Montag, 13. Januar 2014

Only Lovers left alive

Jim Jarmusch ist mit Sicherheit einer der interessantesten Regisseure der letzten 30 Jahre. Seine Filme sind stets etwas merkwürdig und sehen prinzipiell immer anders aus. Die Geschichten, die in seinen Filmen erzählt werden, gehen oft eher banalere, erste Schritte und entwickeln sich im weiteren Verlauf zu echten Dramen. „Dead Man“ beispielsweise beginnt als klassischer Western mit eiem grünen Stadtfrüchtchen, welches in der harten und rauen Umgebung des frisch besiedelten Landes kaum zurecht zu kommen vermag. Plötzlich gerät er in eine Mordserie und wird zum meist gesuchten Verbrecher der Stadt. Tragisch, denn eigentlich will er das alles gar nicht. Alles ist in rauem schwarz-weiß gehalten und Neill Young steuert einen düsteren, quälend monotonen, aber überaus passenden Soundtrack bei. Diese Mischung macht Jim Jarmusch schlicht unvergesslich. Bei anderen ist es stattdessen „Ghost Dog“, der sich ins Gedächtnis eingebrannt hat und wieder andere können „Broken Flower“ einfach nicht vergessen. Sein eigenwilliger Stil lässt Jarmush immer wieder ganz besondere und einmalige Filmerlebnisse auf die Leinwand zaubern. Nun ist er wieder da und erzählt ausgeredchnet die Geschichte zweier Vampire.

Sein Name ist Adam und er lebt in einer heruntergekommenen Villa in Detroit. Ihr Name ist Eve und sie lebt am anderen Ende der Welt in Tanger. Während Adam das exzentrische Leben eines eigenwilligen Rockstars zelebriert und deshalb den anderen Menschen kaum auffällt, gerät er zunehmend in depressive Stimmung. Der Grund dafür ist nicht nur die Tatsache, dass er von seiner geliebten Ehefrau Eve getrennt leben muss, sondern auch, mit an zu sehen, wie die Menschen ihre Welt zunehmend und sinnlos zerstören. Eve entschließt sich, nach Detroit zu reisen und ihrem Geliebten den Lebensmut erneut ein zu hauchen. Das funktioniert zunächst auch noch ganz gut, bis plötzlich Eves verhasste Schwester Ava auftaucht. Verhasst ist sie deshalb, weil sie mit ihrer ungestümen Art stets überall nur Chaos hinterlässt.

Eins ist sicher klar: Mit den glitzernden Schönwetter-Vampiren, die derzeit crossmedial Mädchenherzen höher schlagen lassen, haben diese Blutsauger nichts zu tun. Allerdings sind sie auch nicht mehr die gefürchteten Monster, die man von anderen Stellen kennt. Eve und Adam sind zivilisierte Vampire. Im 21. Jahrhundert werden keine Menschen mehr gebissen – oder eben getrunken. Man besorgt sich den roten Lebenssaft aus Krankenhäusern oder anderen Quellen. Die beiden Vampire hätten aber nicht so lange leben können, wenn sie tatsächlich nur auf ziviliserte Mittel und Wege angewiesen wären. Ebenso konsequent, wie sie in Ruhe und Frieden leben wollen, sind sie sofort bereit, alles aufzugeben, nur um zu überleben. Trotzdem wirken die Vampire relativ normal. Interessant ist, dass sich ihre Tarnungen total super in unserer heutiges Gesellschaftsbild einfügen. Während es heutzutage fast normal ist, dass sich irgendein verrückter Musiker in einer einsamen Villa verschanzt und nur nachts vor die Tür geht, hätte Adam damit vor 500 Jahren bestimmt Schwierigkeiten bekommen. So entsteht ein total überzeugendes Bild, aus einer völlig absurden Situation. An anderer Stelle wirkt der Film leider nicht ganz so überzeugend. Die Story ist dermaßen banal und lohnt kaum der Erzählung. Die Andeutungen, die immer mal wieder über die Zukunft der Menschheit gemacht werden, wirken zu aufgesetzt und nicht durchdacht. Während Tom Hiddelstons reduziertes, fast schon lustloses Spiel noch ganz gut passt, ist Tilda Swintons schwebendes und pathetisches Schmachten eher nervig. Potential wird auch mit Mia Wasikowska verschenkt. Das Vampir-Pendant zur nervigen und aufgedrehten kleinen Schwester, hätte man sicher besser hinbekommen. Großer Pluspunkt ist die Atmosphäre, die der Film mit einfachsten Mitteln aufzubauen versteht. Einen Großteil erledigt hier die Musik, die manchmal getragen von arabisch angehauchten Instrumenten und manchmal von trägen Post-Rock-Klängen zerstampft, immer perfekt zu passen scheint. Meinetwegen hätte man im Film auch nur die düsteren Ruinen eines verlassenen Industriegebietes zeigen können, wenn dazu diese inentsive Musik zu hören gewesen wäre. So toll und passend die Atmosphäre sein mag, wird deren Potenatial ebenfalls nicht vollständig genutzt.

