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Dienstag, 25. Februar 2014

Berlin: Nyphomaniac 1

Kaum ein anderer Film wurde in den letzten Monaten mehr diskutiert und nicht wenige haben nach all dem Wirbel schmerzlich den Kinostart herbei gesehnt. Ob diese Aufregung gerechtfertigt war und nicht die Erwartungen so hoch geschraubt hat, dass sie dieser Film nicht erfüllen kann, ist dem Regisseur wahrscheinlich egal. Was man von Lars von Triers neuestem Machwerk „Nymphomaniac 1“ hingegen halten soll, weiß man wohl auch erst, wenn man im Kino war.

Es ist eine kalte Nacht, die an rostige und keimig, verklebte Wände, an denen Brackwasser herunter rinnt denken lässt und an Rammstein. In einer solchen Nacht findet der alte Mann namens Seligman eine übel zugerichtete Frau auf dem Fußweg liegend. Er kümmert sich um sie und schafft sie zu sich nach Hause. Hier packt er sie ins Bett und flößt ihr warmes Essen und Getränke ein. Ob er die Polizei oder einen Krankenwagen rufen soll, verneint sie. Sie sei ein schlechter Mensch und das sei in Ordnung so. (Hat nicht ein berühmter Regisseur vor klurzem etwas ganz Ähnliches gesagt?) Seligman glaubt nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Deshalb beginnt sie, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, um zu beweisen, dass sie doch ein schlechter Mensch ist. Dieses Leben besteht ausschließlich aus extremen, sexuellen Erfahrungen, die sie seit ihrer frühesten Kindheit sammelt. Der alte Mann zeigt sich von all den expliziten Schilderungen nicht sehr schockiert und kontert mit Analogien vom Fliegenfischen, dem Komponieren eines Orgelstückes und der Weltliteratur. Während sie also ungeniert von ihrem Leben berichtet, wird sie von ihm bemuttert und moralisch durchgefüttert.

Die Story klingt ziemlich banal. Bei den meisten Pornofilmen gibt es so etwas, wie eine Story gar nicht erst und so gesehen, könnte man sagen, ist „Nymphomaniac 1“ regelrecht tiefgründig. Lange habe ich überlegt, wie dieser Film zu bewerten ist und ich bin zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Manche bezeichnen diesen Film, als ein wildes Kunstwerk, welches im Grunde nur die Gewalt und Vielfältigkeit des Lebens nachzeichnet. Lars von Treir selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er einen Pornofilm gedreht hat. Ich finde, so sollte ich das auch halten. Zwischen den einzelnen Kapiteln, die alle jeweils ein neues Sexabenteuer schildern, gibt es Einschübe, die sehr verkrampft wirken und an die tatsächliche Bildgewalt früherer von-Trier-Filme erinnern sollen, hier aber total unpassend daher kommen. Alles wirkt dadurch eher konfus. In einer Szene beschreibt sie ausführlich von ihrer Entjungferung, in der nächsten zitiert er den Text irgendeines romantischen Autors. Einmal wird der Zuschauer mit einer beispiellosen Galerie männlicher Geschlechtsteile bombardiert, gleich darauf mit perfekten Bildern eines spektakulären Sonnenuntergangs verwöhnt. All das kann nicht verbergen, dass es in diesem Film nur um eines geht: Um Sex. Um Sex in all seinen faszinierenden, wie auch abstoßenden Formen. Ästhetische Liebesszenen wird man hier kaum finden. So etwas gibt es in Pornofilmen nun mal nicht. Stattdessen findet man eine beeindruckend gespielte, aber leider vollkommen überflüssige Szene mit ihrem Vater, der irgendwie noch zum Schlüsselsymbol werden soll. Vielleicht. Das kommt möglicherweise im zweiten Teil erst. Womit wir bei einem weiteren, großen Problem von „Nymphomaniac“ wären. Lars von Trier hat nach Fertigstellung seines Filmes den sogenannten Final Cut abgegeben. Dieser Cut legt fest, welche Version letztendlich in den Kinos laufen soll. Aus vermarktungstechnischen Gründen, wurde der Film erstens regelrecht kastriert – Sorry, aber anders kann man es in diesem Fall schwerlich nennen – und damit sämtlicher diskutabler Szenen, die im Vorfeld für so viel Gesprächsstoff sorgten beraubt; zweitens wurde „Nymphomaniac“ in zwei Teile gehackt. Der deutsche Verleih möchte dem deutschen Publikum also weder eine Laufzeit von 5 Stunden, noch explizit dargestellte, kopulierende Paare zumuten. Als Dank dafür bittet man aber natürlich doppelt zur Kasse.

Das Ergebnis ist eben eher unspektakulär, entspricht überhaupt nicht den Erwartungen – ob nun negativ, oder positiv - die man an einen Film dieses Regisseurs hat und zeigt vor allem, wie toll es noch immer in der Filmwelt funktioniert, wenn man auf möglichst platte und unkreative Art und Weise einfach mal drauf los provoziert.
Ich hatte nicht einmal Freude am durchaus sehenswerten Cast des Filmes. Einzig Uma Thurman zeigt gutes Schauspiel und rettet um Haaresbreite den Ruf ihrer Zunft. Alle anderen sind austauschbar. Vor allem der Typ mit der Papiertüte auf dem Kopf.

