Montag, 11. März 2013

Mal wieder gesehen - Psycho

Einer der vielen Gründe, weshalb Romanverfilmungen damals noch besser funktioniert haben, waren sicherlich die weniger ausgebauten Kommunikationswege. Wenn es heute ein bedeutendes Buch gibt, so ist die erste Information, die man darüber hört, meistens, dass es sich um einen Bestseller handelt. Wie kann das sein? Ich jedenfalls habe von den meisten Bestsellern der letzten Jahre erst gehört, nachdem es sich offensichtlich schon tausendfach verkauft hat. Manche Bücher kannte ich schon vorher und jeden, den ich gefragt habe, ob er dieses oder jenes Buch auch so klasse fand, musste diese Frage verneinen, weil er das Buch noch gar nicht gelesen hatte. Und wie durch Zauberhand wurden solche Bücher plötzlich zu Bestsellern, sobald jemand Interesse bekundet hat, sie zu verfilmen. Derartige Bestsellerverfilmungen haben für niemanden einen rechten Reiz. Wer das Buch schon kennt, muss damit rechnen, dass er enttäuscht wird, weil natürlich alles ganz anders aussieht, als man es sich vorgestellt hat. Wer das Buch nicht gelesen hat, läuft Gefahr, sich zu langweilen, denn bei Bestsellern traut sich der Regisseur nicht, etwas innovatives, oder kreatives zu tun. Schließlich hängt sehr viel Geld an der ganzen Kiste. Also bleibt all der Erfindergeist gleich zu Hause, denn man will es sich ja nicht den treuen Fans der Buchvorlage verscherzen. Bestenfalls sucht sich der Filmemacher also einen Roman aus, den keiner kennt. Alfred Hitchcock zum Beispiel hat „Psycho“ gelesen und wusste sofort zwei Dinge. Erstens musste er dieses Buch verfilmen und zweitens musste er alle Exemplare aufkaufen, damit so wenig Menschen, wie möglich das Ende kannten.

Das Leben in der modernen Welt ist nicht einfach. Emanzipierte Frauen, wie die hübsche Marion Crane, haben es nicht leicht. Sie werden in Rollen gepresst, die sie nicht zu spielen vermögen, geschweige denn, spielen möchten. Sie leben allein, denn in den 60er Jahren herrscht Männermangel. Sie müssen sich einer berauschenden aber unziemlichen Affäre hingeben, damit sie hin und wieder überhaupt etwas fühlen. Sie müssen sich den Avancen reicher, alter Männer erwehren. Wenn die Frauen nicht auf so etwas eingehen, sind sie sofort zickig, oder gar verdreht. Nicht Gesellschaftskonform, wenn man so will. Wenn so ein alter Cowboy daherkommt, mit einem Haufen Geld unterm Arm und dann auch noch Wörter benutzt, wie „Puppe“, oder „Mädel“. Dann darf man sich freilich nicht wundern, wenn das „Mädel“, welches aber eigentlich eine emanzipierte Frau sein will, einfach mit dem Geld abhaut. Sie denkt nämlich, sie kann mit dem Geld eine Zukunft mit ihrem Liebsten kaufen. An alles hat sie gedacht; der Plan ist perfekt. Sie wechselt unterwegs das Fahrzeug, um nicht verfolgt zu werden. Sie hat keine Scheu, ihre Rolle als angepasste, schwache Frau zu spielen, wenn sie einem Streifenpolizisten begegnet. Doch dann geschieht etwas unerwartetes. Sie gerät in ein Unwetter und verfährt sich hoffnungslos. Sie steuert ein abseits gelegenes Motel an. Der Betreiber ist auch kein typisches Mitglied der Gesellschaft. Er lebt allein, stopft gerne Vögel aus und hat eine einmalige Beziehung zu seiner Mutter. An diesem Ort, der nur wenige Meilen von der großen Stadt entfernt, und dennoch absolut abseits der Gesellschaft liegt, kann die Frau sie selbst sein. Sie muss sich nicht verstellen. Die Last ihrer Rolle fällt von ihr und im Licht der Klarheit erkennt sie, dass es ein Fehler war, das Geld zu stehlen. Niemand sagt ihr, dass sie etwas falsch gemacht hätte, sie erarbeitet sich diesen Gedanken selbst. Diese Erkenntnis gibt ihr neue Kraft und auch Mut, die Verantwortung für ihre Taten zu übernehmen. Gleich Morgen wird sie sich stellen. Noch eine ruhige Nacht an diesem stillen Ort verbringen. Doch dann geschieht noch etwas unerwartetes. Es passiert im Badezimmer, unter der Dusche. Die Tür öffnet sich und, wie es im Buch so schön heißt: „Es war dieses Messer, dass ihren Schrei abschnitt. Und ihren Kopf.“

