Biopics funktionieren immer. Ganz gleich, um welche Person es sich handelt, deren Leben da verfilmt wird. Meistens geht es um unnahbare oder historische Figuren; Menschen, denen man normalerweise einfach nie begegnet, um sie zu fragen, wie ihr Leben so ist. Der Zuschauer ist also neugierig und erhofft sich, tiefe Einblicke in die Seele dieser ominösen Person. Besonders neugierig ist man bei Personen, die irgendwie geheimnisvoll daher kommen. Alfred Hitchcock zum Beispiel ist als „Meister des Suspense“ einer der berühmtesten Filmregisseure der Welt gewesen. Eine Biographie über ihn gewährt nicht nur Einblicke in seinen Geist, sondern auch Einblicke in die Welt des Films. Das funktioniert also doppelt so gut, wie andere Biopics. So hofft man zumindest.
1959, Hollywood. An diesem Abend feiert der neue Film von Alfred Hitchcock seine Premiere. Die Menschen überschlagen sich mit Lob und man ist sich einig, „Der unsichtbare Dritte“ ist Hitch's erfolgreichster und bester Film. Der Meister lässt sich feiern und ruht sich dann eine Woche aus. Doch dann kommt bereits die Unruhe. Er muss weiter machen. So begibt er sich auf die Suche nach einer neuen Idee. Zahlreiche Angebote von großen Studios muss er ablehnen, weil sie ihn schlicht nicht interessieren. Der Fall des Serienkillers Ed Gein beschäftigt derzeit die Medien und auch Hitch ist vollkommen fasziniert von diesem Mann. Er will einen Film über dieses Thema machen, denn ihn interessieren die Motive und das Denken des Killers und dessen unerklärliche Affinität zu seiner Mutter. Zufällig gerät ein Exemplar des neuen Romans „Psycho“ in seine Hände, der genau diese Fragen beantwortet. Hitchcock ist sich sicher, das muss sein nächster Film werden. Die Studiochefs sind nicht so begeistert. Paramount hält es für geschmacklos und ist sich sicher, dass so einen Film niemand sehen will. Auch, wenn Hitchcock ein absoluter Meister seines Fachs ist, ist er nicht immer ein Garant für kommerziellen Erfolg gewesen. Zu schmerzich sitzt noch die Erinnerung an den gefloppten „Vertigo“.
Hitch ist aber wild entschlossen und finanziert den Film kurzerhand selbst. Doch bevor es losgehen kann, muss die Zensurbehörde das Siegel erteilen und noch mehr Schwierigkeiten stehen Hitch bevor. Schnell wird allen Beteiligten klar, dass „Psycho“ in jeder Hinsicht sein gewagtester Fiml werden wird.
Biopics müssen sich entscheiden, was sie sein wollen. Wollen sie ein eigenes Kunstwerk sein, oder die Geschichte eines Menschen so erzählen, wie sie geschehen ist? Mit etwas Kreativität und Witz könnte man aus „Hithcock“ einen spannenden Thriller ganz im Sinne des Meisters höchstpersönlich kreieren. Man könnte mit Einstellungen und Musik und Schatten spielen und aus der Biographie ein kleines Meisterwerk machen. Oder man hält sich an die Konventionen des Genres und erzählt die Geschichte abseits der Filmkulissen. „Hitchcock“ hat sich für letzteres entschieden und macht dabei eine sehr solide Figur. Sehr sachlich und geradezu nüchtern erzählt der Film die Produktionsgeschichte von „Psycho“ und suggeriert vor allem ein Bild: Auch Hitchcock kocht nur mit Wasser.
Interessant ist hier vor allem die Beziehung Hitchcocks zu seiner Frau Alma Reville, die einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Arbeit ihres Mannes auszuüben schien. Auch seine Obsession gegenüber seinen weiblichen Hauptdarstellern wird thematisiert, allerdings ohne die Oberfläche zu durchbrechen. Sehr gelungen ist die Auswahl der Darsteller.
Anthony Hopkins trägt zwar jede Menge Make-Up, schafft es aber, die Figur zu füllen und gleichzeitig seinen eigenen Charme mit einfließen zu lassen. Besonders gut gefallen hat mir Scarlett Johansson, die übrigens nicht nackt zu sehen ist, dafür aber um so überzeugender die blonde Newcomerin spielt, die bisher nur überaus brave Rollen verkörperte und nun in einem waschechten Horrorfilm das Opfer des beängstigensten Duschmordes der Filmgeschichte wird. Ihr reduziertes Spiel macht diese Figur sehr glaubhaft. Die Szene, in der man sieht, wie der Mord gedreht wurde, zeigt sehr anschaulich, wie es zu dieser Intensität kommen konnte und ist einer der Höhepunkte von „Hitchcock“.
„Hitchcock“ ist kein großer Film, der den Horizont erweitert, oder eben einen Thriller aus der Biographie eines Mannes macht, der nur mit Morden beschäftigt ist. Allerdings schafft er es, ohne die Illusion zu zerstören, zu zeigen, wie Filme gemacht wurden und wie viel mehr dazu gehört, als nur die Kamera drauf zu halten. Vor allem vermag der Film das Verlangen und die Lust zu steigern, sich nicht nur mal wieder „Psycho“ anzusehen, sondern endlich mal all die Hitchcockfilme nachzuholen, die man bisher noch nicht gesehen hat. Dort findet man dann übrigens auch die tiefen Einblicke in den Geist und die Seele von Alfred Hitchcock.
Hitchcock (USA, 2012): R.: Sacha Gervasi; D.: Anthony Hopkins, Helen Mirren, Scarlett Johansson, u.a.; M.: Danny Elfman; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Freitag, 22. März 2013
Montag, 11. März 2013
Mal wieder gesehen - Psycho
Einer
der vielen Gründe, weshalb Romanverfilmungen damals noch besser
funktioniert haben, waren sicherlich die weniger ausgebauten
Kommunikationswege. Wenn es heute ein bedeutendes Buch gibt, so ist
die erste Information, die man darüber hört, meistens, dass es sich
um einen Bestseller handelt. Wie kann das sein? Ich jedenfalls habe
von den meisten Bestsellern der letzten Jahre erst gehört, nachdem
es sich offensichtlich schon tausendfach verkauft hat. Manche Bücher
kannte ich schon vorher und jeden, den ich gefragt habe, ob er dieses
oder jenes Buch auch so klasse fand, musste diese Frage verneinen,
weil er das Buch noch gar nicht gelesen hatte. Und wie durch
Zauberhand wurden solche Bücher plötzlich zu Bestsellern, sobald
jemand Interesse bekundet hat, sie zu verfilmen. Derartige
Bestsellerverfilmungen haben für niemanden einen rechten Reiz. Wer
das Buch schon kennt, muss damit rechnen, dass er enttäuscht wird,
weil natürlich alles ganz anders aussieht, als man es sich
vorgestellt hat. Wer das Buch nicht gelesen hat, läuft Gefahr, sich
zu langweilen, denn bei Bestsellern traut sich der Regisseur nicht,
etwas innovatives, oder kreatives zu tun. Schließlich hängt sehr
viel Geld an der ganzen Kiste. Also bleibt all der Erfindergeist
gleich zu Hause, denn man will es sich ja nicht den treuen Fans der
Buchvorlage verscherzen. Bestenfalls sucht sich der Filmemacher also
einen Roman aus, den keiner kennt. Alfred Hitchcock zum Beispiel hat
„Psycho“ gelesen und wusste sofort zwei Dinge. Erstens musste er
dieses Buch verfilmen und zweitens musste er alle Exemplare
aufkaufen, damit so wenig Menschen, wie möglich das Ende kannten.
Das
Leben in der modernen Welt ist nicht einfach. Emanzipierte Frauen,
wie die hübsche Marion Crane, haben es nicht leicht. Sie werden in
Rollen gepresst, die sie nicht zu spielen vermögen, geschweige denn,
spielen möchten. Sie leben allein, denn in den 60er Jahren herrscht
Männermangel. Sie müssen sich einer berauschenden aber unziemlichen
Affäre hingeben, damit sie hin und wieder überhaupt etwas fühlen.
