Dienstag, 12. Februar 2013
Silver Linings
David O. Russell hatte mit seinem letzten Film „The Fighter“ einen erstaunlichen Erfolg gemeistert. Für das Drehbuch von Scott Silver gab es einen Oscar, für die Regie jedoch nicht. Die beiden Nebendarsteller Christian Bale und Amy Adams heimsten die Trophäen ein, sein von Russell extra gecoachter und an seine Grenzen gehender Hauptdarsteller, Mark Wahlberg, ging jedoch leer aus. „The Fighter“ war ein Paradebeispiel für Fehleinschätzungen des Potentials im eigenen Film. Die Dinge, die den Film so besonders gemacht haben, spielten während der Produktion für Russell eine eher untergeordnete Rolle.
Im neuesten Werk „Silver Linings“ scheint das gleiche wieder zu passieren. Diesmal jedoch mit Absicht.
Pat sitzt in der Nervenheilanstalt. Nicht etwa, dass er freiwillig hier wäre, oder ernsthaft krank. Er ist allerdings extrem traumatisiert. Er führte eine Bilderbuchehe mit einer wunderschönen Frau. Eines Tages kommt er nach Hause und erwischt sie mit einem seiner Kollegen unter der Dusche. Im Hintergrund läuft übrigens der Song, den die beiden auf ihrer Hochzeit haben spielen lassen. So eiskalt und böse das zunächst erscheint, so verständlich scheint seine Reaktion zu sein. Er prügelt den Nebenbuhler grün und blau. Die Frau fühlt sich extrem bedroht und lässt ihren wütenden Ehemann einliefern. Nach einigen Monaten kommt Pat endlich raus und wird von seinen Eltern zu Hause aufgenommen. Der Vater ist ein pathologischer Spieler und hat schon sehr viel Geld und Ehre bei Wetten auf Baseballspiele verloren. Er hält seinen Sohn für einen Glücksbringer, denn immer wenn der sich im Raum befindet, scheint sich das Glück für den Vater zu wenden.
Pat hat jedoch ein ganz anderes Ziel. Er will seine Frau zurück. Da lernt er Tiffany kennen, die auf ihre Weise einen ganz ähnlichen Dachschaden hat. Sie fragt Pat, ob er ihr bei einem Tanzwettbewerb beistehen kann, wenn sie ihm dafür hilft, mit seiner Frau wieder zusammen zu kommen.
Die Story ist schnell durchschaut und entpuppt sich als eine gewöhnliche Liebesgeschichte, nach ganz klassischem Muster. Die wenigen markanten Charaktereigenschaften der Protagonisten halten die Originalität nur mit größter Mühe auf einem erträglichen Level. Viel zu oft rutscht der Plot ins Banale ab und der Zuschauer wird nur von großen Aktionen der Figuren vor dem Desinteresse bewahrt. Pat zertrümmert eine Stereoanlage. Pat prügelt sich mit Hooligans. Pat wirft einen ausgelesenen Hemmingway durch die Fensterscheibe, weil er das Ende kacke findet. So etwas eben. Das Besondere in diesem Film ist die Leistung aller Darsteller. Bradley Cooper ist nach ausschweifenden Eskapaden in Hangover eigentlich schon abgestempelt gewesen als Slapstick-Trottel vom Dienst. Jennifer Lawrence hat zwar eine beeindruckende Leistung in „Winter's Bone“ absolviert, hat seitdem aber vor allem in mäßig erfolgreichen Blockbusterkrücken mitgespielt. So etwas schabt am Image einer ernstzunehmenden Schauspielerin. Zu guter Letzt: Robert De Niro hat seine große Zeit hinter sich. Seine Auftritte wurden zunehmend nur noch auf seine bloße Anwesenheit reduziert. Seine Rolle als Simon Silver in „Red Lights“ zum Beispiel barg so viel Potential und er hat es starren Blickes einfach verpuffen lassen.
Alle drei Schauspieler zeigen in „Silver Linings“, dass sie es noch immer drauf haben. Mag die Geschichte voll an Klischees und Plattitüden sein – ja regelrecht amerikanisch – die Schauspieler schaffen es, dem Film eine besondere Note zu geben. Der Film lebt davon und spielt die markanten Eigenschaften der Menschen hinter der Rolle gekonnt aus. Konsequenterweise wurden alle drei mit Nominierungen für die kommende Oscar-Verleihung belohnt. Die Academy scheint über die eklatanten Schwächen des Drehbuchs hinweg sehen zu können und die Stärke der Produktion zu sehen. Nun steht natürlich die Frage im Raum, ob ein Film, der allein von der Vitalität und vom Charisma der Schauspieler lebt, überzeugen kann. Er kann es nicht. Wie man schon oft gehört hat, kann selbst der beste Regisseur große Schwächen eines Skripts nicht ausbügeln. Tragischerweise handelt es sich in „Silver Linigns“ bei Regisseur und Drehbuchautor um die selbe Person.
„Silver Linings“ ist oberflächlich und erzählt eine aufgewärmte Geschichte mit nicht eben originellen Einfällen zum tausendsten Mal neu. Beeindruckend sind dagegen um so mehr die drei Hauptdarsteller, die mit einer immensen Ausdauer und Stärke gegen die Defizite des Films anstürmen und sich dadurch zu etwas wirklich Besonderen machen. Und da ist sie wieder einmal: Die Magie Hollywoods, die dafür sorgt, dass ich sage: Allein diese drei Schauspieler rechtfertigen schon den Kinobesuch.