Nymphomaniac 1 (DK, D, B, F, GB, 2013): R.: Lars von Trier; D.: Charlotte Gainsbourgh, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Melancholia

Bundesstart: 6. Oktober 2011

Über Lars von Trier muss man an dieser Stelle gar nicht mehr viel sagen. Oft gelobt und noch öfter diskutiert, hat er sich in der Filmwelt einen festen Platz als ambitionierter Künstler geschaffen. Seine Filme heben sich stets von allem anderen ab und lassen sich schwer in eine bestimmte Genre-Schublade stecken. Es gibt viele Fans, die seine Arbeiten abgöttisch lieben und es gibt mindestens genau so viele Menschen, die oft nichts damit anfangen können. Ich zähle mich eher zu Letzreren. Anstatt mich darüber aufzuregen, erkenne ich von Triers Werk als abstrakte Kunst an, die das Medium Film nicht nur auf unkonventionelle Weise nutzt, sondern es jedes Mal aufs neue zu revolutionieren versucht. Genug der Wortklaubereien und Zeit für Klartext: Hier kommt „Melancholia“

Justin ist frisch verheiratet und ist mit ihrem Bräutigam auf dem Weg zur Hochzeitsfeier. Diese findet im nagelneu errichtetem Familienanwesen ihres Schwagers John statt. Die ganze Familie ist versammelt. Die Stimmung ist gedrückt, denn das Brautpaar hat sich verspätet und es gilt ein langes Programm zu absolvieren. Während des Essens, des Tanzes und des Anschneidens der Hochzeitstorte werden viele Reden geschwungen und schnell wird klar, dass die Familie tief gespalten ist und Justin zum Dreh- und Angelpunkt des familiären Glücks geworden ist. Sie sieht sich also enormen Druck ausgesetzt und ist sich sicher, diesem nicht standhalten zu können. Ihre Schwester Claire sorgt sich derweil um etwas völlig anderes. Aus den Tiefen des Weltalls kommt der Planet Melancholia auf die Erde zugerast. Auch, wenn die Wissenschaftler allesamt versichern, der Planet würde die Erde nur knapp passieren und das Ereignis als spektakuläres Naturschauspiel feiern, verbreitet die Ankunft des Planeten eine gedrückte Stimmung und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die gesamte Hochzeit unter keinem guten Stern steht.

Die beiden Storyteile sind sehr simpel und durch lediglich sehr groben Elementen miteinander verbunden. Trotzdem hängt alles zusammen und ist mit schlichten, aber wirkungsvollen Bildern untermalt. Die Einführung des Films ist in hochauflösender Suprazeitlupe gedreht und bildet den visuellen Höhepunkt des gesamten Films. Hier tobt sich von Trier richtig aus, nur um dann die eigentliche Geschichte in einem sehr harten Dogma-Stil zu erzählen. Durch den reduzierten Stil haben allerdings die Schauspieler alle Möglichkeiten, sich zu entfalten und sie liefern allesamt eine sehr intensive Darstellung ab. Sie wirken in diesem Film ganz natürlich. Man bekommt den Eindruck, ganz normale Menschen zu beobachten und keine Schauspieler, die so tun, als wären sie ganz normale Menschen. Das hätte ich Kirsten Dunst zum Beispiel nicht zugetraut. Doch besonders sie wächst enorm über sich hinaus und vermittelt eine tiefgespaltene Person, die im Verlauf des Films unglaublich viele Facetten des menschlichen Verhaltens zeigt. Trotz des abstrakten Stils des Films, wird die Geschichte auf sehr klare Weise erzählt. Die Story ist sowieso das Wichtigste und gewinnt immer mehr an Intensität und man ist förmlich zum Zerreißen angespannt. Das ist eine Eigenschaft, die fast alle von Trier-Filme teilen. Ob der Mann jetzt Künstler, oder Visionär ist, er weiß, wie man Geschichten erzählt. Das führt mich zu der Vermutung, dass er durch seinen unkonventionellen Stil bewusst provoziert. Andere Regisseure seines Formats haben diesen radikalen Kunststil nämlich wesentlich konsequenter durchgezogen.

„Melancholia“ ist anders. Anders, als andere Filme und anders, als „Antichrist“, der schockierende von Trier-Vorgänger. Doch auch hier verarbeitet der Künstler tief verwurzelte Depressionen, die durch die unglaublichen Dimensionen des Filmes sogar noch intensiver rüber kommen, als bei all seinen Filmen davor. Unabhängig davon, ob man alles versteht, oder ob man von Triers Auffassung über das Leben und der Menschheit teilen kann, „Melancholia“ ist beeindruckend. Auf gewisse Art der Höhepunkt von Triers' Schaffens. Doch auch hier gilt die Regel des schwer Einzuordnenden. Superlative funktionieren hier nicht, denn der Film lässt sich eigentlich mit nichts vergleichen.