Wer den nächsten Geniestreich eines eigenwilligen, aber total interessanten Regisseurs erwartet hat, ist vielleicht enttäuscht. Der Film ist nicht halb so groß, wie es die Werbekampagne oder der Trailer erwarten lässt. Die Botschaft kristallisiert sich sher schnell heraus und eine tiefere Bedeutung fehlt. Dennoch ist es gut, zu wissen, dass fernab vom Blockbusterzirkus, der jedes Jahr spektakulärer veranstaltet wird, ein Jim Jarmusch sitzt, auf seinen seltenen gesammelten Gitarren zupft und einfach das in einen Film packt, worauf er Lust hat. Gut, dass es Jim Jarmusch gibt.

Only Lovers left Alive (USA, 2013): R.: Jim Jarmusch; D.: Tom hiddelston, Tilda Swinton, Mia Wasikowska, John Hurt, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: Lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Der Hobbit - Smaugs Einöde

Hört man den Namen Peter Jackson, denken die meisten wohl als erstes an „Der Herr der Ringe“. Manche denken vielleicht auch an sein filmisches Frühwerk – den Splatterbomben „Bad Taste“ und „Braindead“. Die wenigsten dürften an „The Frighteners“ denken, oder das missglückte „In meinem Himmel“. Anderen – eher realistisch verankerten – fällt möglicherweise als erstes Neuseeland ein. Welche Assoziationen man beim Klang dieses Namens auch haben mag: Ich denke als erstes „Noch ein Jahr warten!“

Bilbo Beutlin und seine neuen Zwergenfreunde haben es mit Mühe und Not geschafft und sind den Wargreitern am Fuße des Nebelgebirges entkommen. Mit Hilfe der Riesenadler, die Gandalf rufen konnte, wurden sie weit in die Ebene hinaus geragen und sind ihrem Ziel, dem einsamen Berg ein wenig näher gekommen. Hier nun geht es weiter gen Norden und das nächste große Hindernis ist Düsterwald. Dieser Wald ist nicht unendlich groß, es lauern auch zahlreiche Gefahren im Dickicht. Ohne die Hilfe des Hautwandlers Beorn, würde die Gruppe nicht weit kommen. Zu allem Überfluss wird Gandalf noch in den Westen gerufen. Hier rührt sich ein unbekanntes Grauen, welches es zu erkunden gilt. Ganz hilflos ist die Gruppe aber nicht. Bilbo hat schließlich den geheimnisvollen Ring in den Stollen des Gebirges gefunden. Von diesem Ring wissen die Zwerge allerdings noch gar nichts.
Trotz all der Gefahren, die sie durchlaufen müssen, wartet die größte Herausforderungen am Ende des langen Weges. Der Drache Smaug, der seinerzeit die Zwerge aus ihren Hallen unter dem Berg verjagt hat und seitdem den sagenumwobenen Schatz hütet. Zwar hat man das Ungetüm seit vielen Jahren weder gesehen noch gehört, doch kann man sicher sein, dass sein Schlaf nicht tief sein wird.

