Dienstag, 1. April 2014

FlimmerCASTen # 18 - Keanu Reeves

Viel zu lange hat es gedauert, und jetzt müsst ihr gleich mit so vielen Hämmern gleichzeitig klar kommen. Nicht nur, dass es Keanu Reeves derzeit gleich mit zwei Filmen ins Kino zurück geschafft hat, ihr habt hier auch noch die neue Ausgabe unseres Podcasts vor euch. Nahezu anderthalb Stunden geballtes Fachwissen über den sanftmütigen Superstar. Viel Spaß!



Feedback und Kommentare sind wie immer herzlich willkommen!

Mittwoch, 26. März 2014

Her

Was für ein Comeback! Joaquin Phoenix, der ganz offensichtlich wahnsinnig geworden war und seine Schauspielkarriere aufgegeben hatte, um fortan ein Rap-Superstar zu werden, sich anschließend in oberpeinlichen Auftritten volltrunken und pöbelnd an der Geilheit seiner eigenen Person ergötzte, nur um dann der Welt mit zu teilen, alles sei nur ein Fake gewesen; dieser Joaquin Phoenix kehrt plötzlich auf die große Leinwand zurück und spielt sich in „The Master“ förmlich die Seele aus dem Leib. Weil es ein böser Film ist, der von großmächtigen und manipulativen Sekten handelt- mit denen Hollywood nicht all zu gerne in Verbindung gebracht wird – wird seine Leistung nicht im verdienten Maße honoriert. Also schaltet der Underdog einen Gang zurück und dreht mit einem anderen Underdog einen niedlichen, kleinen Liebesfilm und wird prompt mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Und wem verdankt er das alles? „Her“!

Theodore ist der beste Briefeschreiber, den es gibt. In einer nahezu vollständig digitalisierten Welt, sind Briefe out. Kaum jemand nimmt sich noch die Zeit, sich hin zu setzen und seinen Lieben einen Brief zu schreiben. Dafür gibt es jetzt Dienstleister, wie Theodore. Weil er in einer kalten, technisierten Welt ein so sensibler Mensch ist, kann er damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Privat geht es ihm allerdings nicht so gut. Er hat gerade eine Trennung hinter sich und lebt allein. Eines Tages sieht er die Werbung für ein neuartiges Operatingsystem, welches die brandneue Technik der künstlichen Intelligenz nutzt. Theodore legt sich das Betriebssystem zu und nach einer Reihe von Fragen, die er beantworten muss, piepst es plötzlich und Samantha ist da. Beziehungsweise ihre Stimme. Die wirkt nicht weniger real, als die eines echten Menschen und Theodore versteht sich prächtig mit ihr. Ihre Neugier und Auffassungsgabe gibt Theodore neue Perspektiven und sie gibt ihm die Gesellschaft und das Verständnis, nach dem sich seine verletzte Seele so sehnt. Er weiß, dass Samantha nur ein Stück Software ist, und doch fühlt er sich immer mehr zu ihr hingezogen. Doch kann sich ein Mensch in ein Operatingsystem verlieben?

