Freitag, 10. Mai 2013

Iron Man 3

Ich hab früher gerne Comics gelesen. Mit einer vor Stolz, nicht wenig angeschwollenen Brust darf ich behaupten, meine Sammlung kann sich sehen lassen. Es befinden sich einige echte Schätze im Regal, nach denen sich manch ein Comicfan noch heute die Finger lecken dürfte. Ich sag nur „Batman“ #497 oder die legendäre #426. Der Kenner hat es gemerkt,: Mein Steckpferd war Batman. Und das führt unweigerlich zum großen Glaubenskrieg mit den Fans von Spider-Man. Was ist besser? Marvel oder DC? Eine gewaltige Frage kosmischen Ausmaßes. Damals wie heute, bin ich außer Stande, sie zu beantworten. Was sich damals in Comicform abgespielt hat, wurde in den letzten Jahren einfach auf die Kinoleinwände transportiert. Vor allem 2013 dürfte der ewige Kampf zwischen Marvel und DC enorm spannend werden. Es kommt Zack Snyders „Man Of Steel“ und kurz vorher – sozusagen auf den letzten Drücker - hat Marvel seine „Phase 2“ gestartet, die mit dem erneuten Aufeinandertreffen der „Avengers“ gipfeln wird. Den Auftakt der neuen Storyline übernimmt – wie schon damals – „Iron Man“ mit seinem dritten Kinofilm. Ob dieser Film mit der schweren Bürde eines dritten Teils zurecht kommt, oder ob er nur noch zum Futter für die Geldmaschine verkommt?

Seit dem letzten Teil ist ganz schön viel passiert. Nachdem Iron-Man den Kampf gegen Ivan Vanko mit Mühe und Not und vor allem mit Hilfe seines Kumpels Warmachine gemeistert hat, begann der ganze Avengers-Ärger. Loki kam nach New York und brachte eine Bande, wütender Außerirdischer mit. Zusammen mit Thor, Captain America, Hulk und einigen schlagkräftigen SHIELD-Agenten konnte Iron-Man die Invasion zurückschlagen. Die Ereignisse sind nicht spurlos an dem Mann hinter der Maske vorüber gegangen. Seit seinem Beinahe-Exitus ist er ruhelos und kann nicht schlafen. Die Zeit verbringt er lieber damit, um weitere Anzüge zu bauen und sich um seine liebste Pepper zu sorgen. Eines Tages tritt ein Terrorist namens Mandarin auf den Plan. Seine Spezialität sind Bombenattentate, mit Vorliebe auf zivile Ziele, also öffentliche Plätze und auch vor Schulen scheint der skrupellose Gangster keinen Halt zu machen. Allerdings gibt es keine konkrete Forderungen. Er will nur, dass es alle immer mitkriegen. Außerdem weiß kein Mensch, wie er es immer wieder schafft, die Bomben zu platzieren. Tony hat irgendwann genug und verkündet im Fernsehen, dass der Mandarin doch einfach vorbei kommen soll und sie würden das wie echte Männer klären. Der Terrorist lässt sich das nicht zweimal sagen und kommt vorbei. Allerdings hat er ein Geschwader Kampfhubschrauber dabei und macht Tonys Anwesen und Versteck dem Erdboden gleich. Tony muss offenbar mit einem ausgeklügelten Plan anrücken, um den Verbrecher zu fassen.

Ich habe absichtlich einige wichtige Story-Details weg gelassen. Diejenigen, die den Film noch sehen wollen, werden es mir danken und alle, die den Film schon kennen, werden es hoffentlich verstehen. Der dritte „Iron Man“ hat nämlich einen großen Vorteil gegenüber dem Vorgänger. Er wartet mit einer vergleichsweise gut konstruierten Story auf, die einige gut platzierte Wendungen parat hält. So wird mit den Konventionen des Superhelden – und vor allem dessen Gegners - gespielt und der Zuschauer wird immer mal auf die falsche Fährte geführt. Schön ist auch, dass sich die Story relativ weit weg von der ganzen Avengers-Kiste bewegt und trotz der immer komplexer werdenden Continuity im Marvel-Film-Universum, relativ autark da stehen kann. Soll heißen, man muss weder einen der früheren Iron-Man-Filme gesehen haben, noch sämtliche Avengers-Spin-Offs, geschweige denn, den Avengers-Film selbst, um die Handlung hier zu verstehen. Das ist wohl auch die größte Stärke von „Iron-Man 3“. Der Film funktioniert auch, ohne sich Schützenhilfe bei anderen Filmen holen zu müssen. Abgesehen davon hat man versucht, Tony Stark mehr Persönlichkeit und Tiefe zu verleihen. Dabei ist aber die Eindimensionalität dieser Figur nicht verschwunden. Zweifel, Angst und Panikattacken koexistieren also neben den lockeren Sprüchen, dem ausgeprägten Narzissmus und den sexistischen Ausrutschern, die Tony Stark eigentlich zu einer überzeugenden Figur werden ließen. Das Menscheln wirkt aufgesetzt und irgendwie krampfig. Gott sei Dank stört es nicht weiter, denn der Hauptteil des Films lässt es ordentlich krachen. Was die Spezialeffekte angeht, ist hier ein guter Mix aus brachialer CGI-Orgie und einigen handgemachten Kampfeinlagen gelungen. Wirklich die Spucke weg bleibt einem zwar nicht mehr – dafür hat man diese Art Action zu oft in anderen Filmen gesehen – aber das ganze Getöse wirkt ausgeglichen und dem Setting angemessen.
Schließlich gibt es noch ein paar nette kleine Witzchen mit Jarvis, dem Supercomputer, der neuerdings unter Wortfindungsstörungen zu leiden scheint. Wirklich lustig ist ein Dialog zwischen Tony Stark und Jon Favreau – dem Regisseur der ersten beiden Teile und Darsteller des Leibwächters Happy. Im Gespräch geht es immer wieder um dessen neuen Job, und wie schmerzlich er vermisst würde. Das zeugt von einem hohen Maß an Selbstironie und nimmt unmittelbar die Sparpolitik von Marvel aufs Korn, nach der nämlich lieber ein unbekannter Regisseur eingesetzt wird, bevor der schon etablierte Chef auf die Idee kommen könnte, mehr Gage zu fordern.

