Posts mit dem Label alpen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label alpen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 5. März 2014

Das finstere Tal

Wenn man an Genrefilme aus Deutschland denkt, erinnert man sich nicht unbedingt an positive Kinoerfahrungen. „Hell“ hat irgendwie nicht funktioniert, obwohl die Idee mit einem zur Wüste erstarrten Deutschland gar nicht so weit her geholt ist. „Anatomie“ hat versucht, eine Slasher-Reihe im deutschen Kino zu etablieren. Kann man dem ersten Teil noch eine gewisse Spannung zusprechen und ihm vielleicht noch die Star-Power anrechnen, ging es mit der Fortsetzung mächtig schief. Andere Versuche, klassische Hollywoodgenres zu bedienen waren ebenfalls selten von Erfolg gekrönt. Man denke nur an den durchaus gelungenen, aber kolossal gefloppten „Cloud Atlas“. Das Publikum möchte derartige Filme eben lieber mit echten Hollywood-Stars sehen. Das ist im Großen und Ganzen eine Frage der Sehgewohnheiten. Etwas, wogegen Til Schweiger zum Beispiel seit vielen Jahren anzukämpfen versucht. Andreas Prochaska aus Wien versucht das auch und möglicherweise hat er es mit seinem neuesten Film auch geschafft.

Finster fängt es an. Es ist ein trüber Herbstmorgen, irgendwann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem entlegenen Tal, mitten in den Alpen. Ein einsamer Reiter kommt nach einer langen Reise in einem kleinen Dorf an und bittet um Quartier. Die ansässigen Bauern sind sehr skeptisch und fragen sich, was der Fremde hier will. Besonders, da der Wintereinbruch kurz bevor steht und niemand dass Tal verlassen kann, solange es eingeschneit ist. Sein Name sei Greider und er möchte gerne Fotografien anfertigen. Eigentlich ganz harmlos, würde er nur nicht die ganze Zeit den eindringlichen Blick zelebrieren. Trotz aller Skepsis überwiegt die Neugier. Man bringt ihm bei einer verwittweten Frau und der deren Tochter unter. Der Fremde interessiert sich sehr für das Leben im Dorf und vor allem für die Familie des Großbauern, die den Ort und seine Bewohner offensichtlich fest im Griff haben. Und es dauert nicht lange, da kommt es zu merkwürdigen Todesfällen. Immer sind es die Söhne des Bauern, die auf brutale Weise zu Tode kommen. Bald ist auch klar, dass der Fremde aus einem ganz anderen Grund im Tal ist, als Fotos zu schießen.

Vor dem Kinobesuch habe ich nicht gewusst, was mich erwartet. Im Vorfeld habe ich weder Synopsis gelesen, noch Trailer gesehen. Tobias Moretti wurde an verschiedenen Stellen lobend erwähnt. Mehr wusste ich nicht. Ab der ersten Minute baut der Film sehr gekonnt eine düstere und bedrohliche Atmosphäre auf und verwendet hierfür die klassischen Kniffe. Bombastische Landschaftsaufnahmen, denen aber irgendwie die Farbe und das Leben fehlt. Musik, die nicht weniger bombastisch daher kommt, sich aber munter bei gängigen Komponistengrößen bedient. Während des gesamten Intros sieht man einen einsamen Reiter mit Cowboyhut und Sporen. Die Ankunft dieses Reiters wird von argwöhnischen Blicken beobachtet. Die ersten Dialoge bestehen aus wenigen Worten. Ein Schelm, wer böses denkt, aber so etwas hab ich doch schon mal irgendwo gesehen. Der Einstieg zeichnet also ein nahezu perfektes Bild einer Homage an eines der ältesten Filmgenres überhaupt. Es fühlt sich etwas befremdlich an, dass alle Dialoge in breiter Alpen-Mundart geführt werden. Mir erschließt sich nach einer Weile, was „Das finstere Tal“ versucht; der Film entfaltet ein stilechtes Racheepos mit all den Dingen, die dazu gehören. Der mysteriöse Fremde knöpft sich seine Gegner der Reihe nach vor und dann gibt es sogar einen klassischen Showdown in dem Gewehrkugeln und Blut nur so durch die Gegend spritzen. Jeder Szene dieses Films merkt man die Hingabe zum Genre an und endlich funktioniert der Versuch, einen hiesigen Genrefilm zu kreieren. Das liegt an der Umgebung. Dieses Szenario in die Alpen zu verlegen, wirkt vielleicht abwegig, aber es funktioniert. Was wissen wir denn schon, was um die Jahrhundertwende in irgendeinem einsamen Tal dort los war? Außerdem ist der Stil auf visueller Ebene dermaßen konsequent, dass man vollkommen hineingezogen wird. Zusätzlich scheint der Film keinerlei überflüssige Elemente einzupflegen. Alles passt genau da hin, wo es ist. Die Story ist simpel, aber nicht oberflächlich. Das gleiche gilt für die Charaktere. Zusätzlich sprüht der Film vor Zitaten an „High Noon“, „Der Name der Rose“ oder auch „Django Unchained“.Bevor das aber alles ausartet, entdeckt man immer noch genug eigene Ideen.