Weiter geht das große Abenteuer um den kleinen Hobbit. Peter Jackson hat sich nicht nur Begeisterung zugezogen, als er seine Absicht verkündete, auch aus dieser Tolkienvorlage eine großangelegte Trilogie zu machen. Auch nach „Eine unerwartete Reise“ waren nicht alle Zweifel beseitigt. Zu langatmig und zu detailliert waren für viele die Szenen aus dem eigentlichen Roman; zu losgelöst und gezwungen wirkten die zusätzlichen Erzählstränge. Nicht wenige hatten das Gefühl, dass Jackson nur auf Zeit spielte und nichts an seiner Adaption einen derartigen Umfang rechtfertigen wprde. Wie schon vor zehn Jahren in der ursprünglichen Herr-der-Ringe-Trilogie, nimmt auch hier im zweiten Teil, alles konkrete Formen an und lässt erahnen, dass Jacksons Erzählkonzept auch ein zweites Mal aufgehen wird, wenn die Trilogie erst einmal komplett ist.
Entgegen den Erwartungen steigert Jackson zunächst das Tempo. Innerhalb der ersten dreiviertel Stunde sind zwei prägende Elemente der Haupthandlung abgefrühstückt. Der Düsterwald fällt angenehm kurz aus, war diese Passage im Buch besonders zäh, um zu symbolisieren, wie groß dieser Wald wirklich ist. Die Konfrontation mit den Spinnen ist ebenso dynamisch gelöst. Der Umstand, dass die Monster sprechen, wurde sehr elegant mit den Fähigkeiten und Eigenschaften des Ringes verknüpft. Die Begegnung mit den strengen und manchmal unberechenbaren Waldelben bricht ebenfalls nicht den Rahmen und überhaupt galoppiert der Film gut die erste Hälfte regelrecht durch die Story. Parallel erfährt man, was Gandalf eigentlich treibt, nachdem er die Gruppe am Waldrand sich selbst überlässt. Dadurch sind die zusätzlichen Handlungsstränge sinnvoll in die Haupthandlung eingeflochten. Auch die neuen Charaktere Tanriel und Legolas wirken – trotz ihrer etwas zu bemühten aufkeimenden Liebesbeziehung – sehr überzeugend.
Und dann ändert sich der Stil des Filmes und den großen Rest der Laufzeit widmet Jackson voll und ganz Smaug, dem Großen. Smaug ist ein Ungeheuer unglaublichen Ausmaßes. Aber er ist kein stumpfes Monster. Smaug ist hochintelligent und bösartig und Smaug spricht. Im Original vernimmt man die tiefe und donnernde Stimme Benedict Cumberbatchs; hierzulande lauscht man der nicht minder donnernden Stimme seines Synchronsprechers Sascha Rotermund. Der vielschichtige Dialog zwischen Bilbo und Smaug, in dem beide jeweils den anderen auszuspielen versuchen und Schritt für Schritt ihre Trümpfe legen und bis zum Ende nicht sicher sein können, ob der andere nicht schön längst gewonnen hat, war im Buch immer meine Lieblingsszene. Ähnlich, wie im Rätselspiel mit Gollum im ersten Teil, geht es hier um Worte, die benutzt werden können, mit denen aber ungleich mehr gesagt werden kann. Dabei spielen körperliche Unterschiede der Kontrhenten für eine gewisse Zeit keine Rolle. Jackson kann in dieser Szene allerdings nicht ganz an sich halten. Zu stolz scheint er auf die Leistung der Tricktechniker zu sein, die einen wahrlich beeindruckenden Drachen auf die Leinwand zaubern. Zu kurz kommt der psychologische Aspekt und zu schnell geht die brachiale Action los. Dafür gelingt es Jackson einmal mehr, die Dynamik des Buches zu ändern und einen stimmigen und nachvollziehbaren Punkt für das Ende des zweiten Teils zu finden. So, wie Jackson es verwebt, kann man die Geschichte nur so erzählen und nicht anders und nun ist auch völlig klar, warum es drei Filme braucht.
Wie schon in der ersten Trilogie, bin ich auch diesmal vom zweiten Teil nahezu restlos begeistert. Der Flow stimmt, die Charaktere entwickeln sich sinnvoll weiter, die Bilder und das ganze kleine und detailverliebte Zeugs sind einmal mehr atemberaubend und der Drache sieht wirklich unfassbar gut aus. Peter Jackson hat die Kurve gekriegt und einen durchweg spannenden Abenteuerfilm geschaffen, selbst für jene, die das Buch in und auswendig kennen.

