Montag, 4. März 2013

Quellen des Lebens

Der deutsche Film steht an einem Wendepunkt. Es gab früher immer die großen deutschen Produktionen, die vor Starpower nur so strotzten und unfassbar hohe Budgets verschlangen. Hinter solchen Filmen stand früher meistens der Name Eichinger. Dann gab es die kleinen Produktionen, von denen außerhalb Deutschlands kaum jemand etwas mitbekommen hat. Beide Seiten hatten ihre Reize. Nun gibt es aber keinen Eichinger mehr und die deutsche Filmwelt steht sozusagen vor den Hinterlassenschaften des Großproduzenten; Einen Natascha-Kampusch-Film, der lange vor seinem Start schon in der Luft zerfetzt wurde und eine Constantin, die seit Jahren mit dem Bankrott kämpft. Höchste Zeit für einen neuen Weg, sollte man meinen. Doch es bleibt bei der bekannten Aufteilung und so kommt es, dass die beiden bedeutendsten deutschen Regisseure Andreas Dresen und Tom Tykwer heißen. Groß und Klein. Und Tykwer gibt derzeit mit X-Filme richtig Gas. Er hat innerhalb eines Jahres gleich zwei Großproduktionen absolviert. Nach „Cloud Atlas“ ist nun Oskar Roehler zurück mit einer beeindruckenden, filmischen Autobiographie.

Wir sind im Nachkriegsdeutschland. Der Soldat Erich Freytag kommt nach vielen Jahren vom Krieg nach Hause und findet hier mehr oder weniger alles in Trümmern. Die Fabrik im Ort ist zerstört und er merkt, dass seine Familie ganz und gar nicht begeistert ist über seine Rückkehr. Seine intrigante Schwester wirft er sofort raus und übernimmt wieder das Zepter. Als erstes baut er die Fabrik auf und produziert Gartenzwerge. Sein Sohn Klaus hat indes keine Lust, als Fabrikant zu arbeiten. Er will lieber Schriftsteller werden. Eines Tages lernt er die schöne Gisela kennen, eine Tochter aus sehr reichem Hause. Er verliebt sich sofort in sie, denn ihre lockere Art und ihre freien Gedanken, inspirieren ihn sehr stark. Später stellt er übrigens fest, sie ist weder locker, noch inspirierend; sie ist einfach verrückt. Mit ihr bekommt er einen Sohn – den Protagonisten der Geschichte – namens Robert. Robert erlebt eine sehr schwere Kindheit, denn die Mutter steigt selbst zur Starautorin auf und hurt sich durch die Highsociety im Berlin der 60er Jahre. Klaus ist völlig am Boden, denn er scheint als Autor weniger talentiert zu sein, als er dachte. Robert bleibt also die elterliche Fürsorge und Liebe verwehrt. Nach einem verheerenden Italien-Urlaub, nehmen ihn seine Großeltern wieder bei sich auf. Hier lernt Robert nicht nur das Nachbarmädchen Laura kennen, er erlebt das erste Mal Glück und eine Ahnung dessen, was ihm bisher versagt geblieben ist. Sein Vater kommt jedoch zurück und holt ihn wieder ab. Für Robert steht nach diesem glücklichen Sommer fest, er will sich nicht mehr mit seinem trostlosen Dasein abfinden. Er beginnt, zu rebellieren.

Dieser Film macht in jeder Hinsicht einen Rundumschlag. Beinahe lückenlos lässt er die historischen Ereignisse in Deutschland zwischen 1949 und den 70ern mit in die Handlung einfließen. Ausstattung und Kostüme sind gründlich recherchiert und die Darstellung der westdeutschen Gesellschaft mit allen überspitzten und angemessenen Elementen bildet ein verblüffend realistisches Zeitbild. Die spannende Familiengeschichte voller tragischer und komischer Momente füllt diese Kulisse und die manchmal etwas eigentümlichen Roehler-Anwandlungen machen den Film dann einzigartig.
Zum Beispiel gibt es am Anfang eine derart groteske Szene, die mich als Zuschauer erst einmal abschreckt und mich denken lässt, „Worauf hab ich mich da eingelassen“
Überhaupt wirkt das erste Drittel des Films total unwirklich. Die Kulissen sehen bühnenhaft aus, es gibt verblüffende Effekte durch Lichtverfremdungen und die Dialoge sind sehr knapp, geradezu hölzern. Mit fortschreitender Handlung werden die Bilder aber immer präziser. Roehler symbolisiert dadurch auf sehr schlichte und wirkungsvolle Weise die Unterschiede seiner eigenen Wahrnehmung als Kind und als Erwachsener. Ein großartiger Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlt. Abschließend sei noch zu bemerken, dass alle Schauspieler – die man im Übrigen alle irgendwie kennt und schon gesehen hat – nahezu perfekt besetzt sind und unglaubliche Leistungen vollbringen. Ich mag Jürgen Vogel zum Beispiel nicht mehr sehen. Seine Art, sein Gesicht, seine Rollen hatte ich einfach über. Hier spielt er unfassbar gut und zeigt nicht nur, was für ein guter Darsteller er noch immer ist, sondern auch, wie gründlich und präzise Oskar Roehler offensichtlich arbeiten kann. Dieser Effekt tritt bei allen Darstellern gleichermaßen verblüffend auf.