Ja! Denn das ist ein Film von Spike Jonze. Seinen Filmen haftet immer etwas skurriles und abgedrehtes an. Denken wir nur an „Being John Malkovich“, in dem John Cussack durch eine geheime Tür in den Kopf des berühmten Schauspielers gelangt und ihn steuern kann. So abgedreht dieses Szenario auch daher kommt, lässt es sich auf wenige essenzielle Kernmotive reduzieren. Bin ich zufrieden mit meinem Leben? Wäre ich gern jemand anderes? Habe ich angst vor dem Leben? Oder eher vor dem Tod? „Wo die wilden Kerle wohnen“ ist das eskapisrische Abenteuer eines kleinen Jungen, der sich in seiner Welt von allen Mitmenschen missverstanden sieht. Und „Her“ erzählt von der Liebe zwischen zwei Wesen, die sich über eventuelle technische oder physische Grenzen hinaus entfalten kann und genau so viel Glück oder Leid bringt, wie die Liebe zwischen zwei Menschen. Spike Jonze schafft es also erneut, eine fundamentale Botschaft in einen etwas abedrehten Rahmen zu stecken. Das macht Spike Jonze immer so und in den meisten Fällen funktioniert es auch. Besonders stolz ist er immer auf seine ausgefallenen Design-Ideen. „Her“ ist einige Jahre in der Zukunft angesiedelt. Überall Plexiglas und weiße Monitore. Menschenleere Bergregionen, völlig überfüllte Strände und alles glitzert ein bisschen in einer leicht angestaubten 60er-Jahre-Ästhetik. Es entsteht ein etwas merkwürdiges Bild voller Kontraste. So, wie die Hauptcharaktere. Einer ist ein Mensch und einer ist ein Stück Software und trotzdem haben sie so viel gemeinsam.
Joaquin Phoenix spielt hier einen sensiblen, verletzlichen Menschen, der sich nur nach Wärme sehnt, in einer Welt, die zunehmend kälter zu werden scheint. Und das macht er gut. Mit seinem, etwas schiefen Gesicht, dem leichten Genuschel wirkt er stets unsicher und verschüchtert und man möchte sich die ganze Zeit um ihn kümmern. Scarlett Johansson ist eine tolle Sprecherin. Sie hat mich in dieser Sprechrolle mehr überzeugt, als in allen Filmen, in denen sie zu sehen war. Auch, wenn sie sich eine Gesangseinlage nicht verkneifen kann, funktioniert sie als Stimme einer faszinierenden künstlichen Persönlichkeit total gut. Beeindruckend ist mal wieder Amy Adams, die immer häufiger ihre Wandlungsfähigkeit beweist und vermuten lässt, dass sie wohl noch einiges mehr auf dem Kasten hat, als man bisher vielleicht gesehen hat.
Spike Jonze hatte eben schon immer ein Händchen für spannende Besetzungen.
Insgesamt ist „Her“ sehr schlicht und angesichts der ausschweifenden Werbekampagne und der Vorberichterstattung könnte es sein, dass hier Erwartungen geschürt wurden, die der Film gar nicht erfüllen will. Es ist ein kleiner Film, der nicht übertreibt. Weder in seiner visuellen Darstellung, noch bei der Thematisierung tiefster Gefühle. Will sagen, der Film ist weder überinszeniert, noch zu kitschig. Unspektakulär, könnte man vielleicht sagen, wenn man es auf die positiven Aspekte dieses Wortes bezieht.

„Her“ bietet eben einfach ein vergnügliches Kinoerlebnis, welches man nicht überbewerten sollte. Für eine dicke Portion der visuellen Gewalt eines Spike Jonze müssen wir eben einfach noch auf seinen nächsten Film warten, in welchem er sich aber ruhig wieder richtig austoben darf.

Her (USA, 2013): R.: Spike Jonze; D.: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams, u.a.; M.: Arcade Fire; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Dienstag, 25. März 2014

Berlin - Grand Budapest Hotel

Das kleine Kino, in dem ich arbeite, würde Wes Anderson bestimmt gefallen. Es bietet genau die richtige Mischung aus kuscheliger Nostalgie auf alten Sofas und Sesseln und der unvermeidlichen Technisierung des Kinohandwerks. Schön auf durchgesessenen Sofas hocken, sich Sprungfedern in den Rücken pieksen lassen; dafür aber bitte glasklares, digitales Bild und dicken Surround-Sound. Außerdem wird dieses kleine Kino derzeit regelrecht von Scharen heimgesucht, die sich alle Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“ ansehen wollen.

Wir befinden uns auf einem Friedhof, irgendwo im ehemaligen Staat Zubrowka. Ein junges Mädchen sucht das Grab eines Schriftstellers auf und beginnt vor Ort, ein Buch zu lesen. Wir werden sozusagen in das Buch hinein gesaugt und erleben die Geschichte des Schriftstellers, der wiederum von seinem Besuch in einem der beeindruckendsten Hotels der Welt berichtet. Er selbst besuchte das Grand Budapest Hotel in Nebelsbad allerdings erst lange, nach dessen Glanzzeit. Inzwischen ist es etwas heruntergekommen und erfreut sich außerhalb der Saison nur noch weniger Besucher. Genau das mag unser Autor. Die Ruhe und der nostalgisch-goldene Frieden, der dem Haus innewohnt, bietet die perfekte Inspiration. Besonders faszinierend ist der Besuch des Hotelbesitzers, Mr. Moustafa. Von ihm lässt sich der Schriftsteller wiederum die Geschichte erzählen, wie das Hotel in seinen Besitz gelangte. Und diese Geschichte beginnt mit Monsieur Gustave. Und diese Geschichte hat es in sich. Es geht um Liebe, Geld, Macht, Leben und Tod. Alle Facetten des Lebens schlagen sich in irgendeiner Form in dieser wirklich aufregenden Geschichte nieder. Man kann sich der Geschichte nicht entziehen und es wird die ein oder andere Träne – ob nun aus Freude oder Trauer – vergossen werden.