Sie müssen sich den Avancen reicher, alter Männer erwehren. Wenn
die Frauen nicht auf so etwas eingehen, sind sie sofort zickig, oder
gar verdreht. Nicht Gesellschaftskonform, wenn man so will. Wenn so
ein alter Cowboy daherkommt, mit einem Haufen Geld unterm Arm und
dann auch noch Wörter benutzt, wie „Puppe“, oder „Mädel“.
Dann darf man sich freilich nicht wundern, wenn das „Mädel“,
welches aber eigentlich eine emanzipierte Frau sein will, einfach mit
dem Geld abhaut. Sie denkt nämlich, sie kann mit dem Geld eine
Zukunft mit ihrem Liebsten kaufen. An alles hat sie gedacht; der Plan
ist perfekt. Sie wechselt unterwegs das Fahrzeug, um nicht verfolgt
zu werden. Sie hat keine Scheu, ihre Rolle als angepasste, schwache
Frau zu spielen, wenn sie einem Streifenpolizisten begegnet. Doch
dann geschieht etwas unerwartetes. Sie gerät in ein Unwetter und
verfährt sich hoffnungslos. Sie steuert ein abseits gelegenes Motel
an. Der Betreiber ist auch kein typisches Mitglied der Gesellschaft.
Er lebt allein, stopft gerne Vögel aus und hat eine einmalige
Beziehung zu seiner Mutter. An diesem Ort, der nur wenige Meilen von
der großen Stadt entfernt, und dennoch absolut abseits der
Gesellschaft liegt, kann die Frau sie selbst sein. Sie muss sich
nicht verstellen. Die Last ihrer Rolle fällt von ihr und im Licht
der Klarheit erkennt sie, dass es ein Fehler war, das Geld zu
stehlen. Niemand sagt ihr, dass sie etwas falsch gemacht hätte, sie
erarbeitet sich diesen Gedanken selbst. Diese Erkenntnis gibt ihr
neue Kraft und auch Mut, die Verantwortung für ihre Taten zu
übernehmen. Gleich Morgen wird sie sich stellen. Noch eine ruhige
Nacht an diesem stillen Ort verbringen. Doch dann geschieht noch
etwas unerwartetes. Es passiert im Badezimmer, unter der Dusche. Die
Tür öffnet sich und, wie es im Buch so schön heißt: „Es war
dieses Messer, dass ihren Schrei abschnitt. Und ihren Kopf.“
Es
ist unglaublich, aber Hitchcocks „Psycho“ ist immer noch einer
der spannendsten Filme, die ich kenne. Eigentlich ist es ja immer so,
dass sich die Sehgewohnheiten des Publikums rasend schnell entwickeln
und der Filmtechnik immer einen Schritt voraus zu sein scheinen. Was
uns in einem Film vor zehn Jahren Angst gemacht hat, muss uns nicht
mal mehr ein müdes Runzeln entlocken, wenn wir es heute sehen. Aber
manchmal gibt es eben slche Szenen, die immer wieder erschrecken.
In
„Das Schweigen der Lämmer“ gibt es eine Szene, in der Jodi
Foster in einem finsteren Raum gefangen ist und absolut nichts sehen
kann. Der Killer ist mit ihr im Raum und beobachtet sie durch eine
Nachtsichtbrille. Das ist eine Szene, die immer funktionieren wird.
Über „Hostel“ von Eli Roth hingegen habe ich damals im Vorhinein
so viele schreckliche Details gehört, dass ich, als ich ihn mir dann
endlich angesehen habe, zu meinem Erschrecken feststellen musste,
dass ich den Film gar nicht mehr so grausam fand. Hitchcock
jedenfalls ist immer noch absolut spannend. Die Optik und der ganze
Stil ist ganz und gar nicht zeitgemäß, geschweige denn zeitlos,
aber irgendwie hat dieser Film beinahe nichts von seiner Wirksamkeit
eingebüßt. Das mag an der Musik von Bernard Herrmann liegen, die
stets nahe an der Hysterie vorbei zu schrammen scheint. Es liegt
vielleicht auch an der kühlen Darstellung der Frau, die zu Beginn
absolut kein Opfer zu sein scheint. Vielleicht liegt es daran, dass
Hitchcock den Verstand mit Details förmlich bombardiert. Alles an
den beiden Hauptfiguren schreit danach, analysiert zu werden. Norman
Bates stopft Vögel aus und lebt mit seiner Mutter in einem
unheimlichen Haus. Er verbringt gerne Zeit im Büro des Motels. Er
hat Angst vor Frauen. Der Verstand arbeitet unentwegt und klappert
Möglichkeiten und Kategorien ab, wie es weiter gehen könnte. So
präzise diese Gedankengänge im Unterbewusstsein auch sein mögen,
niemand rechnet mit dem Ende und das haben wir nicht nur Hitchcocks
Geistesgegenwart zu verdanken, dass er all die Bücher gekauft hat –
eine Praxis, die von Filmstudios übrigens heute gerne angewendet
wird, um die Verkaufszahlen ihrer Bestseller nach oben zu korrigieren
– sondern weil er es verstand, das Unterbewusstsein des Zuschauers
subtil abzulenken. Damit schaffte er es, vom Offensichtlichen
abzulenken und dadurch entsteht die eigentliche Spannung dieses
Films. Was die Umsetzung und die Technik angeht, hat „Psycho“
neue Maßstäbe gesetzt. Die Duschszene wurde schon tausendmal
kopiert, so wie ziemlich viele einmalige Szenen aus „Das Fenster
zum Hof“, oder „Der unsichtbare Dritte“. Hitchcocks Filme sind
perfekt gewesen. Ihre wegweisende Bedeutung ist schier unermesslich.
Wenn man jetzt noch jemanden erklären muss, warum „Psycho“ so
verdammt gut ist...“Hey, da wird jemand von einer verrückten alten
Frau unter der Dusche abgestochen. Grusliger geht’s wirklich
nicht!“
Psycho
(USA, 1960): R.: Alfred Hitchcock; D.: Anthony Perkins, Janet Leigh,
Vera Miles, u.a.; M.: Bernard Herrmann
Nachtzug nach Lissabon
Warum
werden Romane verfilmt? Bestenfalls, weil der Regisseur eine
besondere Beziehung zu dem Buch hat. Es inspiriert ihn dazu, sich
Gedanken zu machen, wie man das Gelesene auf die Leinwand adaptieren
könnte. Es lässt Bilder in seinem Kopf entstehen und er muss genau
diese Bilder im Film kreieren. Vielleicht gibt ihm das Buch so viel,
dass er genau den richtigen Weg findet – die Formel sozusagen –
die es braucht, damit der Stoff im Kino funktionieren kann. Es geht
ihm natürlich darum, dass es den Zuschauern gefällt, die das Buch
gelesen haben und er bringt sie durch seinen Film dazu, das Buch
genau so zu verstehen und zu sehen, wie er.
Die
meisten Bücher werden allerdings deshalb verfilmt, weil sie sich
verkaufen, wie warme Brötchen und man unbedingt noch mehr Geld damit
verdienen will, nachdem es jeder gelesen hat. Bücher kann man nicht
zweimal verkaufen. Ganz ehrlich! Wer kauft denn ein Buch nochmal,
nachdem er es gelesen hat? Ins Kino kann man immerhin mehrmals gehen.
Und dann kann man ja noch die DVD kaufen und – ganz originell –
das Buch zum Film gibt’s ja dann auch. Und dann die
Fernsehauswertung. Schier unendliche Möglichkeiten, Geld zu
verdienen. Also muss ganz schnell die Verfilmung her. Und zwar jetzt!
Raimund
ist ein einsamer Mann. Er lebt allein und sein Alltag ist nicht
besonders abwechslungsreich. Er ist Literaturlehrer an einer Schule
und widmet sich auch sonst voll und ganz dem geschriebenen Wort.