Ich mochte „Iron-Man“ schon immer und auch im eher schwächeren zweiten Teil hatte ich großen Spaß. Ich bin einigermaßen froh, dass der dritte Teil nun wieder etwas nach oben geht und die ganze Sache überaus befriedigend und auch sinnvoll zu einem Ende führt. Oder doch nicht? Verflucht, nochmal! Da fällt mir doch in diesem Moment ein, dass ich die Post-Credit-Szene nicht geguckt habe, sondern dämlicherweise sofort aufgestanden und zum Klo gerannt bin. Jetzt muss ich mir das ganze Ding noch einmal ansehen...

Iron Man 3 (USA, 2013): R.: Shane Black; D.: Robert Downey Junior, Gwyneth Paltrow, Ben Kingsley, u.a.; M.: Brian Tyler; Offizielle Homepage

In Weimar: CineStar

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Kineast Cast Away...

Er ist vollbracht, der nächste Schritt. Zusammen mit Antonia versuche ich, an dieser Stelle einen regelmäßigen Podcast am Laufen zu halten. Es ist ein Versuch und nach der ersten Ausgabe sind wir erst einmal super euphorisch. Drückt die Daumen, dass es nicht nur bei der einen Folge bleibt und geizt nicht mit motivierenden Arschtritten. Jetzt wünsche ich viel Spaß mit dem ersten "FlimmerCASTen"; es geht natürlich um Star Trek!


Montag, 6. Mai 2013

Oblivion

Neulich hatte ich noch gesagt, ich hätte mal wieder Lust auf eine richtig echte Space-Opera. Wann hat es so etwas gegeben seit „Star Wars“ und „Star Trek“? Es gab da so ein paar Ansätze mit „Riddick“ und bei „Green Lantern“ wurde uns das Blaue vom Himmel versprochen. Erstaunlicherweise hatte ich am ehesten das Gefühl eines großen und lebendigen Universums bei „Starship Troopers“. Die Space-Opera ist ein ganz bestimmtes Subgenre des Sci-Fi, welches irgendwie ausgestorben ist und dank solch ambitionierter Serien wie „Mass Effect“ mittlerweile auf die Konsolen umgezogen ist. Space-Operas eröffnen eine riesige Welt und vermitteln den Eindruck, hier ein lebendiges Universum zu besuchen. In Space Operas werden außerdem hochdramatische Geschichten in epischen Ausmaßen erzählt. Space Operas wollen nichts anderes, als riesig sein und eine Welt erschaffen, die man selbst erforschen möchte. Es sind Geschichten, die dazu animieren können, sich am liebsten sofort in ein Raumschiff setzen zu wollen und los fliegen zu wollen.
 In diesem Jahr wurden nun neben dem heiß erwartete „Star Trek Into Darkness“ noch zwei neue Projekte vorgestellt. Beim Trailer zu „Oblivion“ überkam mich ein leichtes Kribbeln und sogar M. Night Shyamalans „After Earth“ sieht nach frischer Sci-Fi aus. „Oblivion“ ist vor einigen Wochen angelaufen und hat einen gemischten Eindruck hinterlassen.

Die Erde ist kaputt. Irgendwann sind Außerirdische gekommen und haben den Mond zerstört. Das hat eine Reihe verheerender Naturkatastrophen ausgelöst, die fast die ganze Menschheit vernichtet hat. Anschließend landeten die Aliens, um der Erde den Rest zu geben. Doch die Menschen haben sich gewehrt und alles mit Atombomben gepflastert. Das hat den Planeten allerdings vollkommen unbewohnbar gemacht und die Menschen sind zu einer Kolonie zum Titan geflohen. Diese Kolonie braucht allerdings das Wasser der Erde, um zu überleben. Und da kommt Jack ins Spiel. Er ist zusammen mit seiner Kollegin Victoria der letzte Mensch auf dem Planeten. Seine Aufgabe besteht darin, die Wasserkollektoren zu bewachen.
Als Unterstützung hat er eine große Anzahl, super-aggressiver Drohnen, die über die zerstörte Oberfläche patrouillieren und alles platt machen, was den Kollektoren zu nahe kommt. Auf der Erde scheint es nämlich noch ein paar Überlebende der Aliens zu geben. Jack erledigt seine Aufgabe gewissenhaft, doch wird er immer von Träumen und Erinnerungen geplagt, die er eigentlich gar nicht haben kann. In seinen Visionen sieht er immer wieder eine Frau und Szenen aus einer Zeit, zu der er eigentlich noch nicht geboren war. Eines Tages stürzt ein Raumschiff ab und darin macht Jack eine unglaubliche Entdeckung, die sein gesamtes Weltbild durcheinander bringt.