Wes Anderson ist der letzte große Künstler Hollywoods. All die zahlreichen großen Kollegen sind müde oder anderweitig indisponiert. Ridley Scott zum Beispiel flieht sich in wirre Neuinterpretationen seiner früheren Meisterwerke, die lediglich zu müden Tech-Demos verkommen. Steven Spielberg vermittelt ebenfalls den Eindruck, hängen geblieben zu sein. All seine Filme kommen etwa zwanzig Jahre zu spät. Innovation sucht man auch bei Krawallmachern, wie Roland Emmerich oder Michael Bay vergeblich. Und der fast schon kindliche-naive Bombast-Feldzug eines J.J. Abrams quer durch die Erinnerungen einer wirklich schönen Kindheit, fällt auf Dauer eben einfach der Entzauberung durch virales Merchandising zum Opfer.
Und in dieser Zeit, in der sich das Kino in festgefahrenen Bahnen nur noch vor oder zurück bewegt, ohne jemals wirklich die Chance zu ergreifen, etwas wirklich Neues auszuprobieren, kommt Wes Anderson. Und er scheißt auf Konventionen. Er erzählt Geschichten, wie er es möchte und auch, wenn all seine Kollegen sagen, er sei verrückt, filmt er seine Werke nach, wie vor mit klassischer analoger Filmtechnik. Für „Moonrise Kingdom“ besorgte er sogar Kameras und Filmmaterial aus den 60er Jahren, um diesen leicht blassen und staubigen Look besser hin zu kriegen. Für „Grand Budapest Hotel“ wurden riesige Filmbühnen und Kulissen gebaut und Anderson stellte einen Cast zusammen, der jeden anderen Regisseur in den sicheren Ruin getrieben hätte. Und dann trabt der Film in wahnwitzigen Tempo durch seine zwei Stunden und erzählt ohne jeden Druck und absoluter Lockerheit eine wahnwitzige Geschichte voller Abenteuer, Witz und Drama. Alle Schauspieler bieten eine Performance sondergleichen. Ralph Fiennes war für mich in der letzten Zeit irgendwie angekommen. Hat er früher noch durch charakterstarke Darstellungen geglänztm leuchtete er in den letzten Jahren weniger hell. Ich hätte nicht gedacht, dass er sein festgefahrenes Nebenrollendasein noch einmal aufgeben würde und dass er es dann schaffen würde, diese Hauptrolle dermaßen überzeugend zu spielen. Gleiches gilt für alle Kollegen, insbesondere Jeff Goldblum, Adrian Brody, oder Willem Dafoe. Zu dem hohen Tempo passt auch das fast schon comichafte Spiel der Darsteller. Alle bewegen sich auch schnell und sprechen, ohne Punkt und Komma, beziehungsweise, ohne Luft zu holen. Dazu kommt ein bühnenhafter Puppenhauslook, dem man seine pappene Herkunft sofort ansieht, der sich aber trotzdem perfekt zum Gesamtbild hinzufügt. Anderson spielt außerdem mit Formatwechseln, farblichen Verfremdungen, unorthodoxen Perspektiven und Zeichentrickkosaken.

„Grand Budapest Hotel“ ist – mehr, als jemals zuvor – ein nostalgischer Trip in die ganz besondere Welt des Wes Anderson. Mit einer unglaublichen Detailverliebtheit – ja, echter Liebe – dürfen wir diese Welt besuchen und mehr denn je, war ich fast traurig, als der Abspann über die Leinwand lief, denn das bedeutete, dass ich diese Welt wieder verlassen hatte. Nun fiebere ich dem nächsten Besuch entgegen und kann es schon jetzt kaum erwarten.