Es ist unglaublich, aber Hitchcocks „Psycho“ ist immer noch einer der spannendsten Filme, die ich kenne. Eigentlich ist es ja immer so, dass sich die Sehgewohnheiten des Publikums rasend schnell entwickeln und der Filmtechnik immer einen Schritt voraus zu sein scheinen. Was uns in einem Film vor zehn Jahren Angst gemacht hat, muss uns nicht mal mehr ein müdes Runzeln entlocken, wenn wir es heute sehen. Aber manchmal gibt es eben slche Szenen, die immer wieder erschrecken.
In „Das Schweigen der Lämmer“ gibt es eine Szene, in der Jodi Foster in einem finsteren Raum gefangen ist und absolut nichts sehen kann. Der Killer ist mit ihr im Raum und beobachtet sie durch eine Nachtsichtbrille. Das ist eine Szene, die immer funktionieren wird. Über „Hostel“ von Eli Roth hingegen habe ich damals im Vorhinein so viele schreckliche Details gehört, dass ich, als ich ihn mir dann endlich angesehen habe, zu meinem Erschrecken feststellen musste, dass ich den Film gar nicht mehr so grausam fand. Hitchcock jedenfalls ist immer noch absolut spannend. Die Optik und der ganze Stil ist ganz und gar nicht zeitgemäß, geschweige denn zeitlos, aber irgendwie hat dieser Film beinahe nichts von seiner Wirksamkeit eingebüßt. Das mag an der Musik von Bernard Herrmann liegen, die stets nahe an der Hysterie vorbei zu schrammen scheint. Es liegt vielleicht auch an der kühlen Darstellung der Frau, die zu Beginn absolut kein Opfer zu sein scheint. Vielleicht liegt es daran, dass Hitchcock den Verstand mit Details förmlich bombardiert. Alles an den beiden Hauptfiguren schreit danach, analysiert zu werden. Norman Bates stopft Vögel aus und lebt mit seiner Mutter in einem unheimlichen Haus. Er verbringt gerne Zeit im Büro des Motels. Er hat Angst vor Frauen. Der Verstand arbeitet unentwegt und klappert Möglichkeiten und Kategorien ab, wie es weiter gehen könnte. So präzise diese Gedankengänge im Unterbewusstsein auch sein mögen, niemand rechnet mit dem Ende und das haben wir nicht nur Hitchcocks Geistesgegenwart zu verdanken, dass er all die Bücher gekauft hat – eine Praxis, die von Filmstudios übrigens heute gerne angewendet wird, um die Verkaufszahlen ihrer Bestseller nach oben zu korrigieren – sondern weil er es verstand, das Unterbewusstsein des Zuschauers subtil abzulenken. Damit schaffte er es, vom Offensichtlichen abzulenken und dadurch entsteht die eigentliche Spannung dieses Films. Was die Umsetzung und die Technik angeht, hat „Psycho“ neue Maßstäbe gesetzt. Die Duschszene wurde schon tausendmal kopiert, so wie ziemlich viele einmalige Szenen aus „Das Fenster zum Hof“, oder „Der unsichtbare Dritte“. Hitchcocks Filme sind perfekt gewesen. Ihre wegweisende Bedeutung ist schier unermesslich. Wenn man jetzt noch jemanden erklären muss, warum „Psycho“ so verdammt gut ist...“Hey, da wird jemand von einer verrückten alten Frau unter der Dusche abgestochen. Grusliger geht’s wirklich nicht!“

Psycho (USA, 1960): R.: Alfred Hitchcock; D.: Anthony Perkins, Janet Leigh, Vera Miles, u.a.; M.: Bernard Herrmann

Nachtzug nach Lissabon

Warum werden Romane verfilmt? Bestenfalls, weil der Regisseur eine besondere Beziehung zu dem Buch hat. Es inspiriert ihn dazu, sich Gedanken zu machen, wie man das Gelesene auf die Leinwand adaptieren könnte. Es lässt Bilder in seinem Kopf entstehen und er muss genau diese Bilder im Film kreieren. Vielleicht gibt ihm das Buch so viel, dass er genau den richtigen Weg findet – die Formel sozusagen – die es braucht, damit der Stoff im Kino funktionieren kann. Es geht ihm natürlich darum, dass es den Zuschauern gefällt, die das Buch gelesen haben und er bringt sie durch seinen Film dazu, das Buch genau so zu verstehen und zu sehen, wie er.
Die meisten Bücher werden allerdings deshalb verfilmt, weil sie sich verkaufen, wie warme Brötchen und man unbedingt noch mehr Geld damit verdienen will, nachdem es jeder gelesen hat. Bücher kann man nicht zweimal verkaufen. Ganz ehrlich! Wer kauft denn ein Buch nochmal, nachdem er es gelesen hat? Ins Kino kann man immerhin mehrmals gehen. Und dann kann man ja noch die DVD kaufen und – ganz originell – das Buch zum Film gibt’s ja dann auch. Und dann die Fernsehauswertung. Schier unendliche Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Also muss ganz schnell die Verfilmung her. Und zwar jetzt!

Raimund ist ein einsamer Mann. Er lebt allein und sein Alltag ist nicht besonders abwechslungsreich. Er ist Literaturlehrer an einer Schule und widmet sich auch sonst voll und ganz dem geschriebenen Wort. Eines Tages trifft er eine Frau auf einer Brücke, die ganz offensichtlich Selbstmord begehen will. Er kann sie davon abhalten und nimmt sie erst einmal mit in die Schule. Dort bleibt sie nicht lange und vergisst beim Gehen ihren Mantel. In dessen Tasche findet Raimund ein kleines Buch. Das Buch wurde von einem gewissen Amadeu, einem Arzt aus Lissabon. Seine Worte berühren Raimund dermaßen, dass er völlig aus dem Häuschen ist. Im Buch findet Raimund außerdem eine Zugfahrkarte nach Lissabon und so steigt er kurzentschlossen einfach in den Zug. In Lissabon angekommen macht er sich nun auf die Suche nach dem Autoren. Amadeu hat im Gegensatz zu Raimund ein bewegtes Leben geführt, voller Leidenschaft, Aufregung und Revolution. Die Spurensuche führt ihn zu all den Menschen, die Amadeu kannten und von ihnen erfährt er, welches Geheimnis dem Buch inne wohnt.