Kommen wir gleich zum Punkt. „Oblivion“ hat es nicht, dieses Gefühl des Großartigen. Vom unglaublich großen und weiten Kosmos ist nämlich nichts zu sehen. Dafür sieht die zerstörte Erde um so überzeugender aus. Die karge Landschaft ist gespickt mit alten Ruinen und Kratern. Überall gibt es stumme Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Im krassen Kontrast dazu steht Jacks Haus auf einer Gebirgskette. Erhaben von all der Zerstörung ist hier alles in sauberenm, strahlendem Weiß gehalten. Ebenso die Klamotten und Waffen von Jack. Das Schiff, mit dem der Techniker durch die Gegend fliegt, ist ebenfalls schneeweiß und sauber. Das ist ein schönes Bild und entwickelt einen sehr ansprechenden Look. Auch die Stimmung auf der – häufig recht friedlichen - Erdoberfläche ist gelungen. Hier wird häufig mit langsamen Einstellungen gearbeitet. Man hat viel Zeit, sich umzusehen und die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Das ist etwas, was in vielen neueren Sci-Fi-Filmen vernachlässigt wird.
„Total Recall“ zum Beispiel hat eine sehr detaillierte Welt entworfen, von der man leider nichts sieht, weil alles so hektisch und schnell erzählt werden muss. Ähnlich, wie bei „Dredd“, der ganz kurz die faszinierende Kulisse der „Megacity One“ zeigt und dann die Handlung ins Innere eines Wolkenkratzers verlegt. In „Oblivion“ spielt sich das Meiste draußen ab und der Film zeigt sogar hin und wieder den Mut, ein völlig fremdes Setting in den Pott zu werfen. So Abwechslungsreich das ganze Setting sein mag und so homogen das alles ineinander fließt, bei der Story haben sie es verkackt. Die ist vollkommen banal und zu hundert Prozent vorhersehbar. Den einzigen Umschwung, der eine andere Dynamik in die Geschichte gebracht hätte, hat man bereits im Trailer verbraten. Das letzte Drittel besteht aus, uninspiriert zusammen geklauten Versatzstücken aus anderen Geschichten. Wenn Jack also im Finale durch ein Best-Of-Pottpurie aus den langweiligsten Elementen aus „Independence Day“, „Apollo 13“ und jeder andere x-beliebige Sci-Fi-Schwarte der letzten Zehn Jahre stolpert und dazu noch ein musikalisches Cresendo läuft, welches bis auf den letzten Ton aus „Inception“ zu stammen scheint, fragt man sich doch, wozu man sich zu Beginn die Mühe gemacht hat, eine so homogene Welt zu erschaffen.

„Oblivion“ will anders sein, als der heutige Action-Sci-Fi-Mix, der uns neuerdings ständig serviert wird. Zu gewissen Teilen gelingt das auch. Der ganze Stil ist frischer und auch Tom Cruise versucht, abseits seiner zwei Gesichtsausdrücke, anders zu sein. Das gelingt ihm aber deshalb nicht richtig, weil seine Figur so blass geraten ist, so, wie die gesamte Story. Das Ende ist schlichtweg dumm und der positive Eindruck, den man während der ersten zwanzig Minuten gewonnen hat, wird innerhalb kürzester Zeit weg gefegt. Das ist mal wieder schade, denn aus der Idee hätte man vielleicht etwas richtig gutes machen können.

Oblivion (USA, 2013): R.: Joseph Kosinski; D.: Tom Cruise, Olga Kurylenko, Morgan Freeman, u.a.; M.: M.8.3.; Offizielle Homepage

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Die Jagd

Thomas Vinterberg ist ein Name, den erstaunlicherweise wenige Menschen kennen. Er ist ein Filmemacher aus Dänemark und das reicht, um ihn in eine Schublade zu schieben. Sein Mentor war Lars von Trier und zusammen mit vielen anderen Kollegen haben sie die Dogma-Reihe etabliert, die in den 90er Jahren so viel diskutiert wurde, wie kaum eine andere Reihe. Eine neue Stilrichtung wurde geschaffen. Manche mochten diesen rohen und unverfälschten Stil mit Shakey-Cam, nicht abgemischten Sound und groben Schnitten. Es gäbe ein Filmerlebnis, welches man sonst nicht hätte. Man bekäme den Eindruck, dabei zu sein. Andere konnten weniger damit anfangen und sahen in den Dogma-Filmen nur einen weiteren Beweis, dass Film als Kunst einfach nicht funktionierte. Einer der wenigen Vertreter, die als „der Dogma-Film“ in Erinnerung geblieben ist, ist „Das Fest“, von dem viele Menschen fälschlicherweise denken, er sei von Lars von Trier und nicht von Vinterberg. Das liegt unter anderem daran, dass dem Film sowohl Vor-, als auch Abspann fehlt. Nun gibt es einen neuen Film von ihm. Nach 15 Jahren, in denen er auf der internationalen Filmbühne beinahe gar nicht aufgetreten ist, kommt nun Vinterbergs „Die Jagd“