Grand Budapest Hotel (USA, D, 2014): R.: Wes Anderson; D.: Ralph Fiennes, Jude Law, Jeff Goldblum, Bill Murray, u.a.; M.: Alexandre Desplat; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 5. März 2014

Das finstere Tal

Wenn man an Genrefilme aus Deutschland denkt, erinnert man sich nicht unbedingt an positive Kinoerfahrungen. „Hell“ hat irgendwie nicht funktioniert, obwohl die Idee mit einem zur Wüste erstarrten Deutschland gar nicht so weit her geholt ist. „Anatomie“ hat versucht, eine Slasher-Reihe im deutschen Kino zu etablieren. Kann man dem ersten Teil noch eine gewisse Spannung zusprechen und ihm vielleicht noch die Star-Power anrechnen, ging es mit der Fortsetzung mächtig schief. Andere Versuche, klassische Hollywoodgenres zu bedienen waren ebenfalls selten von Erfolg gekrönt. Man denke nur an den durchaus gelungenen, aber kolossal gefloppten „Cloud Atlas“. Das Publikum möchte derartige Filme eben lieber mit echten Hollywood-Stars sehen. Das ist im Großen und Ganzen eine Frage der Sehgewohnheiten. Etwas, wogegen Til Schweiger zum Beispiel seit vielen Jahren anzukämpfen versucht. Andreas Prochaska aus Wien versucht das auch und möglicherweise hat er es mit seinem neuesten Film auch geschafft.

Finster fängt es an. Es ist ein trüber Herbstmorgen, irgendwann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem entlegenen Tal, mitten in den Alpen. Ein einsamer Reiter kommt nach einer langen Reise in einem kleinen Dorf an und bittet um Quartier. Die ansässigen Bauern sind sehr skeptisch und fragen sich, was der Fremde hier will. Besonders, da der Wintereinbruch kurz bevor steht und niemand dass Tal verlassen kann, solange es eingeschneit ist. Sein Name sei Greider und er möchte gerne Fotografien anfertigen. Eigentlich ganz harmlos, würde er nur nicht die ganze Zeit den eindringlichen Blick zelebrieren. Trotz aller Skepsis überwiegt die Neugier. Man bringt ihm bei einer verwittweten Frau und der deren Tochter unter. Der Fremde interessiert sich sehr für das Leben im Dorf und vor allem für die Familie des Großbauern, die den Ort und seine Bewohner offensichtlich fest im Griff haben. Und es dauert nicht lange, da kommt es zu merkwürdigen Todesfällen. Immer sind es die Söhne des Bauern, die auf brutale Weise zu Tode kommen. Bald ist auch klar, dass der Fremde aus einem ganz anderen Grund im Tal ist, als Fotos zu schießen.

Vor dem Kinobesuch habe ich nicht gewusst, was mich erwartet. Im Vorfeld habe ich weder Synopsis gelesen, noch Trailer gesehen. Tobias Moretti wurde an verschiedenen Stellen lobend erwähnt. Mehr wusste ich nicht. Ab der ersten Minute baut der Film sehr gekonnt eine düstere und bedrohliche Atmosphäre auf und verwendet hierfür die klassischen Kniffe. Bombastische Landschaftsaufnahmen, denen aber irgendwie die Farbe und das Leben fehlt. Musik, die nicht weniger bombastisch daher kommt, sich aber munter bei gängigen Komponistengrößen bedient. Während des gesamten Intros sieht man einen einsamen Reiter mit Cowboyhut und Sporen. Die Ankunft dieses Reiters wird von argwöhnischen Blicken beobachtet. Die ersten Dialoge bestehen aus wenigen Worten. Ein Schelm, wer böses denkt, aber so etwas hab ich doch schon mal irgendwo gesehen. Der Einstieg zeichnet also ein nahezu perfektes Bild einer Homage an eines der ältesten Filmgenres überhaupt. Es fühlt sich etwas befremdlich an, dass alle Dialoge in breiter Alpen-Mundart geführt werden. Mir erschließt sich nach einer Weile, was „Das finstere Tal“ versucht; der Film entfaltet ein stilechtes Racheepos mit all den Dingen, die dazu gehören. Der mysteriöse Fremde knöpft sich seine Gegner der Reihe nach vor und dann gibt es sogar einen klassischen Showdown in dem Gewehrkugeln und Blut nur so durch die Gegend spritzen. Jeder Szene dieses Films merkt man die Hingabe zum Genre an und endlich funktioniert der Versuch, einen hiesigen Genrefilm zu kreieren. Das liegt an der Umgebung. Dieses Szenario in die Alpen zu verlegen, wirkt vielleicht abwegig, aber es funktioniert. Was wissen wir denn schon, was um die Jahrhundertwende in irgendeinem einsamen Tal dort los war? Außerdem ist der Stil auf visueller Ebene dermaßen konsequent, dass man vollkommen hineingezogen wird. Zusätzlich scheint der Film keinerlei überflüssige Elemente einzupflegen. Alles passt genau da hin, wo es ist. Die Story ist simpel, aber nicht oberflächlich. Das gleiche gilt für die Charaktere. Zusätzlich sprüht der Film vor Zitaten an „High Noon“, „Der Name der Rose“ oder auch „Django Unchained“.Bevor das aber alles ausartet, entdeckt man immer noch genug eigene Ideen.