Der Film beginnt mit denkbar einfachen Bildern. Raimund liegt in einem Bett. Es ist ein sehr großes Bett und eine Hälfte bleibt unbenutzt. Raimund sitzt an einem Tisch vor einem Schachbrett und spielt gegen sich selbst. Dabei guckt er ganz traurig, wie ein zurück gelassenes Haustier. Auf unkreative und platte Weise wird also suggeriert: Er ist einsam. Der Unterricht in seiner Schule ist langweilig. Die Schüler verstehen ihn einfach nicht. Nichts in seinem Leben kann ihn der Melancholie und Trauer entreißen. Nur dieses kleine Buch, welches er findet, gibt ihm das Gefühl von Seelenverwandtschaft. Von einer Sekunde auf die Nächste haut er einfach ab. Hat uns der Film in den ersten Minuten mit so eindeutigen und unmissverständlichen Bildern versorgt, lässt er den Zuschauer nun im Regen stehen und man kann in keinster Weise die Motive des Lehrers nachvollziehen. In Lissabon wandert er in träumerischem Wankelmut durch die Straßen. Nichts, was ihm gesagt wird, löst irgendeine sichtbare Reaktion aus. Es ist immer dieser halb offene Mund und der starre, fragende Blick. Erstaunlicherweise fühlen sich die Leute, mit denen er redet trotzdem berufen, ihm alles zu erzählen. Die Szenen, die in der Vergangenheit spielen sind spannend. Man interessiert sich für die tragische Geschichte des Arztes, der eigentlich Schriftsteller ist, sich dann aber der Revolution gegen Salazar anschließt. Er will nie wieder zulassen, dass ein Mensch Schmerz empfinden soll. Dieser Part ist tatsächlich schön gemacht und man wird sofort von der Faszination der Historie gepackt. Erstaunlicherweise wusste ich selbst gar nicht so viel über die portugiesische Revolution und deshalb funktioniert dieser Teil der Geschichte für mich am besten. Aber, ach ja! Es ging ja eigentlich um Raimund, den Einsamen. Wenn man schon jemanden, wie Jeremy Irons für so eine Rolle besetzt, dann sollte man ihm auch Freiraum geben, die Figur mit Persönlichkeit zu füllen. Es gibt da eine Szene, in der er eine neue Brille bekommt. Ohne, dass er etwas sagen müsste, erkennt der Zuschauer, wie sehr ihm der Verlust der alten Brille schmerzt. Wenn man Jeremy Irons von Fotos kennt, weiß man, welche Brille er dort immer trägt. Dieser Moment ist wunderbar und plötzlich scheint die Figur zu leben. Jede Faser seines Körpers leidet. Dieser kurze Moment wird mit dem Holzhammer zertrümmert, indem die Optikerin so etwas ähnliches sagt, wie „Die alte Brille hat ihnen besser gefallen, richtig?“
Herrje!

Nachtzug nach Lissabon“ ist eines jener Bücher, von denen ich immer gehört habe, sie seien sehr anstrengend. Keiner konnte mir wirklich was darüber erzählen, weil die meisten es nach der Hälfte weglegen. Also kann ich davon ausgehen, dass die Geschichte als Roman nicht so recht funktioniert. Als Film funktioniert es aber noch weniger. Alles ist so seicht und der Verstand des Zuschauers wird in Watte gepackt. Ich habe mich relativ schnell gelangweilt. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu jung bin. Aber das kann ich nicht akzeptieren. Ein Film muss über solche Grenzen hinaus auch funktionieren können. Vielleicht klappt es nicht, weil ich das Buch nicht gelesen habe. Für wen, bitte schön, ist dann dieser Film gemacht?
Es ist einfach nur der Beweis dafür, wie gut und schnell man mit einem mittelmäßigen Roman plötzlich doch sehr viel Geld verdienen kann, und man muss sich nicht mal was eigenes ausdenken. Chapeau!

Nachtzug nach Lissabon (AUT, POR, D, 2013): R.: Bille August; D.: Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Bruno Ganz, u.a.; M.: Annette Focks; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 4. März 2013

The Master

Scientology ist ein echtes Phänomen. Es handelt sich um eine Sekte. Sekten sind eigentlich immer Gruppen, die im Verborgenen agieren. Sie müssen nicht zwingend etwas illegales tun, aber die Tatsache, dass sie als Quasi-Geheimbund nicht verraten, was sie tun, macht sie zwielichtig. Obwohl Scientology aber eine Sekte ist, die sehr stark in der Öffentlichkeit steht, weiß man nicht wirklich, was zum Geier die eigentlich machen. Tom Cruise ist Scientologe und noch einige andere Berühmtheiten Hollywoods. Der Begründer der Sekte heißt wohl Ron Hubbard und sein Werk erinnert an völlig verquere und wirre Science-Fiction-Romane. Was man über diese Gruppe weiß ist, dass sie keinerlei Toleranz aufbringen, wenn jemand ihren Glauben anzweifelt. Hier wird oft ein perfides Machtspiel inszeniert, wenn es darum geht, die Sekte zu kritisieren. Paul Thomas Anderson erzählt nun die Geschichte einer Sekte und deren Anführer, die frappierende Gemeinsamkeiten zu Scientology aufweist.