Lucas ist Lehrer an einer kleinen Dorfschule. Diese wurde allerdings geschlossen und Lucas wurde entlassen. Außerdem ließ seine Frau sich scheiden und erhielt auch noch das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn. Auch, wenn er viel Pech hatte, genießt Lucas die Unterstützung und das Vertrauen seiner Freunde im Dorf. Besonders Theo hat er es zu verdanken, dass er diese schwere Zeit überstanden hat. Nun scheint es langsam wieder bergauf zu gehen. Lucas hat eine Stelle im Kindergarten bekommen und fühlt sich hier eigentlich ganz wohl. Eine Kollegin dort scheint ein Auge auf ihn geworfen zu haben und sein Sohn stellt fest, dass er lieber bei seinem Vater leben möchte. Doch dann erzählt die kleine Klara im Kindergarten etwas gleichermaßen Merkwürdiges, wie auch Ungeheuerliches. Es hat ganz den Anschein, Lucas hätte sich an der Tochter seines besten Freundes sexuell vergangen.
Ein herbei gerufener Kinderpsychologe bestätigt den Verdacht und Lucas wird umgehend beurlaubt. Schnell macht das Gerücht die Runde im Dorf und Lucas sieht sich plötzlich dem unbändigen Hass all derer gegenüber, die vor kurzem noch seine Freunde gewesen sind. Alle Menschen im Dorf sind absolut von seiner Schuld überzeugt.
Vor lauter Entsetzen und Hass hört niemand mehr auf die kleine Klara, als die berichtet, sie hätte nur etwas Dummes erzählt, um Lucas zu ärgern.
Thomas Vinterberg lässt hier gleich mehrere starke Motive einfließen. Auf der einen Seite sehen wir die Dorfgemeinschaft, die ohne jeden Zweifel und Vorbehalt zusammen hält. Obwohl wir im 21. Jahrhundert leben, und obwohl sie alle so tolerant und mit einer sympathisch, lockeren Lebensart daher kommen, vergehen nur wenige Minuten, bis sie sich regelrecht zusammen rotten und eine standesgemäße Hexenjagd vom Zaun brechen. Plötzlich sind wir wieder im Mittelalter. Das zweite, wesentlich stärkere Motiv, ist die Perspektive des Opfers, aus der der Zuschauer die ganzen Ereignisse hautnah mit erlebt. Wir fühlen die Ratlosigkeit und auch völlige Machtlosigkeit Lucas' und er sieht sich plötzlich in einer fast schon lebensbedrohlichen Umgebung. Am meisten erschreckt einen die Klarheit der Situation. Die Kette der Ereignisse und Umstände, die zu dieser Situation führen, sind völlig klar und nachvollziehbar und an keinem Punkt der Geschichte könnte man sagen: „Hier hätte Lucas etwas anderes machen müssen, damit das alles nicht passiert“. Es geschieht einfach und er hat absolut keine Chance. Es ist auch niemandem so richtig ein Vorwurf zu machen. Selbst bei drastischen Gewaltausbrüchen der Dorfbewohner denkt man sich immer: „Wie würde ich wohl auf so etwas reagieren?“
Eine Szene gibt es, an der die Geschichte noch hätte umschwingen können. Man hofft regelrecht, dass der Besuch des Kinderpsychologen Klarheit bringt, und das Schlimmste verhindert, obwohl wir noch in den ersten zwanzig Minuten des Films sind. Dieser Psychologe ist entweder total inkompetent in seiner Funktion, oder er ist selbst vollkommen aus der Bahn geworfen, angesichts der Vorwürfe. Wie dem auch sei; das Gespräch zwischen dem Psychologen und Klara läuft denkbar schlecht. Er setzt das Mädchen stark unter Druck. Das Kind, welches sechs Jahre alt ist, denkt vielleicht, es bekäme Ärger, wenn es etwas Falsches sagt und bestätigt all die ungeheuerlichen Vorwürfe mit einem simplen Nicken. Das reicht den Erwachsenen und sie blasen zur Jagd.
Vinterberg nimmt großen Abstand von der rohen und wackeligen Ästhetik, die er noch bei „Das Fest“ verwendet hat. Er nimmt sich viel Zeit, um romantische, aber auch beklemmende Bilder zu zeichnen. Irgendwie bringt er die totale Ruhe in den Film. Mads Mikkelsen spielt einen unfassbar guten Lucas. In anderen Rollen war er oft sehr extrovertiert und stand immer einen Tick neben seiner Rolle. Hier ist er total natürlich, aber eben nicht durch aufgesetzte Natürlichkeit, wie sie oft in Dogma-Filmen auftaucht. Hier scheint es nicht so zu sein, als hätte der Regisseur ihm die Anweisung gegeben, jetzt mal ganz natürlich zu sein, das Wesen seiner Figur kommt aus seinem Inneren und wirkt deshalb so überzeugend. Mikkelsen erhielt für diesen Auftritt in Cannes den Preis für die beste männliche Hauptrolle.

„Die Jagd“ ist harter Tobak und schafft es mit einer verblüffenden, aber auch erschreckenden Leichtigkeit, dieses Thema von der anderen Seite aufzurollen. Aus der Perspektive des Opfers hat man eine vermeintliche Missbrauchs-Geschichte noch nie erlebt und irgendwie macht diese Perspektive ein bisschen Angst. Die Möglichkeit, dass man selbst jederzeit mit derartigen Vorwürfen konfrontiert werden könnte, wirkt noch sehr lange nach und lässt den Zuschauer noch länger grübeln.