Eines Tages trifft er eine Frau auf einer Brücke, die ganz
offensichtlich Selbstmord begehen will. Er kann sie davon abhalten
und nimmt sie erst einmal mit in die Schule. Dort bleibt sie nicht
lange und vergisst beim Gehen ihren Mantel. In dessen Tasche findet
Raimund ein kleines Buch. Das Buch wurde von einem gewissen Amadeu,
einem Arzt aus Lissabon. Seine Worte berühren Raimund dermaßen,
dass er völlig aus dem Häuschen ist. Im Buch findet Raimund
außerdem eine Zugfahrkarte nach Lissabon und so steigt er
kurzentschlossen einfach in den Zug. In Lissabon angekommen macht er
sich nun auf die Suche nach dem Autoren. Amadeu hat im Gegensatz zu
Raimund ein bewegtes Leben geführt, voller Leidenschaft, Aufregung
und Revolution. Die Spurensuche führt ihn zu all den Menschen, die
Amadeu kannten und von ihnen erfährt er, welches Geheimnis dem Buch
inne wohnt.
Der
Film beginnt mit denkbar einfachen Bildern. Raimund liegt in einem
Bett. Es ist ein sehr großes Bett und eine Hälfte bleibt unbenutzt.
Raimund sitzt an einem Tisch vor einem Schachbrett und spielt gegen
sich selbst. Dabei guckt er ganz traurig, wie ein zurück gelassenes
Haustier. Auf unkreative und platte Weise wird also suggeriert: Er
ist einsam. Der Unterricht in seiner Schule ist langweilig. Die
Schüler verstehen ihn einfach nicht. Nichts in seinem Leben kann ihn
der Melancholie und Trauer entreißen. Nur dieses kleine Buch,
welches er findet, gibt ihm das Gefühl von Seelenverwandtschaft. Von
einer Sekunde auf die Nächste haut er einfach ab. Hat uns der Film
in den ersten Minuten mit so eindeutigen und unmissverständlichen
Bildern versorgt, lässt er den Zuschauer nun im Regen stehen und man
kann in keinster Weise die Motive des Lehrers nachvollziehen. In
Lissabon wandert er in träumerischem Wankelmut durch die Straßen.
Nichts, was ihm gesagt wird, löst irgendeine sichtbare Reaktion aus.
Es ist immer dieser halb offene Mund und der starre, fragende Blick.
Erstaunlicherweise fühlen sich die Leute, mit denen er redet
trotzdem berufen, ihm alles zu erzählen. Die Szenen, die in der
Vergangenheit spielen sind spannend. Man interessiert sich für die
tragische Geschichte des Arztes, der eigentlich Schriftsteller ist,
sich dann aber der Revolution gegen Salazar anschließt. Er will nie
wieder zulassen, dass ein Mensch Schmerz empfinden soll. Dieser Part
ist tatsächlich schön gemacht und man wird sofort von der
Faszination der Historie gepackt. Erstaunlicherweise wusste ich
selbst gar nicht so viel über die portugiesische Revolution und
deshalb funktioniert dieser Teil der Geschichte für mich am besten.
Aber, ach ja! Es ging ja eigentlich um Raimund, den Einsamen. Wenn
man schon jemanden, wie Jeremy Irons für so eine Rolle besetzt, dann
sollte man ihm auch Freiraum geben, die Figur mit Persönlichkeit zu
füllen. Es gibt da eine Szene, in der er eine neue Brille bekommt.
Ohne, dass er etwas sagen müsste, erkennt der Zuschauer, wie sehr
ihm der Verlust der alten Brille schmerzt. Wenn man Jeremy Irons von
Fotos kennt, weiß man, welche Brille er dort immer trägt. Dieser
Moment ist wunderbar und plötzlich scheint die Figur zu leben. Jede
Faser seines Körpers leidet. Dieser kurze Moment wird mit dem
Holzhammer zertrümmert, indem die Optikerin so etwas ähnliches
sagt, wie „Die alte Brille hat ihnen besser gefallen, richtig?“
Herrje!
„Nachtzug
nach Lissabon“ ist eines jener Bücher, von denen ich immer gehört
habe, sie seien sehr anstrengend. Keiner konnte mir wirklich was
darüber erzählen, weil die meisten es nach der Hälfte weglegen.
Also kann ich davon ausgehen, dass die Geschichte als Roman nicht so
recht funktioniert. Als Film funktioniert es aber noch weniger. Alles
ist so seicht und der Verstand des Zuschauers wird in Watte gepackt.
Ich habe mich relativ schnell gelangweilt. Vielleicht liegt es daran,
dass ich zu jung bin. Aber das kann ich nicht akzeptieren. Ein Film
muss über solche Grenzen hinaus auch funktionieren können.
Vielleicht klappt es nicht, weil ich das Buch nicht gelesen habe. Für
wen, bitte schön, ist dann dieser Film gemacht?
Es
ist einfach nur der Beweis dafür, wie gut und schnell man mit einem
mittelmäßigen Roman plötzlich doch sehr viel Geld verdienen kann,
und man muss sich nicht mal was eigenes ausdenken. Chapeau!
Nachtzug
nach Lissabon (AUT, POR, D, 2013): R.: Bille August; D.: Jeremy
Irons, Charlotte Rampling, Bruno Ganz, u.a.; M.: Annette Focks;
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im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Montag, 4. März 2013
The Master
Scientology ist ein echtes Phänomen. Es handelt sich um eine Sekte. Sekten sind eigentlich immer Gruppen, die im Verborgenen agieren. Sie müssen nicht zwingend etwas illegales tun, aber die Tatsache, dass sie als Quasi-Geheimbund nicht verraten, was sie tun, macht sie zwielichtig. Obwohl Scientology aber eine Sekte ist, die sehr stark in der Öffentlichkeit steht, weiß man nicht wirklich, was zum Geier die eigentlich machen. Tom Cruise ist Scientologe und noch einige andere Berühmtheiten Hollywoods. Der Begründer der Sekte heißt wohl Ron Hubbard und sein Werk erinnert an völlig verquere und wirre Science-Fiction-Romane. Was man über diese Gruppe weiß ist, dass sie keinerlei Toleranz aufbringen, wenn jemand ihren Glauben anzweifelt. Hier wird oft ein perfides Machtspiel inszeniert, wenn es darum geht, die Sekte zu kritisieren. Paul Thomas Anderson erzählt nun die Geschichte einer Sekte und deren Anführer, die frappierende Gemeinsamkeiten zu Scientology aufweist.
Freddy Quell ist ein Veteran. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er für die Amerikaner in Japan. Durch seinen Einsatz hat er ein schweres Trauma davon getragen und seine ohnehin anfällige Psyche weist tiefe Störungen auf. Nach Kriegsende eröffnet er einen Fotostand in einem Einkaufszentrum und fertigt Familienfotos an. Dieser Job bringt allerdings kaum Befriedigung, weshalb er viel Alkohol in unterschiedlichster Form zu sich nimmt. Durch Alkohol wird Freddy allerdings aggressiv, weshalb er seinen Job nicht lange behält.
Im Vollrausch landet eines Nachts auf einem Luxusdampfer. Der gehört einem mysteriösen Mann, den viele nur den Meister nennen. Er bietet Freddy an, ihm bei der Lösung all seiner Probleme zu helfen. Freddy hält das Ganze für eine Art Psychotherapie, merkt jedoch nicht, dass er Schritt für Schritt einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Der Meister übt, dank gekonnter Manipulation, immer mehr Kontrolle über den Matrosen aus. Doch auch der Meister selbst steht unter der Kontrolle einer noch mächtigeren Person.