Melancholia (DK, S, GB, 2011): R.: Lars von Trier; D.: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Donnerstag, 12:25 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 22. September 2011

Filmkunstmesse Leipzig - Mittwoch

12:00 Uhr

Der dritte Tag in Leipzig verwöhnt wieder mit perfektem spätsommerlichen Wetter und das motiviert. Auf einen dezenten Hinweis eines Hörers hin werden die letzten Kleinigkeiten an der Technik gefixt, so dass diese kurz vor Toresschluss dann endlich so funktioniert, wie sie soll.

17:00 Uhr

Per Mail flattert eine Einladung herein. Der Vorstand der Filmförderungsanstalt – kurz FFA – stellt die Programmkinostudie 2011 vor. Hier wird in Statistiken und Zahlen dargelegt, wie viele Programmkinos es in Deutschland gibt, wie viele Arthousefilme im Jahr in entsprechenden Kinos laufen, wie viele Zuschauer in Arthousefilme und -kinos gehen, wie alt diese Zuschauer sind, wie viel sie im Kino essen und trinken, und und und... Enorm viele Zahlen, die insgesamt ein sehr interessantes Bild ergeben, nämlich, dass es Programmkinos vorwiegend in großen Städten gibt, dass der Marktanteil insgesamt in diesem Jahr ein bisschen zurück gegangen ist, dass Kunstfilme, oder eben Arthousefilme ihre größten Erfolge in reinen Programmkinos erzielen, und dass es trotz einer zunehmenden Digitalisierung des Kinos – nicht zu Letzt durch 3D – es vor allem die Filme sind, die auf derartige technische Spielerein verzichten, die von den meisten Zuschauern am besten bewertet werden. Im Zusammenhang damit, ruft der Veranstalter der Filmkunstmesse Leipzig, die AG Kino, übrigens zu einem Umrüstungsstopp in allen Mitgliedstheatern auf. Der Grund hierfür ist, dass einige Verleihfirmen in letzter Zeit gerne Kinos vernachlässigt haben, die noch nicht über digitale Ausrüstung verfügen, sich nun aber immer noch weigern, die anfallenden Umrüstungskosten für die Lichtspielhäuser zumindest teilweise zu tragen. Die Ergebnisse der Studie und alle Zahlen und Statistiken einzeln abrufbar, findet ihr hier.

20:30 Uhr

Foyer Schauburg

Wie gestern angekündigt, mache ich mich auf den Weg, um mir „Melancholia“ anzusehen. Auch, wenn mir von Triers letzter Film „Antichrist“ nicht gefallen hat, kam ich nicht umhin, mich vom Hype um sein neues Werk anstecken zu lassen. Der letzte Trailer versprach unglaublich tolle Bilder und sofort musste ich an „Tree Of Life“ denken. Also auf zur Schauburg, ein weiteres sehr sympathisches Kino in Leipzig. Hier erwartet mich eine große Menschenmenge, die sich um den Eingang und die Kasse des Kinos drängt. Offensichtlich wollen all diese Menschen in den gleichen Film. Es heißt Schlangestehen und dann heißt es „Wir sind voll“. Resigniert will ich schon gehen, da verkündet jemand das unerwartete Auftauchen weiterer sechs Tickets. Unglaubliche Szenen spielen sich ab, die nicht weiter vertieft werden müssen. Fakt ist: Ich bin der letzte Mensch, der in den Saal eingelassen wird und noch während ich meinen Platz in der ersten Reihe suche, starrt mich Kirsten Dunst in Supra-Zeitlupe an und dazu erklingt das Tristan-Thema von Richard Wagner. Und dann geht es los und hört erst nach zwei Stunden auf. An dieser Stelle will ich gar nicht mehr verraten, denn irgendwie braucht der Film auch noch eine Weile, um sich zu setzen. Nur so viel: Es ist ein beeindruckender Film und Lars von Trier hat sein Talent für das Tragische und für das Kreieren einprägsamer Bilder weder verloren noch neu erfunden. Kirsten Dunst liefert eine sehr beeindruckende Leistung ab, die nicht umsonst mit der Palme D'or des Cannes honoriert wurde.

Im Schaukasten: Melancholia

All zu lange muss das Publikum nicht mehr warten, denn „Melancholia“ startet am 6. Oktober auch in Weimar und spätestens dann wird es hier einen ausführlichen Beitrag dazu geben. Um im Tonus der letzten Tage zu bleiben: Es wird dringend empfohlen, den Film zu sehen
Morgen stehen einige Filme auf dem Programm, deren Titel mir noch nicht viel sagen, und ich weiß noch nicht, für welchen ich mich entscheiden werde. Einfach überraschen lassen.

Melancholia (DK, S, GB, 2011): R.: Lars von Trier; D.: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, John Hurt, u.a.; Offizielle Homepage

Der Nächste Kineast: Freitag, irgendwann zwischen 10:00 und 13:00 Uhr, auf Radio Lotte Weimar