Silver Linings (USA, 2012): R.: David O. Russell; D.: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert De Niro, u.a.; M.: Danny Elfman; Offizielle Homepage
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Montag, 21. Januar 2013
Django Unchained
Es ist ein kleines Wunder, dass die ganze Welt in helle Aufregung gerät, wenn Quentin Tarantino einen neuen Film gemacht hat. Das war nicht immer so. Tarantino hat klein angefangen. So klein, wie man es sich nur vorstellen kann. Er hatte als Jugendlicher einen Job in einer Videothek und kam dort in den Genuss hunderter Filme. Als Kind ging er in sogenannte Grindhouse-Kinos. Dort wurden Filme gezeigt, die weit hinter B-Produktionen standen. Diese Trashwerke beeinflussten Tarantino sehr. Seine ersten Gehversuche als Filmschaffender sahen also auch entsprechend aus. Der erste Film, bei dem er Regie führte, hieß „Lovebirds in Bondage“ und erblickte nie das Licht der Öffentlichkeit. Vor der Vollendung, verbrannte der Film. Erstaunlicherweise – oder viel mehr unglaublicherweise – erging es seinem zweiten Projekt, „My Best Friend's Birthday“, genau so. Zwei Drittel des Filmes wurden bei einem Studiobrand vernichtet. Der dritte Versuch gelang und machte Tarantino zum Geheimtipp für Neues, Frisches, Cooles und manchmal total Verrücktes. In seinem ersten vollendeten Film „Resevoir Dogs“ zeigte sich bereits all das, was spätere Filme Tarantinos so speziell machte. „Resevoir Dogs“ war eine Blaupause für das gesamte Schaffen, des Künstlers. Dieses Schaffen wird nun von einem neuen Höhepunkt geprägt: „Django Unchained“
Der Süden der USA, irgendwann in den 1850er Jahren. Es ist Winter und es ist kalt. Zwei berüchtigte Sklavenhändler-Brüder sind mit einer kleinen Gruppe unterwegs durch den Winterwald. Sie haben frische Sklaven erworben und wollen sie nun weiter verkaufen. Der grausame Marsch wird jäh unterbrochen, als die Gruppe auf einen Zahnarzt trifft. Sein Name ist Dr. King Schultz und er ist auf der Suche nach einem ganz besonderen Sklaven. Schultz ist schon längst kein praktizierender Arzt mehr, sondern Kopfgeldjäger. Er braucht Django, weil dieser der einzige Mensch zu sein scheint, der die nächsten Ziele des Doktors schon einmal gesehen hat und sie identifizieren kann. Die beiden Sklavenhändler sind allerdings nicht sonderlich kooperativ und wollen Django nicht verkaufen. Doktor Schultz weiß jedoch, sie adäquat zu überzeugen und zieht mit Django los. Relativ schnell schließen die beiden einen Pakt und Django ist bereit, Schultz zu helfen, will aber auch eine Gegenleistung. Der berüchtigte Calvin Candie hat nämlich die Frau von Django in seinem Besitz und Django will sie um jeden Preis retten. Calvin Candie ist allerdings dafür bekannt, ein besonders grausamer Farmer zu sein, und auch dafür, nie etwas zu verkaufen, wenn er es für wertvoll hält, oder er merkt, wie wertvoll es für jemand anderen zu sein scheint. Ein raffinierter Plan und subtiles Vorgehen sind also von Nöten.
Es ist interessant, dass Tarantino in vielen seiner früheren Filme immer wieder um das Genre des Western herum getänzelt ist und er immer wieder Zitate mit eingeflochten hat, auch wenn diese scheinbar gar nicht dort hin gehörten. Besonders in „Inglorious Basterds“ gab es immer wieder Szenen, die diesem Genre entliehen waren. Nun hat Tarantino es also endlich getan und präsentiert mit „Django Unchained“ einen Western, der auch noch eine Art Remake eines absolut klassischen Vertreters dieser Filmgattung darstellt. Als erstes fällt auf, dass Tarantino einige typischen Stilmittel einfach aufgibt. So wird die Episodenform aufgelöst und die Story folgt einer ungewöhnlich stringenten Linie. Außerdem hat Tarantino extrem viel Aufwand in die Ausstattung gesteckt. Wir sehen fantastische Aufnahmen an Originalschauplätzen und sämtliche Kulissen und Kostüme sind sehr detailliert designt und aufgebaut.
Selten zuvor hat man erlebt, dass Tarantino der reinen visuellen Ebene seiner Filme so viel Aufmerksamkeit widmet
Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist der Rest typisch Tarantino. Ausgeprägte und verrückte Figuren. Jeder von ihnen hat irgendwas Abgefahrenes und Überzeichnetes an sich. Django, der ehemalige Sklave, schert sich selten um das Schicksal seiner Leidensgenossen; viel mehr scheinen die ihm egal zu sein, so lange er seine Rache bekommt. Das Motiv mit der geliebten Ehefrau scheint all zu oft nur als Entschuldigung zu dienen. Oft ist Django genau so skrupellos und grausam, wie die, an denen er sich rächen will. Nicht weniger grausam ist Doktor Schultz, der seine Gewaltausbrüche aber in typischer Christoph-Waltz-Manier durch witzige Exkurse zu kaschieren weiß. Bei Waltz scheint alles nebenbei zu passieren; die Gewalt, der Humor, das Essen und Trinken; das Leben. Im Gegensatz zu seiner Darstellung des bösen Nazigenerals aus „Inglorious Basterds“, zeigt Schultz aber des Öfteren Menschlichkeit, die sogar zum Schlüsselelement avanciert.
Tarantino wurde Rassismus vorgeworfen. Diese Vorwürfe kamen allerdings nur aus Richtung der schockierten Amerikaner. Das Wort „Nigger“ würde so häufig benutzt werden, wie sonst nie. Folgerrichtig muss der Film also rassistischen Inhalts sein. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Tarantino einfach erneut sehr gründlich recherchiert hat, um den Zeitgeist dieser Epoche ein zu fangen. Möglicherweise ist ihm das besser gelungen, als die amerikanischen Zuschauer verkraften wollen. Aus meiner Sicht zeigt Tarantino eine etwas übertriebene und künstlerisch gestaltete Version der Wahrheit. Und mit der können viele Amerikaner wohl immer noch nicht so recht umgehen.
Ist „Django Unchained“ gut? Diese Frage wurde mir oft gestellt, seit ich den Film gesehen habe. In dieser Frage spiegelt sich die Skepsis wieder, ob es Tarantino nach dem überragenden „Inglorious Basterds“ wirklich noch einmal geschafft haben könnte, eine Schippe drauf zu legen. Ich kann nun antworten: Ja, er ist gut. Aber ist er besser? Ich tue mich schwer, bei Tarantinos Filmen zu sagen, welcher besser, oder schlechter ist. Jeder seiner Filme steht immer ganz für sich und er nähert sich unterschiedlichen Themen auf einzigartige Weise. Mir gefällt seine Kunst, denn für mich ist er in erster Linie Künstler und nicht unbedingt Filmemacher, oder Handwerker. Und wem gelingt schon die witzigste Kukluxklan-Szene der Filmgeschichte, wenn nicht einem Künstler?
Django Unchained (USA, 2012): R.: Quentin Tarantino; D.: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Don Johnson; Offizielle Homepage
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Dienstag, 15. Januar 2013
Beasts Of The Southern Wild
Es
war die erste große Überraschung in diesem Jahr und entwickelte
sich in rasanter Geschwindigkeit vom niedrig budgetierten
Außenseiterprojekt zum Geheimtipp zahlreicher renommierter
Festivals. Der Name Sundance ziert das Plakat und garantiert so ein
kreatives und alternatives Filmerlebnis. Dann kam die überraschende
Nachricht, dass der Film zahlreiche Oscar-Nominierungen erhalten hat.
Unter Anderem geht „Beasts of the Southern Wild“ ins Rennen um
den Preis für den besten Film und für die beste Hauptdarstellerin.
Ebenso schnell war ich angefixt und ganz wild auf den Film – und
noch schneller kam die Ernüchterung.