„Quellen des Lebens“ ist bombastisch, rührend, unterhaltsam und schockierend zugleich. Ein Epos, dass mit einer unerwarteten Leichtigkeit seine gigantischen Ausmaße ausbreitet. Sehr lange schon habe ich keinen deutschen Film mehr gesehen, der so viel richtig gemacht hat. Lange hat mich ein deutscher Film schon nicht mehr so begeistert und jede Minute des Films ist packend. Dabei scheint es ganz einfach zu gehen. Keinerlei Firlefanz mit digitalen Effekten. Keine Action, oder überzogener Slapstick. Ein Film, der einfach nur Geschichte erzählt. Toll!

Quellen des Lebens (D, 2013): R.: Oskar Roehler; D.: Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu, u.a.; M.: Martin Todsharow; Offizielle Homepage

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Freitag, 15. Februar 2013

Willkommen in der Bretagne

Ein Film, der funktionieren soll und den meisten Menschen, die ihn sehen, gefallen soll, hat es nicht einfach. Sehr viele Faktoren gilt es zu berücksichtigen, damit alles stimmt. Der Film sollte eine überzeugende und packende Story erzählen. Dafür eignet sich ein aktueller Bezug zur wirklichen Welt. Dadurch kann man sich als Zuschauer schneller mit den Figuren identifizieren. Je nach Thema ist also eine gewisse Ernsthaftigkeit angebracht. Zu ernst sollte es aber auch nicht werden. Nicht wenige Menschen gehen ins Kino, um sich unterhalten zu lassen. Ein paar auflockernde, oder witzige Passagen können dem Film also auch nicht schaden. Wenn das ganze obendrein noch von guten Schauspielern getragen wird und sich der Regisseur nicht scheut, mit ein paar Konventionen zu brechen, kommt ein nahezu perfekter Film dabei heraus, der innerhalb kürzester Zeit zum absolut Renner avanciert. „Ziemlich beste Freunde“ ist das perfekte Beispiel für einen solchen Film. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen, hat so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch gemacht werden kann.

Catherine arbeitet für den Staat und ist als Personalmanagerin in einem Krankenhaus in Paris angestellt. Eine kleine Klinik in der Provinz hat allerdings große finanzielle Probleme. Der dortige Personalchef wird entlassen und Catherine soll seinen Posten übernehmen. Sie ist bekannt dafür, Wunder zu vollbringen, und konsequente und nachhaltige Finanzpläne aufzustellen. Nun muss sie also in die Provinz und findet es hier recht traurig. Das Krankenhaus ist hoffnungslos verschuldet und Catherine steht eine trostlose Aufgabe bevor. Zufällig freundet sie sich mit ein paar Schwestern von der Entbindungsstation an, die sich nach der Arbeit immer zum Bowling treffen. Hier nun lernt Catherine die eigentliche Herzlichkeit und auch Eigenheit der Bretonen kennen. Zunächst noch etwas distanziert, taut Catherine schnell auf und fühlt sich schnell wohl. Doch dann kündigt der Leiter des Krankenhauses an, die Entbindungsstation zu schließen. Die neue Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.

Der Originaltitel des Films lautete „Bowling“. Das war ganz okay. Man konnte sich zwar schon fast denken, worum es ging, aber ein bisschen neugierig hat der Titel schon gemacht. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen lässt sofort in eine Richtung denken, die der Film am Ende gar nicht einschlägt. Soll der Titel suggerieren, dass die Bretonen ein total ungewöhnliches Völkchen sind? Die Sch'tis, zum Beispiel, sind auf ihre Art wirklich speziell und nicht ganz dicht. Die Bretonen hingegen sind total ausgeglichen und ganz und gar nicht verrückt. Sie sind ganz normale Leute, die ein ganz normales Leben führen, welches zu großen Teilen eben außerhalb Paris' statt findet. Der Film dichtet den Bretonen also Eigenschaften an, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben – und die auch im Film kaum noch zum Tragen kommen. Das fiese ist, dass der Zuschauer sofort in diese versnobte Perspektive gedrückt wird, die wahrscheinlich der Schickeria und der Yuppie-Bagage aus den Pariser Edelvierteln entspringt. Alles, was außerhalb der Hauptstadt liegt, ist dörflich - gradezu bäuerlich.
So ärgere ich mich also schon über den Film, noch bevor der Vorspann abgelaufen ist.
Dann macht Catherine relativ früh eine Bemerkung über das Wetter, und darüber, wie trostlos es in der Bretagne sei. Dem unbedarften Zuschauer fällt auf: Hier ist es wunderschön. Eine tolle Landschaft und ein hübsches kleines Städtchen mit hübschen kleinen Häuschen. Herrlich! Die verwöhnte Pariszicke findet's eben schrecklich und trostlos. Wir Bauern!
Der Rest der Geschichte ist relativ vorhersehbar, aber okay. Keine Überraschungen, aber wenigstens schlüssig und relativ rund. Das einzige, was etwas verunglückt ist, ist die Sache mit dem Bowling. Das Bowlingmotiv steht irgendwie neben der Story und der Bezug wirkt krampfig. Ein Jammer, denn das Bowling ist schön geworden und kann als einziger Part im Film Emotionen transportieren.
Der aktuelle Bezug wird von der Finanzkrise besorgt. Die Finanzpläne Catherines werden mit einem Aufstand quittiert, der so künstlich und von Pappe wirkt, als sei er direkt aus „Westside Story“ geklaut. Das setzt dem Ganzen die Krone auf.

