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Donnerstag, 7. August 2014

No Turning Back

Kammerspiele in Filmform sind immer eine Herausforderung für alle. Für Regisseur, für Hauptdarsteller und – wenn es schief geht – für das Publikum. So faszinierend der Gedanke auch ist, mit wenigsten Mitteln und Menschen, eine spannende und eindrückliche Geschichte zu erzählen, so schwierig ist es, diese Aufgabe zu erfüllen. Es gibt ein paar Vertreter der Regie-Zunft, die die Inszenierung von Kammerspielen perfektioniert haben. Roman Polanski ist so ein Regisseur. Sein „Der Tod und das Mädchen“ gehört mit zu den intensivsten Filmerfahreungen, die ich gemacht habe, und das, obwohl nur drei Schauspieler beteiligt sind.  Nicht weniger intensiv war „Der Gott des Gemetzels“. Doch nicht nur Polanski beherrscht dieses Genre. Rodrigo Cortes inszenierte 2010 „Buried“, der eineinhalb Stunden nur in einem vergrabenen Sarg spielt. Joel Schumacher gelang 2002 eine passable Fassung von Hitchcock's nie realisierten Traumprojekt „Nicht Auflegen“ über einen Mann, der von einem skrupellosen Erpresser in einer Telefonzelle fest gehalten wird. Zu guter Letzt spielte sich Robert Redford vor Kurzem in „All is Lost“ förmlich die Seele aus dem Leib. Hier gab es nur einen Mann und das Meer.
Regisseur Steven Knight hat nun ein weiteres Experiment gewagt, das vor allem durch absolute Reduktion zu einem wahren Hingucker wird.

Ein Mann steigt ins Auto und fährt los. Der Mann sieht müde aus und so, als gingen einige Dinge in seinem Kopf vor. Nach wenigen Minuten wählt er eine Nummer und man erfährt, dass er ganz unverhofft und dringend nach London fahren muss. Einige Telefonate später wissen wir schon mehr. Ivan ist offensichtlich Bauleiter eines Millionenprojekts und gerade in dieser Nacht ist das Projekt an einem wichtigen und heiklen Punkt angelangt, welches eigentlich seiner uneingeschränkte Aufmerksamkeit bedarf. Doch Ivan sitzt im Auto und fährt nach London. Gleichzeitig findet ein wichtiges Fußballspiel statt und eigentlich wollte Ivan mit seinen Söhnen und seiner Frau einen gemütlichen Fernsehabend verbringen. Aber Ivan sitzt im Auto und fährt nach London. Aus einem ganz bestimmten Grund lässt er sein ganzes stabiles und perfekt funktionierendes Leben hinter sich. Während der Fahrt bemüht er sich nun fieberhaft um Schadensbegrenzung.

Der Grund für Ivans nächtliche Fahrt wird an dieser Stelle übrigens bewusst nicht erwähnt. Überhaupt sollte man über diesen Film im Vorfeld so wenig, wie möglich sehen, oder lesen. Nur dann vermag „No Turning Back“ seine komplette Wirkung zu entfalten. Steven Knight reduziert tatsächlich alles aus dem Film heraus, was man nicht braucht. Auf visueller Ebene passiert nahezu nichts. Tom Hardy sitzt hinter dem Steuer seines Autos und stiert auf die Straße. Man sieht nicht einmal, wie er lenkt, oder schaltet. Selbst diese nebensächlichen Handlungen spart der Film aus. Die Umgebung wird stets unscharf gezeigt. Im Fokus ist immer nur Ivan. Die eigentliche Geschichte wird nur durch die Telefonate transportiert, die man als Zuschauer dank modernster Freisprechanlage mithören kann. Und auf dieser Ebene entfaltet sich das gesamte Drama um Ivan Lockes Person. Durch die reduzierte Darstellung wird man nicht abgelenkt und kann sich voll und ganz auf die Gespräche konzentrieren. Durch diese Gespräche entwickelt der Film die gesamte tragische Figur und nach und nach erschließt sich die Tragweite der Ereignisse.
Dabei funktioniert „No Turning Back“ nicht als Thriller, obwohl dies natürlich der einfachste Weg gewesen wäre, aus so wenigen Mitteln einen packenden Film zu machen. Immer, wenn man denkt, jetzt passiert gleich etwas Aufregendes, Unvorhersehbares, wie ein Unfall, oder eine Polizeikontrolle, klingelt wieder das Telefon und konsequent wird die Struktur des Films aufrecht erhalten, ohne, dass es langweilig wird. Tom Hardy ist ein Schauspieler, den man bisher stets in sehr extremen Rollen sehen durfte. Man erinnere sich an seine Darstellung des charismatischen Bösewichts in „Star Trek Nemesis“, oder sein unvergleichlicher Auftritt in „Bronson“. Nicht zu vergessen seine überzeichnete, aber sehr überzeugende Darstellung in „The Dark Knight Rises“. Als Ivan Locke reduziert er seine Darstellung mindestens genau so stark, wie Steven Knight es mit seiner Inszenierung tut. Tom Hardy tut tatsächlich nicht viel, aber was er macht, ist prägend für seine Figur. Tatsächlich ist Ivan Locke eine Figur, die wesentlich mehr Charakter aufbringen kann, als es in vielen anderen Filmen, die weitaus mehr zeigen und aufwendiger inszeniert sind, gelingen kann.