„Smaugs Einöde“ ist obendrein düsterer und lässt seelische Abgründe im Geist all unserer strahlenden Helden erahnen, die sich im finalen Teil „Hin und wieder zurück“ wohl vollends zu ihren dramatischen und auch tragischen Ausmaßen entfalten werden. Alles gut, also in Mittelerde. Wäre da nicht schon wieder diese elende Wartezeit . Noch einmal ein Jahr warten.

The Hobbit – The Desolation of Smaug (USA, NZL, 2013): R.: Peter Jackson; D.: Martin Freeman, Ian McKellen, Benedict Cumberbatch, u.a.; M.: Howard Shore; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus (2D), CineStar(HFR 3D)

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 9. Dezember 2013

Jung & Schön

Francois Ozon ist ein Regisseur, der stets die Gemüter spaltet. Das liegt daran, dass er seit jeher mit Konventionen bricht. Jeher heißt im Übrigen noch gar nicht so viel. Mir hat sich immer der Eindruck geboten, Ozon sei einer dieser klassischen französischen Regisseure, die seit zig Jahren versuchen, die Novelle Vague aufrecht zu erhalten und sich einfach und konsequent jeder Innovation im Medium Film verweigern. Ozon selbst hat diese prägende Phase des europäischen Kinos gar nicht mitbekommen. Seinen ersten Spielfilm lieferte Ozon 1997 ab. „Besuch am Meer“ fiel schon damals auf, denn vor allem Ende der 90er erhielt das französische Kino mit Luc Besson einen wahnwitzigen Drive, der den Tugenden der großen Regisseure im Sturm davon lief.
„Besuch am Meer“ erhielt 12 Jahre später eine Fortsetzung und nach „Rückkehr ans Meer“, soll es noch einen abschließenden dritten Teil geben. Ozon schwor also in einer Phase, in der sich das Kino seines Heimatlandes in einer Art Aufbruchstimmung befand, auf seine ganz eigenen Vorlieben und etablierte eine Filmreihe, der er vollkommen und erbarmungslos das Tempo nahm, welches im Umkehrschluss direkt in Bessons Filme zu rauschen schien. Unterschiedlicher konnten Regisseure und ihre Filme zur selben Zeit wohl kaum sein. Beide Filmemacher sollten im Zuge ihrer Karriere einige Veränderungen durchlaufen. Ozon legte nach: Beachtung erhielten sein Quasiremake des Krimi-Thrillers „Swimming Pool“ und das ultimative Treffen der buchstäblichen Grand-Dames in „8 Frauen“.
In den letzten Jahren gelang Ozon mit „Das Schmuckstück“ ein weltweit erfolgreicher Film, der trotz seines konsequenten Bruchs mit Konventionen besonders viele Menschen ins Kino lockte.
Was seinen besonderen Stil ausmacht, und wodurch er entsteht, habe ich allerdings erst jetzt erkannt, nachdem ich seinen neuesten Film „Jung und Schön“ gesehen habe.