Jagten (DK, 2012): R.: Thomas Vinterberg; D.: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Annika Wedderkopp, u.a.; M.: Nikolaj Egelund; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 17. April 2013

The Best Offer

Es ist immer faszinierend, zu welchen Taten ein Mensch fähig ist, wenn er etwas will. Ich meine damit nicht unbedingt Habgier, sondern das Verlangen nach etwas, das eigentlich unerreichbar ist. Ich meine die Obsession, die entfacht wird und die letztendlich dafür sorgt, dass man um sich herum nichts anderes mehr wahrnehmen kann. Das gibt natürlich Stoff für spannende Geschichten. Wenn sie gut erzählt sind, muss die Figur, um die es sich dreht, gar nicht so präzise konstruiert werden, denn die Charaktereigenschaften, die diese Figur glaubhaft machen, entwickeln sich erst mit zunehmendem Verlauf der Geschichte. Man sitzt also im Kino und beobachtet einen Mann, der Schritt für Schritt in sein Verderben läuft. So etwas ähnliches versucht Giuseppe Tornatore, der italienische Regisseur, bei dem die Filmwelt immer den Atem anzuhalten scheint, wenn er einen neuen Film ankündigt. Nach „Cinema Paradiso“ und „Baaria“ kommt nun „The Best Offer“.

Virgil Oldman ist Londons bedeutendster Kunstauktionator. Wenn jemand auf dem Dachboden etwas findet, was er für annähernd wertvoll hält, geht er zu Virgil und lässt es schätzen. Oldman ist sich seines Rufes und seiner Bedeutung durchaus bewusst, weshalb er in den Luxus kommt, sich seine Kunden aussuchen zu können und sich die ein oder andere Macke zu erlauben. Zum Beispiel spricht er nie sofort mit seinen Kunden, sondern lässt von seinem Mitarbeiterstab gründlich fildern. Die Wartelisten sind also lang und nur wenige Kunden kommen in den Genuss Oldmans persönlicher Anwesenheit. An seinem Geburtstag zum Beispiel geht er ins exklusivste Restaurant am Platz und der ganze Raum beobachtet einen missmutigen Mann, der lustlos in seinem Essen herum stochert. Virgil Oldman ist also ein knorriger alter Mann, der nicht besonders gut mit Menschen umgehen kann. Nebenbei ist er aber auch auf der Suche nach etwas und sammelt wie ein Verrückter Portraits von Frauen. Mit Hilfe seines Freundes Billy ersteht er auf seinen eigenen Auktionen Bilder zu geringen Preisen. Bei Bildern, die er haben will, erstellt er falsche Wertgutachten und bezahlt so nur wenige hundertausend Pfund für ein Werk, welches eigentlich Millionen wert ist.
Eines Tages erhält er den Auftrag, die alte Ibbetson-Villa zu besuchen und ein umfassendes Gutachten zu erstellen. Das Haus ist voller Schätze und er kann sich der Faszination dieses Ortes nicht erwehren. Die Auftraggeberin hingegen strapaziert seine Geduld mehr als einmal. Entgegen seiner üblichen Verfahrensweisen, hält er bisher lediglich telefonischen Kontakt und ganz offensichtlich verheimlicht die Frau etwas. Virgil ist empört und will den Auftrag wieder ablehnen. Doch etwas hält ihn ab.

Tornatore hatte immer einen ganz besonderen Stil, Geschichten zu erzählen. Er sucht sich immer ganz spezielle Gegenstände, an denen er dann eine Story epischen Ausmaßes entfalten kann. In „Cinema Paradiso“ waren es ein paar Schnipsel Filmrolle und in „Baaria“ zum Beispielavancierte ein alter Ring in einem halb abgerissenen Haus auf verblüffende Weise zum Schlüsselsymbol. Das funktioniert sehr gut, denn die Gedanken des Zuschauers haben einen Anker, der alles an einem bestimmten Punkt halten kann, um den sich dann die gesamte Story dreht. Ohne, dass es also zu gekünstelt wirkt, bleibt die Geschichte rund und man kann immer alles nachvollziehen. In „The Best Offer“ fehlt dieser eine Punkt irgendwie. Über lange Strecken scheint der rote Faden zu fehlen und das eigentliche Thema des Films erschließt sich erst in den letzten Minuten. Ich habe nichts gegen überraschende Wendungen oder ein schockierendes Ende. Es muss nur nachvollziehbar sein. In „Prestige“ von Christopher Nolan zum Beispiel – ein Film, der eines der großartigsten Enden der Filmgeschichte parat hält – gibt es während des gesamten Films immer wieder Hinweise. Der Zuschauer wird quasi erdrückt mit Hinweisen, die ihm das Ende eigentlich schon verraten. Allerdings wird vorgegaukelt, dass das Thema des Films ein ganz anderes ist. Deshalb ist man am Ende von „Prestige“ so überrascht, obwohl alles logisch und nachvollziehbar bleibt. Ähnlich gut funktioniert es auch in „The Sixth Sense“ von M. Night Shymalan, der hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sei.
„The Best Offer“ platzt einfach mit einem völlig unlogischen Story-Twist am Ende heraus und es wird nur dadurch erkennbar, wenn man sich nach dem Film direkt mit anderen Kinogästen austauschen kann. Das trägt zwar zur Konversation bei, hinterlässt aber irgendwie einen unbefriedigenden Eindruck. Das ist schade, denn der Großteil des Films ist sehr gelungen. Der Stil ist sozusagen zweigeteilt. Viel Szenen, die im Freien stattfinden sind grau gehalten. Szenen, die in der Villa spielen, oder bei den Auktionen wirken viel wärmer und ihnen haftet ein leichter goldener Schimmer an. Die Figur des Virgils ist voller Widersprüche. Auf der einen Seite mimt er den pedantischen aber ehrbaren Mann, auf der anderen Seite betrügt er die Leute, deren Respekt er förmlich befiehlt, um all die Bilder zu bekommen. Er ist im Grunde nichts anderes, als ein Dieb, der von Obsessionen getrieben wird. Das soll ihm natürlich irgendwann zum Verhängnis werden. Andere Figuren verkommen dafür relativ schnell zu Platzhaltern, um Schlüsselpositionen einzunehmen. Dadurch wirkt ein Großteil des Films blass.