Freddy Quell ist ein Veteran. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er für die Amerikaner in Japan. Durch seinen Einsatz hat er ein schweres Trauma davon getragen und seine ohnehin anfällige Psyche weist tiefe Störungen auf. Nach Kriegsende eröffnet er einen Fotostand in einem Einkaufszentrum und fertigt Familienfotos an. Dieser Job bringt allerdings kaum Befriedigung, weshalb er viel Alkohol in unterschiedlichster Form zu sich nimmt. Durch Alkohol wird Freddy allerdings aggressiv, weshalb er seinen Job nicht lange behält.
Im Vollrausch landet eines Nachts auf einem Luxusdampfer. Der gehört einem mysteriösen Mann, den viele nur den Meister nennen. Er bietet Freddy an, ihm bei der Lösung all seiner Probleme zu helfen. Freddy hält das Ganze für eine Art Psychotherapie, merkt jedoch nicht, dass er Schritt für Schritt einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Der Meister übt, dank gekonnter Manipulation, immer mehr Kontrolle über den Matrosen aus. Doch auch der Meister selbst steht unter der Kontrolle einer noch mächtigeren Person.

Ich finde Sekten gruselig. Ich mag den Gedanken nicht, die Kontrolle über meinen Verstand aufzugeben und ich habe den Eindruck, dass in solchen Gruppen genau das geschieht. Ich fühle mich sogar schon unwohl, wenn ich zu einem Gottesdienst in einer Kirche sitze. Was auch immer der Glaube den Menschen gibt, mir macht er manchmal angst. Manchmal hört man von Sekten und denkt sich: „Was sind das nur für arme Schweine, dass die an so einen Mist glauben?“ Und das ist ja irgendwie das Gefährliche daran. Die Manipulation funktioniert unter bestimmten Umständen bei bestimmten Menschen. Ich bin ein gefestigter Mensch, der ganz schön von sich überzeugt ist. Hätte jemand, wie der Meister eine Chance bei mir?
Im Film jedenfalls hat er mir wirklich angst gemacht. Die Dinge, die er sagt, sind oft wirr und schwer nachvollziehbar. Da ist von Drachen die Rede und sogar von Außerirdischen. Beängstigend ist die Wirkung, die er damit auf seine Zuhörer erzielt. Sie hängen ihm an den Lippen und er hat sie vollkommen in der Hand. Freddy ist jemand, der das alles überhaupt nicht versteht und macht sich damit empfänglicher, denn je. Er hat seinen Verstand geöffnet, denn er will verstehen. In einer Szene gibt es einen Zweifler, der die Argumentation des Meisters mit ein paar wenigen Nachfragen vollkommen aushebelt. Ganz ähnlich, wie Tom Cruise vor ein paar Jahren in einem Interview, verliert auch der Meister relativ schnell die Fassung und wirft mit wüsten Beschimpfungen um sich. Philip Seymour-Hoffman ist großartig und schafft es erneut, durch wenige akzentuierte Aktionen, eine intensive Leistung auf die Leinwand zu zaubern.
Joaquin Phoenix ist nach seiner Pause erstmals wieder in einer Hauptrolle zu sehen. Er spielt den psychisch labilen und unberechenbaren Matrosen, der zum Opfer werden soll, auf derart überzeugende Weise, dass man den Eindruck gewinnt, er sei schon immer so gewesen. Eine derartige Spieltiefe habe ich selten in einem Film gesehen. Mag der Oscar an ihm vorbei gegangen sein. Der hätte meiner Meinung nach sowieso nicht gereicht, um diese Leistung ausreichend zu würdigen.

„The Master“ ist intensiv, beängstigend und manchmal geradezu Übelkeit erregend nah an der Thematik dran. Anderson hat unglaublich gründlich recherchiert und zeichnet ein gleichermaßen trockenes, aber um so realistischeres Bild über ein Phänomen, dass sich der Toleranz und der Gutgläubigkeit der meisten Menschen schamlos bedient.

The Master (USA, 2012): R.: Paul Thomas Anderson; D.: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, u.a.; M.: Johnny Greenwood; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Quellen des Lebens

Der deutsche Film steht an einem Wendepunkt. Es gab früher immer die großen deutschen Produktionen, die vor Starpower nur so strotzten und unfassbar hohe Budgets verschlangen. Hinter solchen Filmen stand früher meistens der Name Eichinger. Dann gab es die kleinen Produktionen, von denen außerhalb Deutschlands kaum jemand etwas mitbekommen hat. Beide Seiten hatten ihre Reize. Nun gibt es aber keinen Eichinger mehr und die deutsche Filmwelt steht sozusagen vor den Hinterlassenschaften des Großproduzenten; Einen Natascha-Kampusch-Film, der lange vor seinem Start schon in der Luft zerfetzt wurde und eine Constantin, die seit Jahren mit dem Bankrott kämpft. Höchste Zeit für einen neuen Weg, sollte man meinen. Doch es bleibt bei der bekannten Aufteilung und so kommt es, dass die beiden bedeutendsten deutschen Regisseure Andreas Dresen und Tom Tykwer heißen. Groß und Klein. Und Tykwer gibt derzeit mit X-Filme richtig Gas. Er hat innerhalb eines Jahres gleich zwei Großproduktionen absolviert. Nach „Cloud Atlas“ ist nun Oskar Roehler zurück mit einer beeindruckenden, filmischen Autobiographie.