Isabelle ist gerade 17 Jahre alt geworden. Ihre Familie verbringt den Urlaub an einem wunderschönen Strand, denn das Leben meint es gut mit ihr. In Zeiten von Jobmangel und Finanzkrise fehlt es Isabelle an nichts und – mehr noch – sie bekommt alles, was sie will. Während des Urlaubs bandelt sie mit einem deutschen Touristen an. Was zunächst aussieht, wie eine erste zarte Liebe, entpuppt sich allerdings schnell, als das Sammeln erster, echter sexueller Erfahrungen. Bevor also mehr aus dem ersten Mal am Strand werden kann, ist der Urlaub schon wieder vorbei. Wieder zu Hause, beginnt Isabelle mit ihrem Leben zu hadern und bricht einfach aus den Grenzen ihrer Existenz aus. Sie beginnt, als Prostituierte zu arbeiten. Schnell merkt sie, dass ein Mädchen, welches so ungewöhnlich jung und schön ist, wie sie, sehr viel Geld für die entsprechenden Dienste verlangen kann. Nach anfänglicher Scheu häufen sich die Aufträge und innerhalb kürzester Zeit hat Isabelle eine beeindruckende Summe erwirtschaftet. Eines Tages wird die Polizei auf Isabelle aufmerksam und informiert ihre Mutter.

Bevor man diesen Film sieht, erkundigt man sich natürlich, worum es geht. Francois Ozon hat sich ein Thema heraus gesucht, das unangenehm ist, weil es mit gesellschaftlichen Werten und Tabus bricht. In unserer Gesellschaft hat sich ein festes Bild über minderjährige Prostituierte etabliert. Gepaart mit Menschenhandel und organisierten Verbrechen, sind wir uns dieses Problems bewusst, kapitulieren aber vor der Machtlosigkeit. Solche Dinge liegen im Schatten und wir leben im Licht. Mit diesem Klischee hat „Jung und Schön“ aber nichts zu tun. Isabelle entscheidet sich freiwillig und absolut bewusst für diese Tätigkeit. Teenager sind irgendwann in einem Alter, in dem sie etwas Neues probieren, rebellieren wollen. In den meisten Fällen äußert sich das allerdings anders. Die meisten Kids gehen heimlich auf Partys, saufen sich ins Koma, nehmen Drogen und verüben Ladendiebstähle, klauen das Auto des Vaters und tun immer genau das, was ihnen ihre Eltern verboten haben. Isabelle nun bricht aus ihrem wohl behüteten Leben aus, in dem sie anschaffen geht. Nicht mehr und nicht weniger. Und ebenso nüchtern stellt Ozon diese Geschichte dar. Dabei gelingt ihm das Kunststück, aus dieser Geschichte kein überkanditeltes oder kitschiges Drama werden zu lassen. Ozon entwickelt seine Figuren mit einer gewissen Oberflächlichkeit. Isabelle hat abgesehen von den Titel gebenden Eigenschaften keinerlei Charaktermerkmale, die in irgendeiner Weise ins Gewicht fallen würden. Diese Figur hat keine Skrupel das zu tun, was sie tut. Sie hat kein schlechtes Gewissen und ihr Handeln hat nahezu keinerlei Konsequenzen für sie; es gibt nichts, was sie aus diesen Ereignissen lernen kann. Ob man als Zuschauer etwas mit diesem Stil anfangen kann, oder nicht, spielt keine Rolle. Ozon schert sich nicht darum, wie ein anderer Regisseur diese Geschichte inszeniert hätte. Er erzählt die Geschichte, wie es ihm passt. Man könnte ihm eine fachliche oder gar kreative Unbedarftheit beim Entwickeln seiner Figuren vorwerfen, hätte er sich nicht ganz bewusst für diese blassen Charaktereigenschaften entschieden. Das ist Ozons Stil, den er sich über viele Jahre hinweg erarbeitet hat. In einem Thriller, wie „In ihrem Haus“ kann dieser Stil den ganzen Film vor die Wand setzen. Bei einem vielschichtigen Thriller, der sich erst im allerletzten Moment aufdröselt und entsprechend verzwickt und komplex konstruiert sein muss, funktioniert dieser reduzierte Stil einfach nicht. Bei einem Film über Dinge, die echt sind und in unserem Leben täglich passieren, entfaltet sich dieser Stil nahezu perfekt.