Wir
sind irgendwoim Süden der USA in den Sümpfen. Genauer gesagt,
befinden wir uns in der kleinen Siedlung Bathtub. Hier lebt das
kleine Mädchen Hushpuppy mit ihrem Vater. Die Leute in Bathtub sind
ein eigenes Völkchen. In ihrer Isolation sehen sie einen Segen und
lieben ihre Heimat, auch wenn diese nicht mehr als eine Ansammlung
stinkender Sümpfe darstellt – zumindest für Außenstehende.
Hushpuppy kennt das Leben in ihrer Welt und harmoniert mit ihrer
Umgebung so sehr, dass ein Lächeln reicht, um einen Fisch zu fangen.
Eines Tages kommt ein großer Sturm, der den Bewohnern von Bathtub
keinerlei Angst bereitet. Im Gegenteil. Sie freuen sich darauf und
sagen sich: „Wenn das Wasser zurück kommt, um sich zu holen, was
ihm früher schon zu stand, dann werden wir die letzten sein, die
etwas dagegen tun werden.“
Und
so ist es dann auch. Der Sturm überflutet alles und Hushpuppy, ihr
Vater und einige andere Bewohner des Ortes, ziehen sich in ein
kleines Lager zurück, wo sie fortan leben. Doch die Menschen von der
anderen Seite des Dammes wollen das Gebiet zwangsevakuieren und der
Sturm hat obendrein noch ein paar urzeitliche Bestien zu tage
gefördert.
„Beasts
Of The Southern Wild“ ist der erste Spielfilm der Künstlergruppe
„Court 13“, die in den letzten Jahren mit einigen aufregenden
Kurzfilmen auf sich aufmerksam machte. In diesen Kurzfilmen bedienten
sich die Bilder einer ganz besonderen Sprache und vor allem die Art
und Weise, wie digitale Effekte mit realen Bildern harmonierten, war
etwas Besonderes und ein echter Hingucker. In Verbindung mit der
ungewöhnlichen Geschichte und den Bildern, die sich automatisch im
Kopf etablierten, versprach dieser Film ein echtes visuelles
Highlight zu werden und das Kinojahr mit einem Knall zu eröffnen.
Von den visuellen Fähigkeiten des Künstlerkollektives ist während
des gesamten Filmes kaum etwas zu sehen. Schlimmer noch; das niedrige
Budget zwang die Filmemacher dazu, nicht nur an Ausstattung und
Kostümen zu sparen, sondern offensichtlich auch an Filmmaterial und
Ausrüstung. Einige Einstellungen und Szenen sind mit ganz einfachen
Digitalkameras aufgenommen und das Bild wackelt so sehr, dass man
fast nichts zu erkennen vermag. Andere Bilder wirken dafür wiederum
total perfekt komponiert. Wenn zum Beispiel die urzeitlichen Viecher
in Suprazeitlupe durch das Dickicht streifen, sieht das schon
beeindruckend aus. Ebenso beeindruckend ist eine kurze Szene in einem
Nachtclub, der auf Stelzen in Mitten der Wassermassen immer noch
geöffnet hat.
Derartige
Momente kommen aber viel zu selten. Stattdessen sehen wir kitschige
Bilder vom kleinen Mädchen – der Heldin des Filmes – die mit
ihren sechs Jahren nie aufgibt und immer weiter kämpft. Nur wofür
sie das tut, wird nicht klar. Ihr Blick spiegelt häufig den Zweifel
wider, wenn sie von ihrem zu Hause spricht. Ist ihr zu Hause nicht
eigentlich im Schlamm versunken?
Die
Metaphern, die der Film entwirft, sind ebenfalls nicht besonders
einfallsreich. Klar! Wir haben es relativ schnell kapiert, dass es
sich um die Katrina-Thematik handelt und die Urzeitviecher stehen für
die bösen Behörden, die Hushpuppy aus ihrer Heimat verschleppen
wollen. Angesichts der Absurdität der Lebensphilosophie des Vaters,
die in keinster Weise nachvollziehbar ist, sondern einfach nur
idiotisch und lebensmüde, ist man sogar gewillt, den
paramilitärischen Beamten, oder eben den Auerochsen, einfach recht
zu geben und zu sagen: „Nun lasst euch halt retten. Ist doch egal!“
Für
das amerikanische Publikum ist es sicher ein Fest, diese simplen
Sinnbilder zu sehen und es ist viel einfacher, derartige politische
und auch gesellschaftliche Kritik in Zuckerwatte zu packen und mit
sich überschlagender Stimme kreischend auf das kleine süße und so
tapfere Mädel zu zeigen und zu sagen: „Sie ist so stark. Wäre ich
nur auch so stark“
So
gesehen kann man sich als enttäuschter Kritiker noch weiter
hineinsteigern und dem Film offen praktizierten Patriotismus
vorwerfen und sagen, der Film verharmlose die wirklich schrecklichen
Zustände in den Überschwemmungsgebieten des Hurrikans. Ja, genau!
So gesehen ist der Film patriotischer – und damit schlimmer – als
ein „Zero Dark Thrity“. So einem Film sieht man es sofort an,
dass hier lediglich die umstrittene Außenpolitik der vereinigten
Staaten gerechtfertigt werden soll. Einem kleinen sechsjährigen
Mädchen mit feuchten Kulleraugen jedoch nicht.
Beasts
Of The Southern Wild (USA, 2012): R.: Ben Zeitlin; D.: Quvenzahne
Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly, u.a.; M.: Court 13; OffizielleHomepage
In
Weimar: lichthaus
Der
Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf RadioLotte Weimar.
Montag, 14. Januar 2013
Nachgereicht: In ihrem Haus
Einige
Regisseure sind seit vielen Jahren im Geschäft. Sie haben nicht nur
die aufregendsten Entwicklungen im Medium Film mit erlebt und
überlebt, sie haben sie stets mit gestaltet und geprägt. Einige von
diesen Altmeistern sind mit der Zeit mit gegangen, haben neue
Techniken ausprobiert und haben sich angepasst. Andere sind bei dem
geblieben, was sie schon immer gemacht haben und wirken deshalb
heutzutage vielleicht etwas altmodisch. Woody Allen muss zum Beispiel
gar nichts an seinem Stil ändern und kann sich voll und ganz auf
seinen Stil des Geschichtenerzählens konzentrieren. Weil eben ein
Woody Allen schon immer auf die gleiche Art Filme gemacht hat, hat er
sich im Laufe der vielen Jahre einen festen Stamm von Fans
angesammelt. Diese Fans wollen nichts Neues und wären regelrecht
verärgert, wenn Allen jetzt beispielsweise einen rasanten Thriller
machen würde.