Lahm, uninspiriert, krampfhaft! So kann man „Willkommen in der Bretagne“ am besten beschreiben. Der Film will zu viel sein, was er nicht sein kann. Stattdessen hätte man sich auf die eigenen Elemente konzentrieren sollen. Warum Gesellschaftskritik und schrullige Provinzler rein packen, wenn es doch eigentlich um Bowling geht? Warum hat man sich entschieden, ein lahmes und charakterloses Filmchen zu machen, anstatt einen frischen und knalligen Kracher? Warum hat man es nicht genau so gemacht, wie bei „Ziemlich beste Freunde“?

Bowling (F, 2012): R.: Marie-Castille Mention-Schaar; D.: Catherine Frot, Mathilde Seigner, Firmine Richard, u.a.; M.: Erwann Kermorvant; Offizielle Homepage

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Dienstag, 12. Februar 2013

Flight

Robert Zemeckis gehört zur viel gerühmten Spielberg-Connection. Das ist eine Gruppe von Filmemachern, die vor allem in den 80er Jahren ein ganz bestimmtes Konzept des Geschichtenerzählens auf die Kinoleinwand transportieren konnten. Dieser Stil wird seitdem immer mit dem typischen Hollywood-Film assoziiert. Neben Spielberg zählte man George Lucas, Joe Johnston und Francis Ford Coppola zur Connection. Zemeckis knallte dem Publikum stets schrille und kreischend bunte Filme vor den Latz. „Zurück in die Zukunft“ etablierte 1985 eine der kultigsten Filmreihen der 80er und in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ gelang Zemeckis ein technischer Meilenstein. „Forrest Gump“ revolutionierte 1994 das Storytelling moderner Hollywood-Produktionen und – auch wenn dieser Schritt durchaus kontrovers diskutiert wurde – Zemeckis' Verfahren von Motion-Capturing und CGI-Animationen war richtungsweisend für die digitale Filmtechnik. Warum nur, kann sich kein Mensch den Namen Zemeckis merken? Nun ist er wieder da – mit einem Realfilm; und Denzel Washingtion.

Whip Whitaker ist Pilot. Mehr, als das! Er ist der beste Pilot, den die zivile Luftfahrt derzeit kennt. Er hat mehr Flugstunden im Hintern, als die meisten seiner Kollegen und seine Erfahrung hilft ihm in jeder nur möglichen Situation. So auch an diesem Morgen. Bei einem Inlandsflug nach Atlanta gilt es, ein heftiges Unwetter zu durchfliegen. Die Anzeigen im Cockpit raten zum Kurswechsel, doch Whip erkennt in der Wolkenformation vor ihm eine Lücke und weiß, dass hinter dieser Lücke der freie Himmel wartet. Entgegen einiger Vorschriften und sämtlicher Daten, behält er recht. Nach ein paar Minuten ungemütlichen Gewackels, liegt der Flieger ruhig in der Luft und alles ist gut.
Währenddessen lernen wir Nicole kennen. Sie hat ein ernstes Drogenproblem und ist bereit, für ein paar Gramm Heroin, beinahe alles zu tun. Ihr Dealer arbeitet ausgerechnet als Produzent an einem Porno-Set.
Wieder im Flugzeug bricht plötzlich das Chaos aus. Es ertönt ein Knall und die Maschine schmiert ab. Dank seiner Fähigkeiten gelingt es Whip tatsächlich, die beschädigte Maschine zu landen und die meisten Passagiere zu retten. Alle sind sich einig, dass alle Fluggäste und noch viel mehr Menschen eines grausamen Todes gestorben wären, hätte ein anderer Pilot am Steuer gesessen. Die Nachuntersuchung ergibt jedoch beunruhigende Fakten. Offensichtlich war Whip während des Fluges betrunken. Eine Anhörung wird einberufen.

