Montag, 18. November 2013

Machete Kills

Robert Rodriguez ist ein Name, der immer im Schatten eines anderen Namens steht. Wann immer über Rodriguez gesprochen wird, kommt auch der Name Tarantino ins Spiel. Die Verbindung dieser beiden Regisseure ist naheliegend. Die beiden sind seit der Schulzeit Freunde und haben einige Filmprojekte gemeinsam realisiert. Sie haben die Firma „Troublemaker Studios“ gegründet, die seither die Homebase der sogenannten Tarantino-Connection ist. Diese Gruppe von Filmemachern hat einen ganz bestimmten Stil im Film etabliert und gepflegt. Filme von Tarantino, Rodriguez, Oliver Stone und Tony Scott haben ganz besondere Figuren, die ganz spezielle Geschichten erleben. Dabei sind sie immer einen Tick neben der Spur. Zu ausgeflippt, zu chaotisch, zu sadistisch oder manchmal sogar zu cool. Vor allem aber, sind sie unabhängig vom großen Moloch Hollywood und zelebrieren diese Unabhängigkeit nicht selten mit völlig übertriebenen Gewaltexzessen und skurrilen, wie auch unkonventionellen – vor allem aber oft total unerwareteten – Todesarten.
Rodriguez und Tarantino haben nahezu bei jedem ihrer jeweiligen Projekte zusammen gearbeitet. Neben zahlreichen Cameo-Auftritten in ihren jeweiligen Filmen gab es immer wieder Gastspiele als Regisseur einzelner Segmente. In „Sin City“ führte Tarantino Regie bei der Episode mit Clive Owen und Benicio Del Toro. Für „Kill Bill“ komponierte Rodriguez Teile der Filmmusik. Dann kristallisierte sich eine Wende heraus. Tarantino gelang mit „Inglorious Basterds“ ein absolutes Meisterwerk. Waren seine bisherigen Filme immer ein bisschen roh und alles andere, als perfekt, katapultierte sich Tarantino mit diesem Film auf ein neues Level, des Filmemachens. Rodriguez hingegen hatte andere Pläne und schien sich bewusst in die komplett entgegengesetzte Richtung zu bewegen.
Mit „Grindhouse“ feierten beide Regisseure das Genre des 70er-Jahre-Trashkinos und brachten diesen speziellen Kulturkreis auf die große Leinwand – mit durchwachsenem Erfolg. Im Dunstkreis der beiden Filme „Death Proof“ und „Planet Terror“ entstanden auch einige Fake-Trailer zu fiktiven Filmen. So wurden vor dem Hauptfilm Filme beworben, wie „Thanksgiving“, „Werewolf-Women of The SS“ und natürlich „Machete“

Seinen ersten Auftritt hatte der mexikanische Superagent mit Affinität zu schweinescharfen Hieb- und Stichwaffen an eher unerwarteter Stelle. 2003 erschien „Mission 3D: Game Over“ - ein Spy Kids Spin Off. Mit der Reihe um superkrasse Kinderagenten wollte Rodriguez eigentlich das jüngere Publikum begeistern. Der Erfolg dieser Filme war eher unterdurchschnittlich und der völlig überkanditelte Actioner war stellenweise nur schwer zu ertragen. Zwar kam das Agentenabenteuer mit viel Augenzwinkern daher, trat aber immer auch als Möchtegernblockbuster auf. Der Trashfaktor war hier enorm hoch, aber eben leider eher unfreiwilliger Natur.
Dennoch zeigte dieser Kurzauftritt den Kern der Arbeit Rodriguez'. Alle seine Filme spielen alle im gleichen Kosmos und irgendwie hängt alles miteinander zusammen. Selbst in „Faculty“ tauchen Fuck You Boy und Fuck You Girl auf, die später kurze, aber denkwürdige Auftritte in „Planet Terror“ absolvieren.
Es war also klar, dass Machete früher oder später noch einmal auftauchen würde. Der berühmt-berüchtigte Trailer in „Grindhouse“ verfehlte seine Wirkung nicht und es gab sagenhafte Reaktionen der Fans. In einer beispiellosen Aktion wurden Unterschriften gesammelt und Rodriguez erhielt bergeweise Post mit der Bitte, aus dem Trailer einen Film zu machen.
Und genau so geschah es dann auch.