Francois
Ozon ist sicherlich genau so bedeutend, wie Woody Allen. Er hat dafür
gesorgt, dass der französische Stil das ist, was er heute ist – im
Guten, wie im Schlechten. Seine Filme waren irgendwie immer eine
Mischung aus bierernster Gesellschaftsstudie und regelrecht grotesken
Musicaleinlagen. So merkwürdig das klingen mag, Ozon ist ein
unverzichtbarer Vertreter des typischen, französischen Films. Und
der Altmeister ist immer noch aktiv und liefert regelmäßig neue
Filme ab. Er wagt allerdings immer mal wieder Experimente und
versucht sich auf Gebieten, die er bisher noch nicht so ausführlich
bewandert hat. Mit „In ihrem Haus“ hat er sich tatsächlich an
einem Thriller versucht – ohne Gesangseinlagen.
Germain
ist Lehrer für Literatur und unterrichtet eine zehnte Klasse. Er hat
sich vorgenommen, den jungen Menschen seine Begeisterung für die
Sprache zu vermitteln. Die Schüler sind allerdings wenig motiviert
und für die meisten bedeutet sein Unterricht nicht viel mehr, als
die Zeit ab zu sitzen. Der zurück gezogene Claude allerdings, zeigt
Talent. In einem Aufsatz über sein Wochenende beschreibt er
wortgewandt, wie er einen Mitschüler zu Hause besucht, um ihm
Nachhilfe zu geben. Etwas am Schreibstil des Jungen erweckt das
Interesse des Lehrers und er ermutigt ihn, weiter zu schreiben. Die
Geschichte des Mitschülers und seiner Familie entwickelt sich
allerdings in eine merkwürdige Richtung. Germain realisiert nicht,
dass die Dinge, die Claude schreibt keineswegs nur ausgedacht sind.
Germain steigert sich immer mehr herein. Erst, als ihn seine eigene
Frau auf die gefährliche Wendung aufmerksam macht, will er das
Schreibexperiment stoppen. Aber dafür ist es bereits zu spät.
Claude hat sich in den Kopf gesetzt, die Geschichte um die Familie
fertig zu schreiben und nimmt dafür auch in Kauf, das Leben der
Familie zu zerstören.
Die
Geschichte wird langsam begonnen und die Figuren werden auf
klassische Weise vorgestellt. Hier sind keine Quantensprünge zu
erwarten. Der biedere Literaturlehrer sieht lustigerweise wirklich
ein bisschen aus, wie Woody Allen und hat in der deutschen Fassung
sogar dessen Synchronstimme.
Auch
der typische Klassenmob, bestehend aus lärmenden Proletenkindern
darf nicht fehlen, ebenso wenig, wie der melancholische Blick in die
tiefen Augen des des besonderen Schülers. Der Film geizt also nicht
mit Klischees und auch die Story ist recht vorhersehbar, wird
zwischendurch allerdings noch aufgelockert mit einer Nebenhandlung,
in der Germains Frau auf recht unterhaltsame Weise nach neuen
Künstlern für ihre angeschlagene Galerie sucht. All das plätschert
aber nur so vor sich hin und bietet einen mäßig dynamischen
Spannungsbogen. Fabrice Luchini wirkt in seinem Spiel irgendwie
festgefahren. Er bewegt sich in einem enorm engen Rahmen und sein
Repertoire an Mimik und Gestik ist selten abwechslungsreich. Ob er
nun den überzeichneten Fabrikbesitzer in den bunten 60ern spielt,
oder eben einen frustrierten Literaturlehrer, scheint für ihn keinen
großen Unterschied zu machen. Da hilft leider auch nicht eine so
charismatische und intensive Schauspielerin, wie Kristin Scott Thomas
an seiner Seite.
Der
Film lässt relativ schnell die Hosen herunter und man gibt ebenso
schnell die Hoffnung auf, dass noch etwas spannendes passiert. Leider
geht auch das Ende des Films gründlich vor den Baum. Erst wird ein
absurder Mindfuck provoziert und dann will Ozon sehr krampfig noch
einmal das Ruder herumreißen und konstruiert ein quasi-Happy-End,
welches gar keinen Sinn mehr ergibt.
So
wenig ich mit früheren Ozon-Filmen anfangen konnte, habe ich es doch
immer irgendwie akzeptiert, weil er über so viele Jahre seinem Stil
treu geblieben ist. Mit aller Gewalt hat er hier versucht, etwas
neues zu schaffen, hat aber lediglich Altbackenes aufgewärmt.
Vielleicht sollte in seinem nächsten Film doch wieder gesungen
werden. Die Groteske – ob nun absichtlich, oder unfreiwillig –
passt besser zu dem Bild, welches ich von Ozon und der filmischen
Epoche, der er angehört, in meinem Kopf gezeichnet und gespeichert
habe.
Dans
La Maison (F, 2012): R.: Francois Ozon; D.: Fabrice Luchini, Ernst
Umhauer, Kristin Scott Thomas, u.a.; M.: Philippe Rombi; OffizielleHomepage
Der
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Sonntag, 23. Dezember 2012
Die Wand
Die Welt, wie wir sie kennen und jeden Moment unseres Lebens wahrnehmen, ist plötzlich einfach nicht mehr da. Sie wurde zerstört, und auf die eine, oder andere Art verändert. Die Ursachen dafür sind stets unterschiedlich, das hängt vom Film ab. Hab ich euch erschreckt? Ja! Es geht wirklich um Filme. Filme, die den Weltuntergang mal mehr, mal weniger pompös gestalten. Es gibt die Filme mit Krachbumm – die im übrigen richtig großen Spaß machen – und es gibt die, mit dem emotionalen Hammer – die mich in der Regel richtig fertig machen.
Der neue Film von Julian Pölsler „Die Wand“ mit Martina Gedeck, schwimmt irgendwie auf sehr merkwürdige Weise dazwischen.
Eine Frau ist bei Freunden auf der Jagdhütte in den Alpen zu Besuch. Warum sie hier ist erfährt genau so wenig, wie ihren Namen. Eines wunderschönen Tages beschließt das befreundete Ehepaar, ins Dorf zu gehen, um dort Besorgungen zu machen. Die Frau bleibt zurück, denn sie will sich ausruhen. Sie erhält Gesellschaft vom Hund der Freunde. Es wird immer später und irgendwann geht die Frau zu Bett. Am nächsten – erneut wunderschönen – Morgen stellt sie fest, die Freunde sind nicht zurück gekehrt. Also macht sie sich auf, sie im Dorf zu suchen. Sie spaziert den Weg entlang und der Hund tollt durch sonnendurchflutete Natur. Plötzlich ändert sich alles. Ein Kraftfeld, oder etwas unsichtbares – eine Wand eben – hindert sie am Weitergehen. Sie hat keine Erklärung dafür und ist gefangen. Da von außen keinerlei Hilfe zu erwarten ist, und die wenigen Menschen, die sie außerhalb sehen kann, eingefroren zu sein scheinen, geht sie vom Schlimmsten aus. Sie hat nur ein kleines Gebiet im Umkreis der Hütte für sich und sie teilt es lediglich mit dem Hund, einer Katze, einer Kuh und zahlreichen wilden Tieren.