„Das finstere Tal“ ist also ein stilechter Western, der sich nicht davpr scheut, bei Genre-Referenzen zu klauen, ohne das ganze aber zu einem Remake, oder Persiflage verkommen zu lassen. Es ist eben einfach irgendwie etwas Eigenes, erinnert aber stark an Bekanntes.
Es fällt mir ein bisschen schwer, ausschweifend über den Film zu schreiben. Einerseits gibt es gar nicht so viel, über das man berichten kann. Das Gesamtbild dieses Films ist einfach total stimmig, so dass es kaum markante, oder besonders auffällige Sequenzen gibt. Außerdem will ich nicht zu viel verraten, denn für mich hat „Das finstere Tal“ vor allem deshalb so gut funktioniert, weil ich im Vorfeld nahezu keinerlei Informationen hatte. Man sollte sich allerdings auf harten Tobak einstellen. Die FSK hat dem Film zwar eine Ab-12-Freigabe erteilt, was das Entscheidungsgremium aber dabei geritten hat, versteht wohl kein Mensch.

Das finstere Tal (AUT, D, 2014): R.: Andreas Prochaska; D.: Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, u.a.; M.: Matthias Weber; OffizielleHomepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 27. Februar 2014

FlimmerCASTen # 17 - Wie war's auf der Berlinale, Jan?

Während ihr hier nach und nach die Texte zu den einzelenen Filmen lesen könnt, die ich in Berlin gesehen habe, geht es im Podcast um das ganze Drumherum. Antonia und ich erklären zum Beispiel auch, warum hier solch merkwürdige Filme besprochen werden, die im diesjährigen Festival-Programm gar nicht aufgetaucht sind...



Wart Ihr schon auf der Berlinale? Sollten Papiertüten auf dem Kopf im nächsten Jahr der neue Modetrend auf dem Festival werden? Teilt's uns mit!

Dienstag, 25. Februar 2014

Berlin: Nyphomaniac 1

Kaum ein anderer Film wurde in den letzten Monaten mehr diskutiert und nicht wenige haben nach all dem Wirbel schmerzlich den Kinostart herbei gesehnt. Ob diese Aufregung gerechtfertigt war und nicht die Erwartungen so hoch geschraubt hat, dass sie dieser Film nicht erfüllen kann, ist dem Regisseur wahrscheinlich egal. Was man von Lars von Triers neuestem Machwerk „Nymphomaniac 1“ hingegen halten soll, weiß man wohl auch erst, wenn man im Kino war.

Es ist eine kalte Nacht, die an rostige und keimig, verklebte Wände, an denen Brackwasser herunter rinnt denken lässt und an Rammstein. In einer solchen Nacht findet der alte Mann namens Seligman eine übel zugerichtete Frau auf dem Fußweg liegend. Er kümmert sich um sie und schafft sie zu sich nach Hause. Hier packt er sie ins Bett und flößt ihr warmes Essen und Getränke ein. Ob er die Polizei oder einen Krankenwagen rufen soll, verneint sie. Sie sei ein schlechter Mensch und das sei in Ordnung so. (Hat nicht ein berühmter Regisseur vor klurzem etwas ganz Ähnliches gesagt?) Seligman glaubt nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Deshalb beginnt sie, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, um zu beweisen, dass sie doch ein schlechter Mensch ist. Dieses Leben besteht ausschließlich aus extremen, sexuellen Erfahrungen, die sie seit ihrer frühesten Kindheit sammelt. Der alte Mann zeigt sich von all den expliziten Schilderungen nicht sehr schockiert und kontert mit Analogien vom Fliegenfischen, dem Komponieren eines Orgelstückes und der Weltliteratur. Während sie also ungeniert von ihrem Leben berichtet, wird sie von ihm bemuttert und moralisch durchgefüttert.