„No Turning Back“ ist ein echtes Erlebnis. Wenn man sich darauf einlässt, kann der Film mit geringsten Mitteln innerhalb von 90 Minuten das Leben eines Mannes rekapitulieren, über den Haufen werfen und anschließend neu aufbauen. Ob das auch so überzeugend gelungen wäre, wenn man die Geschichte in einem umfangreicheren Rahmen verpackt hätte, ist die große Frage, die wohl nur sehr schwer beantwortet werden kann. Hier vollzieht sich auf jeden Fall der Vorsatz „Weniger ist mehr“ auf eine Art und Weise, wie ich es vorher noch nicht gesehen habe.

Locke (GB, 2014): R.: Stephen Knight; D.: Tom Hardy; M.: Dickon Hinchliffe ; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Immer Sonntags, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 5. Januar 2012

Der Gott des Gemetzels

Und damit beginnen wir das Kinojahr 2012, welches natürlich noch tausendmal besser werden wird, als das vergangene Jahr. Uns erwarten zahlreiche Fortsetzungen, denn Hollywood wagt es derzeit nicht, irgendwas Neues zu etablieren. So werden also die erfolgreichsten Filme des Jahrzehnts mehr oder weniger gut fortgesetzt. Ob es an der Apokalypse liegt? War Roland Emmerichs „2012“ so eindrucksvoll, dass tatsächlich alle Leute denken, die Welt würde untergehen?
Egal! Bevor wir uns so richtig ins neue Jahr stürzen widmen wir uns kurz einem Film, der gerade noch so im Jahr 2011 angelaufen ist. Es ist der neue Film eines Regisseurs, der sich schon teuflischen Dämonen, komischen Vampiren und noch komischeren Piraten gewidmet hat. Er hat aber auch die Kunst des Kammerspiels absolut perfektioniert und inszenierte zum Beispiel ein beklemmend, faszinierendes „Der Tod und das Mädchen“ Nun meldet er sich in seiner Königsdisziplin zurück und bringt ein zeitgenössisches Theaterstück auf die Leinwand. Hier kommt „Der Gott des Gemetzels“