Im Jahr 2010 kam der erste Machete-Kinofilm in die Kinos. Der ruppige Grindhouse-Stil wurde nur zu Beginn noch benutzt. Bildwackler und  Schmutz auf der Linse sind nur während der Introsequenz noch zu sehen. Den Rest des Films kommen die visuellen Eigenarten des Grindhouse-Kinos nur noch sporadisch zum Einsatz. Über die Story braucht man an dieser Stelle kein Wort zu viel verlieren; sie existiert im Grunde nicht.  Im Verlauf des Films passieren ein paar denkwürdige Dinge. Zum Beispeil die Gedärm-Abseil-Aktion, von der Rodriguez im Grunde seit „El Mariachi“ schwärmt und immer gehöfft hat, sie irgendwann mal in einen Film mit einbauen zu können. Außerdem bekommt man endlich Lindsay Lohan im Adamskostüm zu sehen – etwas, worauf angeblich viele Fans gewartet haben – nur um sie anschließend als Racheengel im Nonnenkostüm wüten zu sehen.
Egal, welche Story-Kapriolen der Film vom Stapel lässt, das Ende bleibt offen und kündigt noch vor dem Abspann die beiden Fortsetzungen „Machete Kills“ und „Machete Killas Again...In Space“ an. Auch das ist natürlich nur ein Gag gewesen, der ebenfalls zur Hommage und Rekonstruktion des Trashkinos gehört. Dass Rodriguez mit solchen Gags manchmal mehr bewirkt, als er vielleicht beabsichtigt hat, zeigt, dass „Machete Kills“ nun tatsächlich in den Kinos starten wird.

Auch hier ist jedes Wort über die Story verschwendeter Atem. Es ist im Grunde der Aufguss der Story aus dem Vorgänger. Nur krasser. Das gleiche gilt für die Action- und Gewalteinlagen. Die Gedärme-Nummer wird auch noch weiter getrieben und es gibt eine Verfolgungsjagd mit Motorbooten, Autos, Helikoptern und irgendwelchen Space-Autos.
Das Besondere ist hier wieder der Cast des Films. Neben Mel Gibson und Charlie Sheen versammelt Rodriguez erneut zahlreiche Stars und solche, die es vielleicht noch werden wollen. Sie alle schließen sich dem Nonsens-Spaß an und feiern eine deftige Trash-Party.
Gegen Ende wird der Film so absurd und bescheuert, dass man sämtliche Twists unmöglich ernst nehmen kann. Es wird jedenfalls schwer dramatisch und episch und man weiß zumindest eins: Machete will return in „Machete Kills Again...In Space“

Jeder, der die „Machete“-Filme ernsthaft und gewissenhaft rezensieren will, ist Rodriguez bereits auf dem Leim gegangen. Wer ernsthaft über die schauspielerischen Qualitäten von Lady Gaga referiert, oder feststellt, dass die Spezialeffekte an manchen Stellen nicht so gelungen sind, hat schon verloren. Man muss seinen Kopf hundertprozentig ausschalten, dann kann man nur Spaß haben und dann durch die vielen unzähligen Metaebenen erkennen, welche Botschaft „Machete“ vielleicht wirklich in sich trägt. Wir sehen hier keinen Film, der wirklich spannend oder spektakulär sein will, sondern einen Film, der zeigt, wir Rodriguez derartige Filme als Kind betrachtet und gesehen hat. Es ist kein Film im eigentlichen Sinne, sondern ein Spielplatz, der beinahe keine Grenzen aufzeigt. Rodriguez kann alles und nichts machen – es spielt keine Rolle. Machete ist das sozusagen die Versinnbildlichung eines ganz bestimmten Verständnis für die Kunst des Filmemachens. Angesichts seines offensichtlich zu trashigen Ansatzes, weigert sich das Gehirn vehement, „Machete“ als Kunstwerk zu sehen. Aber wahrscheinlich ist es genau das.