Vorführer Falko hat mir gesagt, ein Kritiker sein kein guter Kritiker, wenn er in einer Rezension die Floskel „Im Vergleich zu seinen früheren Arbeiten...“ benutzt. Aber hier muss ich das tun, denn ich verbinde ganz besondere Erinnerungen mit Tornatore. Als Kind hatte ich die Möglichkeit, eine sehr interessante Auswahl an Filmen sehen zu können. Der erste Videorekorder im Haus wurde genutzt, um alle möglichen Filme aufzunehmen, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, oft mitten in der Nacht, gelaufen sind. Neben „Apokalypse Now“, „2010“ oder „Lautlos im Weltall“ war es eben besonders „Cinema Paradiso“, der mich total begeistert hat, und den ich einfach immer und immer wieder sehen wollte. Das ist eben ein früheres Werk Tornatores, welches man nicht mehr vergisst. Ein Film, der sich in jeder kleinen Einzelheit ins Gedächtnis gebrannt hat und natürlich muss sich jeder Film, den er nachliefert dem Vergleich mit „Cinema Paradiso“ stellen. Und im Vergleich dazu, ist „The Best Offer“ sicherlich kein schlechter Film, aber eben blass und irgendwie unfertig. Fast so, als würde ein kleiner Schnipsel Filmrolle, irgendwo mittendrin fehlen.

La migliore offerta (I, GB, 2013): R.: Giuseppe Tornatore; D.: Geoffrey Rush, Liya Kebede, Donald Sutherland, u.a.; M.: Ennio Morricone; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 25. März 2013

Hai-Alarm am Müggelsee

Es ist passiert. Nach so vielen Jahren, die ich mich jede Woche aufs Neue ins Kino begebe und mich auf alle möglichen Filme einlasse, um dann das Kunststück zu vollbringen, innerhalb weniger Tage das Gesehene für mich im Kopf zu verarbeiten, zu einem Schluss zu kommen und das Ganze in Worte zu fassen, die das auch noch so ausdrücken, dass es möglichst jeder versteht, ist es nun passiert, dass ich nicht so recht weiß, was ich über den Film sagen soll. Es gab früher schon ähnliche Situation. „Tree Of Life“ zum Beispiel war eine Herausforderung, aber irgendwie hab ich es hingekriegt. Zumindest war ich zufrieden damit. Ähnlich gekämpft habe ich damals bei „Das beste kommt zum Schluss“. Ein Film mit zwei sehr großen Hauptdarstellern, die ich zutiefst verehre. Der Film  selbst war aber irgendwie nicht so verehrenswert. „Righteous Kill“ schlug da in eine ähnliche Kerbe. Aber immer hatte ich es irgendwie geschafft, etwas sinnvolles zu produzieren. Und nun? Keine Klarheit. Mit ratlosem Blick muss ich resigniert die Schultern zucken, wenn mich die zahlreichen Fans fragen, wie der Film denn nun ist. Wer, frage ich, wer kann dafür nur verantwortlich sein? Wieso zum Geier mache ich es mir bei diesem dämlichen Film nur so unglaublich schwer? Warum macht mich „Hai-Alarm am Müggelsee“ nur so fertig?

Krempeln wir das Ganze mal von der inhaltlichen Seite auf. Wir sind am Müggelsee und es ist ein wunderschöner Tag. Der Bademeister Michael Gwisdeck stapft ins seichte Wasser und hält seine Hand hinein, um die Temperatur zu prüfen. Als er sie wieder heraus nehmen will, sprudelt ihm ein blutiger Stumpf entgegen.
„Watt'n Ditte?“ Damit bringt er die ganze Sache auf den Punkt. Was ist das? Nun ja! Aber weiter...
Das Problem mit der Hand scheint keine Misere für den Bademeister zu sein. Sehr schnell bekommt er eine neue. Wichtiger ist, wie Friedrichshagen jetzt mit der Situation umgeht. Es ist ja auch gar nicht erwiesen, ob überhaupt irgendwas im See ist, und wenn, dann ganz sicher kein Hai. Ist ja schließlich ein süßes Gewässer. Snake Müller weiß es aber besser. Der erfahrene Hai-Jäger wurde von Hawaii abgeschoben, weil seine Greencard abgelaufen ist. Er kommt mit seinem Boot zum Müggelsee und weiß sofort, wie der Hase läuft. Allerdings nimmt ihn keiner so richtig ernst. Um eine Panik zu vermeiden, entwirft man einen Drei-Stufen-Plan. Zunächst will man niemanden mehr ins Wasser lassen, allerdings ohne, zu verraten, warum. Das funktioniert nur, so lange das Freibier reicht. Dann tritt der Besitzer des Strandbades auf den Plan und droht mit Schließung des Selben, wenn nicht sofort jemand ins Wasser geht. Das wäre vom touristischen Standpunkt aus gesehen eine Katastrophe für den Ort. Punkt zwei sieht dann vor, so zu tun, als wäre nichts passiert. Eine ziemlich riskante Herangehensweise. Schließlich ist ja der Hai im Wasser. Auch das funktioniert natürlich nicht besonders gut. Der dritte und rabiateste Schritt ist die Ausrufung des Hai-Alarm. Der wird allerdings für einen Touristengag gehalten und irgendwann ist es den Menschen von Friedrichshagen zu blöd. Sie gehen auf die Barrikaden und demonstrieren. Dem Bürgermeister läuft die Zeit davon. Er engagiert Snake Müller, den Hai zu töten. Der hat allerdings eine ganz besonders emotionale Bindung zu dem Untier.