Wir sind im Nachkriegsdeutschland. Der Soldat Erich Freytag kommt nach vielen Jahren vom Krieg nach Hause und findet hier mehr oder weniger alles in Trümmern. Die Fabrik im Ort ist zerstört und er merkt, dass seine Familie ganz und gar nicht begeistert ist über seine Rückkehr. Seine intrigante Schwester wirft er sofort raus und übernimmt wieder das Zepter. Als erstes baut er die Fabrik auf und produziert Gartenzwerge. Sein Sohn Klaus hat indes keine Lust, als Fabrikant zu arbeiten. Er will lieber Schriftsteller werden. Eines Tages lernt er die schöne Gisela kennen, eine Tochter aus sehr reichem Hause. Er verliebt sich sofort in sie, denn ihre lockere Art und ihre freien Gedanken, inspirieren ihn sehr stark. Später stellt er übrigens fest, sie ist weder locker, noch inspirierend; sie ist einfach verrückt. Mit ihr bekommt er einen Sohn – den Protagonisten der Geschichte – namens Robert. Robert erlebt eine sehr schwere Kindheit, denn die Mutter steigt selbst zur Starautorin auf und hurt sich durch die Highsociety im Berlin der 60er Jahre. Klaus ist völlig am Boden, denn er scheint als Autor weniger talentiert zu sein, als er dachte. Robert bleibt also die elterliche Fürsorge und Liebe verwehrt. Nach einem verheerenden Italien-Urlaub, nehmen ihn seine Großeltern wieder bei sich auf. Hier lernt Robert nicht nur das Nachbarmädchen Laura kennen, er erlebt das erste Mal Glück und eine Ahnung dessen, was ihm bisher versagt geblieben ist. Sein Vater kommt jedoch zurück und holt ihn wieder ab. Für Robert steht nach diesem glücklichen Sommer fest, er will sich nicht mehr mit seinem trostlosen Dasein abfinden. Er beginnt, zu rebellieren.

Dieser Film macht in jeder Hinsicht einen Rundumschlag. Beinahe lückenlos lässt er die historischen Ereignisse in Deutschland zwischen 1949 und den 70ern mit in die Handlung einfließen. Ausstattung und Kostüme sind gründlich recherchiert und die Darstellung der westdeutschen Gesellschaft mit allen überspitzten und angemessenen Elementen bildet ein verblüffend realistisches Zeitbild. Die spannende Familiengeschichte voller tragischer und komischer Momente füllt diese Kulisse und die manchmal etwas eigentümlichen Roehler-Anwandlungen machen den Film dann einzigartig.
Zum Beispiel gibt es am Anfang eine derart groteske Szene, die mich als Zuschauer erst einmal abschreckt und mich denken lässt, „Worauf hab ich mich da eingelassen“
Überhaupt wirkt das erste Drittel des Films total unwirklich. Die Kulissen sehen bühnenhaft aus, es gibt verblüffende Effekte durch Lichtverfremdungen und die Dialoge sind sehr knapp, geradezu hölzern. Mit fortschreitender Handlung werden die Bilder aber immer präziser. Roehler symbolisiert dadurch auf sehr schlichte und wirkungsvolle Weise die Unterschiede seiner eigenen Wahrnehmung als Kind und als Erwachsener. Ein großartiger Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlt. Abschließend sei noch zu bemerken, dass alle Schauspieler – die man im Übrigen alle irgendwie kennt und schon gesehen hat – nahezu perfekt besetzt sind und unglaubliche Leistungen vollbringen. Ich mag Jürgen Vogel zum Beispiel nicht mehr sehen. Seine Art, sein Gesicht, seine Rollen hatte ich einfach über. Hier spielt er unfassbar gut und zeigt nicht nur, was für ein guter Darsteller er noch immer ist, sondern auch, wie gründlich und präzise Oskar Roehler offensichtlich arbeiten kann. Dieser Effekt tritt bei allen Darstellern gleichermaßen verblüffend auf.

„Quellen des Lebens“ ist bombastisch, rührend, unterhaltsam und schockierend zugleich. Ein Epos, dass mit einer unerwarteten Leichtigkeit seine gigantischen Ausmaße ausbreitet. Sehr lange schon habe ich keinen deutschen Film mehr gesehen, der so viel richtig gemacht hat. Lange hat mich ein deutscher Film schon nicht mehr so begeistert und jede Minute des Films ist packend. Dabei scheint es ganz einfach zu gehen. Keinerlei Firlefanz mit digitalen Effekten. Keine Action, oder überzogener Slapstick. Ein Film, der einfach nur Geschichte erzählt. Toll!

Quellen des Lebens (D, 2013): R.: Oskar Roehler; D.: Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu, u.a.; M.: Martin Todsharow; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Freitag, 15. Februar 2013

Willkommen in der Bretagne

Ein Film, der funktionieren soll und den meisten Menschen, die ihn sehen, gefallen soll, hat es nicht einfach. Sehr viele Faktoren gilt es zu berücksichtigen, damit alles stimmt. Der Film sollte eine überzeugende und packende Story erzählen. Dafür eignet sich ein aktueller Bezug zur wirklichen Welt. Dadurch kann man sich als Zuschauer schneller mit den Figuren identifizieren. Je nach Thema ist also eine gewisse Ernsthaftigkeit angebracht. Zu ernst sollte es aber auch nicht werden. Nicht wenige Menschen gehen ins Kino, um sich unterhalten zu lassen. Ein paar auflockernde, oder witzige Passagen können dem Film also auch nicht schaden. Wenn das ganze obendrein noch von guten Schauspielern getragen wird und sich der Regisseur nicht scheut, mit ein paar Konventionen zu brechen, kommt ein nahezu perfekter Film dabei heraus, der innerhalb kürzester Zeit zum absolut Renner avanciert. „Ziemlich beste Freunde“ ist das perfekte Beispiel für einen solchen Film. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen, hat so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch gemacht werden kann.

