenn es nicht gerade um Hitlers Helfer oder eben deren Gegner gehen soll, und man leider auch gerade keine zündende Idee für mehr oder weniger packendes Wendedrama in der Tasche hat, müssen eben die klassischen Komponisten / Dichter unseres traditionsreichen Landes her halten. So stand ich also auf der Berlinale und dachte mir „Nicht noch ein Schillerfilm“.
Das ist nun ein halbes Jahr her und jetzt endlich startet „Die geliebten Schwestern“ in den deutschen Kinos.

Sommer in Weimar. Die junge Charlotte von Lengefeld sitzt in einem Zimmer der Parterre der Weimarer Fürstenresidenz und macht, was heiratsfähige Frauen in ihrem Alter so machen. Sie wartet auf einen Günstling. Die ehrenwerte Frau von Stein hat sich nämlich ihrer angenommen, um sie endlich unter die Haube zu bringen. Damals, wie heute, schien die Auswahl in der Dichterstadt nicht all zu berauschend zu sein. Der einzige mögliche Kandidat ist ein schottischer Käpt'n mit schrecklichem Akzent und noch schrecklicherem Humor. Charlotte will ihn aber unbedingt heiraten, um endlich ihre Familie zu entlasten. Während die junge Frau also wartet, hört sie von draußen eine rufende Stimme. Diese Stimme gehört zu einem – im Vergleich zu den restlichen Einwohnern der kleinen Stadt – auffallend gutaussehenden, jungen Mann. Der scheint sich verlaufen zu haben und erkundigt sich nach dem Weg. Eine kokette Schäkerei entsteht, der die Anstandsdame des Hauses direkt ein Ende bereitet.
Über Charlotte erfährt man nun, dass sie eine Schwester, namens Caroline hat, die sie nach Ende der anbandelnden Liaison mit dem Käpt'n in Weimar besucht, um ihr in dieser schweren und aussichtslosen Zeit Beistand zu leisten. Caroline erfährt vom kurzen Besuch des jungen Mannes am Fenster und bringt dessen Namen in Erfahrung. Tags darauf wird ein weiterer Besucher angekündigt und sein Name lautet Friedrich Schiller.

Mehr möchte ich an dieser Stelle über die Story nicht sagen. Zum einen hört an dieser Stelle des Films der vorhersehbare Teil der Geschichte auf und es geht tatsächlich einigermaßen frisch erzählt weiter; zum anderen basiert die gesamte Thematik des Films auf nichts weiter, als Mutmaßungen und Gerüchten – was in diesem Fall überaus positiv zu bewerten ist, beweist es doch die Kreativität der Autoren des Films.
„Die geliebten Schwestern“ schlägt insgesamt eine andere Gangart an, als man es bei derartigen Filmen erwartet hätte. Die Immersion ist, trotz aufwändiger Ausstattung und toller Kostüme, erstaunlich gering. Das liegt an der Form, die Graf wählt, um die Geschichte zu erzählen. Wahrscheinlich, um einen authentischeren Eindruck zu schaffen, hat der Rahmen einen dokumentarischen Stil. Dominik Graf selbst gibt den Erzähler der Geschichte. Einblendungen in klobiger Schrift verstärken den Eindruck. Auch wenn dieser Stil am Anfang etwas befremdlich wirkt, sorgt er doch für ein gutes Tempo, so dass mir die doch recht stolze Laufzeit von zweieinhalb Stunden nicht zu lang wurde. An einigen Stellen läuft dieser Stil allerdings etwas konträr zur eigentlichen Geschichte, die natürlich voller Gefühle und Drama und dem ganzen anderen kitschigen Zeug sein muss. So wirken solch klischeehafte Szenen, wie die Rettung eines ertrinkenden Kindes im Fluss, sowie das anschließende Gruppenkuscheln auf einem Feld irgendwie absurd. All die Nüchternheit verschwindet in diesen Szenen, wird danach aber sofort wieder entfaltet und sorgt so dafür, dass man die Motive der Schwestern und die Schillers nicht ganz nachvollziehen, oder ernst nehmen kann.
Auch an anderer Stelle schlägt dieser Twist zu. Graf hat sich entschieden, seinen Schiller reduziert und knapp zu konstruieren, womit ich persönlich überhaupt kein Problem hätte. Das zieht nach sich, dass Schiller oft sehr reduziert und knapp redet. Nie kommt Leidenschaft durch, die aber nicht schlecht gewesen wäre, zumal es ja bei dieser Dreiecksbeziehung um etwas sehr ungewöhnliches und skandalöses ging. Aber vielleicht kann man so eine Geschichte nicht erzählen, ohne den ganzen Kitsch, auf den Graf offensichtlich verzichten wollte. Mit dem Kitsch wäre es ein zweiter „Goethe“ geworden, eine oberflächliche Kostümromanze. Davon ist „Die geliebten Schwestern“ zum Glück weit entfernt und vermag es, neben den zahlreichen unterhaltsamen Momenten auch ein packendes und ziemlich wirklichkeitsnahes Zeitbild zu schaffen.
Zur schauspielerischen Leistung muss man im Grunde nichts sagen. Alle spielen gut; es gibt keine Totalausfälle; den Oscar wird Hannah Herzsprung auch dafür nicht bekommen (obwohl ihre Unterlippe so schön beben kann, wenn sich aufgeregt werden soll).