Klingt das nicht toll? Ich meine, die Story ist ja nun wirklich nicht besonders originell, aber würde Stephen Spielberg so einen Film machen, würde das bestimmt ein absoluter Kracher werden. So klingt es schon irgendwie albern. Snake Müller am Müggelsee? Bei Spielberg würde es klappen. Spannung, atemberaubende Kamerafahrten und ein unglaublich beeindruckendes Monster. Das würde funktionieren. Und wisst ihr warum? Weil Spielberg die Sache ernst nimmt. Er kann die beklopptesten Geschichten überzeugend verfilmen, weil er die Sache ernst nimmt. Und das tun Haußmann und Regener nicht. Nüscht! Deshalb kann man auch nichts Plausibles in den Film hinein interpretieren, weil man ja davon ausgehen muss, man wird nur veräppelt. Was höre ich da? Der Film hätte voll viel krasse Gesellschaftskritik? Welche Gesellschaft denn? Die von Frtiedrichshagen, oder was? Der Film zeichnet ein knallhartes Bild unserer Kultur von totorganisierten Großbauprojekten und Wutbürgern. Ha! Ich weiß nicht genau, wofür die Bürger am Müggelsee demonstrieren. Ich glaube, sie wollen einfach nur wieder ins Wasser. Oder wenigstens Freibier. Oder Günther Jauch! Oder Ficken?
Was? Der Film transportiert herrliche Insidergags aus der Welt des Films und der deutschen Theaterlandschaft? Ja, toll! Das liegt daran, dass ein Haufen Filmschauspieler dabei sind, die schon vor 40 Jahren Legenden gewesen sind. Außerdem hat Leander Haußmann ein paar Theater-Menschen an einen Tisch gesetzt, die in einer griechischen Kneipe den Verlauf der Geschichte kommentieren. Das Problem ist nur, die kennt keiner so richtig. Und hier auf Radio Lotte schon gar nicht, denn es gibt ja keine laufende Theatersendung.  Oha! Jetzt geht’s ach bei mir los. Ich sollte wohl doch einmal zu einem Schluss kommen.
Also! Was soll ich über einen Film schreiben, der mir inhaltlich alles und nichts gibt? Soll ich die handwerkliche Seite bewerten? Mal sehen. Gute Dialoge? Gibt es nicht! Überzeugende Darstellungen von großartigen Schauspielern? Hmm. Kann man so irgendwie nicht sagen. Technisch verblüffende Details? Nein, Verdammt! Man sieht den blöden Hai nicht ein einziges Mal. Das ist natürlich mit Absicht so übertrieben schlecht gemacht und die Dialoge so bekloppt hölzern runter gerattert, dass man das unmöglich ernst nehmen kann.
Die Musik hat mir – obwohl ich absolut kein Fan von Element Of Crime bin  - ganz gut gefallen. Zumindest hat sie gepasst.

„Hai- Alarm am Müggelsee“ ist ein Film, der sich selbst und alle anderen nicht ernst nimmt. Das ist der ganze Trick. Man kann keine kosmischen Bedeutungen hinein interpretieren, weil schlicht keine da sind. Aber ein Stück weit sind sie vielleicht doch da. Nur nicht da, wo sie ganz offensichtlich zu sein scheinen. Man sollte diesen Film aber unbedingt sehen, denn meiner Ansicht nach, etabliert der sogar so etwas, wie eine neue Filmgattung. Es ist die Symbiose aus Unterhaltung und Kunst, die so irgendwie noch nie richtig funktioniert hat. Ich glaube, jeder kommt da irgendwie auf seine Kosten. Ich habe für mich übrigens gemerkt, dass der Film am besten dann funktioniert, wenn ich ihn als das betrachte, was er letztendlich auch ist: Das beste „Der weiße Hai“-Remake aller Zeiten!

Hai-Alarm am Müggelsee (D, 2013) R.: Leander Haußmann; D.: Henry Hübchen, Detlev Buck, Michael Gwisdeck, u.a.; M.: Sven Regener; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 auf Radio Lotte Weimar.