In einer kleinen, gemütlichen Wohnung mitten in New York treffen sich die Ehepaare Longstreet und Cowan. Es gilt, ein ernstes Thema aus zu diskutieren. Der Sohn der Cowans hat dem Sohn der Longstreets im Streit zwei Zähne ausgeschlagen. Ganz klar, dass diese Angelegenheit geklärt werden muss. Obwohl die beiden Paare sehr unterschiedlich sind, gelingt eine höfliche und gepflegte Konversation. Das begeistert Michael Longstreet dermaßen, dass er die Cowans sogar noch zum Kaffee trinken einlädt. Der Cobbler wird aus dem Kühlschrank geholt und der Espresso kredenzt. Smalltalk wird immer wieder durch eingehende Anrufe auf Mr Cowans Handy unterbrochen. Der ist nämlich Rechtsanwalt und vertritt derzeit ein großes Pharmaunternehmen. Allerdings scheint es mit dem neuen Produkt der Firma einige Probleme zu geben. Während der Telefonate herrscht stets unbehagliches Schweigen seitens der Anwesenden. Und dann schaukelt sich die ganze Situation hoch. Immer wieder hängt sich der Anwalt an bestimmten Formulierungen von Mrs Longstreet auf, der Vater des Geschädigten versucht, die Wogen zu glätten und plaudert über seinen Job als Klospülungsvertreter, was den Anwalt wiederum dazu provoziert, sich über ihn lustig zu machen. Die Mütter wollen beim Thema bleiben und geraten dabei immer heftiger aneinander, auch wenn sie zunächst ihr Interesse für Kunst teilen – und dann doch nicht mehr. Alles eskaliert, als zum hundertsten Mal das Handy von Mr Cowan klingelt.

Roman Polanski wird stets eine etwas verrückt lustige Haltung nachgesagt. Woher dieses Image genau kommt, kann man nur vermuten. Sicher, seine Vampirparodie war enorm witzig und auch sein Ausflug in die Weiten des piratenverseuchten Ozeans entbehrte nicht einer gewissen Komik. Doch immer wieder präsentiert er uns ernsthafte und ernst zu nehmende Arbeiten. Abgesehen von irgendwelchen Skandalen und Gerichtsverhandlungen, die diesen Regisseur vielleicht heimsuchen, ist er ein guter Handwerker und ein Meister der schlichten und intensiven Inszenierung. Das mag auch daran liegen, dass seine kreativen Ursprünge eher auf der Theaterbühne liegen und nicht hinter der Kamera. Bei „Der Gott des Gemetzels“ haben wir alle Zutaten für ein spannendes Kammerspiel. Vier sehr gute Schauspieler in einem - oberflächlich betrachtet - geschmackvoll eingerichtetem Wohnzimmer, ein heikles Gesprächsthema und jede Menge festgefahrene Meinungen und Ansichten. Okay, wahrscheinlich hätte jeder Regisseur mit ein bisschen Verstand im Kopf daraus ein spannendes Kammerstück machen können. Wichtig ist hier die Idee und der Mut, so etwas heutzutage überhaupt inszenieren zu wollen. Es passiert - oberflächlich betrachtet - tatsächlich nicht viel. Der unbedarfte Zuschauer denkt vielleicht: „Die labern eineinhalb Stunden lang nur und gehen nicht mal vor die Tür. Stinklangweiliger Mist!“ Aber die Dynamik der Beziehungen untereinander und die Charakterentwicklung passiert so subtil und realistisch und man hat die ganze Zeit das Gefühl, man kenne das von selbst geführten Diskussionen. Die Charaktere sind natürlich ganz klar gezeichnet und in dieser etwas naiven Form sogar überzeichnet. Aber nur mit derartig eindeutigen Charakterzügen funktioniert dieser Film auch so gut und wir haben die nötige Dynamik, die es braucht, um es eben nicht langweilig werden zu lassen. Klar, dass sehr viel von dieser Wirkung durch die Leistung der vier Darsteller erzielt wird. Auch, wenn mir persönlich Christoph Waltz am besten gefallen hat, kann man nicht sagen, dass einer besonders herausfällt. Alle spielen gleich gut.

„Der Gott des Gemetzels“ ist ein Spiegel. Er zeigt uns, was vermutlich tagtäglich in Millionen von Wohnzimmern statt finden kann. Es ist bitterböse und unterhaltsam zugleich. Die Kultiviertheit und Zivilisiertheit, die wir uns so – Gott verdammt nochmal - hart erarbeitet haben, ist mit einem Glas Scotch, oder eben einen Stockhieb weg gewischt. Großartig. Genau das Richtige, um für den Weltuntergang in Stimmung zu kommen.

Carnage (USA, 2011): R.: Roman Polanski; D.: Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz, John C. Reilly, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepafge

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.