Ich finde Sekten gruselig. Ich mag den Gedanken nicht, die Kontrolle über meinen Verstand aufzugeben und ich habe den Eindruck, dass in solchen Gruppen genau das geschieht. Ich fühle mich sogar schon unwohl, wenn ich zu einem Gottesdienst in einer Kirche sitze. Was auch immer der Glaube den Menschen gibt, mir macht er manchmal angst. Manchmal hört man von Sekten und denkt sich: „Was sind das nur für arme Schweine, dass die an so einen Mist glauben?“ Und das ist ja irgendwie das Gefährliche daran. Die Manipulation funktioniert unter bestimmten Umständen bei bestimmten Menschen. Ich bin ein gefestigter Mensch, der ganz schön von sich überzeugt ist. Hätte jemand, wie der Meister eine Chance bei mir?
Im Film jedenfalls hat er mir wirklich angst gemacht. Die Dinge, die er sagt, sind oft wirr und schwer nachvollziehbar. Da ist von Drachen die Rede und sogar von Außerirdischen. Beängstigend ist die Wirkung, die er damit auf seine Zuhörer erzielt. Sie hängen ihm an den Lippen und er hat sie vollkommen in der Hand. Freddy ist jemand, der das alles überhaupt nicht versteht und macht sich damit empfänglicher, denn je. Er hat seinen Verstand geöffnet, denn er will verstehen. In einer Szene gibt es einen Zweifler, der die Argumentation des Meisters mit ein paar wenigen Nachfragen vollkommen aushebelt. Ganz ähnlich, wie Tom Cruise vor ein paar Jahren in einem Interview, verliert auch der Meister relativ schnell die Fassung und wirft mit wüsten Beschimpfungen um sich. Philip Seymour-Hoffman ist großartig und schafft es erneut, durch wenige akzentuierte Aktionen, eine intensive Leistung auf die Leinwand zu zaubern.
Joaquin Phoenix ist nach seiner Pause erstmals wieder in einer Hauptrolle zu sehen. Er spielt den psychisch labilen und unberechenbaren Matrosen, der zum Opfer werden soll, auf derart überzeugende Weise, dass man den Eindruck gewinnt, er sei schon immer so gewesen. Eine derartige Spieltiefe habe ich selten in einem Film gesehen. Mag der Oscar an ihm vorbei gegangen sein. Der hätte meiner Meinung nach sowieso nicht gereicht, um diese Leistung ausreichend zu würdigen.
„The Master“ ist intensiv, beängstigend und manchmal geradezu Übelkeit erregend nah an der Thematik dran. Anderson hat unglaublich gründlich recherchiert und zeichnet ein gleichermaßen trockenes, aber um so realistischeres Bild über ein Phänomen, dass sich der Toleranz und der Gutgläubigkeit der meisten Menschen schamlos bedient.
The Master (USA, 2012): R.: Paul Thomas Anderson; D.: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, u.a.; M.: Johnny Greenwood; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Freddy Quell ist ein Veteran. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er für die Amerikaner in Japan. Durch seinen Einsatz hat er ein schweres Trauma davon getragen und seine ohnehin anfällige Psyche weist tiefe Störungen auf. Nach Kriegsende eröffnet er einen Fotostand in einem Einkaufszentrum und fertigt Familienfotos an. Dieser Job bringt allerdings kaum Befriedigung, weshalb er viel Alkohol in unterschiedlichster Form zu sich nimmt. Durch Alkohol wird Freddy allerdings aggressiv, weshalb er seinen Job nicht lange behält.
Im Vollrausch landet eines Nachts auf einem Luxusdampfer. Der gehört einem mysteriösen Mann, den viele nur den Meister nennen. Er bietet Freddy an, ihm bei der Lösung all seiner Probleme zu helfen. Freddy hält das Ganze für eine Art Psychotherapie, merkt jedoch nicht, dass er Schritt für Schritt einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Der Meister übt, dank gekonnter Manipulation, immer mehr Kontrolle über den Matrosen aus. Doch auch der Meister selbst steht unter der Kontrolle einer noch mächtigeren Person.
Ich finde Sekten gruselig. Ich mag den Gedanken nicht, die Kontrolle über meinen Verstand aufzugeben und ich habe den Eindruck, dass in solchen Gruppen genau das geschieht. Ich fühle mich sogar schon unwohl, wenn ich zu einem Gottesdienst in einer Kirche sitze. Was auch immer der Glaube den Menschen gibt, mir macht er manchmal angst. Manchmal hört man von Sekten und denkt sich: „Was sind das nur für arme Schweine, dass die an so einen Mist glauben?“ Und das ist ja irgendwie das Gefährliche daran. Die Manipulation funktioniert unter bestimmten Umständen bei bestimmten Menschen. Ich bin ein gefestigter Mensch, der ganz schön von sich überzeugt ist. Hätte jemand, wie der Meister eine Chance bei mir?
Im Film jedenfalls hat er mir wirklich angst gemacht. Die Dinge, die er sagt, sind oft wirr und schwer nachvollziehbar. Da ist von Drachen die Rede und sogar von Außerirdischen. Beängstigend ist die Wirkung, die er damit auf seine Zuhörer erzielt. Sie hängen ihm an den Lippen und er hat sie vollkommen in der Hand. Freddy ist jemand, der das alles überhaupt nicht versteht und macht sich damit empfänglicher, denn je. Er hat seinen Verstand geöffnet, denn er will verstehen. In einer Szene gibt es einen Zweifler, der die Argumentation des Meisters mit ein paar wenigen Nachfragen vollkommen aushebelt. Ganz ähnlich, wie Tom Cruise vor ein paar Jahren in einem Interview, verliert auch der Meister relativ schnell die Fassung und wirft mit wüsten Beschimpfungen um sich. Philip Seymour-Hoffman ist großartig und schafft es erneut, durch wenige akzentuierte Aktionen, eine intensive Leistung auf die Leinwand zu zaubern.
Joaquin Phoenix ist nach seiner Pause erstmals wieder in einer Hauptrolle zu sehen. Er spielt den psychisch labilen und unberechenbaren Matrosen, der zum Opfer werden soll, auf derart überzeugende Weise, dass man den Eindruck gewinnt, er sei schon immer so gewesen. Eine derartige Spieltiefe habe ich selten in einem Film gesehen. Mag der Oscar an ihm vorbei gegangen sein. Der hätte meiner Meinung nach sowieso nicht gereicht, um diese Leistung ausreichend zu würdigen.
„The Master“ ist intensiv, beängstigend und manchmal geradezu Übelkeit erregend nah an der Thematik dran. Anderson hat unglaublich gründlich recherchiert und zeichnet ein gleichermaßen trockenes, aber um so realistischeres Bild über ein Phänomen, dass sich der Toleranz und der Gutgläubigkeit der meisten Menschen schamlos bedient.
The Master (USA, 2012): R.: Paul Thomas Anderson; D.: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, u.a.; M.: Johnny Greenwood; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Quellen des Lebens
Der deutsche Film steht an einem Wendepunkt. Es gab früher immer die großen deutschen Produktionen, die vor Starpower nur so strotzten und unfassbar hohe Budgets verschlangen. Hinter solchen Filmen stand früher meistens der Name Eichinger. Dann gab es die kleinen Produktionen, von denen außerhalb Deutschlands kaum jemand etwas mitbekommen hat. Beide Seiten hatten ihre Reize. Nun gibt es aber keinen Eichinger mehr und die deutsche Filmwelt steht sozusagen vor den Hinterlassenschaften des Großproduzenten; Einen Natascha-Kampusch-Film, der lange vor seinem Start schon in der Luft zerfetzt wurde und eine Constantin, die seit Jahren mit dem Bankrott kämpft. Höchste Zeit für einen neuen Weg, sollte man meinen. Doch es bleibt bei der bekannten Aufteilung und so kommt es, dass die beiden bedeutendsten deutschen Regisseure Andreas Dresen und Tom Tykwer heißen. Groß und Klein. Und Tykwer gibt derzeit mit X-Filme richtig Gas. Er hat innerhalb eines Jahres gleich zwei Großproduktionen absolviert. Nach „Cloud Atlas“ ist nun Oskar Roehler zurück mit einer beeindruckenden, filmischen Autobiographie.