Völlig egal, was da im Weltall auf uns wartet, ich werde es mir ansehen und mich auch ein drittes Mal wegblasen lassen, angesichts dieser schieren Masse an völlig bekloppten Ideen und Bildern. Angeblich soll Leonardo Di Caprio diesmal die Rolle des Bösewichts übernehmen. Der trägt mittlerweile eine eisenere Maske. Alles klar, soweit?

Machete Kills (USA, 2013): R.: Robert Rodriguez; D.: Danny Trejo, Michelle Rodriguez, Mel Gibson, Lady Gaga, u.v.a.; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 11. November 2013

FlimmerCASTen # 13 - Fliegende Haie, fliegende Macheten und fliegende Haare

In unserer neuesten Ausgabe quatschen Antonia und ich über eine ganz besondere Gattung von Filmen. Längst werden Trashfilme nicht mehr nur vom niedrigen Budget geprägt, sondern sind zum Stilmittel avanciert. Was wir von "Sharknado" und "Machete" halten, hört Ihr hier!



Soweit unsere Ausschweifungen über den bildgewordenen Schrott. In der nächsten Ausgabe reden wir über Epic Endings!

Montag, 14. Oktober 2013

FlimmerCASTen # 12 - ...swingin' Springfield

In der neuesten Ausgabe unseres Podcasts quatschen Antonia und ich über die erflgreichste Zeichentrickserie der Welt. Die obligatorische Verlängerung der Serie bei FOX und die Ankündigung der 26. Staffel im Jahr 2014 sollen uns als Anlass genügen und ich kann euch versichern, es ist uns enorm schwer gefallen, nach dieser knappen Stunde Schluss zu machen.



Wie steht's mit eurer Gelbsucht? Simpsomania, oder eher Desinteresse?

Dienstag, 8. Oktober 2013

Nachgereicht - Trance

Danny Boyle gehört zu den innovativsten, britischen Regisseuren der letzten 20 Jahre Filmgeschichte. Statistisch ist jeder Dritte seiner Filme ein Kracher. Dazwischen experimentiert er und wird nicht müde, frische Ideen aus zu probieren. So eindrucksvoll solche Filme, wie „Trainspotting“ und „Slumdog Millionär“ auch waren, so sehr gefallen mir eben die Filme, in denen er irgendwie einen Gang zurück schaltet, wenn es um Starpower und Action geht – eben die Eigenschaften eines potentiellen Blockbusters – und stattdessen experimentiert. Dabei entstehen Filme, die irgendwie klein daher kommen. Sie sind nicht unfertig oder unzureichend, sondern einfach kleiner. Oft lastet auf diesen Filmen kein besonders großer Druck – ein weiterer Pluspunkt. Boyle erzählt obendrein spannende Geschichten und so kommt man in den Genuss solcher Kleinode, wie „Sunshine“, „127 Hours“ und „Trance“.

Simon arbeitet in einem Auktionshaus. Eines Tages soll ein besonders wertvolles Bild versteigert werden. Dies ist auch der Tag, an dem Franck und seine Gangster-Kumpel auftauchen, um das Bild zu klauen. Die Mitarbeiter sind auf einen solchen Fall natürlich vorbereitet. Gemäß dem Training bringt Simon das Gemälde in Sicherheit, wird allerdings von Franck entdeckt, der ihm eine auf den Kopf gibt und die Tasche mitgehen lässt.
Zu früh gefreut, denn die Tasche ist leer. Simon liegt im Koma und er ist der einzige Mensch, der weiß, wo das Bild ist.
Als Simon eines Tages erwacht, krallt sich Franck den Komplizen. Nach stundenlanger Folter stellen sie fest, dass Simon tatsächlich alles vergessen hat. Also wird er zu einer Psychologin geschleppt, deren Spezialität Hypnose ist. Schon bei der ersten Sitzung stellt sie fest, dass in Simons Kopf einiges Durcheinander zu herrschen scheint. Die Gangster tun sich mit ihr zusammen, um letztendlich gemeinsam die Erinnerung zu finden, die sie zum Gemälde führt. Dabei stoßen sie auf Erinnerungen, die besser in Simons Kopf geblieben wären.