Man kann diesen Film auf tausend unterschiedliche Weisen sehen und interpretieren. Ich liefere an dieser Stelle mal zwei davon. Die Frau ist verrückt. Sie leidet an Wahnvorstellungen, die so komplex sind, dass das alles mehr oder weniger für sie Sinn ergibt. Die Wand ist nur in ihrem Kopf da und symbolisiert ihre Unfähigkeit, den Ort zu verlassen. Das würde auch erklären, warum das Gebiet, welches sie für sich zur Verfügung hat, zufällig genau die Dinge bietet, die sie zum Überleben braucht. Nahrung, ein Dach über dem Kopf und genügend Holz, um nicht zu erfrieren. Über ihre Vergangenheit ist nichts bekannt, aber man kann vermuten, dass ihr altes Leben hinter ihr liegen soll und ihr Verstand gaukelt ihr auf diese, sehr spezielle Weise ein neues Leben vor. Die Hütte liegt in einer sehr einsamen Gegend und es könnte sein, dass den Freunden etwas zugestoßen ist, und sie deshalb nicht zurück kehren. Die eingefrorenen Menschen auf der anderen Seite der Wand symbolisieren, dass sie mit niemanden reden möchte und im Grunde die Einsamkeit bewusst sucht. Soweit, so gut. Im Laufe des Films gibt es aber einige Szenen, die diese Theorie komplett über den Haufen werfen. Das führt uns zur zweiten Interpretationsmöglichkeit. Alles ist echt und passiert genau so, wie es der Film zeigt. Es gibt dieses Phänomen der Wand tatsächlich und außerhalb ist alles tot. Sie ist der letzte Mensch auf der Welt und dementsprechend führt sie in bester Vincent-Price-Manier ein Tagebuch. Die Ursachen für diesen Zustand, oder überhaupt irgendwelche Erklärungsversuche lässt der Film indes vollkommen außer acht. Wie soll sie denn auch irgendwas wissen können, wenn sie vollkommen isoliert ist. Beide Versionen lassen aber grübeln.
Handwerklich ist der Film großartig. Er hat sofort eine ganz bestimmte Atmosphäre und die Anfangssequenz mit der wunderschönen Natur, dem herrlichen Wetter und der knalligen Popmusik aus dem Autoradio, erinnern irgendwie an die Anfangsszene aus Hanekes „Funny Games“. Man weiß von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Der Film inszeniert wunderbar langsame Bilder – absoluter Wahnsinn: das sterbende Reh – und schafft mit Hilfe der pulsierenden elektronischen Musik eine sehr dichte Atmosphäre. Der sehr schlichte Gesamtstil wird manchmal durchbrochen von recht spektakulären Spezialeffekten. Es gibt einen verblüffend aussehenden Autounfall, zum Beispiel und die Wand selbst, ist auf interessante Weise dargestellt. Nicht zu Letzt ruht alles auf den Schultern Martina Gedecks, die hier in einer wahren Meisterleistung ihre stumme One-Man-Show auf die Bühne legt.
„Die Wand“ muss vielleicht auf eine völlig andere Weise interpretiert werden, aber für mich stellt sie das Ende der Welt dar, wie es kaum ein Film bisher geschafft hat. Da gibt es wie gesagt die Haneke-Elemente und einige Einstellungen vom Wald erinnern an Lars von Trier. Aber das, was den Film ausmacht, ist das Eigene und dieser schwer fassbare Stil, der irgendwie verhindert, dass man völlig klar sagen kann, was man von diesem Film hält. Beeindruckend...irgendwie. Aber warum?
Die Wand (AUT, D, 2012): R.: Julian Pölsler; D.: Martina Gedeck, u.a.; Offizielle Homepage
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Der neue Film von Julian Pölsler „Die Wand“ mit Martina Gedeck, schwimmt irgendwie auf sehr merkwürdige Weise dazwischen.
Eine Frau ist bei Freunden auf der Jagdhütte in den Alpen zu Besuch. Warum sie hier ist erfährt genau so wenig, wie ihren Namen. Eines wunderschönen Tages beschließt das befreundete Ehepaar, ins Dorf zu gehen, um dort Besorgungen zu machen. Die Frau bleibt zurück, denn sie will sich ausruhen. Sie erhält Gesellschaft vom Hund der Freunde. Es wird immer später und irgendwann geht die Frau zu Bett. Am nächsten – erneut wunderschönen – Morgen stellt sie fest, die Freunde sind nicht zurück gekehrt. Also macht sie sich auf, sie im Dorf zu suchen. Sie spaziert den Weg entlang und der Hund tollt durch sonnendurchflutete Natur. Plötzlich ändert sich alles. Ein Kraftfeld, oder etwas unsichtbares – eine Wand eben – hindert sie am Weitergehen. Sie hat keine Erklärung dafür und ist gefangen. Da von außen keinerlei Hilfe zu erwarten ist, und die wenigen Menschen, die sie außerhalb sehen kann, eingefroren zu sein scheinen, geht sie vom Schlimmsten aus. Sie hat nur ein kleines Gebiet im Umkreis der Hütte für sich und sie teilt es lediglich mit dem Hund, einer Katze, einer Kuh und zahlreichen wilden Tieren.
Man kann diesen Film auf tausend unterschiedliche Weisen sehen und interpretieren. Ich liefere an dieser Stelle mal zwei davon. Die Frau ist verrückt. Sie leidet an Wahnvorstellungen, die so komplex sind, dass das alles mehr oder weniger für sie Sinn ergibt. Die Wand ist nur in ihrem Kopf da und symbolisiert ihre Unfähigkeit, den Ort zu verlassen. Das würde auch erklären, warum das Gebiet, welches sie für sich zur Verfügung hat, zufällig genau die Dinge bietet, die sie zum Überleben braucht. Nahrung, ein Dach über dem Kopf und genügend Holz, um nicht zu erfrieren. Über ihre Vergangenheit ist nichts bekannt, aber man kann vermuten, dass ihr altes Leben hinter ihr liegen soll und ihr Verstand gaukelt ihr auf diese, sehr spezielle Weise ein neues Leben vor. Die Hütte liegt in einer sehr einsamen Gegend und es könnte sein, dass den Freunden etwas zugestoßen ist, und sie deshalb nicht zurück kehren. Die eingefrorenen Menschen auf der anderen Seite der Wand symbolisieren, dass sie mit niemanden reden möchte und im Grunde die Einsamkeit bewusst sucht. Soweit, so gut. Im Laufe des Films gibt es aber einige Szenen, die diese Theorie komplett über den Haufen werfen. Das führt uns zur zweiten Interpretationsmöglichkeit. Alles ist echt und passiert genau so, wie es der Film zeigt. Es gibt dieses Phänomen der Wand tatsächlich und außerhalb ist alles tot. Sie ist der letzte Mensch auf der Welt und dementsprechend führt sie in bester Vincent-Price-Manier ein Tagebuch. Die Ursachen für diesen Zustand, oder überhaupt irgendwelche Erklärungsversuche lässt der Film indes vollkommen außer acht. Wie soll sie denn auch irgendwas wissen können, wenn sie vollkommen isoliert ist. Beide Versionen lassen aber grübeln.