Catherine arbeitet für den Staat und ist als Personalmanagerin in einem Krankenhaus in Paris angestellt. Eine kleine Klinik in der Provinz hat allerdings große finanzielle Probleme. Der dortige Personalchef wird entlassen und Catherine soll seinen Posten übernehmen. Sie ist bekannt dafür, Wunder zu vollbringen, und konsequente und nachhaltige Finanzpläne aufzustellen. Nun muss sie also in die Provinz und findet es hier recht traurig. Das Krankenhaus ist hoffnungslos verschuldet und Catherine steht eine trostlose Aufgabe bevor. Zufällig freundet sie sich mit ein paar Schwestern von der Entbindungsstation an, die sich nach der Arbeit immer zum Bowling treffen. Hier nun lernt Catherine die eigentliche Herzlichkeit und auch Eigenheit der Bretonen kennen. Zunächst noch etwas distanziert, taut Catherine schnell auf und fühlt sich schnell wohl. Doch dann kündigt der Leiter des Krankenhauses an, die Entbindungsstation zu schließen. Die neue Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Der Originaltitel des Films lautete „Bowling“. Das war ganz okay. Man konnte sich zwar schon fast denken, worum es ging, aber ein bisschen neugierig hat der Titel schon gemacht. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen lässt sofort in eine Richtung denken, die der Film am Ende gar nicht einschlägt. Soll der Titel suggerieren, dass die Bretonen ein total ungewöhnliches Völkchen sind? Die Sch'tis, zum Beispiel, sind auf ihre Art wirklich speziell und nicht ganz dicht. Die Bretonen hingegen sind total ausgeglichen und ganz und gar nicht verrückt. Sie sind ganz normale Leute, die ein ganz normales Leben führen, welches zu großen Teilen eben außerhalb Paris' statt findet. Der Film dichtet den Bretonen also Eigenschaften an, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben – und die auch im Film kaum noch zum Tragen kommen. Das fiese ist, dass der Zuschauer sofort in diese versnobte Perspektive gedrückt wird, die wahrscheinlich der Schickeria und der Yuppie-Bagage aus den Pariser Edelvierteln entspringt. Alles, was außerhalb der Hauptstadt liegt, ist dörflich - gradezu bäuerlich.
So ärgere ich mich also schon über den Film, noch bevor der Vorspann abgelaufen ist.
Dann macht Catherine relativ früh eine Bemerkung über das Wetter, und darüber, wie trostlos es in der Bretagne sei. Dem unbedarften Zuschauer fällt auf: Hier ist es wunderschön. Eine tolle Landschaft und ein hübsches kleines Städtchen mit hübschen kleinen Häuschen. Herrlich! Die verwöhnte Pariszicke findet's eben schrecklich und trostlos. Wir Bauern!
Der Rest der Geschichte ist relativ vorhersehbar, aber okay. Keine Überraschungen, aber wenigstens schlüssig und relativ rund. Das einzige, was etwas verunglückt ist, ist die Sache mit dem Bowling. Das Bowlingmotiv steht irgendwie neben der Story und der Bezug wirkt krampfig. Ein Jammer, denn das Bowling ist schön geworden und kann als einziger Part im Film Emotionen transportieren.
Der aktuelle Bezug wird von der Finanzkrise besorgt. Die Finanzpläne Catherines werden mit einem Aufstand quittiert, der so künstlich und von Pappe wirkt, als sei er direkt aus „Westside Story“ geklaut. Das setzt dem Ganzen die Krone auf.

Lahm, uninspiriert, krampfhaft! So kann man „Willkommen in der Bretagne“ am besten beschreiben. Der Film will zu viel sein, was er nicht sein kann. Stattdessen hätte man sich auf die eigenen Elemente konzentrieren sollen. Warum Gesellschaftskritik und schrullige Provinzler rein packen, wenn es doch eigentlich um Bowling geht? Warum hat man sich entschieden, ein lahmes und charakterloses Filmchen zu machen, anstatt einen frischen und knalligen Kracher? Warum hat man es nicht genau so gemacht, wie bei „Ziemlich beste Freunde“?

Bowling (F, 2012): R.: Marie-Castille Mention-Schaar; D.: Catherine Frot, Mathilde Seigner, Firmine Richard, u.a.; M.: Erwann Kermorvant; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Immer Sonntags, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Dienstag, 12. Februar 2013

Flight

Robert Zemeckis gehört zur viel gerühmten Spielberg-Connection. Das ist eine Gruppe von Filmemachern, die vor allem in den 80er Jahren ein ganz bestimmtes Konzept des Geschichtenerzählens auf die Kinoleinwand transportieren konnten. Dieser Stil wird seitdem immer mit dem typischen Hollywood-Film assoziiert. Neben Spielberg zählte man George Lucas, Joe Johnston und Francis Ford Coppola zur Connection. Zemeckis knallte dem Publikum stets schrille und kreischend bunte Filme vor den Latz. „Zurück in die Zukunft“ etablierte 1985 eine der kultigsten Filmreihen der 80er und in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ gelang Zemeckis ein technischer Meilenstein. „Forrest Gump“ revolutionierte 1994 das Storytelling moderner Hollywood-Produktionen und – auch wenn dieser Schritt durchaus kontrovers diskutiert wurde – Zemeckis' Verfahren von Motion-Capturing und CGI-Animationen war richtungsweisend für die digitale Filmtechnik. Warum nur, kann sich kein Mensch den Namen Zemeckis merken? Nun ist er wieder da – mit einem Realfilm; und Denzel Washingtion.