Die Story klingt ziemlich banal. Bei den meisten Pornofilmen gibt es so etwas, wie eine Story gar nicht erst und so gesehen, könnte man sagen, ist „Nymphomaniac 1“ regelrecht tiefgründig. Lange habe ich überlegt, wie dieser Film zu bewerten ist und ich bin zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Manche bezeichnen diesen Film, als ein wildes Kunstwerk, welches im Grunde nur die Gewalt und Vielfältigkeit des Lebens nachzeichnet. Lars von Treir selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er einen Pornofilm gedreht hat. Ich finde, so sollte ich das auch halten. Zwischen den einzelnen Kapiteln, die alle jeweils ein neues Sexabenteuer schildern, gibt es Einschübe, die sehr verkrampft wirken und an die tatsächliche Bildgewalt früherer von-Trier-Filme erinnern sollen, hier aber total unpassend daher kommen. Alles wirkt dadurch eher konfus. In einer Szene beschreibt sie ausführlich von ihrer Entjungferung, in der nächsten zitiert er den Text irgendeines romantischen Autors. Einmal wird der Zuschauer mit einer beispiellosen Galerie männlicher Geschlechtsteile bombardiert, gleich darauf mit perfekten Bildern eines spektakulären Sonnenuntergangs verwöhnt. All das kann nicht verbergen, dass es in diesem Film nur um eines geht: Um Sex. Um Sex in all seinen faszinierenden, wie auch abstoßenden Formen. Ästhetische Liebesszenen wird man hier kaum finden. So etwas gibt es in Pornofilmen nun mal nicht. Stattdessen findet man eine beeindruckend gespielte, aber leider vollkommen überflüssige Szene mit ihrem Vater, der irgendwie noch zum Schlüsselsymbol werden soll. Vielleicht. Das kommt möglicherweise im zweiten Teil erst. Womit wir bei einem weiteren, großen Problem von „Nymphomaniac“ wären. Lars von Trier hat nach Fertigstellung seines Filmes den sogenannten Final Cut abgegeben. Dieser Cut legt fest, welche Version letztendlich in den Kinos laufen soll. Aus vermarktungstechnischen Gründen, wurde der Film erstens regelrecht kastriert – Sorry, aber anders kann man es in diesem Fall schwerlich nennen – und damit sämtlicher diskutabler Szenen, die im Vorfeld für so viel Gesprächsstoff sorgten beraubt; zweitens wurde „Nymphomaniac“ in zwei Teile gehackt. Der deutsche Verleih möchte dem deutschen Publikum also weder eine Laufzeit von 5 Stunden, noch explizit dargestellte, kopulierende Paare zumuten. Als Dank dafür bittet man aber natürlich doppelt zur Kasse.

Das Ergebnis ist eben eher unspektakulär, entspricht überhaupt nicht den Erwartungen – ob nun negativ, oder positiv - die man an einen Film dieses Regisseurs hat und zeigt vor allem, wie toll es noch immer in der Filmwelt funktioniert, wenn man auf möglichst platte und unkreative Art und Weise einfach mal drauf los provoziert.
Ich hatte nicht einmal Freude am durchaus sehenswerten Cast des Filmes. Einzig Uma Thurman zeigt gutes Schauspiel und rettet um Haaresbreite den Ruf ihrer Zunft. Alle anderen sind austauschbar. Vor allem der Typ mit der Papiertüte auf dem Kopf.

Nymphomaniac 1 (DK, D, B, F, GB, 2013): R.: Lars von Trier; D.: Charlotte Gainsbourgh, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Nebenbei: Von Stöckchen und dem Soundtrack zum Leben

Mir wurde ein Stöckchen zugeworfen. So kommt es, dass ich plötzlich über ein Thema nachdenke, welches nicht unbedingt etwas mit FIlmen zu tun hat und mich dazu bringt, olle Platten heraus zu wühlen und an früher zu denken.