Handwerklich ist der Film großartig. Er hat sofort eine ganz bestimmte Atmosphäre und die Anfangssequenz mit der wunderschönen Natur, dem herrlichen Wetter und der knalligen Popmusik aus dem Autoradio, erinnern irgendwie an die Anfangsszene aus Hanekes „Funny Games“. Man weiß von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Der Film inszeniert wunderbar langsame Bilder – absoluter Wahnsinn: das sterbende Reh – und schafft mit Hilfe der pulsierenden elektronischen Musik eine sehr dichte Atmosphäre. Der sehr schlichte Gesamtstil wird manchmal durchbrochen von recht spektakulären Spezialeffekten. Es gibt einen verblüffend aussehenden Autounfall, zum Beispiel und die Wand selbst, ist auf interessante Weise dargestellt. Nicht zu Letzt ruht alles auf den Schultern Martina Gedecks, die hier in einer wahren Meisterleistung ihre stumme One-Man-Show auf die Bühne legt.
„Die Wand“ muss vielleicht auf eine völlig andere Weise interpretiert werden, aber für mich stellt sie das Ende der Welt dar, wie es kaum ein Film bisher geschafft hat. Da gibt es wie gesagt die Haneke-Elemente und einige Einstellungen vom Wald erinnern an Lars von Trier. Aber das, was den Film ausmacht, ist das Eigene und dieser schwer fassbare Stil, der irgendwie verhindert, dass man völlig klar sagen kann, was man von diesem Film hält. Beeindruckend...irgendwie. Aber warum?
Die Wand (AUT, D, 2012): R.: Julian Pölsler; D.: Martina Gedeck, u.a.; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf Radio Lotte Weimar.
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Der Hobbit - Eine unerwartete Reise
Peter
Jackson hatte schon immer, vor Allem, einen Wunsch. Er wollte den
„Herrn der Ringe“ verfilmen, jenes Monster der zeitgenössischen
Literatur von Tolkien. Als Jugendlicher stellte er mit einer
einfachen Kamera und selbst gebastelten Puppen, wichtige Szenen aus
den Romanen nach. Der Drehort war sein Vorgarten. Der diente auch als
Schauplatz für seinen ersten Spielfilm „Bad Taste“ im Jahr 1987.
Die ersten Gehversuche als Regisseur zeugten eher weniger von Klasse.
Auch die beiden Nachfolger „Meet The Feebles“ und „Braindead“
schlugen einen sehr trashigen Ton an, der wenig ernst zu nehmen war.
Dabei weiß doch jeder, der sich ein bisschen intensiver mit dem
Entstehungsprozess eines Filmes beschäftigt hat, dass es gerade die
weniger hoch finanzierten Projekte sind, die den Einfallsreichtum und
die Kreativität heraus fordern. Mag man von Jacksons Frühwerk
halten, was man will. Ihm selbst diente es als Möglichkeit, jede
Menge Erfahrungen zu sammeln und es diente ihm auch als Geldquelle.
Jetzt zählt Jackson zu den bedeutendsten Filmemachern der letzten 20
Jahre und hat mittlerweile so viel Geld und auch Prestige angehäuft,
dass er uns ab diesem Jahr wieder jährlich ins Kino und damit nach
Mittelerde locken kann.
Es
ist Sommer im Auenland. Der ehrenwerte Hobbit Bilbo Beutlin, sitzt
gemütlich vor seiner Haustür und raucht eine Pfeife. Da taucht
plötzlich ein großer Mann mit grauem Mantel und langem Bart auf und
erkundigt sich nach Leuten, die ein Abenteuer bestehen wollen.
Pah!
Abenteuer? Woher kommst du, alter Mann? Du bist hier im Auenland.
Hier leben nur ehrbare Hobbits. Und ein ehrbarer Hobbit zieht nicht
so einfach in ein Abenteuer. Völlig absurd! Er möge sich gefälligst
verziehen!
Der
alte Mann im grauen Mantel lacht sich tot über diesen frechen
kleinen Hobbit und malt ein Zeichen an seine Tür.
Und
damit geht’s los. Der Alte ist ein Zauberer, genauer gesagt, er ist
Gandalf, der Graue.
Der
hat sich mit ein paar Zwergen zusammen getan, die für eine ganz
bestimmte Unternehmung noch einen Meisterdieb benötigen.
Die
Zwerge wollen in ihre alte Heimat zurück. Von dort sind sie vor
vielen Jahren vertrieben worden, und seitdem sehnen sie sich nach den
Schätzen ihrer Heimat. Höchste Zeit, diese Schätze zurück zu
erobern. Das Problem ist, dass sie vom Drachen Smaug beschützt
werden. Bevor man sich um den Drachen jedoch kümmern kann, muss
jedoch ein weiter Weg gemeistert werden. Und der ist voller Gefahren,
von denen betrunkene und übellaunige Trolle noch das kleinste
Problem darstellen.
Groß
war die Freude, als „Der Hobbit“ angekündigt wurde. Noch größer
wurde sie, als bekannt wurde, dass es ein Wiedersehen mit zahlreichen
Figuren aus den alten Filmen geben würde. Unbändige Freude erfüllte
mich, als vor einem Jahr die ersten bewegten Bilder in Form eines
Trailers erschienen.
Alles
sah genau so aus, wie ich es mir gewünscht hatte. Warum, zum Teufel,
hatte ich nur dieses unerklärliche Gefühl der Skepsis? Dann kamen
die nächsten Meldungen. Erst hieß es, der Film wird in einem
neuartigen Bildformat präsentiert. Der Film sollte in einer Bildrate
von 48 Bildern pro Sekunde laufen, wodurch sich ein besseres und
brillanteres Bild ergeben soll. Erste Reaktionen darauf ließen
allerdings eher befürchten, es sähe aus, wie in einer Daily Soap.
Dann kam der Hammer. Peter Jackson gab bekannt, aus dem „Hobbit“
eine Trilogie zu machen und nicht – wie angekündigt – nur einen
Zweiteiler.
Ab
jetzt war allen klar, dass Jackson nur noch ans Geld dachte und
sicher kein Interesse mehr daran hatte, einen wirklich guten Film zu
machen.