Whip Whitaker ist Pilot. Mehr, als das! Er ist der beste Pilot, den die zivile Luftfahrt derzeit kennt. Er hat mehr Flugstunden im Hintern, als die meisten seiner Kollegen und seine Erfahrung hilft ihm in jeder nur möglichen Situation. So auch an diesem Morgen. Bei einem Inlandsflug nach Atlanta gilt es, ein heftiges Unwetter zu durchfliegen. Die Anzeigen im Cockpit raten zum Kurswechsel, doch Whip erkennt in der Wolkenformation vor ihm eine Lücke und weiß, dass hinter dieser Lücke der freie Himmel wartet. Entgegen einiger Vorschriften und sämtlicher Daten, behält er recht. Nach ein paar Minuten ungemütlichen Gewackels, liegt der Flieger ruhig in der Luft und alles ist gut.
Währenddessen lernen wir Nicole kennen. Sie hat ein ernstes Drogenproblem und ist bereit, für ein paar Gramm Heroin, beinahe alles zu tun. Ihr Dealer arbeitet ausgerechnet als Produzent an einem Porno-Set.
Wieder im Flugzeug bricht plötzlich das Chaos aus. Es ertönt ein Knall und die Maschine schmiert ab. Dank seiner Fähigkeiten gelingt es Whip tatsächlich, die beschädigte Maschine zu landen und die meisten Passagiere zu retten. Alle sind sich einig, dass alle Fluggäste und noch viel mehr Menschen eines grausamen Todes gestorben wären, hätte ein anderer Pilot am Steuer gesessen. Die Nachuntersuchung ergibt jedoch beunruhigende Fakten. Offensichtlich war Whip während des Fluges betrunken. Eine Anhörung wird einberufen.

Es ist schon ein bisschen gemein, bei diesem Film, den Regisseur als Aufhänger zu nutzen. Aber Denzel Washington kennt jeder und er ist in diesem Film erwartungsgemäß gut und so überzeugend, wie man es aus vielen seiner bisherigen Auftritte gewohnt ist. Seine Leistung ist indiskutabel und bedarf keiner weiteren Worte.
Robert Zemeckis nun hat sich entschieden, seine fragwürdigen Projekte noch einmal zu verschieben. Eigentlich wollte er nur noch Animationsfilme produzieren – ganz im Stile von „Der Polarexpress“ oder „Die Legende von Beowulf“. „Flight“ erzählt eine Geschichte, die auf mehreren wahren Begebenheiten beruht. Es hat wirklich einen Piloten gegeben, der in einer ähnlichen Situation ein ähnlich waghalsiges Manöver vollführt hat, wie es im Film zu sehen ist. In Wirklichkeit ist das Manöver leider nicht geglückt. Ebenso gab es einen Piloten, der auf halber Strecke von Athen nach Paris feststellte, dass der Sprit nicht reicht und er hat es tatsächlich geschafft, mehrere hundert Kilometer zu segeln und trotz Bruchlandung alle Passagiere zu retten. Diesem Piloten erging es im Übrigen ähnlich, wie Whip. Durch sein Handeln hat er das Flugzeug nämlich erst in diese gefährliche Situation gebracht.
„Flight“ ist ein Suchtdrama im klassischen Sinne. So, wie die Hauptfigur, leidet man als Zuschauer mit. Es gibt die typischen Aufschwünge und niederschmetternde Abfahrten. Der Held fällt von ganz oben nach ganz unten und nur hier findet er die Kraft, wieder aufzustehen. Ganz klassisch eben. Den Hingucker des Films findet man im Rahmen der Geschichte – genauer gesagt am Anfang des Films. Robert Zemeckis hat schon in „Cast Away“ bewiesen, dass er ein Händchen für beängstigende aber realistische Flugzeugabstürze und deren filmischer Darstellung hat. In „Cast Away“, zum Beispiel, saß man mit im Flugzeug. Und obwohl nichts umherflog und niemand raus gesaugt wurde und niemand in kopflose Panik verfiel – obwohl Zemeckis also auf die üblichen Motive einer solchen Szene verzichtete – war diese Sequenz eine der eindrucksvollsten Momente, die ich je in einem Film gesehen habe. In „Flight“ übertrumpft Zemeckis sich selbst und liefert eine noch beängstigendere Absturzszene. Das Problem an diesem Motiv ist, dass es bisher wenig Überlebende einer echten Flugzeugkatastrophe gibt. All die Angst und der Horror, den wir uns nur vorstellen können, steckt nun in dieser Szene und hat sich mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. Sie ist dermaßen wirkungsvoll, dass ich im Moment nicht weiß, ob ich – als jemand, der unter einer gewissen Flugangst leidet – jemals wieder halbwegs ruhigen Gewissens – oder nüchtern – in einen Flieger steigen kann. Vielen Dank, Mr. Zemeckis!
„Flight“ entspricht genau dem, was man unter einem typischen Hollywood-Film versteht. Erstaunlich, dass Zemeckis diese Eigenschaft nach so vielen Jahren immer noch aufrecht erhalten kann. Außerdem erzählt der Film die Geschichte über einen Menschen, der trotz immenser Fähigkeiten so verletzlich ist, wie es ein Mensch nur sein kann. Das mag nichts Neues sein – schon gar nicht im Kino – aber es ist eindrucksvoll dargestellt und wird von einer der spektakulärsten Flugzeugszenen aller Zeiten gekrönt. Oscarverdächtig? Eher weniger. Die Konkurrenz in den nominierten Kategorien ist zu stark. Sehenswert? Wenn man nicht vor hat, in nächster Zeit zu verreisen, sollte man diesen Film keinesfalls verpassen.