Es ist schon ein bisschen gemein, bei diesem Film, den Regisseur als Aufhänger zu nutzen. Aber Denzel Washington kennt jeder und er ist in diesem Film erwartungsgemäß gut und so überzeugend, wie man es aus vielen seiner bisherigen Auftritte gewohnt ist. Seine Leistung ist indiskutabel und bedarf keiner weiteren Worte.
Robert Zemeckis nun hat sich entschieden, seine fragwürdigen Projekte noch einmal zu verschieben. Eigentlich wollte er nur noch Animationsfilme produzieren – ganz im Stile von „Der Polarexpress“ oder „Die Legende von Beowulf“. „Flight“ erzählt eine Geschichte, die auf mehreren wahren Begebenheiten beruht. Es hat wirklich einen Piloten gegeben, der in einer ähnlichen Situation ein ähnlich waghalsiges Manöver vollführt hat, wie es im Film zu sehen ist. In Wirklichkeit ist das Manöver leider nicht geglückt. Ebenso gab es einen Piloten, der auf halber Strecke von Athen nach Paris feststellte, dass der Sprit nicht reicht und er hat es tatsächlich geschafft, mehrere hundert Kilometer zu segeln und trotz Bruchlandung alle Passagiere zu retten. Diesem Piloten erging es im Übrigen ähnlich, wie Whip. Durch sein Handeln hat er das Flugzeug nämlich erst in diese gefährliche Situation gebracht.
„Flight“ ist ein Suchtdrama im klassischen Sinne. So, wie die Hauptfigur, leidet man als Zuschauer mit. Es gibt die typischen Aufschwünge und niederschmetternde Abfahrten. Der Held fällt von ganz oben nach ganz unten und nur hier findet er die Kraft, wieder aufzustehen. Ganz klassisch eben. Den Hingucker des Films findet man im Rahmen der Geschichte – genauer gesagt am Anfang des Films. Robert Zemeckis hat schon in „Cast Away“ bewiesen, dass er ein Händchen für beängstigende aber realistische Flugzeugabstürze und deren filmischer Darstellung hat. In „Cast Away“, zum Beispiel, saß man mit im Flugzeug. Und obwohl nichts umherflog und niemand raus gesaugt wurde und niemand in kopflose Panik verfiel – obwohl Zemeckis also auf die üblichen Motive einer solchen Szene verzichtete – war diese Sequenz eine der eindrucksvollsten Momente, die ich je in einem Film gesehen habe. In „Flight“ übertrumpft Zemeckis sich selbst und liefert eine noch beängstigendere Absturzszene. Das Problem an diesem Motiv ist, dass es bisher wenig Überlebende einer echten Flugzeugkatastrophe gibt. All die Angst und der Horror, den wir uns nur vorstellen können, steckt nun in dieser Szene und hat sich mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. Sie ist dermaßen wirkungsvoll, dass ich im Moment nicht weiß, ob ich – als jemand, der unter einer gewissen Flugangst leidet – jemals wieder halbwegs ruhigen Gewissens – oder nüchtern – in einen Flieger steigen kann. Vielen Dank, Mr. Zemeckis!
„Flight“ entspricht genau dem, was man unter einem typischen Hollywood-Film versteht. Erstaunlich, dass Zemeckis diese Eigenschaft nach so vielen Jahren immer noch aufrecht erhalten kann. Außerdem erzählt der Film die Geschichte über einen Menschen, der trotz immenser Fähigkeiten so verletzlich ist, wie es ein Mensch nur sein kann. Das mag nichts Neues sein – schon gar nicht im Kino – aber es ist eindrucksvoll dargestellt und wird von einer der spektakulärsten Flugzeugszenen aller Zeiten gekrönt. Oscarverdächtig? Eher weniger. Die Konkurrenz in den nominierten Kategorien ist zu stark. Sehenswert? Wenn man nicht vor hat, in nächster Zeit zu verreisen, sollte man diesen Film keinesfalls verpassen.

Flight (USA, 2012): R.: Robert Zemeckis; D.: Denzel Washington, Kelly Reilly, John Goodman, u.a.; M.: Alan Silvestri; Offizielle Homepage

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Silver Linings


David O. Russell hatte mit seinem letzten Film „The Fighter“ einen erstaunlichen Erfolg gemeistert. Für das Drehbuch von Scott Silver gab es einen Oscar, für die Regie jedoch nicht. Die beiden Nebendarsteller Christian Bale und Amy Adams heimsten die Trophäen ein, sein von Russell extra gecoachter und an seine Grenzen gehender Hauptdarsteller, Mark Wahlberg, ging jedoch leer aus. „The Fighter“ war ein Paradebeispiel für Fehleinschätzungen des Potentials im eigenen Film. Die Dinge, die den Film so besonders gemacht haben, spielten während der Produktion für Russell eine eher untergeordnete Rolle.
Im neuesten Werk „Silver Linings“ scheint das gleiche wieder zu passieren. Diesmal jedoch mit Absicht.

Pat  sitzt in der Nervenheilanstalt. Nicht etwa, dass er freiwillig hier wäre, oder ernsthaft krank. Er ist allerdings extrem traumatisiert. Er führte eine Bilderbuchehe mit einer wunderschönen Frau. Eines Tages kommt er nach Hause und erwischt sie mit einem seiner Kollegen unter der Dusche. Im Hintergrund läuft übrigens der Song, den die beiden auf ihrer Hochzeit haben spielen lassen. So eiskalt und böse das zunächst erscheint, so verständlich scheint seine Reaktion zu sein. Er prügelt den Nebenbuhler grün und blau. Die Frau fühlt sich extrem bedroht und lässt ihren wütenden Ehemann einliefern. Nach einigen Monaten kommt Pat endlich raus und wird von seinen Eltern zu Hause aufgenommen. Der Vater ist ein pathologischer Spieler und hat schon sehr viel Geld und Ehre bei Wetten auf Baseballspiele verloren. Er hält seinen Sohn für einen Glücksbringer, denn immer wenn der sich im Raum befindet, scheint sich das Glück für den Vater zu wenden.
Pat hat jedoch ein ganz anderes Ziel. Er will seine Frau zurück. Da lernt er Tiffany kennen, die auf ihre Weise einen ganz ähnlichen Dachschaden hat. Sie fragt Pat, ob er ihr bei einem Tanzwettbewerb beistehen kann, wenn sie ihm dafür hilft, mit seiner Frau wieder zusammen zu kommen.