Bei all der Aufregung vor einem halben Jahr in Berlin und jetzt hier in Weimar selbst, ist „Die geliebten Schwestern“ ein ganz normaler, gut gemachter, aber nicht über zu bewertender Film, der den großen Dichter Friedrich Schiller auf eine angenehm andere, aber nicht unbedingt neue Art beleuchtet. Unterhaltsam und sehenswert – das muss Kino ja generell leisten. In einem halben Jahr wird wohl keiner mehr darüber sprechen.

Die geliebten Schwestern (D, 2014): R.: Dominik Graf; D.: Henriette Confurius, Florian Stetter, Hannah Herzsprung, u.a.; M.: Sven Rossenbach & Florian van Volxem; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus, CineStar

Kineast im Radio: Immer Sonntags, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Sonntag, 20. Mai 2012

Hollywood trifft Weimar - Ein Tatsachenbericht


Das Atrium in Weimar hat eine dermaßen bewegte Geschichte hinter sich, dass man daraus locker einen spannenden Polit-Thriller drehen könnte. Als Teil des von Hitler teilweise errichteten Gau-Forums in Weimar, ist das Gebäude historisch nicht unbelastet. Es ist ein riesiger Kasten aus Beton und dermaßen stabil gebaut, dass man es nicht einfach abreißen kann. Mit massiven Sprengungen könnte man diese markante architektonische Scheußlichkeit wohl dem Erdboden gleich machen, würde dabei aber auch das historische Jakobsviertel mit weg pusten. Also hat man es zu DDR-Zeiten stehen gelassen und zu einem sogenannten „Mehrzweckgebäude“ umfunktioniert. Viele Legenden rankten sich um den Bau. Eine davon (gefällt mir fast am besten) sagt. das Bernsteinzimmer befände sich in einem verborgenen Kellerraum unter dem Gebäude und sei nie gefunden worden. Auch nicht während der Sanierungsarbeiten vor ein paar Jahren. Da hat sich nämlich ein Investor gemeldet, der in Thüringen nicht unbekannt ist. Der hat nämlich bereits den Uni-Turm in Jena saniert und ein Einkaufszentrum eingebaut. Das gleiche Konzept sollte nun auch in Weimar zum Einsatz kommen. Ein Atrium sollte hier entstehen. Mit zahlreichen Geschäften und einem „Welcome Center“ für Touristen sollte hier das neue Zentrum der Weimarer Geschäftswelt entstehen. Zahlreiche Proteste von Händlern aus der Innenstadt brachten nichts und auch ein durchaus nachvollziehbares, aber extrem unglücklich geratenes Infoheft einer Gruppe von Studenten, die auf die historischen Hintergründe des Gebäudes aufmerksam machen wollten, konnten nichts mehr ändern. Das Weimar Atrium eröffnete mit Pompösität und Krach. Und dann? Es war eben immer noch das, was es war. Ein Einkaufszentrum mit allerlei Schnick-Schnack, überflüssigen, wie auch nützlichen Läden und nach all der Aufregung ging es sehr schnell, dass sich die Weimarer, wie auch Gäste an das Ding gewöhnt haben.