Wir sind im Nachkriegsdeutschland. Der Soldat Erich Freytag kommt nach vielen Jahren vom Krieg nach Hause und findet hier mehr oder weniger alles in Trümmern. Die Fabrik im Ort ist zerstört und er merkt, dass seine Familie ganz und gar nicht begeistert ist über seine Rückkehr. Seine intrigante Schwester wirft er sofort raus und übernimmt wieder das Zepter. Als erstes baut er die Fabrik auf und produziert Gartenzwerge. Sein Sohn Klaus hat indes keine Lust, als Fabrikant zu arbeiten. Er will lieber Schriftsteller werden. Eines Tages lernt er die schöne Gisela kennen, eine Tochter aus sehr reichem Hause. Er verliebt sich sofort in sie, denn ihre lockere Art und ihre freien Gedanken, inspirieren ihn sehr stark. Später stellt er übrigens fest, sie ist weder locker, noch inspirierend; sie ist einfach verrückt. Mit ihr bekommt er einen Sohn – den Protagonisten der Geschichte – namens Robert. Robert erlebt eine sehr schwere Kindheit, denn die Mutter steigt selbst zur Starautorin auf und hurt sich durch die Highsociety im Berlin der 60er Jahre. Klaus ist völlig am Boden, denn er scheint als Autor weniger talentiert zu sein, als er dachte. Robert bleibt also die elterliche Fürsorge und Liebe verwehrt. Nach einem verheerenden Italien-Urlaub, nehmen ihn seine Großeltern wieder bei sich auf. Hier lernt Robert nicht nur das Nachbarmädchen Laura kennen, er erlebt das erste Mal Glück und eine Ahnung dessen, was ihm bisher versagt geblieben ist. Sein Vater kommt jedoch zurück und holt ihn wieder ab. Für Robert steht nach diesem glücklichen Sommer fest, er will sich nicht mehr mit seinem trostlosen Dasein abfinden. Er beginnt, zu rebellieren.
Dieser Film macht in jeder Hinsicht einen Rundumschlag. Beinahe lückenlos lässt er die historischen Ereignisse in Deutschland zwischen 1949 und den 70ern mit in die Handlung einfließen. Ausstattung und Kostüme sind gründlich recherchiert und die Darstellung der westdeutschen Gesellschaft mit allen überspitzten und angemessenen Elementen bildet ein verblüffend realistisches Zeitbild. Die spannende Familiengeschichte voller tragischer und komischer Momente füllt diese Kulisse und die manchmal etwas eigentümlichen Roehler-Anwandlungen machen den Film dann einzigartig.
Zum Beispiel gibt es am Anfang eine derart groteske Szene, die mich als Zuschauer erst einmal abschreckt und mich denken lässt, „Worauf hab ich mich da eingelassen“
Überhaupt wirkt das erste Drittel des Films total unwirklich. Die Kulissen sehen bühnenhaft aus, es gibt verblüffende Effekte durch Lichtverfremdungen und die Dialoge sind sehr knapp, geradezu hölzern. Mit fortschreitender Handlung werden die Bilder aber immer präziser. Roehler symbolisiert dadurch auf sehr schlichte und wirkungsvolle Weise die Unterschiede seiner eigenen Wahrnehmung als Kind und als Erwachsener. Ein großartiger Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlt. Abschließend sei noch zu bemerken, dass alle Schauspieler – die man im Übrigen alle irgendwie kennt und schon gesehen hat – nahezu perfekt besetzt sind und unglaubliche Leistungen vollbringen. Ich mag Jürgen Vogel zum Beispiel nicht mehr sehen. Seine Art, sein Gesicht, seine Rollen hatte ich einfach über. Hier spielt er unfassbar gut und zeigt nicht nur, was für ein guter Darsteller er noch immer ist, sondern auch, wie gründlich und präzise Oskar Roehler offensichtlich arbeiten kann. Dieser Effekt tritt bei allen Darstellern gleichermaßen verblüffend auf.
„Quellen des Lebens“ ist bombastisch, rührend, unterhaltsam und schockierend zugleich. Ein Epos, dass mit einer unerwarteten Leichtigkeit seine gigantischen Ausmaße ausbreitet. Sehr lange schon habe ich keinen deutschen Film mehr gesehen, der so viel richtig gemacht hat. Lange hat mich ein deutscher Film schon nicht mehr so begeistert und jede Minute des Films ist packend. Dabei scheint es ganz einfach zu gehen. Keinerlei Firlefanz mit digitalen Effekten. Keine Action, oder überzogener Slapstick. Ein Film, der einfach nur Geschichte erzählt. Toll!
Quellen des Lebens (D, 2013): R.: Oskar Roehler; D.: Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu, u.a.; M.: Martin Todsharow; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Wir sind im Nachkriegsdeutschland. Der Soldat Erich Freytag kommt nach vielen Jahren vom Krieg nach Hause und findet hier mehr oder weniger alles in Trümmern. Die Fabrik im Ort ist zerstört und er merkt, dass seine Familie ganz und gar nicht begeistert ist über seine Rückkehr. Seine intrigante Schwester wirft er sofort raus und übernimmt wieder das Zepter. Als erstes baut er die Fabrik auf und produziert Gartenzwerge. Sein Sohn Klaus hat indes keine Lust, als Fabrikant zu arbeiten. Er will lieber Schriftsteller werden. Eines Tages lernt er die schöne Gisela kennen, eine Tochter aus sehr reichem Hause. Er verliebt sich sofort in sie, denn ihre lockere Art und ihre freien Gedanken, inspirieren ihn sehr stark. Später stellt er übrigens fest, sie ist weder locker, noch inspirierend; sie ist einfach verrückt. Mit ihr bekommt er einen Sohn – den Protagonisten der Geschichte – namens Robert. Robert erlebt eine sehr schwere Kindheit, denn die Mutter steigt selbst zur Starautorin auf und hurt sich durch die Highsociety im Berlin der 60er Jahre. Klaus ist völlig am Boden, denn er scheint als Autor weniger talentiert zu sein, als er dachte. Robert bleibt also die elterliche Fürsorge und Liebe verwehrt. Nach einem verheerenden Italien-Urlaub, nehmen ihn seine Großeltern wieder bei sich auf. Hier lernt Robert nicht nur das Nachbarmädchen Laura kennen, er erlebt das erste Mal Glück und eine Ahnung dessen, was ihm bisher versagt geblieben ist. Sein Vater kommt jedoch zurück und holt ihn wieder ab. Für Robert steht nach diesem glücklichen Sommer fest, er will sich nicht mehr mit seinem trostlosen Dasein abfinden. Er beginnt, zu rebellieren.
Dieser Film macht in jeder Hinsicht einen Rundumschlag. Beinahe lückenlos lässt er die historischen Ereignisse in Deutschland zwischen 1949 und den 70ern mit in die Handlung einfließen. Ausstattung und Kostüme sind gründlich recherchiert und die Darstellung der westdeutschen Gesellschaft mit allen überspitzten und angemessenen Elementen bildet ein verblüffend realistisches Zeitbild. Die spannende Familiengeschichte voller tragischer und komischer Momente füllt diese Kulisse und die manchmal etwas eigentümlichen Roehler-Anwandlungen machen den Film dann einzigartig.
Zum Beispiel gibt es am Anfang eine derart groteske Szene, die mich als Zuschauer erst einmal abschreckt und mich denken lässt, „Worauf hab ich mich da eingelassen“
Überhaupt wirkt das erste Drittel des Films total unwirklich. Die Kulissen sehen bühnenhaft aus, es gibt verblüffende Effekte durch Lichtverfremdungen und die Dialoge sind sehr knapp, geradezu hölzern. Mit fortschreitender Handlung werden die Bilder aber immer präziser. Roehler symbolisiert dadurch auf sehr schlichte und wirkungsvolle Weise die Unterschiede seiner eigenen Wahrnehmung als Kind und als Erwachsener. Ein großartiger Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlt. Abschließend sei noch zu bemerken, dass alle Schauspieler – die man im Übrigen alle irgendwie kennt und schon gesehen hat – nahezu perfekt besetzt sind und unglaubliche Leistungen vollbringen. Ich mag Jürgen Vogel zum Beispiel nicht mehr sehen. Seine Art, sein Gesicht, seine Rollen hatte ich einfach über. Hier spielt er unfassbar gut und zeigt nicht nur, was für ein guter Darsteller er noch immer ist, sondern auch, wie gründlich und präzise Oskar Roehler offensichtlich arbeiten kann. Dieser Effekt tritt bei allen Darstellern gleichermaßen verblüffend auf.