Flight (USA, 2012): R.: Robert Zemeckis; D.: Denzel Washington, Kelly Reilly, John Goodman, u.a.; M.: Alan Silvestri; Offizielle Homepage

In Weimar: CineStar

Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, von 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Silver Linings


David O. Russell hatte mit seinem letzten Film „The Fighter“ einen erstaunlichen Erfolg gemeistert. Für das Drehbuch von Scott Silver gab es einen Oscar, für die Regie jedoch nicht. Die beiden Nebendarsteller Christian Bale und Amy Adams heimsten die Trophäen ein, sein von Russell extra gecoachter und an seine Grenzen gehender Hauptdarsteller, Mark Wahlberg, ging jedoch leer aus. „The Fighter“ war ein Paradebeispiel für Fehleinschätzungen des Potentials im eigenen Film. Die Dinge, die den Film so besonders gemacht haben, spielten während der Produktion für Russell eine eher untergeordnete Rolle.
Im neuesten Werk „Silver Linings“ scheint das gleiche wieder zu passieren. Diesmal jedoch mit Absicht.

Pat  sitzt in der Nervenheilanstalt. Nicht etwa, dass er freiwillig hier wäre, oder ernsthaft krank. Er ist allerdings extrem traumatisiert. Er führte eine Bilderbuchehe mit einer wunderschönen Frau. Eines Tages kommt er nach Hause und erwischt sie mit einem seiner Kollegen unter der Dusche. Im Hintergrund läuft übrigens der Song, den die beiden auf ihrer Hochzeit haben spielen lassen. So eiskalt und böse das zunächst erscheint, so verständlich scheint seine Reaktion zu sein. Er prügelt den Nebenbuhler grün und blau. Die Frau fühlt sich extrem bedroht und lässt ihren wütenden Ehemann einliefern. Nach einigen Monaten kommt Pat endlich raus und wird von seinen Eltern zu Hause aufgenommen. Der Vater ist ein pathologischer Spieler und hat schon sehr viel Geld und Ehre bei Wetten auf Baseballspiele verloren. Er hält seinen Sohn für einen Glücksbringer, denn immer wenn der sich im Raum befindet, scheint sich das Glück für den Vater zu wenden.
Pat hat jedoch ein ganz anderes Ziel. Er will seine Frau zurück. Da lernt er Tiffany kennen, die auf ihre Weise einen ganz ähnlichen Dachschaden hat. Sie fragt Pat, ob er ihr bei einem Tanzwettbewerb beistehen kann, wenn sie ihm dafür hilft, mit seiner Frau wieder zusammen zu kommen.

Die Story ist schnell durchschaut und entpuppt sich als eine gewöhnliche Liebesgeschichte, nach ganz klassischem Muster. Die wenigen markanten Charaktereigenschaften der Protagonisten halten die Originalität nur mit größter Mühe auf einem erträglichen Level. Viel zu oft rutscht der Plot ins Banale ab und der Zuschauer wird nur von großen Aktionen der Figuren vor dem Desinteresse bewahrt. Pat zertrümmert eine Stereoanlage. Pat prügelt sich mit Hooligans. Pat wirft einen ausgelesenen Hemmingway durch die Fensterscheibe, weil er das Ende kacke findet. So etwas eben. Das Besondere in diesem Film ist die Leistung aller Darsteller. Bradley Cooper ist nach ausschweifenden Eskapaden in Hangover eigentlich schon abgestempelt gewesen als Slapstick-Trottel vom Dienst. Jennifer Lawrence hat zwar eine beeindruckende Leistung in „Winter's Bone“ absolviert, hat seitdem aber vor allem in mäßig erfolgreichen Blockbusterkrücken mitgespielt. So etwas schabt am Image einer ernstzunehmenden Schauspielerin. Zu guter Letzt: Robert De Niro hat seine große Zeit hinter sich. Seine Auftritte wurden zunehmend nur noch auf seine bloße Anwesenheit reduziert. Seine Rolle als Simon Silver in „Red Lights“ zum Beispiel barg so viel Potential und er hat es starren Blickes einfach verpuffen lassen.
Alle drei Schauspieler zeigen in „Silver Linings“, dass sie es noch immer drauf haben. Mag die Geschichte voll an Klischees und Plattitüden sein – ja regelrecht amerikanisch – die Schauspieler schaffen es, dem Film eine besondere Note zu geben. Der Film lebt davon und spielt die markanten Eigenschaften der Menschen hinter der Rolle gekonnt aus. Konsequenterweise wurden alle drei mit Nominierungen für die kommende Oscar-Verleihung belohnt. Die Academy scheint über die eklatanten Schwächen des Drehbuchs hinweg sehen zu können und die Stärke der Produktion zu sehen. Nun steht natürlich die Frage im Raum, ob ein Film, der allein von der Vitalität und vom Charisma der Schauspieler lebt, überzeugen kann. Er kann es nicht. Wie man schon oft gehört hat, kann selbst der beste Regisseur große Schwächen eines Skripts nicht ausbügeln. Tragischerweise handelt es sich in „Silver Linigns“ bei Regisseur und Drehbuchautor um die selbe Person.

„Silver Linings“ ist oberflächlich und erzählt eine aufgewärmte Geschichte mit nicht eben originellen Einfällen zum tausendsten Mal neu. Beeindruckend sind dagegen um so mehr die drei Hauptdarsteller, die mit einer immensen Ausdauer und Stärke gegen die Defizite des Films anstürmen und sich dadurch zu etwas wirklich Besonderen machen. Und da ist sie wieder einmal: Die Magie Hollywoods, die dafür sorgt, dass ich sage: Allein diese drei Schauspieler rechtfertigen schon den Kinobesuch.

Silver Linings (USA, 2012): R.: David O. Russell; D.: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, u.a.; M.: Danny Elfman; Offizielle Homepage

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