„Jung und Schön“ ist krass. Der Film konfrontiert den Zuschauer mit einer Situation, mit der man im alltäglichen Leben einfach nicht konfrontiert werden will. Im Kino sieht man aber nun mal nicht nur alltägliche Dinge. Ozon vermag es, dieses heftige Thema auf nüchterne, fast schon lieblose Art und Weise zu adaptieren und entwickelt seinen Stil konsequent weiter. Ob man etwas mit diesem Stil anfangen kann, muss jedoch jeder für sich entscheiden. Ich sehe in diesem Film und mit dieser Geschichte allerdings die perfekte Bühne für Ozons eigenwillige Erzählweise.

Jeune & Jolie (F, 2013): R.: Francois Ozon; D.: Marine Vacth, Geraldine Pailhas, Charlotte Rampling, u.a.; M.: Philippe Rombi; OffizielleHomepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Freitag, 29. November 2013

FlimmerCASTen # 15 - Our Tribute To Panem

Auch wir haben Feuer gefangen und uns über die "Panem"-Filme gequatscht. Wir versuchen, heraus zu finden, wie aus einer relativ kleinen Roman-Verfilmung ein dermaßen großes und gehyptes Blockbuster-Projekt werden konnte. Außerdem haben wir in einer spekakulären Live-Show im Radio gecastet. Deshalb gibt es immer mal n bissl komische Schnitte. Trotzdem viel Spaß!



Was sagt ihr zu den Tributen? Wie haben euch die beiden Filme gefallen?

Montag, 18. November 2013

FlimmerCASTen # 14 - Alles hat ein Ende...

In unserer neuesten Ausgabe des unseres Podcasts quatschen Antonia und ich über die Kunst, einen guten Film mit einem gelungenen Ende noch besser zu machen - oder eben durch ein schlechtes Ende total zu versauen. Für beide Fälle sind uns genug Beispiele eingefallen.



Welche spischen Enden sind Euch im Gedächtnis geblieben? Posten, Liken, Sharen und so weiter...

Machete Kills

Robert Rodriguez ist ein Name, der immer im Schatten eines anderen Namens steht. Wann immer über Rodriguez gesprochen wird, kommt auch der Name Tarantino ins Spiel. Die Verbindung dieser beiden Regisseure ist naheliegend. Die beiden sind seit der Schulzeit Freunde und haben einige Filmprojekte gemeinsam realisiert. Sie haben die Firma „Troublemaker Studios“ gegründet, die seither die Homebase der sogenannten Tarantino-Connection ist. Diese Gruppe von Filmemachern hat einen ganz bestimmten Stil im Film etabliert und gepflegt. Filme von Tarantino, Rodriguez, Oliver Stone und Tony Scott haben ganz besondere Figuren, die ganz spezielle Geschichten erleben. Dabei sind sie immer einen Tick neben der Spur. Zu ausgeflippt, zu chaotisch, zu sadistisch oder manchmal sogar zu cool. Vor allem aber, sind sie unabhängig vom großen Moloch Hollywood und zelebrieren diese Unabhängigkeit nicht selten mit völlig übertriebenen Gewaltexzessen und skurrilen, wie auch unkonventionellen – vor allem aber oft total unerwareteten – Todesarten.
Rodriguez und Tarantino haben nahezu bei jedem ihrer jeweiligen Projekte zusammen gearbeitet. Neben zahlreichen Cameo-Auftritten in ihren jeweiligen Filmen gab es immer wieder Gastspiele als Regisseur einzelner Segmente. In „Sin City“ führte Tarantino Regie bei der Episode mit Clive Owen und Benicio Del Toro. Für „Kill Bill“ komponierte Rodriguez Teile der Filmmusik. Dann kristallisierte sich eine Wende heraus. Tarantino gelang mit „Inglorious Basterds“ ein absolutes Meisterwerk. Waren seine bisherigen Filme immer ein bisschen roh und alles andere, als perfekt, katapultierte sich Tarantino mit diesem Film auf ein neues Level, des Filmemachens. Rodriguez hingegen hatte andere Pläne und schien sich bewusst in die komplett entgegengesetzte Richtung zu bewegen.
Mit „Grindhouse“ feierten beide Regisseure das Genre des 70er-Jahre-Trashkinos und brachten diesen speziellen Kulturkreis auf die große Leinwand – mit durchwachsenem Erfolg. Im Dunstkreis der beiden Filme „Death Proof“ und „Planet Terror“ entstanden auch einige Fake-Trailer zu fiktiven Filmen. So wurden vor dem Hauptfilm Filme beworben, wie „Thanksgiving“, „Werewolf-Women of The SS“ und natürlich „Machete“