In meinem Leben gibt es – und gab es schon immer – unglaublich viel Musik. Das fing schon als Kind an. Mein Papa war schon immer sehr interessiert und zu DDR-Zeiten als Schallplattenunterhalter mit extra DJ-Diplom unterwegs. In den 70er Jahren war es wichtig, sich mit der Musik zu identifizieren. Solche denkwürdigen Ereignisse, wie Woodstock zumindest aus der Ferne mitzukriegen, war schon irgendwie wichtig. Meine Eltern haben also schon immer viel Wert auf ihren Musikgeschmack gelegt. Das heißt, ich bin mit den Beatles, den Rolling Stones, Neill Young, Bob Dylan, und so ziemlich allen Ikonen des Rock und Pop aufgewachsen. Mir hat dann irgendwann eine Band besonders zugesagt. Ich weiß nicht warum, aber im Alter von sechs Jahren oder so, habe ich unentwegt Supertramp gehört. Das war irgendwann der Soundtrack zu allem, was ich so erlebt habe. Der Ostsee-Urlaub wurde von „Crime Of The Century“ begleitet, meine Grundschulzeit von „Chrisis? What Chrisis?“. Ununterbrochen hörte ich das Livealbum rauf und runter, während die Mitschüler auf die Eurodance-Welle und Schlumpfentechno abgingen. Aus heutiger Sicht ist Supertramp irgendwie weniger ernst zu nehmen und aus irgendeinem Grund werden die Fans unverhohlen belächelt. Möglicherweise liegt das daran, dass Supertramp seit vielen Jahren mit ein und dem selben Song ein eher mitleiderregendes Dasein auf den Servicewellen der deutschen Radiolanfschaft fristet. Lustigerweise wurde vor einiger Zeit „Give A Little Bit“ wieder neu entdeckt, weil Coca Cola den Song für die aktuelle Imagekampagne durch sämtliche Kanäle dudeln ließ. Irgendwann war bei mir dann chluss mit Supertramp. Von einem Tag auf den nächsten erschloss sich mir eine völlig neue Musik, die mit großflächig arrangierten Pop-Balladen über den Frieden in der Welt gar nichts zu tun hatte. Wenn man den kontrastreichen Schritt von Supertramp zu Drum'n'Bass beobachtet, könnte man vielleicht denken, mein Leben hätte einen ebenso gravierenden Einschnitt verzeichnet. Dem war nicht so. Plötzlich wollte ich hämmernde Bässe, wahnwitzige BPMs und kreischende Vocalsamples. Drum'n'Bass ist an sich keine Musik, die man sich geruhsam anhört, aber ab da an gab es für mich nichts anderes mehr. Mir gefiel es, eine Musik zu hören, die die meisten meiner Bekannten einfach nicht verstanden. Das mangelnde Verständnis schlägt sich übrigens auch in Filmsoundtracks nieder. Immer wieder haben Filmemacher versucht, diesen Sound in ihre Werke einzubauen – meist mit fatalen Ergebnissen. Der Soundtrack von „pi“ oder das Intro von „Event Horizon“ bieten da die seltene Ausnahme von gelungenen Einsätzen des Amen-Beats. Aber zurück zum Thema: Dadurch, dass ich so konsequent und unaufhörlich Musik höre, gibt es keinen Peak oder besonderen Moment, den ich mit einem bestimmten Song verbinde. Bei den denkwürdigen Ereignissen in meinem Leben, lief dann erstaunlicherweise keine Musik. Ich habe meine Freundin gefragt, welcher Song vielleicht sowas ähnliches, wie unser Song sein könnte. Sie antwortete: „Brauchen wir einen Song?“
Als DJ werde ich oft gefragt, was meine Lieblingsplatte ist. Wenn ich nur eine Lieblingsplatte hätte, könnte ich wohl kaum ein abwechslungsreiches Set spielen.
Zerdenke ich die ganze Sache vielleicht zu sehr? Okay! Ich sage jetzt einfach, welcher Song, mir ganz spontan durch den Kopf geht: „Lass das mal den Papa machen...“ Oha!

Das Stöckchen haben mir übrigens die Kollegen von Schöner Denken zu geworfen. Wie deren musikalischer Nostalgietrip aussieht, könnt Ihr hier nachlesen.