„Das finstere Tal“ ist also ein stilechter Western, der sich nicht davpr scheut, bei Genre-Referenzen zu klauen, ohne das ganze aber zu einem Remake, oder Persiflage verkommen zu lassen. Es ist eben einfach irgendwie etwas Eigenes, erinnert aber stark an Bekanntes.
Es fällt mir ein bisschen schwer, ausschweifend über den Film zu schreiben. Einerseits gibt es gar nicht so viel, über das man berichten kann. Das Gesamtbild dieses Films ist einfach total stimmig, so dass es kaum markante, oder besonders auffällige Sequenzen gibt. Außerdem will ich nicht zu viel verraten, denn für mich hat „Das finstere Tal“ vor allem deshalb so gut funktioniert, weil ich im Vorfeld nahezu keinerlei Informationen hatte. Man sollte sich allerdings auf harten Tobak einstellen. Die FSK hat dem Film zwar eine Ab-12-Freigabe erteilt, was das Entscheidungsgremium aber dabei geritten hat, versteht wohl kein Mensch.

Das finstere Tal (AUT, D, 2014): R.: Andreas Prochaska; D.: Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, u.a.; M.: Matthias Weber; OffizielleHomepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Sonntag, 23. Dezember 2012

Die Wand

Die Welt, wie wir sie kennen und jeden Moment unseres Lebens wahrnehmen, ist plötzlich einfach nicht mehr da. Sie wurde zerstört, und  auf die eine, oder andere Art verändert. Die Ursachen dafür sind stets unterschiedlich, das hängt vom Film ab. Hab ich euch erschreckt? Ja! Es geht wirklich um Filme. Filme, die den Weltuntergang mal mehr, mal weniger pompös gestalten. Es gibt die Filme mit Krachbumm – die im übrigen richtig großen Spaß machen – und es gibt die, mit dem emotionalen Hammer – die mich in der Regel richtig fertig machen.
Der neue Film von Julian Pölsler „Die Wand“ mit Martina Gedeck, schwimmt irgendwie auf sehr merkwürdige Weise dazwischen.