Dieser Film beginnt Boyle-Typisch rasant mit einem beeindruckenden Überfall. Allein diese ersten Minuten sind vollgestopft mit Hinweisen und Reizen und der Fokus des Zuschauers wird immer wieder auf kleine Details gelenkt. Man muss in diesen Minuten höllisch aufpassen, damit einem ja nichts entgeht und sich am Ende alles auflöst. Zumindest soll man das denken. Dann wird es ruhiger und Boyle arbeitet mit handwerklichem Standard. Hierbei nutzt er vor allem Dialoge, etwas was nicht immer seine Stärke zu sein scheint. In diesem zweiten Akt des Filmes wird nach meinem Geschmack zu viel erklärt. Dieser Sendung-Mit-Der-Maus-Touch passt irgendwie nicht zu den Charakteren und zum sonstigen Stil Boyles. Relativ schnell kriegt er allerdings die Kurve und kreiert im nächsten Akt ein absolutes Durcheinander an mehreren Ebenen visueller und inhaltlicher Form. Man verliert völlig den Überblick. Besonders diesen Teil des Films konnte ich genießen, war ich mir doch sicher, es würde am Ende alles aufgeklärt werden. Und so kommt es auch. Alles wird bis ins kleinste Detail erklärt und serviert. Hätte man nicht wenigstens ein kleines bisschen noch offen lassen können? Die Erklärung des Ganzen ist mir zu einfach gewesen. All dieses Kuddel-Muddel in Simons Kopf und all die vielen kleinen Details und Bilder laufen zu einem irgendwie unbefriedigenden Ende hinaus.

„Trance“ ist cool, aber nicht zu cool. Offensichtlich ist dies einer der kleineren Filme Boyles. James McAvoy und Rosario Dawson sind aber Schauspieler, die ich immer wieder gerne sehe, auch wenn ihre Figuren ein bisschen oberflächlich zu sein scheinen. Schön ist, dass Boyle einen frischen visuellen Stil geschaffen hat, der weniger auf CGI basiert, sondern viel mit analogen und handwerklichen Effekten arbeitet. Ich bin gespannt, wie und ob dieser neue Stil in seinen kommenden Projekten Anklang findet.

Trance (GB, 2013): R.: Danny Boyle; D.: James McAvoy, Rosario Dawson, Vincent Cassel, u.a.; M.: Rick Smith; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 13 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 7. Oktober 2013

FlimmerCASTen # 11 - Aus dem Sog der Sommerpause

Lange hat es gedauert, aber es ist vollbracht. Die unvermeidliche Sommerpause ist überstanden und unser Podcast geht weiter. Antonia und Ich haben uns "Gravity" angesehen und sind schwer begeistert. Alles weitere hört Ihr hier.
An die Podcast-Profis unter euch: Wir haben den Anbieter gewechselt und casten ab sofort bei Soundcloud. Nur, damit Ihr euren RSS-Schnulli auf den neuesten Stand bringt.
Und jetzt viel Spaß mit Ausgabe 11.



Was sagt Ihr zu Alfonso Cuaron im Allgemeinen und vor allem zu "Gravity" im Speziellen? Habt ihr den Film auch in 3D gesehen? Ist wirklich ein spürbarer Schritt auf der technischenen Ebene zu verzeichnen? Schreibt Eure Meinung.