„Was
denn nun? Ist es jetzt gut, oder nicht? Sag doch endlich und hör auf
zu schwafeln!“
Ja,
verdammt nochmal. „Der Hobbit“ ist großartig. Mag Peter Jackson
Geld verdienen wollen, er gibt uns dafür wenigstens auch was. Kann
sein, dass drei Filme für diese Geschichte etwas überdimensioniert
erscheinen, ich freue mich über jeden, noch so kleinen Schnipsel aus
Mittelerde. Es kommt nichts Neues oder Innovatives in diesem Film und
alles sieht haargenau so aus, wie wir es in „Die Rückkehr des
Königs“ zu Letzt gesehen haben. Der Stil und die gesamte
Dramaturgie des Filmes entspricht dem Muster der alten Trilogie. Die
Kostüme und die Ausstattung und überhaupt alles hat man schon
gesehen. Natürlich sieht alles noch schöner aus und ist noch
bombastischer dargestellt. Und die Viecher sehen noch besser aus und
alles ist größer und weiter. Aber ist es nicht genau das, was wir
wollten? Ich jedenfalls wollte das. Ich wollte wieder einen Film, der
mich in eine unglaublich detailliert entworfene Phantasiewelt mit
nimmt. Ich wollte einen Film, der eine Geschichte schön erzählt,
die ich bereits in- und auswendig kenne. Ich wollte genau das, was da
beinahe drei Stunden zu sehen ist.
„Der
Hobbit – Eine unerwartete Reise“ ist ein absolutes Fest für die
Fans. Das liegt wohl daran, dass Peter Jackson selbst der größte
Herr-Der-Ringe-Fan der Welt ist. Gleichzeitig ist der Film aber auch
Auftakt und Neubeginn und ist auch für jene perfekt, die weder die
Bücher noch die bisherigen Filme kennen. Natürlich ist das erst der
Anfang und der Film hört dem entsprechend an einer Stelle auf, an
der die Geschichte eben erst zu einem Drittel erzählt ist. Und, dass
ich jetzt schon wieder ein ganzes Jahr warten muss, bis es endlich
weiter geht, ist einfach unfassbar. Wie soll ich das bloß aushalten?
Auch dieses Gefühl kenne ich noch sehr gut, und es ist wieder da.
Wie früher!
The
Hobbit – An Unexpected Journey (USA, NZL, 2012): R.: Peter Jackson;
D.: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, u.a.; M.: Howard
Shore; Offizielle Homepage
Der
Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14:00 bis 15:00 Uhr auf RadioLotte Weimar.
Freitag, 7. Dezember 2012
7 Psychos
Psychische Erkrankungen scheinen der neue Trend zu sein. In Deutschland erleiden jährlich ungefähr 30 Prozent aller erwachsenen Menschen eine psychische Störung. Die meisten leiden an Angststörungen und psychosomatischen Symptomen. In vielen Fällen wird eine Erkrankung zu spät oder gar nicht diagnostiziert. In derartigen Fällen kann eine psychische Störung schnell chronisch werden. Eine zunehmend verbreitete Art dieser Krankheit ist übrigens die Phobie, an einer psychischen Krankheit zu leiden. Man merkt schon, dass dieses Thema ein enormes Potential für Sarkasmus und Zynismus birgt. Vielleicht widmet sich der „Brügge sehen...und sterben“ - Regisseur Martin McDonagh deshalb einer Gruppe Menschen, die unter besonders ausgeprägten Formen, psychischer Störungen zu leiden scheinen.
Marty ist Drehbuchautor in Hollywood und weit entfernt von einem großen Karrieresprung. Trotz seines Talents, ist er abgestürzt. Das liegt wohl daran, dass er nicht in der Lage zu sein scheint, sein Leben zu organisieren. Sein Achtungserfolg liegt schon viel zu lange zurück und er hat schlicht versäumt, schnell nach zu legen. Und jetzt, als es fast zu spät zu sein scheint, leidet er unter einer Schreibblockade. An dieser Stelle kann man schon schmunzeln, denn ein Blick in die Biographie McDonaghs zeigt, dass er bis vor kurzem noch ganz ähnliche Probleme hatte. Im Film jedenfalls hat sich Marty's Kumpel Billy entschlossen, dem glücklosen Autor zu helfen. Billy verdingt sich als Kleinkrimineller. Mit seinem Freund Hans hat er eine ganz besondere Geschäftsidee entwickelt. Billy entführt Hunde und behält sie eine Weile bei sich. Wenn die Besitzer – der Verzweiflung nahe – bereit sind, dem hilfsbereiten Samariter großzügig zu belohnen, der ihren Liebling zurück bringt, betritt der nette alte Mann Hans die Bühne und spielt den großen Retter.
Eines Tages erwischt Billy den falschen Hund und entführt den Shih Tzu des Gangsterbosses Charlie Costello. Der versteht keinen Spaß und geht auf einen blutigen Rachefeldzug auf der Suche nach den Entführern. Costello ist selbst schwer gestört und verliert angesichts des Verlustes seines geliebten Hundes den Blick für das Wesentliche vollkommen aus den Augen. Billy und Hans geraten also in allerlei haarsträubende und auch nicht ungefährliche Situationen, die wiederum als perfekte Inspiration für Marty's Drehbuch dienen.
Martin McDonagh ist ein klassischer „Me Too“ - Regisseur. So werden Filmemacher bezeichnet, die sich frech bei Klassikern bedienen und auf den zusammen geklauten Haufen ihren Namen und einen möglichst knalligen Titel kleben. Okay, „7 Psychos“ ist nun ein weniger origineller Titel, was der Übersetzung geschuldet ist. Aber selbst „Seven Psychopaths“ - der englische Originaltitel – entbehrt jeglicher Originalität und birgt auch noch einen ganz gemeinen Zungenbrecher. Der Film selbst arbeitet mit recht typischen Figuren, die trotz ihrer extremen Handlungen so wirken, als hätte man sie schon mal gesehen. Man muss nicht lange überlegen und sofort fallen einem Vergleiche mit Tarantino und Rodriguez auf. Auch die spontanen Gewalteinlagen festigen den Eindruck, hier Dinge zu sehen, die man schon kennt. Immerhin gibt es ein paar nette Wendungen, einen lustigen Tom Waits und den ein oder anderen guten Dialog.
Der Soundtrack bietet eine solide Mischung aus fetzigen Funk-Tracks für die witzigen Szenen, und einem düster-melancholischen Score von Carter Burwell für die ernsteren Sequenzen.
Die etwas konfus entwickelte Story schafft es sogar, hin und wieder über die Vorhersehbarkeit der ganzen Geschichte hinweg zu täuschen.
Jetzt aber mal genug der Meckerei, denn mir hat „7 Psychos“ eigentlich ganz gut gefallen.
Zumindest hatte ich Spaß und große Freude am grandiosen Schauspielensemble. Colin Farrell spielt einen Flenner – was er aus irgendwelchen Gründen immer am besten hinkriegt – Sam Rockwell harmoniert auf herrlich unkonventionelle Weise mit einem in die Jahre gekommenen, aber nicht minder überzeugenden Christopher Walken und Woody Harrelson dreht, wieder einmal jenseits aller Sphären, vollkommen am Rad, was er ebenfalls immer am besten kann.