„Quellen des Lebens“ ist bombastisch, rührend, unterhaltsam und schockierend zugleich. Ein Epos, dass mit einer unerwarteten Leichtigkeit seine gigantischen Ausmaße ausbreitet. Sehr lange schon habe ich keinen deutschen Film mehr gesehen, der so viel richtig gemacht hat. Lange hat mich ein deutscher Film schon nicht mehr so begeistert und jede Minute des Films ist packend. Dabei scheint es ganz einfach zu gehen. Keinerlei Firlefanz mit digitalen Effekten. Keine Action, oder überzogener Slapstick. Ein Film, der einfach nur Geschichte erzählt. Toll!
Quellen des Lebens (D, 2013): R.: Oskar Roehler; D.: Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu, u.a.; M.: Martin Todsharow; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Freitag, 15. Februar 2013
Willkommen in der Bretagne
Ein Film, der funktionieren soll und den meisten Menschen, die ihn sehen, gefallen soll, hat es nicht einfach. Sehr viele Faktoren gilt es zu berücksichtigen, damit alles stimmt. Der Film sollte eine überzeugende und packende Story erzählen. Dafür eignet sich ein aktueller Bezug zur wirklichen Welt. Dadurch kann man sich als Zuschauer schneller mit den Figuren identifizieren. Je nach Thema ist also eine gewisse Ernsthaftigkeit angebracht. Zu ernst sollte es aber auch nicht werden. Nicht wenige Menschen gehen ins Kino, um sich unterhalten zu lassen. Ein paar auflockernde, oder witzige Passagen können dem Film also auch nicht schaden. Wenn das ganze obendrein noch von guten Schauspielern getragen wird und sich der Regisseur nicht scheut, mit ein paar Konventionen zu brechen, kommt ein nahezu perfekter Film dabei heraus, der innerhalb kürzester Zeit zum absolut Renner avanciert. „Ziemlich beste Freunde“ ist das perfekte Beispiel für einen solchen Film. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen, hat so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch gemacht werden kann.
Catherine arbeitet für den Staat und ist als Personalmanagerin in einem Krankenhaus in Paris angestellt. Eine kleine Klinik in der Provinz hat allerdings große finanzielle Probleme. Der dortige Personalchef wird entlassen und Catherine soll seinen Posten übernehmen. Sie ist bekannt dafür, Wunder zu vollbringen, und konsequente und nachhaltige Finanzpläne aufzustellen. Nun muss sie also in die Provinz und findet es hier recht traurig. Das Krankenhaus ist hoffnungslos verschuldet und Catherine steht eine trostlose Aufgabe bevor. Zufällig freundet sie sich mit ein paar Schwestern von der Entbindungsstation an, die sich nach der Arbeit immer zum Bowling treffen. Hier nun lernt Catherine die eigentliche Herzlichkeit und auch Eigenheit der Bretonen kennen. Zunächst noch etwas distanziert, taut Catherine schnell auf und fühlt sich schnell wohl. Doch dann kündigt der Leiter des Krankenhauses an, die Entbindungsstation zu schließen. Die neue Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.
Der Originaltitel des Films lautete „Bowling“. Das war ganz okay. Man konnte sich zwar schon fast denken, worum es ging, aber ein bisschen neugierig hat der Titel schon gemacht. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen lässt sofort in eine Richtung denken, die der Film am Ende gar nicht einschlägt. Soll der Titel suggerieren, dass die Bretonen ein total ungewöhnliches Völkchen sind? Die Sch'tis, zum Beispiel, sind auf ihre Art wirklich speziell und nicht ganz dicht. Die Bretonen hingegen sind total ausgeglichen und ganz und gar nicht verrückt. Sie sind ganz normale Leute, die ein ganz normales Leben führen, welches zu großen Teilen eben außerhalb Paris' statt findet. Der Film dichtet den Bretonen also Eigenschaften an, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben – und die auch im Film kaum noch zum Tragen kommen. Das fiese ist, dass der Zuschauer sofort in diese versnobte Perspektive gedrückt wird, die wahrscheinlich der Schickeria und der Yuppie-Bagage aus den Pariser Edelvierteln entspringt. Alles, was außerhalb der Hauptstadt liegt, ist dörflich - gradezu bäuerlich.
So ärgere ich mich also schon über den Film, noch bevor der Vorspann abgelaufen ist.
Dann macht Catherine relativ früh eine Bemerkung über das Wetter, und darüber, wie trostlos es in der Bretagne sei. Dem unbedarften Zuschauer fällt auf: Hier ist es wunderschön. Eine tolle Landschaft und ein hübsches kleines Städtchen mit hübschen kleinen Häuschen. Herrlich! Die verwöhnte Pariszicke findet's eben schrecklich und trostlos. Wir Bauern!
Der Rest der Geschichte ist relativ vorhersehbar, aber okay. Keine Überraschungen, aber wenigstens schlüssig und relativ rund. Das einzige, was etwas verunglückt ist, ist die Sache mit dem Bowling. Das Bowlingmotiv steht irgendwie neben der Story und der Bezug wirkt krampfig. Ein Jammer, denn das Bowling ist schön geworden und kann als einziger Part im Film Emotionen transportieren.
Der aktuelle Bezug wird von der Finanzkrise besorgt. Die Finanzpläne Catherines werden mit einem Aufstand quittiert, der so künstlich und von Pappe wirkt, als sei er direkt aus „Westside Story“ geklaut. Das setzt dem Ganzen die Krone auf.
Lahm, uninspiriert, krampfhaft! So kann man „Willkommen in der Bretagne“ am besten beschreiben. Der Film will zu viel sein, was er nicht sein kann. Stattdessen hätte man sich auf die eigenen Elemente konzentrieren sollen. Warum Gesellschaftskritik und schrullige Provinzler rein packen, wenn es doch eigentlich um Bowling geht? Warum hat man sich entschieden, ein lahmes und charakterloses Filmchen zu machen, anstatt einen frischen und knalligen Kracher? Warum hat man es nicht genau so gemacht, wie bei „Ziemlich beste Freunde“?
Bowling (F, 2012): R.: Marie-Castille Mention-Schaar; D.: Catherine Frot, Mathilde Seigner, Firmine Richard, u.a.; M.: Erwann Kermorvant; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Immer Sonntags, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Catherine arbeitet für den Staat und ist als Personalmanagerin in einem Krankenhaus in Paris angestellt. Eine kleine Klinik in der Provinz hat allerdings große finanzielle Probleme. Der dortige Personalchef wird entlassen und Catherine soll seinen Posten übernehmen. Sie ist bekannt dafür, Wunder zu vollbringen, und konsequente und nachhaltige Finanzpläne aufzustellen. Nun muss sie also in die Provinz und findet es hier recht traurig. Das Krankenhaus ist hoffnungslos verschuldet und Catherine steht eine trostlose Aufgabe bevor. Zufällig freundet sie sich mit ein paar Schwestern von der Entbindungsstation an, die sich nach der Arbeit immer zum Bowling treffen. Hier nun lernt Catherine die eigentliche Herzlichkeit und auch Eigenheit der Bretonen kennen. Zunächst noch etwas distanziert, taut Catherine schnell auf und fühlt sich schnell wohl. Doch dann kündigt der Leiter des Krankenhauses an, die Entbindungsstation zu schließen. Die neue Freundschaft wird auf eine harte Probe gestellt.