Hin und Wieder versucht das Atrium mehr zu sein. Es werden Lesungen mit berühmten Synchronsprechern veranstaltet, Scooter war schon hier für eine Autogrammstunde und besonders liebt das Atrium seine Ausstellungen. Einkaufszentrums-Ausstellungen haben nicht ohne Grund einen bestimmten Ruf. Einzig „World Press Photo“ kann tatsächlich den Kriterien einer interessanten Ausstellung entsprechen.
Nun kann man sich im Atrium derzeit die Ausstellung „Hollywood trifft Weimar“ ansehen. Es werden interessante Einblicke in die Welt des Films versprochen, sowie einmalige Exponate und Originalrequisiten.
Als erstes sieht man E.T. In gar jämmerlichen Zustand. Eine billig nachgemachte Replik aus Gummi und Plastik. Okay, von mir aus. Als Eröffnung einer Hollywoodaustellung passt das schon. Interessanter sind ja die Originalexponate. Doch die gibt es auch in den nächsten Schaukästen nicht. Hier liegt eine Kette aus Plastik und daneben steht ein Foto von Kate Winslet und wenn man vergleicht, sieht man sofort, dass es sich bei dem ausgestellten Stück ganz sicher nicht um das Originalstück handelt. Weiter geht es mit einer Schaufensterpuppe, die aussehen soll, wie Indiana Jones. Diese Puppe scheint Klamotten aus dem gegenüberliegendem „New Yorker“ zu tragen. In einer Vitrine hat man eine Ork-Maske, die sogar halbwegs echt aussieht. Daneben eine Gollum-Figur, an der man sogar noch die Gussnähte sehen kann. Gleiches gilt für Schwert und Helm aus „300“, dem Phaser von Captain Kirk und der Golden Gun von Christopher Lee; alles vollkommen wertloser Plunder.


Zusätzlich sind noch ein paar Figuren aufgebaut, die vage an R2-D2 und C-3PO erinnern. „Terminator“, ein Film, der für seine spektakulären Special-Effects zum Beispiel mit einem Oscar honoriert wurde, sieht hier so dermaßen albern aus, dass es mir vor Lachen den Atem verschlägt. Die Star-Trek-Uniformen sehen nicht aus, wie Star-Trek-Uniformen und die rote Lederjacke von Brad Pitt aus „Fight Club“ könnte auch aus jedem anderen Film stammen. Aus „Star Trek“ zum Beispiel. Der Gipfel ist das „Alien“. Wäre H.R. Giger schon tot, würde er im Grab rotieren. Seit wann, bitte schön, haben die Viecher einen Totenschädel im Gesicht?

Es geht noch fröhlich weiter und jedes der 250 Exponate ist eine eigene kleine Katastrophe. Der Sinn dieser Ausstellung wird nicht ersichtlich. Ich will gar nicht wissen, wie viel das Atrium bezahlt hat, um diesen Schrott ausstellen zu dürfen. Es ist ein Witz und allein deshalb schon einen Besuch wert. Ich habe vielleicht noch nie den echten goldenen Colt gesehen, aber ich habe sofort erkannt, dass das nicht der echte war, den ich da in einer Vitrine aus Pressholz und Plastikpanelen gesehen habe.

Hollywood trifft Weimar – und zwar genau zwischen die Beine – Mit Anlauf...

Fotos: Franziska Ruhl

P.S.: Aus Gründen, die kein Mensch versteht, hat Bloggers die gesamte Software für das Erstellen von Posts "neu" gemacht. Das Resultat: Nichts funktioniert mehr. Deshalb kleben die Bilder ein bisschen zu sehr am Text, der wahrscheinlich auch noch eine andere Größe und Farbe hat, als gewohnt. Bravo!

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Goethe!


Goethe! Die marmorne Allmacht der Weimarer Kultur. Man kann keinen Meter durch die Stadt gehen, ohne nicht sein Gesicht zu erblicken. Zahlreiche Besucher aus aller Herren Länder strömen in die Stadt und leiden unter Schnappatmigkeit, wenn sie vor dem Denkmal am Theaterplatz stehen, oder gar die heiligen Hallen des Theaters selbst betreten dürfen. "Goethe" seufzt es aus allen Ecken und niemand, aber auch niemand wagt es, seine Bedeutung und Position in Frage zu stellen. Wäre Goethe noch am Leben, er würde sich wie ein Gott fühlen, wenn er durch die Weimarer Innenstadt liefe. Dass Goethe kein Gott war, sondern ein ganz normaler, verträumter und etwas tollpatschiger junger Kerl gewesen sein könnte, kann man bald im Kino beobachten. Am 14. Oktober startet "Goethe" in den deutschen Kinos. Vergangenen Mittwoch fand die Weimarpremiere statt und ich habe den Film schon mal sehen dürfen.