Freitag, 22. März 2013

Hitchcock

Biopics funktionieren immer. Ganz gleich, um welche Person es sich handelt, deren Leben da verfilmt wird. Meistens geht es um unnahbare oder historische Figuren; Menschen, denen man normalerweise einfach nie begegnet, um sie zu fragen, wie ihr Leben so ist. Der Zuschauer ist also neugierig und erhofft sich, tiefe Einblicke in die Seele dieser ominösen Person. Besonders neugierig ist man bei Personen, die irgendwie geheimnisvoll daher kommen. Alfred Hitchcock zum Beispiel ist als „Meister des Suspense“ einer der berühmtesten Filmregisseure der Welt gewesen. Eine Biographie über ihn gewährt nicht nur Einblicke in seinen Geist, sondern auch Einblicke in die Welt des Films. Das funktioniert also doppelt so gut, wie andere Biopics. So hofft man zumindest.

1959, Hollywood. An diesem Abend feiert der neue Film von Alfred Hitchcock seine Premiere. Die Menschen überschlagen sich mit Lob und man ist sich einig, „Der unsichtbare Dritte“ ist Hitch's erfolgreichster und bester Film. Der Meister lässt sich feiern und ruht sich dann eine Woche aus. Doch dann kommt bereits die Unruhe. Er muss weiter machen. So begibt er sich auf die Suche nach einer neuen Idee. Zahlreiche Angebote von großen Studios muss er ablehnen, weil sie ihn schlicht nicht interessieren. Der Fall des Serienkillers Ed Gein beschäftigt derzeit die Medien und auch Hitch ist vollkommen fasziniert von diesem Mann. Er will einen Film über dieses Thema machen, denn ihn interessieren die Motive und das Denken des Killers und dessen unerklärliche Affinität zu seiner Mutter. Zufällig gerät ein Exemplar des neuen Romans „Psycho“ in seine Hände, der genau diese Fragen beantwortet. Hitchcock ist sich sicher, das muss sein nächster Film werden. Die Studiochefs sind nicht so begeistert. Paramount hält es für geschmacklos und ist sich sicher, dass so einen Film niemand sehen will. Auch, wenn Hitchcock ein absoluter Meister seines Fachs ist, ist er nicht immer ein Garant für kommerziellen Erfolg gewesen. Zu schmerzich sitzt noch die Erinnerung an den gefloppten „Vertigo“.
Hitch ist aber wild entschlossen und finanziert den Film kurzerhand selbst. Doch bevor es losgehen kann, muss die Zensurbehörde das Siegel erteilen und noch mehr Schwierigkeiten stehen Hitch bevor. Schnell wird allen Beteiligten klar, dass „Psycho“ in jeder Hinsicht sein gewagtester Fiml werden wird.

Biopics müssen sich entscheiden, was sie sein wollen. Wollen sie ein eigenes Kunstwerk sein, oder die Geschichte eines Menschen so erzählen, wie sie geschehen ist? Mit etwas Kreativität und Witz könnte man aus „Hithcock“ einen spannenden Thriller ganz im Sinne des Meisters höchstpersönlich kreieren. Man könnte mit Einstellungen und Musik und Schatten spielen und aus der Biographie ein kleines Meisterwerk machen. Oder man hält sich an die Konventionen des Genres und erzählt die Geschichte abseits der Filmkulissen. „Hitchcock“ hat sich für letzteres entschieden und macht dabei eine sehr solide Figur. Sehr sachlich und geradezu nüchtern erzählt der Film die Produktionsgeschichte von „Psycho“ und suggeriert vor allem ein Bild: Auch Hitchcock kocht nur mit Wasser.
Interessant ist hier vor allem die Beziehung Hitchcocks zu seiner Frau Alma Reville, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Arbeit ihres Mannes auszuüben schien. Auch seine Obsession gegenüber seinen weiblichen Hauptdarstellern wird thematisiert, allerdings ohne die Oberfläche zu durchbrechen. Sehr gelungen ist die Auswahl der Darsteller.
Anthony Hopkins trägt zwar jede Menge Make-Up, schafft es aber, die Figur zu füllen und gleichzeitig seinen eigenen Charme mit einfließen zu lassen. Besonders gut gefallen hat mir Scarlett Johansson, die übrigens nicht nackt zu sehen ist, dafür aber um so überzeugender die blonde Newcomerin spielt, die bisher nur überaus brave Rollen verkörperte und nun in einem waschechten Horrorfilm das Opfer des beängstigensten Duschmordes der Filmgeschichte wird. Ihr reduziertes Spiel macht diese Figur sehr glaubhaft. Die Szene, in der man sieht, wie der Mord gedreht wurde, zeigt sehr anschaulich, wie es zu dieser Intensität kommen konnte und ist einer der Höhepunkte von „Hitchcock“.

„Hitchcock“ ist kein großer Film, der den Horizont erweitert, oder eben einen Thriller aus der Biographie eines Mannes macht, der nur mit Morden beschäftigt ist. Allerdings schafft er es, ohne die Illusion zu zerstören, zu zeigen, wie Filme gemacht wurden und wie viel mehr dazu gehört, als nur die Kamera drauf zu halten. Vor allem vermag der Film das Verlangen und die Lust zu steigern, sich nicht nur mal wieder „Psycho“ anzusehen, sondern endlich mal all die Hitchcockfilme nachzuholen, die man bisher noch nicht gesehen hat. Dort findet man dann übrigens auch die tiefen Einblicke in den Geist und die Seele von Alfred Hitchcock.

Hitchcock (USA, 2012): R.: Sacha Gervasi; D.: Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson, u.a.; M.: Danny Elfman; Offizielle Homepage

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