Die Story ist schnell durchschaut und entpuppt sich als eine gewöhnliche Liebesgeschichte, nach ganz klassischem Muster. Die wenigen markanten Charaktereigenschaften der Protagonisten halten die Originalität nur mit größter Mühe auf einem erträglichen Level. Viel zu oft rutscht der Plot ins Banale ab und der Zuschauer wird nur von großen Aktionen der Figuren vor dem Desinteresse bewahrt. Pat zertrümmert eine Stereoanlage. Pat prügelt sich mit Hooligans. Pat wirft einen ausgelesenen Hemmingway durch die Fensterscheibe, weil er das Ende kacke findet. So etwas eben. Das Besondere in diesem Film ist die Leistung aller Darsteller. Bradley Cooper ist nach ausschweifenden Eskapaden in Hangover eigentlich schon abgestempelt gewesen als Slapstick-Trottel vom Dienst. Jennifer Lawrence hat zwar eine beeindruckende Leistung in „Winter's Bone“ absolviert, hat seitdem aber vor allem in mäßig erfolgreichen Blockbusterkrücken mitgespielt. So etwas schabt am Image einer ernstzunehmenden Schauspielerin. Zu guter Letzt: Robert De Niro hat seine große Zeit hinter sich. Seine Auftritte wurden zunehmend nur noch auf seine bloße Anwesenheit reduziert. Seine Rolle als Simon Silver in „Red Lights“ zum Beispiel barg so viel Potential und er hat es starren Blickes einfach verpuffen lassen.
Alle drei Schauspieler zeigen in „Silver Linings“, dass sie es noch immer drauf haben. Mag die Geschichte voll an Klischees und Plattitüden sein – ja regelrecht amerikanisch – die Schauspieler schaffen es, dem Film eine besondere Note zu geben. Der Film lebt davon und spielt die markanten Eigenschaften der Menschen hinter der Rolle gekonnt aus. Konsequenterweise wurden alle drei mit Nominierungen für die kommende Oscar-Verleihung belohnt. Die Academy scheint über die eklatanten Schwächen des Drehbuchs hinweg sehen zu können und die Stärke der Produktion zu sehen. Nun steht natürlich die Frage im Raum, ob ein Film, der allein von der Vitalität und vom Charisma der Schauspieler lebt, überzeugen kann. Er kann es nicht. Wie man schon oft gehört hat, kann selbst der beste Regisseur große Schwächen eines Skripts nicht ausbügeln. Tragischerweise handelt es sich in „Silver Linigns“ bei Regisseur und Drehbuchautor um die selbe Person.

„Silver Linings“ ist oberflächlich und erzählt eine aufgewärmte Geschichte mit nicht eben originellen Einfällen zum tausendsten Mal neu. Beeindruckend sind dagegen um so mehr die drei Hauptdarsteller, die mit einer immensen Ausdauer und Stärke gegen die Defizite des Films anstürmen und sich dadurch zu etwas wirklich Besonderen machen. Und da ist sie wieder einmal: Die Magie Hollywoods, die dafür sorgt, dass ich sage: Allein diese drei Schauspieler rechtfertigen schon den Kinobesuch.

Silver Linings (USA, 2012): R.: David O. Russell; D.: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, u.a.; M.: Danny Elfman; Offizielle Homepage

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Montag, 21. Januar 2013

Django Unchained

Es ist ein kleines Wunder, dass die ganze Welt in helle Aufregung gerät, wenn Quentin Tarantino einen neuen Film gemacht hat. Das war nicht immer so. Tarantino hat klein angefangen. So klein, wie man es sich nur vorstellen kann. Er hatte als Jugendlicher einen Job in einer Videothek und kam dort in den Genuss hunderter Filme. Als Kind ging er in sogenannte Grindhouse-Kinos. Dort wurden Filme gezeigt, die weit hinter B-Produktionen standen. Diese Trashwerke beeinflussten Tarantino sehr. Seine ersten Gehversuche als Filmschaffender sahen also auch entsprechend aus. Der erste Film, bei dem er Regie führte, hieß „Lovebirds in Bondage“ und erblickte nie das Licht der Öffentlichkeit. Vor der Vollendung, verbrannte der Film. Erstaunlicherweise – oder viel mehr unglaublicherweise – erging es seinem zweiten Projekt, „My Best Friend's Birthday“, genau so. Zwei Drittel des Filmes wurden bei einem Studiobrand vernichtet. Der dritte Versuch gelang und machte Tarantino zum Geheimtipp für Neues, Frisches, Cooles und manchmal total Verrücktes. In seinem ersten vollendeten Film „Resevoir Dogs“ zeigte sich bereits all das, was spätere Filme Tarantinos so speziell machte. „Resevoir Dogs“ war eine Blaupause für das gesamte Schaffen, des Künstlers. Dieses Schaffen wird nun von einem neuen Höhepunkt geprägt: „Django Unchained“

Der Süden der USA, irgendwann in den 1850er Jahren. Es ist Winter und es ist kalt. Zwei berüchtigte Sklavenhändler-Brüder sind mit einer kleinen Gruppe unterwegs durch den Winterwald. Sie haben frische Sklaven erworben und wollen sie nun weiter verkaufen. Der grausame Marsch wird jäh unterbrochen, als die Gruppe auf einen Zahnarzt trifft. Sein Name ist Dr. King Schultz und er ist auf der Suche nach einem ganz besonderen Sklaven. Schultz ist schon längst kein praktizierender Arzt mehr, sondern Kopfgeldjäger. Er braucht Django, weil dieser der einzige Mensch zu sein scheint, der die nächsten Ziele des Doktors schon einmal gesehen hat und sie identifizieren kann. Die beiden Sklavenhändler sind allerdings nicht sonderlich kooperativ und wollen Django nicht verkaufen. Doktor Schultz weiß jedoch, sie adäquat zu überzeugen und zieht mit Django los. Relativ schnell schließen die beiden einen Pakt und Django ist bereit, Schultz zu helfen, will aber auch eine Gegenleistung. Der berüchtigte Calvin Candie hat nämlich die Frau von Django in seinem Besitz und Django will sie um jeden Preis retten. Calvin Candie ist allerdings dafür bekannt, ein besonders grausamer Farmer zu sein, und auch dafür, nie etwas zu verkaufen, wenn er es für wertvoll hält, oder er merkt, wie wertvoll es für jemand anderen zu sein scheint. Ein raffinierter Plan und subtiles Vorgehen sind also von Nöten.