Eine Frau ist bei Freunden auf der Jagdhütte in den Alpen zu Besuch. Warum sie hier ist erfährt genau so wenig, wie ihren Namen. Eines wunderschönen Tages beschließt das befreundete Ehepaar, ins Dorf zu gehen, um dort Besorgungen zu machen. Die Frau bleibt zurück, denn sie will sich ausruhen. Sie erhält Gesellschaft vom Hund der Freunde. Es wird immer später und irgendwann geht die Frau zu Bett. Am nächsten – erneut wunderschönen – Morgen stellt sie fest, die Freunde sind nicht zurück gekehrt. Also macht sie sich auf, sie im Dorf zu suchen. Sie spaziert den Weg entlang und der Hund tollt durch sonnendurchflutete Natur. Plötzlich ändert sich alles. Ein Kraftfeld, oder etwas unsichtbares – eine Wand eben – hindert sie am Weitergehen. Sie hat keine Erklärung dafür und ist gefangen. Da von außen keinerlei Hilfe zu erwarten ist, und die wenigen Menschen, die sie außerhalb sehen kann, eingefroren zu sein scheinen, geht sie vom Schlimmsten aus. Sie hat nur ein kleines Gebiet im Umkreis der Hütte für sich und sie teilt es lediglich mit dem Hund, einer Katze, einer Kuh und zahlreichen wilden Tieren.
Man kann diesen Film auf tausend unterschiedliche Weisen sehen und interpretieren. Ich liefere an dieser Stelle mal zwei davon. Die Frau ist verrückt. Sie leidet an Wahnvorstellungen, die so komplex sind, dass das alles mehr oder weniger für sie Sinn ergibt. Die Wand ist nur in ihrem Kopf da und symbolisiert ihre Unfähigkeit, den Ort zu verlassen. Das würde auch erklären, warum das Gebiet, welches sie für sich zur Verfügung hat, zufällig genau die Dinge bietet, die sie zum Überleben braucht. Nahrung, ein Dach über dem Kopf und genügend Holz, um nicht zu erfrieren. Über ihre Vergangenheit ist nichts bekannt, aber man kann vermuten, dass ihr altes Leben hinter ihr liegen soll und ihr Verstand gaukelt ihr auf diese, sehr spezielle Weise ein neues Leben vor. Die Hütte liegt in einer sehr einsamen Gegend und es könnte sein, dass den Freunden etwas zugestoßen ist, und sie deshalb nicht  zurück kehren. Die eingefrorenen Menschen auf der anderen Seite der Wand symbolisieren, dass sie mit niemanden reden möchte und im Grunde die Einsamkeit bewusst sucht. Soweit, so gut. Im Laufe des Films gibt es aber einige Szenen, die diese Theorie komplett über den Haufen werfen. Das führt uns zur zweiten Interpretationsmöglichkeit. Alles ist echt und passiert genau so, wie es der Film zeigt. Es gibt dieses Phänomen der Wand tatsächlich und außerhalb ist alles tot. Sie ist der letzte Mensch auf der Welt und dementsprechend führt sie in bester Vincent-Price-Manier ein Tagebuch. Die Ursachen für diesen Zustand, oder überhaupt irgendwelche Erklärungsversuche lässt der Film indes vollkommen außer acht. Wie soll sie denn auch irgendwas wissen können, wenn sie vollkommen isoliert ist. Beide Versionen lassen aber grübeln.

Handwerklich ist der Film großartig. Er hat sofort eine ganz bestimmte Atmosphäre und die Anfangssequenz mit der wunderschönen Natur, dem herrlichen Wetter und der knalligen Popmusik aus dem Autoradio, erinnern irgendwie an die Anfangsszene aus Hanekes „Funny Games“. Man weiß von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Der Film inszeniert wunderbar langsame Bilder – absoluter Wahnsinn: das sterbende Reh – und schafft mit Hilfe der pulsierenden elektronischen Musik eine sehr dichte Atmosphäre. Der sehr schlichte Gesamtstil wird manchmal durchbrochen von recht spektakulären Spezialeffekten. Es gibt einen verblüffend aussehenden Autounfall, zum  Beispiel und die Wand selbst, ist auf interessante Weise dargestellt. Nicht zu Letzt ruht alles auf den Schultern Martina Gedecks, die hier in einer wahren Meisterleistung ihre stumme One-Man-Show auf die Bühne legt.

„Die Wand“ muss vielleicht auf eine völlig andere Weise interpretiert werden, aber für mich stellt sie das Ende der Welt dar, wie es kaum ein Film bisher geschafft hat. Da gibt es wie gesagt die Haneke-Elemente und einige Einstellungen vom Wald erinnern an Lars von Trier. Aber das, was den Film ausmacht, ist das Eigene und dieser schwer fassbare Stil, der irgendwie verhindert, dass man völlig klar sagen kann, was man von diesem Film hält. Beeindruckend...irgendwie. Aber warum?

Die Wand (AUT, D, 2012): R.: Julian Pölsler; D.: Martina Gedeck, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.