Dienstag, 20. August 2013

Der zweifache Gosling # 2 - Only God Forgives

Es war eine große Überraschung, als der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn 2011 in Cannes, den Preis für die beste Regie gewann. Vorher hatte man von „Drive“ nicht viel gehört. Ein Actionfilm, der von einem Fluchtwagenfahrer handelt. Das erregte sofort Assoziationen an „The Fast And The Furious“ oder an jenen unsäglichen Nicolas Cage-Film „Drive Angry“.
Mit derartigen Filmen hatte dieses Werk aber absolut nichts zu tun. „Drive“ war spannend, intensiv, unglaublich toll fotografiert und bot neben einem neuen Stil gleichzeitig eine Verbeugung an solch Klassiker, wie „Bullit“, oder „The Driver“.
Obendrein bot „Drive“ einen Soundtrack zum Niederknien und katapultierte Ryan Gosling über Nacht an die Spitze der Liste der beliebtesten Schauspieler der letzten Jahre. Ich selbst bin immer noch der Meinung, dass „Drive“ einer der besten Filme ist, die ich je gesehen habe. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die erneute Zusammenarbeit des Duos Refn / Gosling.

Bangkok ist eine große Stadt. Eine riesige Stadt. Buchstäblich ein Moloch. Ein Ort voller Faszination und Gegensätze. Ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten. Die beiden amerikanischen Brüder Billy und Julian verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit der Ausrichtung von Boxkämpfen, aber reich wurden sie durch den Verkauf von Drogen im großen Stil. Auch in Bangkok ist das illegal, aber hier funktioniert das alles ein bisschen anders. Dem ganzen liegt ein empfindliches Gleichgewicht zu Grunde. Zwischen allen Fraktionen gibt es Abmachungen und Verträge. So lange sich alle an diese Verträge halten, gibt es keine Probleme. Eines Tages taucht Billy in einem Bordell auf. Nachdem er hier nicht das bekommt, was er will, tötet er die Tochter des Bordellbesitzers. Der Polizist Chang, dessen Aufgabe es ist, das Gleichgewicht zu erhalten, tötet Billy. Das wiederum ruft die Mutter der beiden Brüder, Chrystal, auf den Plan. Da Julian offensichtlich nicht in der Lage ist, den Tod seines Bruders angemessen zu rächen, beauftragt sie ein paar Auftragskiller und setzt diese auf Chang an. Das hat allerdings fatale Folgen, denn Chang ist unterwegs, wie ein erbarmungsloser und kompromissloser Racheengel.

Als dieser Film angekündigt wurde, empfand ich alles andere , als Vorfreude. Sofort war gewiss, dass „Only God Forgives“ niemals genau so gut, oder gar besser, als „Drive“ sein kann. Dem entsprechend hoffte ich, dass Refn nicht versuchen würde, sein Meisterwerk noch einmal machen zu wollen. Aber wollte ich einen Film sehen, der ständig mit „Drive“ verglichen werden würde, aber gleichzeitig völlig anders sein musste? Die ersten Bilder ließen die Befürchtungen wachsen. Das sah mir alles zu sehr nach „Drive“ aus. Im Trailer hörte man Musik von Cliff Martinez, die ebenfalls frappierende Ähnlichkeiten zur Musik von „Drive“ aufwies. Und dann saß ich im Kino und stellte als erstes fest: „Only God Forgives“ ist völlig anders. Der gesamte Stil entspricht eher früheren Refn-Filmen, hat mich zwischendurch aber sogar an David Lynch erinnert. Goslings performative Arbeit wirkt noch reduzierter, als in „Drive“. Bis auf einen kleinen Ausraster, scheint seine Figur regelrecht apathisch durch den Film zu schweben. Selbst während der Kampfszene zeigt er keinerlei Regung. Aber auch seine Filmmutter stellt fest, dass mit ihm irgendwas nicht zu stimmen scheint. Ähnlich geartet, aber ungleich gruseliger ist sein Widerpart. Der Polizist Chang tut unfassbar grausame Dinge, ohne, dass er auch nur mit der Wimper zuckt. Ebenso undurchsichtig erscheinen mir dessen Motive. Es ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, warum Chang das tut, was er tut. Selbst der treibende Motor der Handlung des gesamten Films erschließt sich mir nicht so recht. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich erst jetzt über „Only God Forgives“ schreiben kann. Im Gespräch mit einem Kollegen, stellte er fest, dass Refn einfach alles an der Geschichte im Film auf des Wesentliche reduziert. Demnach, stellt Chang den Beweis für eine – irgendwie geartete – Existenz irgendeines Gottes, oder eben dessen Rache dar. Jemand zieht sich seinen Zorn zu und wird eben  entsprechend geläutert. Ende der Geschichte! Dieses Konzept ist meiner Meinung nach aber nicht zu Ende gedacht. Gegenüber der simplen Handlung steht nämlich die komplizierte Konstellation der beiden Brüder mit ihrer Mutter. Wen stellt sie denn in diesem Gott-Gleichnis dar? Was auch immer Refn hier nun auf das Wesentliche reduziert haben mag, die visuelle Ebene des Films betrifft das nicht. Nahezu perfekt inszenierte und komponierte Bilder, lassen den Film regelrecht schweben. Größtenteils wirken sie auch eher, wie Traumsequenzen. Irgendwie unrealistisch. Dem gegenüber steht die unfassbar harte Gewaltdarstellung. Derart Schockierendes und mit einer derart kalten Beiläufigkeit ausgeübt, habe ich noch nie in einem Film gesehen. Hier ist mal wieder ein heftiger Slap an die FSK dran. Bei der ersten Prüfung hatte „Only God Forgives“ keine Jugendfreigabe erhalten. Der Verleih ging in Berufung und nach einer zweiten Prüfung wurde der ungeschnittenen Fassung ein Freigabe ab 16 erteilt. Das kann jeder so bewerten, wie es ihm angemessen scheint.