Der Originaltitel des Films lautete „Bowling“. Das war ganz okay. Man konnte sich zwar schon fast denken, worum es ging, aber ein bisschen neugierig hat der Titel schon gemacht. „Willkommen in der Bretagne“ dagegen lässt sofort in eine Richtung denken, die der Film am Ende gar nicht einschlägt. Soll der Titel suggerieren, dass die Bretonen ein total ungewöhnliches Völkchen sind? Die Sch'tis, zum Beispiel, sind auf ihre Art wirklich speziell und nicht ganz dicht. Die Bretonen hingegen sind total ausgeglichen und ganz und gar nicht verrückt. Sie sind ganz normale Leute, die ein ganz normales Leben führen, welches zu großen Teilen eben außerhalb Paris' statt findet. Der Film dichtet den Bretonen also Eigenschaften an, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben – und die auch im Film kaum noch zum Tragen kommen. Das fiese ist, dass der Zuschauer sofort in diese versnobte Perspektive gedrückt wird, die wahrscheinlich der Schickeria und der Yuppie-Bagage aus den Pariser Edelvierteln entspringt. Alles, was außerhalb der Hauptstadt liegt, ist dörflich - gradezu bäuerlich.
So ärgere ich mich also schon über den Film, noch bevor der Vorspann abgelaufen ist.
Dann macht Catherine relativ früh eine Bemerkung über das Wetter, und darüber, wie trostlos es in der Bretagne sei. Dem unbedarften Zuschauer fällt auf: Hier ist es wunderschön. Eine tolle Landschaft und ein hübsches kleines Städtchen mit hübschen kleinen Häuschen. Herrlich! Die verwöhnte Pariszicke findet's eben schrecklich und trostlos. Wir Bauern!
Der Rest der Geschichte ist relativ vorhersehbar, aber okay. Keine Überraschungen, aber wenigstens schlüssig und relativ rund. Das einzige, was etwas verunglückt ist, ist die Sache mit dem Bowling. Das Bowlingmotiv steht irgendwie neben der Story und der Bezug wirkt krampfig. Ein Jammer, denn das Bowling ist schön geworden und kann als einziger Part im Film Emotionen transportieren.
Der aktuelle Bezug wird von der Finanzkrise besorgt. Die Finanzpläne Catherines werden mit einem Aufstand quittiert, der so künstlich und von Pappe wirkt, als sei er direkt aus „Westside Story“ geklaut. Das setzt dem Ganzen die Krone auf.
Lahm, uninspiriert, krampfhaft! So kann man „Willkommen in der Bretagne“ am besten beschreiben. Der Film will zu viel sein, was er nicht sein kann. Stattdessen hätte man sich auf die eigenen Elemente konzentrieren sollen. Warum Gesellschaftskritik und schrullige Provinzler rein packen, wenn es doch eigentlich um Bowling geht? Warum hat man sich entschieden, ein lahmes und charakterloses Filmchen zu machen, anstatt einen frischen und knalligen Kracher? Warum hat man es nicht genau so gemacht, wie bei „Ziemlich beste Freunde“?
Bowling (F, 2012): R.: Marie-Castille Mention-Schaar; D.: Catherine Frot, Mathilde Seigner, Firmine Richard, u.a.; M.: Erwann Kermorvant; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Immer Sonntags, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Dienstag, 12. Februar 2013
Flight
Robert Zemeckis gehört zur viel gerühmten Spielberg-Connection. Das ist eine Gruppe von Filmemachern, die vor allem in den 80er Jahren ein ganz bestimmtes Konzept des Geschichtenerzählens auf die Kinoleinwand transportieren konnten. Dieser Stil wird seitdem immer mit dem typischen Hollywood-Film assoziiert. Neben Spielberg zählte man George Lucas, Joe Johnston und Francis Ford Coppola zur Connection. Zemeckis knallte dem Publikum stets schrille und kreischend bunte Filme vor den Latz. „Zurück in die Zukunft“ etablierte 1985 eine der kultigsten Filmreihen der 80er und in „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ gelang Zemeckis ein technischer Meilenstein. „Forrest Gump“ revolutionierte 1994 das Storytelling moderner Hollywood-Produktionen und – auch wenn dieser Schritt durchaus kontrovers diskutiert wurde – Zemeckis' Verfahren von Motion-Capturing und CGI-Animationen war richtungsweisend für die digitale Filmtechnik. Warum nur, kann sich kein Mensch den Namen Zemeckis merken? Nun ist er wieder da – mit einem Realfilm; und Denzel Washingtion.
Whip Whitaker ist Pilot. Mehr, als das! Er ist der beste Pilot, den die zivile Luftfahrt derzeit kennt. Er hat mehr Flugstunden im Hintern, als die meisten seiner Kollegen und seine Erfahrung hilft ihm in jeder nur möglichen Situation. So auch an diesem Morgen. Bei einem Inlandsflug nach Atlanta gilt es, ein heftiges Unwetter zu durchfliegen. Die Anzeigen im Cockpit raten zum Kurswechsel, doch Whip erkennt in der Wolkenformation vor ihm eine Lücke und weiß, dass hinter dieser Lücke der freie Himmel wartet. Entgegen einiger Vorschriften und sämtlicher Daten, behält er recht. Nach ein paar Minuten ungemütlichen Gewackels, liegt der Flieger ruhig in der Luft und alles ist gut.
Währenddessen lernen wir Nicole kennen. Sie hat ein ernstes Drogenproblem und ist bereit, für ein paar Gramm Heroin, beinahe alles zu tun. Ihr Dealer arbeitet ausgerechnet als Produzent an einem Porno-Set.
Wieder im Flugzeug bricht plötzlich das Chaos aus. Es ertönt ein Knall und die Maschine schmiert ab. Dank seiner Fähigkeiten gelingt es Whip tatsächlich, die beschädigte Maschine zu landen und die meisten Passagiere zu retten. Alle sind sich einig, dass alle Fluggäste und noch viel mehr Menschen eines grausamen Todes gestorben wären, hätte ein anderer Pilot am Steuer gesessen. Die Nachuntersuchung ergibt jedoch beunruhigende Fakten. Offensichtlich war Whip während des Fluges betrunken. Eine Anhörung wird einberufen.
Es ist schon ein bisschen gemein, bei diesem Film, den Regisseur als Aufhänger zu nutzen. Aber Denzel Washington kennt jeder und er ist in diesem Film erwartungsgemäß gut und so überzeugend, wie man es aus vielen seiner bisherigen Auftritte gewohnt ist. Seine Leistung ist indiskutabel und bedarf keiner weiteren Worte.
Robert Zemeckis nun hat sich entschieden, seine fragwürdigen Projekte noch einmal zu verschieben. Eigentlich wollte er nur noch Animationsfilme produzieren – ganz im Stile von „Der Polarexpress“ oder „Die Legende von Beowulf“. „Flight“ erzählt eine Geschichte, die auf mehreren wahren Begebenheiten beruht. Es hat wirklich einen Piloten gegeben, der in einer ähnlichen Situation ein ähnlich waghalsiges Manöver vollführt hat, wie es im Film zu sehen ist. In Wirklichkeit ist das Manöver leider nicht geglückt. Ebenso gab es einen Piloten, der auf halber Strecke von Athen nach Paris feststellte, dass der Sprit nicht reicht und er hat es tatsächlich geschafft, mehrere hundert Kilometer zu segeln und trotz Bruchlandung alle Passagiere zu retten. Diesem Piloten erging es im Übrigen ähnlich, wie Whip. Durch sein Handeln hat er das Flugzeug nämlich erst in diese gefährliche Situation gebracht.