McDonagh packt noch einige sehr nett platzierte Zitate an Gangsterklassiker dazu und serviert noch eine fröhliche Metaebene über das Produzieren von Filmen. Es geht also um Filme im Film und suggeriert einen Blick hinter die Kulissen, den es in Wirklichkeit natürlich nicht gibt. Auch dieser Einfall ist nicht neu, funktioniert aber immer und vermittelt den Eindruck, der Regisseur begibt sich auf eine gewisse Understatement-Ebene, die der Zuschauer vielleicht sogar teilt.
Letztendlich ist „7 Psychos“ die pure Unterhaltung für Erwachsene – wohl gemerkt. Das, was „Brügge sehen...und sterben“ so besonders gemacht hat, war eine poetische Melancholie, die die klassische Gangsterstory untermalt hat. Das wäre nun allerdings deplatziert gewesen, und hätte „7 Psychos“ nur unnötig schwermütig und krampfig gemacht. Stattdessen zwinkert man unentwegt mit den Augen und McDonagh hat es gerade noch einmal gemeistert. Beim nächsten Streich hilft die Devise „Besser gut geklaut, als doof selbst gemacht“ wohl nicht mehr.
Seven Psychopaths (GB, USA, 2012): R.: Martin McDonagh; D.: Colin Farrell, Sam Rockwell, Christopher Walken, Tom Waits, u.a.; M.: Carter Burwell; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14 bis 15 Uhr, auf Radio Lotte Weimar.
Marty ist Drehbuchautor in Hollywood und weit entfernt von einem großen Karrieresprung. Trotz seines Talents, ist er abgestürzt. Das liegt wohl daran, dass er nicht in der Lage zu sein scheint, sein Leben zu organisieren. Sein Achtungserfolg liegt schon viel zu lange zurück und er hat schlicht versäumt, schnell nach zu legen. Und jetzt, als es fast zu spät zu sein scheint, leidet er unter einer Schreibblockade. An dieser Stelle kann man schon schmunzeln, denn ein Blick in die Biographie McDonaghs zeigt, dass er bis vor kurzem noch ganz ähnliche Probleme hatte. Im Film jedenfalls hat sich Marty's Kumpel Billy entschlossen, dem glücklosen Autor zu helfen. Billy verdingt sich als Kleinkrimineller. Mit seinem Freund Hans hat er eine ganz besondere Geschäftsidee entwickelt. Billy entführt Hunde und behält sie eine Weile bei sich. Wenn die Besitzer – der Verzweiflung nahe – bereit sind, dem hilfsbereiten Samariter großzügig zu belohnen, der ihren Liebling zurück bringt, betritt der nette alte Mann Hans die Bühne und spielt den großen Retter.
Eines Tages erwischt Billy den falschen Hund und entführt den Shih Tzu des Gangsterbosses Charlie Costello. Der versteht keinen Spaß und geht auf einen blutigen Rachefeldzug auf der Suche nach den Entführern. Costello ist selbst schwer gestört und verliert angesichts des Verlustes seines geliebten Hundes den Blick für das Wesentliche vollkommen aus den Augen. Billy und Hans geraten also in allerlei haarsträubende und auch nicht ungefährliche Situationen, die wiederum als perfekte Inspiration für Marty's Drehbuch dienen.
Martin McDonagh ist ein klassischer „Me Too“ - Regisseur. So werden Filmemacher bezeichnet, die sich frech bei Klassikern bedienen und auf den zusammen geklauten Haufen ihren Namen und einen möglichst knalligen Titel kleben. Okay, „7 Psychos“ ist nun ein weniger origineller Titel, was der Übersetzung geschuldet ist. Aber selbst „Seven Psychopaths“ - der englische Originaltitel – entbehrt jeglicher Originalität und birgt auch noch einen ganz gemeinen Zungenbrecher. Der Film selbst arbeitet mit recht typischen Figuren, die trotz ihrer extremen Handlungen so wirken, als hätte man sie schon mal gesehen. Man muss nicht lange überlegen und sofort fallen einem Vergleiche mit Tarantino und Rodriguez auf. Auch die spontanen Gewalteinlagen festigen den Eindruck, hier Dinge zu sehen, die man schon kennt. Immerhin gibt es ein paar nette Wendungen, einen lustigen Tom Waits und den ein oder anderen guten Dialog.
Der Soundtrack bietet eine solide Mischung aus fetzigen Funk-Tracks für die witzigen Szenen, und einem düster-melancholischen Score von Carter Burwell für die ernsteren Sequenzen.
Die etwas konfus entwickelte Story schafft es sogar, hin und wieder über die Vorhersehbarkeit der ganzen Geschichte hinweg zu täuschen.
Jetzt aber mal genug der Meckerei, denn mir hat „7 Psychos“ eigentlich ganz gut gefallen.
Zumindest hatte ich Spaß und große Freude am grandiosen Schauspielensemble. Colin Farrell spielt einen Flenner – was er aus irgendwelchen Gründen immer am besten hinkriegt – Sam Rockwell harmoniert auf herrlich unkonventionelle Weise mit einem in die Jahre gekommenen, aber nicht minder überzeugenden Christopher Walken und Woody Harrelson dreht, wieder einmal jenseits aller Sphären, vollkommen am Rad, was er ebenfalls immer am besten kann.
McDonagh packt noch einige sehr nett platzierte Zitate an Gangsterklassiker dazu und serviert noch eine fröhliche Metaebene über das Produzieren von Filmen. Es geht also um Filme im Film und suggeriert einen Blick hinter die Kulissen, den es in Wirklichkeit natürlich nicht gibt. Auch dieser Einfall ist nicht neu, funktioniert aber immer und vermittelt den Eindruck, der Regisseur begibt sich auf eine gewisse Understatement-Ebene, die der Zuschauer vielleicht sogar teilt.
Letztendlich ist „7 Psychos“ die pure Unterhaltung für Erwachsene – wohl gemerkt. Das, was „Brügge sehen...und sterben“ so besonders gemacht hat, war eine poetische Melancholie, die die klassische Gangsterstory untermalt hat. Das wäre nun allerdings deplatziert gewesen, und hätte „7 Psychos“ nur unnötig schwermütig und krampfig gemacht. Stattdessen zwinkert man unentwegt mit den Augen und McDonagh hat es gerade noch einmal gemeistert. Beim nächsten Streich hilft die Devise „Besser gut geklaut, als doof selbst gemacht“ wohl nicht mehr.
Seven Psychopaths (GB, USA, 2012): R.: Martin McDonagh; D.: Colin Farrell, Sam Rockwell, Christopher Walken, Tom Waits, u.a.; M.: Carter Burwell; Offizielle Homepage
In Weimar: lichthaus
Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14 bis 15 Uhr, auf Radio Lotte Weimar.
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