Dass alle bisherigen Filme Refns, inklusive „Only God Forgives“ nichts für schwache Nerven sind, kann man sich allerdings denken und nun muss jedem selbst überlassen sein, zu entscheiden, ob er diese Szenen ertragen kann, oder nicht. Leider sind diese Momente auch fast das Einzige, was mir im Gedächtnis geblieben ist. Dieser Film funktioniert bei mir leider gar nicht. Ich bewundere allerdings den Mut und die Konsequenz Nicolas Winding Refns. Nach „Drive“ hätte es wohl jeder verstanden, wenn er einfach noch mal das Gleiche probiert hätte.

Only God Forgives (F, THA, USA, SWE, 2013): R.: Nicolas Winding Refn; D.: Ryan Gosling, Vitnaya Pansringarm, Kristin Scott Thomas, u.a.; M: Cliff Martinez; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Der zweifache Gosling # 1 - The Place Beyond The Pines


Derzeit laufen in den deutschen Kinos zwei Filme, die gleichermaßen viele Gemeinsamkeiten zu haben scheinen, aber auch unterschiedlicher nicht sein könnten. In den letzten Jahren hat sich ein Schauspieler aus den Schatten und dem Dasein des ewigen Nebendarstellers hervor gearbeitet und ist innerhalb kürzester Zeit zum Star avanciert. Ryan Gosling ist ein unglaublich cooler Typ, dem die Frauen (und auch viele Männer) zu Füßen liegen, der aber fernab von den Eigenschaften eines klassischen Sex-Symbols auf schauspielerischer Ebene immer wieder zu überraschen weiß. Ein interessanter Darsteller, dessen Karrieresprung vor allem zwei Filmen aus den letzten Jahren zu verdanken ist. Den Achtungserfolg gab es 2010 in Derek Cianfrance' „Blue Valentine“ und das zweite Standbein auf der Karriereleiter erfolgte durch Nicolas Winding Refns viel gerühmten Flim „Drive“. Jetzt ist der Londoner Schauspieler in Filmen beider Regisseure wieder da und die Erwartungen an diese Werke sind natürlich extrem hoch. Wie schon gesagt, haben beide Filme ihre Gemeinsamkeiten aber auch gravierende Unterschiede. Aber, der Reihe nach...