Seinen ersten Auftritt hatte der mexikanische Superagent mit Affinität zu schweinescharfen Hieb- und Stichwaffen an eher unerwarteter Stelle. 2003 erschien „Mission 3D: Game Over“ - ein Spy Kids Spin Off. Mit der Reihe um superkrasse Kinderagenten wollte Rodriguez eigentlich das jüngere Publikum begeistern. Der Erfolg dieser Filme war eher unterdurchschnittlich und der völlig überkanditelte Actioner war stellenweise nur schwer zu ertragen. Zwar kam das Agentenabenteuer mit viel Augenzwinkern daher, trat aber immer auch als Möchtegernblockbuster auf. Der Trashfaktor war hier enorm hoch, aber eben leider eher unfreiwilliger Natur.
Dennoch zeigte dieser Kurzauftritt den Kern der Arbeit Rodriguez'. Alle seine Filme spielen alle im gleichen Kosmos und irgendwie hängt alles miteinander zusammen. Selbst in „Faculty“ tauchen Fuck You Boy und Fuck You Girl auf, die später kurze, aber denkwürdige Auftritte in „Planet Terror“ absolvieren.
Es war also klar, dass Machete früher oder später noch einmal auftauchen würde. Der berühmt-berüchtigte Trailer in „Grindhouse“ verfehlte seine Wirkung nicht und es gab sagenhafte Reaktionen der Fans. In einer beispiellosen Aktion wurden Unterschriften gesammelt und Rodriguez erhielt bergeweise Post mit der Bitte, aus dem Trailer einen Film zu machen.
Und genau so geschah es dann auch.

Im Jahr 2010 kam der erste Machete-Kinofilm in die Kinos. Der ruppige Grindhouse-Stil wurde nur zu Beginn noch benutzt. Bildwackler und  Schmutz auf der Linse sind nur während der Introsequenz noch zu sehen. Den Rest des Films kommen die visuellen Eigenarten des Grindhouse-Kinos nur noch sporadisch zum Einsatz. Über die Story braucht man an dieser Stelle kein Wort zu viel verlieren; sie existiert im Grunde nicht.  Im Verlauf des Films passieren ein paar denkwürdige Dinge. Zum Beispeil die Gedärm-Abseil-Aktion, von der Rodriguez im Grunde seit „El Mariachi“ schwärmt und immer gehöfft hat, sie irgendwann mal in einen Film mit einbauen zu können. Außerdem bekommt man endlich Lindsay Lohan im Adamskostüm zu sehen – etwas, worauf angeblich viele Fans gewartet haben – nur um sie anschließend als Racheengel im Nonnenkostüm wüten zu sehen.
Egal, welche Story-Kapriolen der Film vom Stapel lässt, das Ende bleibt offen und kündigt noch vor dem Abspann die beiden Fortsetzungen „Machete Kills“ und „Machete Killas Again...In Space“ an. Auch das ist natürlich nur ein Gag gewesen, der ebenfalls zur Hommage und Rekonstruktion des Trashkinos gehört. Dass Rodriguez mit solchen Gags manchmal mehr bewirkt, als er vielleicht beabsichtigt hat, zeigt, dass „Machete Kills“ nun tatsächlich in den Kinos starten wird.