Es ist interessant, dass Tarantino in vielen seiner früheren Filme immer wieder um das Genre des Western herum getänzelt ist und er immer wieder Zitate mit eingeflochten hat, auch wenn diese scheinbar gar nicht dort hin gehörten. Besonders in „Inglorious Basterds“ gab es immer wieder Szenen, die diesem Genre entliehen waren. Nun hat Tarantino es also endlich getan und präsentiert mit „Django Unchained“ einen Western, der auch noch eine Art Remake eines absolut klassischen Vertreters dieser Filmgattung darstellt. Als erstes fällt auf, dass Tarantino einige typischen Stilmittel einfach aufgibt. So wird die Episodenform aufgelöst und die Story folgt einer ungewöhnlich stringenten Linie. Außerdem hat Tarantino extrem viel Aufwand in die Ausstattung gesteckt. Wir sehen fantastische Aufnahmen an Originalschauplätzen und sämtliche Kulissen und Kostüme sind sehr detailliert designt und aufgebaut.
Selten zuvor hat man erlebt, dass Tarantino der reinen visuellen Ebene seiner Filme so viel Aufmerksamkeit widmet
Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist der Rest typisch Tarantino. Ausgeprägte und verrückte Figuren. Jeder von ihnen hat irgendwas Abgefahrenes und Überzeichnetes an sich. Django, der ehemalige Sklave, schert sich selten um das Schicksal seiner Leidensgenossen; viel mehr scheinen die ihm egal zu sein, so lange er seine Rache bekommt. Das Motiv mit der geliebten Ehefrau scheint all zu oft nur als Entschuldigung zu dienen. Oft ist Django genau so skrupellos und grausam, wie die, an denen er sich rächen will. Nicht weniger grausam ist Doktor Schultz, der seine Gewaltausbrüche aber in typischer Christoph-Waltz-Manier durch witzige Exkurse zu kaschieren weiß. Bei Waltz scheint alles nebenbei zu passieren; die Gewalt, der Humor, das Essen und Trinken; das Leben. Im Gegensatz zu seiner Darstellung des bösen Nazigenerals aus „Inglorious Basterds“, zeigt Schultz aber des Öfteren Menschlichkeit, die sogar zum Schlüsselelement avanciert.
Tarantino wurde Rassismus vorgeworfen. Diese Vorwürfe kamen allerdings nur aus Richtung der schockierten Amerikaner. Das Wort „Nigger“ würde so häufig benutzt werden, wie sonst nie. Folgerrichtig muss der Film also rassistischen Inhalts sein. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Tarantino einfach erneut sehr gründlich recherchiert hat, um den Zeitgeist dieser Epoche ein zu fangen. Möglicherweise ist ihm das besser gelungen, als die amerikanischen Zuschauer verkraften wollen. Aus meiner Sicht zeigt Tarantino eine etwas übertriebene und künstlerisch gestaltete Version der Wahrheit. Und mit der können viele Amerikaner wohl immer noch nicht so recht umgehen.

Ist „Django Unchained“ gut? Diese Frage wurde mir oft gestellt, seit ich den Film gesehen habe. In dieser Frage spiegelt sich die Skepsis wieder, ob es Tarantino nach dem überragenden „Inglorious Basterds“ wirklich noch einmal geschafft haben könnte, eine Schippe drauf zu legen. Ich kann nun antworten: Ja, er ist gut. Aber ist er besser? Ich tue mich schwer, bei Tarantinos Filmen zu sagen, welcher besser, oder schlechter ist. Jeder seiner Filme steht immer ganz für sich und er nähert sich unterschiedlichen Themen auf einzigartige Weise. Mir gefällt seine Kunst, denn für mich ist er in erster Linie Künstler und nicht unbedingt Filmemacher, oder Handwerker. Und wem gelingt schon die witzigste Kukluxklan-Szene der Filmgeschichte, wenn nicht einem Künstler?

Django Unchained (USA, 2012): R.: Quentin Tarantino; D.: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Don Johnson; Offizielle Homepage

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Dienstag, 15. Januar 2013

Beasts Of The Southern Wild

Es war die erste große Überraschung in diesem Jahr und entwickelte sich in rasanter Geschwindigkeit vom niedrig budgetierten Außenseiterprojekt zum Geheimtipp zahlreicher renommierter Festivals. Der Name Sundance ziert das Plakat und garantiert so ein kreatives und alternatives Filmerlebnis. Dann kam die überraschende Nachricht, dass der Film zahlreiche Oscar-Nominierungen erhalten hat. Unter Anderem geht „Beasts of the Southern Wild“ ins Rennen um den Preis für den besten Film und für die beste Hauptdarstellerin. Ebenso schnell war ich angefixt und ganz wild auf den Film – und noch schneller kam die Ernüchterung.