The Place Beyond The Pines
Luke gehört zu einer Gruppe von Fahrgeschäftsbetreibern. Zwischen Achterbahnen, Schießbuden und Zuckerwatte liefert er mit zwei Kollegen eine atemberaubende Stuntshow mit Motorrädern. Eines Tages kommt er in eine kleine Stadt, in der er vor einem Jahr bereits Station gemacht hat. Sein letzter Besuch hatte ungeahnte Folgen. Romina, ein One-Night-Stand, hat einen Sohn bekommen und Luke ist der Vater. Obwohl er gleich wieder abreisen wollte, entschließt sich der Stuntman nun, sich im Ort nieder zu lassen und für das Kind zu sorgen. Auch, wenn Romina ihm versichert, seine Hilfe nicht zu brauchen, beharrt Luke darauf, für das Kind da zu sein, weil sein Vater seinerzeit nicht für ihn da war. Luke bekommt relativ schnell einen Job in einer Autowerkstatt Hier verdient er allerdings nicht genug Geld und sein Kumpel, rät ihm, einfach eine Bank zu überfallen. Lukes Fähigkeiten als Motorradfahrer bieten die idealen Voraussetzungen für den Fluchtplan. Die ersten beiden Überfälle gelingen tatsächlich, doch beim dritten Mal geht es schief. Auf der Flucht wird Luke vom Polizisten Avery gestellt.

Die Story ruft sofort Erinnerungen an „Drive“ hervor. Stuntfahrer übt illegale Aktivitäten aus, um seiner Liebsten ein schönes Leben zu machen. Doch dem Film gelingt ein recht überraschender Umschwung, nach etwa einem Drittel der Laufzeit. Selten zuvor habe ich in einem Film einen derartigen Story-Twist erlebt, der gleichzeitig total überzeugend und stimmig vollzogen wird. Dabei kann man nicht einmal ein besonders sensibles, oder elegantes Vorgehen erkennen. Cianfrance macht das einfach und es funktioniert. Die Figuren sind, ob ihrer reinen Schlichtheit, nahezu perfekt konstruiert. Jede Figur hat eine Aufgabe in der Geschichte zu erfüllen und das tut sie auch. Alles was darüber hinaus geht, ist unwichtig. Trotzdem sind die Figuren nicht oberflächlich oder blass. Das Kunststück, Figuren auf das wesentliche zu reduzieren, ohne sie zu Platzhaltern verkommen zu lassen, ist auf verblüffende Weise gelungen. Natürlich führt man im Vorfeld Vergleiche zu „Blue Valentine“ auf, merkt aber relativ schnell, dass es da nicht viel zu vergleichen gibt. Und eben auch die befürchteten Parallelen zu „Drive“ sind schnell vergessen. Cianfrance präsentiert alles in der bekannten rohen Handkamera-Ästhetik, die man aus seinen früheren Produktionen schon kennt. Der aufreibenden Atmosphäre eines Banküberfalls und einer anschließenden Verfolgungsjagd entsprechend, wirkt dieser Stil sogar angemessener, als einem Beziehungsdrama. Hier kommt ein weitere Phänomens der Arbeit Cianfrances zum Tragen. Die Kamera ist übertrieben hart, fast schon dogmaesk. Dadurch wirkt das spröde Spiel der Hauptdarsteller aber irgendwie viel natürlicher. Gerade Ryan Goslings reduziertes Spiel wirkt dadurch noch intensiver. Da ist es fast schon ein Jammer, dass seiner Figur so – verhältnismäßig - wenig Platz eingeräumt wurde. Ich will natürlich nicht meckern und der Schritt, den Regisseur und Autoren gewagt haben. ist nicht nur mutig, sondern auch konsequent. Die Gosling-Fanboys werden sich auch wieder beruhigen, denn schließlich läuft da ja noch ein weiterer Film.

„The Place Beyond the Pines“ ist unerwartet intensiv. Angesichts der scheinbaren Banalität der Geschichte hätte ich das nicht erwartet. Die Intensität pflanzt sich fort bis zu den Figuren und zum Ende des Films erschließt sich eine simple, wie auch universelle Botschaft. Ein Film, voller Überraschungen, der den Vorgängerfilm „Blue Valentine“ in beinahe jeder Hinsicht übertrifft.

The Place Beyond The Pines (USA, 2012): R.: Derek Cianfrance; D.: Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, u.a.; M.: Mike Patton; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.