„Flight“ ist ein Suchtdrama im klassischen Sinne. So, wie die Hauptfigur, leidet man als Zuschauer mit. Es gibt die typischen Aufschwünge und niederschmetternde Abfahrten. Der Held fällt von ganz oben nach ganz unten und nur hier findet er die Kraft, wieder aufzustehen. Ganz klassisch eben. Den Hingucker des Films findet man im Rahmen der Geschichte – genauer gesagt am Anfang des Films. Robert Zemeckis hat schon in „Cast Away“ bewiesen, dass er ein Händchen für beängstigende aber realistische Flugzeugabstürze und deren filmischer Darstellung hat. In „Cast Away“, zum Beispiel, saß man mit im Flugzeug. Und obwohl nichts umherflog und niemand raus gesaugt wurde und niemand in kopflose Panik verfiel – obwohl Zemeckis also auf die üblichen Motive einer solchen Szene verzichtete – war diese Sequenz eine der eindrucksvollsten Momente, die ich je in einem Film gesehen habe. In „Flight“ übertrumpft Zemeckis sich selbst und liefert eine noch beängstigendere Absturzszene. Das Problem an diesem Motiv ist, dass es bisher wenig Überlebende einer echten Flugzeugkatastrophe gibt. All die Angst und der Horror, den wir uns nur vorstellen können, steckt nun in dieser Szene und hat sich mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. Sie ist dermaßen wirkungsvoll, dass ich im Moment nicht weiß, ob ich – als jemand, der unter einer gewissen Flugangst leidet – jemals wieder halbwegs ruhigen Gewissens – oder nüchtern – in einen Flieger steigen kann. Vielen Dank, Mr. Zemeckis!
„Flight“ entspricht genau dem, was man unter einem typischen Hollywood-Film versteht. Erstaunlich, dass Zemeckis diese Eigenschaft nach so vielen Jahren immer noch aufrecht erhalten kann. Außerdem erzählt der Film die Geschichte über einen Menschen, der trotz immenser Fähigkeiten so verletzlich ist, wie es ein Mensch nur sein kann. Das mag nichts Neues sein – schon gar nicht im Kino – aber es ist eindrucksvoll dargestellt und wird von einer der spektakulärsten Flugzeugszenen aller Zeiten gekrönt. Oscarverdächtig? Eher weniger. Die Konkurrenz in den nominierten Kategorien ist zu stark. Sehenswert? Wenn man nicht vor hat, in nächster Zeit zu verreisen, sollte man diesen Film keinesfalls verpassen.
Flight (USA, 2012): R.: Robert Zemeckis; D.: Denzel Washington, Kelly Reilly, John Goodman, u.a.; M.: Alan Silvestri; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, von 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Whip Whitaker ist Pilot. Mehr, als das! Er ist der beste Pilot, den die zivile Luftfahrt derzeit kennt. Er hat mehr Flugstunden im Hintern, als die meisten seiner Kollegen und seine Erfahrung hilft ihm in jeder nur möglichen Situation. So auch an diesem Morgen. Bei einem Inlandsflug nach Atlanta gilt es, ein heftiges Unwetter zu durchfliegen. Die Anzeigen im Cockpit raten zum Kurswechsel, doch Whip erkennt in der Wolkenformation vor ihm eine Lücke und weiß, dass hinter dieser Lücke der freie Himmel wartet. Entgegen einiger Vorschriften und sämtlicher Daten, behält er recht. Nach ein paar Minuten ungemütlichen Gewackels, liegt der Flieger ruhig in der Luft und alles ist gut.
Währenddessen lernen wir Nicole kennen. Sie hat ein ernstes Drogenproblem und ist bereit, für ein paar Gramm Heroin, beinahe alles zu tun. Ihr Dealer arbeitet ausgerechnet als Produzent an einem Porno-Set.
Wieder im Flugzeug bricht plötzlich das Chaos aus. Es ertönt ein Knall und die Maschine schmiert ab. Dank seiner Fähigkeiten gelingt es Whip tatsächlich, die beschädigte Maschine zu landen und die meisten Passagiere zu retten. Alle sind sich einig, dass alle Fluggäste und noch viel mehr Menschen eines grausamen Todes gestorben wären, hätte ein anderer Pilot am Steuer gesessen. Die Nachuntersuchung ergibt jedoch beunruhigende Fakten. Offensichtlich war Whip während des Fluges betrunken. Eine Anhörung wird einberufen.
Es ist schon ein bisschen gemein, bei diesem Film, den Regisseur als Aufhänger zu nutzen. Aber Denzel Washington kennt jeder und er ist in diesem Film erwartungsgemäß gut und so überzeugend, wie man es aus vielen seiner bisherigen Auftritte gewohnt ist. Seine Leistung ist indiskutabel und bedarf keiner weiteren Worte.
Robert Zemeckis nun hat sich entschieden, seine fragwürdigen Projekte noch einmal zu verschieben. Eigentlich wollte er nur noch Animationsfilme produzieren – ganz im Stile von „Der Polarexpress“ oder „Die Legende von Beowulf“. „Flight“ erzählt eine Geschichte, die auf mehreren wahren Begebenheiten beruht. Es hat wirklich einen Piloten gegeben, der in einer ähnlichen Situation ein ähnlich waghalsiges Manöver vollführt hat, wie es im Film zu sehen ist. In Wirklichkeit ist das Manöver leider nicht geglückt. Ebenso gab es einen Piloten, der auf halber Strecke von Athen nach Paris feststellte, dass der Sprit nicht reicht und er hat es tatsächlich geschafft, mehrere hundert Kilometer zu segeln und trotz Bruchlandung alle Passagiere zu retten. Diesem Piloten erging es im Übrigen ähnlich, wie Whip. Durch sein Handeln hat er das Flugzeug nämlich erst in diese gefährliche Situation gebracht.
„Flight“ ist ein Suchtdrama im klassischen Sinne. So, wie die Hauptfigur, leidet man als Zuschauer mit. Es gibt die typischen Aufschwünge und niederschmetternde Abfahrten. Der Held fällt von ganz oben nach ganz unten und nur hier findet er die Kraft, wieder aufzustehen. Ganz klassisch eben. Den Hingucker des Films findet man im Rahmen der Geschichte – genauer gesagt am Anfang des Films. Robert Zemeckis hat schon in „Cast Away“ bewiesen, dass er ein Händchen für beängstigende aber realistische Flugzeugabstürze und deren filmischer Darstellung hat. In „Cast Away“, zum Beispiel, saß man mit im Flugzeug. Und obwohl nichts umherflog und niemand raus gesaugt wurde und niemand in kopflose Panik verfiel – obwohl Zemeckis also auf die üblichen Motive einer solchen Szene verzichtete – war diese Sequenz eine der eindrucksvollsten Momente, die ich je in einem Film gesehen habe. In „Flight“ übertrumpft Zemeckis sich selbst und liefert eine noch beängstigendere Absturzszene. Das Problem an diesem Motiv ist, dass es bisher wenig Überlebende einer echten Flugzeugkatastrophe gibt. All die Angst und der Horror, den wir uns nur vorstellen können, steckt nun in dieser Szene und hat sich mir auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt. Sie ist dermaßen wirkungsvoll, dass ich im Moment nicht weiß, ob ich – als jemand, der unter einer gewissen Flugangst leidet – jemals wieder halbwegs ruhigen Gewissens – oder nüchtern – in einen Flieger steigen kann. Vielen Dank, Mr. Zemeckis!
„Flight“ entspricht genau dem, was man unter einem typischen Hollywood-Film versteht. Erstaunlich, dass Zemeckis diese Eigenschaft nach so vielen Jahren immer noch aufrecht erhalten kann. Außerdem erzählt der Film die Geschichte über einen Menschen, der trotz immenser Fähigkeiten so verletzlich ist, wie es ein Mensch nur sein kann. Das mag nichts Neues sein – schon gar nicht im Kino – aber es ist eindrucksvoll dargestellt und wird von einer der spektakulärsten Flugzeugszenen aller Zeiten gekrönt. Oscarverdächtig? Eher weniger. Die Konkurrenz in den nominierten Kategorien ist zu stark. Sehenswert? Wenn man nicht vor hat, in nächster Zeit zu verreisen, sollte man diesen Film keinesfalls verpassen.
Flight (USA, 2012): R.: Robert Zemeckis; D.: Denzel Washington, Kelly Reilly, John Goodman, u.a.; M.: Alan Silvestri; Offizielle Homepage
In Weimar: CineStar
Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, von 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
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