Wir sind irgendwoim Süden der USA in den Sümpfen. Genauer gesagt, befinden wir uns in der kleinen Siedlung Bathtub. Hier lebt das kleine Mädchen Hushpuppy mit ihrem Vater. Die Leute in Bathtub sind ein eigenes Völkchen. In ihrer Isolation sehen sie einen Segen und lieben ihre Heimat, auch wenn diese nicht mehr als eine Ansammlung stinkender Sümpfe darstellt – zumindest für Außenstehende. Hushpuppy kennt das Leben in ihrer Welt und harmoniert mit ihrer Umgebung so sehr, dass ein Lächeln reicht, um einen Fisch zu fangen. Eines Tages kommt ein großer Sturm, der den Bewohnern von Bathtub keinerlei Angst bereitet. Im Gegenteil. Sie freuen sich darauf und sagen sich: „Wenn das Wasser zurück kommt, um sich zu holen, was ihm früher schon zu stand, dann werden wir die letzten sein, die etwas dagegen tun werden.“
Und so ist es dann auch. Der Sturm überflutet alles und Hushpuppy, ihr Vater und einige andere Bewohner des Ortes, ziehen sich in ein kleines Lager zurück, wo sie fortan leben. Doch die Menschen von der anderen Seite des Dammes wollen das Gebiet zwangsevakuieren und der Sturm hat obendrein noch ein paar urzeitliche Bestien zu tage gefördert.

Beasts Of The Southern Wild“ ist der erste Spielfilm der Künstlergruppe „Court 13“, die in den letzten Jahren mit einigen aufregenden Kurzfilmen auf sich aufmerksam machte. In diesen Kurzfilmen bedienten sich die Bilder einer ganz besonderen Sprache und vor allem die Art und Weise, wie digitale Effekte mit realen Bildern harmonierten, war etwas Besonderes und ein echter Hingucker. In Verbindung mit der ungewöhnlichen Geschichte und den Bildern, die sich automatisch im Kopf etablierten, versprach dieser Film ein echtes visuelles Highlight zu werden und das Kinojahr mit einem Knall zu eröffnen. Von den visuellen Fähigkeiten des Künstlerkollektives ist während des gesamten Filmes kaum etwas zu sehen. Schlimmer noch; das niedrige Budget zwang die Filmemacher dazu, nicht nur an Ausstattung und Kostümen zu sparen, sondern offensichtlich auch an Filmmaterial und Ausrüstung. Einige Einstellungen und Szenen sind mit ganz einfachen Digitalkameras aufgenommen und das Bild wackelt so sehr, dass man fast nichts zu erkennen vermag. Andere Bilder wirken dafür wiederum total perfekt komponiert. Wenn zum Beispiel die urzeitlichen Viecher in Suprazeitlupe durch das Dickicht streifen, sieht das schon beeindruckend aus. Ebenso beeindruckend ist eine kurze Szene in einem Nachtclub, der auf Stelzen in Mitten der Wassermassen immer noch geöffnet hat.
Derartige Momente kommen aber viel zu selten. Stattdessen sehen wir kitschige Bilder vom kleinen Mädchen – der Heldin des Filmes – die mit ihren sechs Jahren nie aufgibt und immer weiter kämpft. Nur wofür sie das tut, wird nicht klar. Ihr Blick spiegelt häufig den Zweifel wider, wenn sie von ihrem zu Hause spricht. Ist ihr zu Hause nicht eigentlich im Schlamm versunken?
Die Metaphern, die der Film entwirft, sind ebenfalls nicht besonders einfallsreich. Klar! Wir haben es relativ schnell kapiert, dass es sich um die Katrina-Thematik handelt und die Urzeitviecher stehen für die bösen Behörden, die Hushpuppy aus ihrer Heimat verschleppen wollen. Angesichts der Absurdität der Lebensphilosophie des Vaters, die in keinster Weise nachvollziehbar ist, sondern einfach nur idiotisch und lebensmüde, ist man sogar gewillt, den paramilitärischen Beamten, oder eben den Auerochsen, einfach recht zu geben und zu sagen: „Nun lasst euch halt retten. Ist doch egal!“
Für das amerikanische Publikum ist es sicher ein Fest, diese simplen Sinnbilder zu sehen und es ist viel einfacher, derartige politische und auch gesellschaftliche Kritik in Zuckerwatte zu packen und mit sich überschlagender Stimme kreischend auf das kleine süße und so tapfere Mädel zu zeigen und zu sagen: „Sie ist so stark. Wäre ich nur auch so stark“

So gesehen kann man sich als enttäuschter Kritiker noch weiter hineinsteigern und dem Film offen praktizierten Patriotismus vorwerfen und sagen, der Film verharmlose die wirklich schrecklichen Zustände in den Überschwemmungsgebieten des Hurrikans. Ja, genau! So gesehen ist der Film patriotischer – und damit schlimmer – als ein „Zero Dark Thrity“. So einem Film sieht man es sofort an, dass hier lediglich die umstrittene Außenpolitik der vereinigten Staaten gerechtfertigt werden soll. Einem kleinen sechsjährigen Mädchen mit feuchten Kulleraugen jedoch nicht.