Lustig geht's los. Der völlig übernächtigte Goethe stolpert ungeschickt in die Doktorenprüfung hinein. Ist die Prüfungskommission zunächst gar nicht begeistert und äußerst pikiert, wird Goethes Auftritt mit schallendem Gelächter belohnt. Unter Freudentränen und Prusten teilt man ihm das Nichtbestehen der Prüfung mit.
"Scheißich!" sprichts und verlässt fliegenden Fußes die Universität.
Der alte Herr Goethe ist davon gar nicht begeistert und verdonnert seinen Sohn, ins idyllische Wetzlar zu fahren und dort Jura zu studieren.
Goethe, der sich viel lieber mit Poesie beschäftigt, muss sich fügen und widmet sich zähneknirschend aber mit einiger Gewissenhaftigkeit dem unbequemen Studium.
Unter den strengen Augen des Oberrichtiers Kästner bleibt ihm aber auch nichts anderes übrig.
Dennoch schafft es Goethe hin und wieder vor die Tür. Bei einem feuchtfröhlichen Tanzabend trifft er auf die junge und hübsche Charlotte Buff. Natürlich ist es sofort um beide geschehen. Doch, wenn nur immer alles so einfach wäre...Charlotte ist natürlich schon jemand anderem versprochen und ihre familiären Verpflichtungen zwingen sie dazu, sich für die Hochzeit zu entscheiden, die ihren zahlreichen Geschwistern das Dach über den Kopf und das Essen im Mund sichert.
Klar, dass das dem sensiblen und impulsiven Johann Goethe gar nicht gut bekommt.

Die bereits angesprochene steinerne, oder eben marmorne Allgegenwärtigkeit Goethes im Weimarer Alltag sorgt mitunter dafür, dass man als Einheimischer irgendwann nur noch mit den Augen rollen kann, hört man diesen Namen. Das wiederum sorgt dafür, dass ich mir gesagt habe, "Wen interessiert denn bitte schön die x-te Verfilmung Goethes Lebens?" Aber aller Skepsis zum Trotz ist ein schöner Film entstanden, der zwar bestimmt nicht der große Überflieger im deutschen Kino werden wird, aber durchaus zu unterhalten weiß. Abgesehen von solider und bekannter Handwerkskunst bietet der Film vor allem eine große Stärke. Der Quasi-Halbgott und die unantastbare unglaublich weit entfernte historische Figur Goethe wird hier auf einen ganz normalen Menschen reduziert. Der Film bietet zwar zahlreiche Ungenauigkeiten und sehr freie Interpretationen der wahren Begebenheiten, was aber den Unterhaltungswert enorm steigert.
Insgesamt hält sich "Goethe!" nahezu perfekt die Waage zwischen Ulk und Spaß, einer deftigen Prise Dramatik und einer nicht unpassend wirkenden Ernsthaftigkeit beim Thema Selbstmord.
Die Darsteller bieten eine souveräne Performance. Besonders hervor zu heben sind Miriam Stein, die hier ihren ersten Kinoauftritt absolviert hat und Moritz Bleibtreu, der auf herrlich schlichte Art und Weise den pikierten und spießigen Richter Albert Kästner darstellt. Selten hat es so viel Spaß gemacht, jemanden beim Teetrinken zu beobachten.

"Goethe!" ist ein schöner, kleiner Kostümfilm, der ein relativ frisches und angenehmes Bild auf den Goethe wirft. Es gibt schöne Bilder, schöne Menschen, schöne Musik und obendrein noch eine schöne Geschichte. Und selbst als Einheimischer der tagtäglich dem Goethe-Overkill ausgesetzt ist, fühlt man sich genötigt, hinterher zu sagen: "Goethe fetzt vielleicht doch!"

Goethe! (D, 2010): R.: Philipp Stölzl; D.: Alexander Fehling, Miriam Stein, Moritz Bleibtreu, u.a.; M.: Ingo Frenzel; Offizielle Homepage

In Weimar: CineStar, lichthaus

Rezensionen On Air: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr live auf Radio Lotte Weimar.