Auch hier ist jedes Wort über die Story verschwendeter Atem. Es ist im Grunde der Aufguss der Story aus dem Vorgänger. Nur krasser. Das gleiche gilt für die Action- und Gewalteinlagen. Die Gedärme-Nummer wird auch noch weiter getrieben und es gibt eine Verfolgungsjagd mit Motorbooten, Autos, Helikoptern und irgendwelchen Space-Autos.
Das Besondere ist hier wieder der Cast des Films. Neben Mel Gibson und Charlie Sheen versammelt Rodriguez erneut zahlreiche Stars und solche, die es vielleicht noch werden wollen. Sie alle schließen sich dem Nonsens-Spaß an und feiern eine deftige Trash-Party.
Gegen Ende wird der Film so absurd und bescheuert, dass man sämtliche Twists unmöglich ernst nehmen kann. Es wird jedenfalls schwer dramatisch und episch und man weiß zumindest eins: Machete will return in „Machete Kills Again...In Space“

Jeder, der die „Machete“-Filme ernsthaft und gewissenhaft rezensieren will, ist Rodriguez bereits auf dem Leim gegangen. Wer ernsthaft über die schauspielerischen Qualitäten von Lady Gaga referiert, oder feststellt, dass die Spezialeffekte an manchen Stellen nicht so gelungen sind, hat schon verloren. Man muss seinen Kopf hundertprozentig ausschalten, dann kann man nur Spaß haben und dann durch die vielen unzähligen Metaebenen erkennen, welche Botschaft „Machete“ vielleicht wirklich in sich trägt. Wir sehen hier keinen Film, der wirklich spannend oder spektakulär sein will, sondern einen Film, der zeigt, wir Rodriguez derartige Filme als Kind betrachtet und gesehen hat. Es ist kein Film im eigentlichen Sinne, sondern ein Spielplatz, der beinahe keine Grenzen aufzeigt. Rodriguez kann alles und nichts machen – es spielt keine Rolle. Machete ist das sozusagen die Versinnbildlichung eines ganz bestimmten Verständnis für die Kunst des Filmemachens. Angesichts seines offensichtlich zu trashigen Ansatzes, weigert sich das Gehirn vehement, „Machete“ als Kunstwerk zu sehen. Aber wahrscheinlich ist es genau das.

Völlig egal, was da im Weltall auf uns wartet, ich werde es mir ansehen und mich auch ein drittes Mal wegblasen lassen, angesichts dieser schieren Masse an völlig bekloppten Ideen und Bildern. Angeblich soll Leonardo Di Caprio diesmal die Rolle des Bösewichts übernehmen. Der trägt mittlerweile eine eisenere Maske. Alles klar, soweit?

Machete Kills (USA, 2013): R.: Robert Rodriguez; D.: Danny Trejo, Michelle Rodriguez, Mel Gibson, Lady Gaga, u.v.a.; Offizielle Homepage

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 11. November 2013

FlimmerCASTen # 13 - Fliegende Haie, fliegende Macheten und fliegende Haare

In unserer neuesten Ausgabe quatschen Antonia und ich über eine ganz besondere Gattung von Filmen. Längst werden Trashfilme nicht mehr nur vom niedrigen Budget geprägt, sondern sind zum Stilmittel avanciert. Was wir von "Sharknado" und "Machete" halten, hört Ihr hier!



Soweit unsere Ausschweifungen über den bildgewordenen Schrott. In der nächsten Ausgabe reden wir über Epic Endings!