Beasts Of The Southern Wild (USA, 2012): R.: Ben Zeitlin; D.: Quvenzahne Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly, u.a.; M.: Court 13; OffizielleHomepage

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Montag, 14. Januar 2013

Nachgereicht: In ihrem Haus

Einige Regisseure sind seit vielen Jahren im Geschäft. Sie haben nicht nur die aufregendsten Entwicklungen im Medium Film mit erlebt und überlebt, sie haben sie stets mit gestaltet und geprägt. Einige von diesen Altmeistern sind mit der Zeit mit gegangen, haben neue Techniken ausprobiert und haben sich angepasst. Andere sind bei dem geblieben, was sie schon immer gemacht haben und wirken deshalb heutzutage vielleicht etwas altmodisch. Woody Allen muss zum Beispiel gar nichts an seinem Stil ändern und kann sich voll und ganz auf seinen Stil des Geschichtenerzählens konzentrieren. Weil eben ein Woody Allen schon immer auf die gleiche Art Filme gemacht hat, hat er sich im Laufe der vielen Jahre einen festen Stamm von Fans angesammelt. Diese Fans wollen nichts Neues und wären regelrecht verärgert, wenn Allen jetzt beispielsweise einen rasanten Thriller machen würde.
Francois Ozon ist sicherlich genau so bedeutend, wie Woody Allen. Er hat dafür gesorgt, dass der französische Stil das ist, was er heute ist – im Guten, wie im Schlechten. Seine Filme waren irgendwie immer eine Mischung aus bierernster Gesellschaftsstudie und regelrecht grotesken Musicaleinlagen. So merkwürdig das klingen mag, Ozon ist ein unverzichtbarer Vertreter des typischen, französischen Films. Und der Altmeister ist immer noch aktiv und liefert regelmäßig neue Filme ab. Er wagt allerdings immer mal wieder Experimente und versucht sich auf Gebieten, die er bisher noch nicht so ausführlich bewandert hat. Mit „In ihrem Haus“ hat er sich tatsächlich an einem Thriller versucht – ohne Gesangseinlagen.

Germain ist Lehrer für Literatur und unterrichtet eine zehnte Klasse. Er hat sich vorgenommen, den jungen Menschen seine Begeisterung für die Sprache zu vermitteln. Die Schüler sind allerdings wenig motiviert und für die meisten bedeutet sein Unterricht nicht viel mehr, als die Zeit ab zu sitzen. Der zurück gezogene Claude allerdings, zeigt Talent. In einem Aufsatz über sein Wochenende beschreibt er wortgewandt, wie er einen Mitschüler zu Hause besucht, um ihm Nachhilfe zu geben. Etwas am Schreibstil des Jungen erweckt das Interesse des Lehrers und er ermutigt ihn, weiter zu schreiben. Die Geschichte des Mitschülers und seiner Familie entwickelt sich allerdings in eine merkwürdige Richtung. Germain realisiert nicht, dass die Dinge, die Claude schreibt keineswegs nur ausgedacht sind. Germain steigert sich immer mehr herein. Erst, als ihn seine eigene Frau auf die gefährliche Wendung aufmerksam macht, will er das Schreibexperiment stoppen. Aber dafür ist es bereits zu spät. Claude hat sich in den Kopf gesetzt, die Geschichte um die Familie fertig zu schreiben und nimmt dafür auch in Kauf, das Leben der Familie zu zerstören.

Die Geschichte wird langsam begonnen und die Figuren werden auf klassische Weise vorgestellt. Hier sind keine Quantensprünge zu erwarten. Der biedere Literaturlehrer sieht lustigerweise wirklich ein bisschen aus, wie Woody Allen und hat in der deutschen Fassung sogar dessen Synchronstimme.
Auch der typische Klassenmob, bestehend aus lärmenden Proletenkindern darf nicht fehlen, ebenso wenig, wie der melancholische Blick in die tiefen Augen des des besonderen Schülers. Der Film geizt also nicht mit Klischees und auch die Story ist recht vorhersehbar, wird zwischendurch allerdings noch aufgelockert mit einer Nebenhandlung, in der Germains Frau auf recht unterhaltsame Weise nach neuen Künstlern für ihre angeschlagene Galerie sucht. All das plätschert aber nur so vor sich hin und bietet einen mäßig dynamischen Spannungsbogen. Fabrice Luchini wirkt in seinem Spiel irgendwie festgefahren. Er bewegt sich in einem enorm engen Rahmen und sein Repertoire an Mimik und Gestik ist selten abwechslungsreich. Ob er nun den überzeichneten Fabrikbesitzer in den bunten 60ern spielt, oder eben einen frustrierten Literaturlehrer, scheint für ihn keinen großen Unterschied zu machen. Da hilft leider auch nicht eine so charismatische und intensive Schauspielerin, wie Kristin Scott Thomas an seiner Seite.
Der Film lässt relativ schnell die Hosen herunter und man gibt ebenso schnell die Hoffnung auf, dass noch etwas spannendes passiert. Leider geht auch das Ende des Films gründlich vor den Baum. Erst wird ein absurder Mindfuck provoziert und dann will Ozon sehr krampfig noch einmal das Ruder herumreißen und konstruiert ein quasi-Happy-End, welches gar keinen Sinn mehr ergibt.

So wenig ich mit früheren Ozon-Filmen anfangen konnte, habe ich es doch immer irgendwie akzeptiert, weil er über so viele Jahre seinem Stil treu geblieben ist. Mit aller Gewalt hat er hier versucht, etwas neues zu schaffen, hat aber lediglich Altbackenes aufgewärmt. Vielleicht sollte in seinem nächsten Film doch wieder gesungen werden. Die Groteske – ob nun absichtlich, oder unfreiwillig – passt besser zu dem Bild, welches ich von Ozon und der filmischen Epoche, der er angehört, in meinem Kopf gezeichnet und gespeichert habe.

Dans La Maison (F, 2012): R.: Francois Ozon; D.: Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, u.a.; M.: Philippe Rombi; OffizielleHomepage

Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf RadioLotte Weimar.