Montag, 21. Januar 2013

Django Unchained

Es ist ein kleines Wunder, dass die ganze Welt in helle Aufregung gerät, wenn Quentin Tarantino einen neuen Film gemacht hat. Das war nicht immer so. Tarantino hat klein angefangen. So klein, wie man es sich nur vorstellen kann. Er hatte als Jugendlicher einen Job in einer Videothek und kam dort in den Genuss hunderter Filme. Als Kind ging er in sogenannte Grindhouse-Kinos. Dort wurden Filme gezeigt, die weit hinter B-Produktionen standen. Diese Trashwerke beeinflussten Tarantino sehr. Seine ersten Gehversuche als Filmschaffender sahen also auch entsprechend aus. Der erste Film, bei dem er Regie führte, hieß „Lovebirds in Bondage“ und erblickte nie das Licht der Öffentlichkeit. Vor der Vollendung, verbrannte der Film. Erstaunlicherweise – oder viel mehr unglaublicherweise – erging es seinem zweiten Projekt, „My Best Friend's Birthday“, genau so. Zwei Drittel des Filmes wurden bei einem Studiobrand vernichtet. Der dritte Versuch gelang und machte Tarantino zum Geheimtipp für Neues, Frisches, Cooles und manchmal total Verrücktes. In seinem ersten vollendeten Film „Resevoir Dogs“ zeigte sich bereits all das, was spätere Filme Tarantinos so speziell machte. „Resevoir Dogs“ war eine Blaupause für das gesamte Schaffen, des Künstlers. Dieses Schaffen wird nun von einem neuen Höhepunkt geprägt: „Django Unchained“

Der Süden der USA, irgendwann in den 1850er Jahren. Es ist Winter und es ist kalt. Zwei berüchtigte Sklavenhändler-Brüder sind mit einer kleinen Gruppe unterwegs durch den Winterwald. Sie haben frische Sklaven erworben und wollen sie nun weiter verkaufen. Der grausame Marsch wird jäh unterbrochen, als die Gruppe auf einen Zahnarzt trifft. Sein Name ist Dr. King Schultz und er ist auf der Suche nach einem ganz besonderen Sklaven. Schultz ist schon längst kein praktizierender Arzt mehr, sondern Kopfgeldjäger. Er braucht Django, weil dieser der einzige Mensch zu sein scheint, der die nächsten Ziele des Doktors schon einmal gesehen hat und sie identifizieren kann. Die beiden Sklavenhändler sind allerdings nicht sonderlich kooperativ und wollen Django nicht verkaufen. Doktor Schultz weiß jedoch, sie adäquat zu überzeugen und zieht mit Django los. Relativ schnell schließen die beiden einen Pakt und Django ist bereit, Schultz zu helfen, will aber auch eine Gegenleistung. Der berüchtigte Calvin Candie hat nämlich die Frau von Django in seinem Besitz und Django will sie um jeden Preis retten. Calvin Candie ist allerdings dafür bekannt, ein besonders grausamer Farmer zu sein, und auch dafür, nie etwas zu verkaufen, wenn er es für wertvoll hält, oder er merkt, wie wertvoll es für jemand anderen zu sein scheint. Ein raffinierter Plan und subtiles Vorgehen sind also von Nöten.

Es ist interessant, dass Tarantino in vielen seiner früheren Filme immer wieder um das Genre des Western herum getänzelt ist und er immer wieder Zitate mit eingeflochten hat, auch wenn diese scheinbar gar nicht dort hin gehörten. Besonders in „Inglorious Basterds“ gab es immer wieder Szenen, die diesem Genre entliehen waren. Nun hat Tarantino es also endlich getan und präsentiert mit „Django Unchained“ einen Western, der auch noch eine Art Remake eines absolut klassischen Vertreters dieser Filmgattung darstellt. Als erstes fällt auf, dass Tarantino einige typischen Stilmittel einfach aufgibt. So wird die Episodenform aufgelöst und die Story folgt einer ungewöhnlich stringenten Linie. Außerdem hat Tarantino extrem viel Aufwand in die Ausstattung gesteckt. Wir sehen fantastische Aufnahmen an Originalschauplätzen und sämtliche Kulissen und Kostüme sind sehr detailliert designt und aufgebaut.
Selten zuvor hat man erlebt, dass Tarantino der reinen visuellen Ebene seiner Filme so viel Aufmerksamkeit widmet
Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist der Rest typisch Tarantino. Ausgeprägte und verrückte Figuren. Jeder von ihnen hat irgendwas Abgefahrenes und Überzeichnetes an sich. Django, der ehemalige Sklave, schert sich selten um das Schicksal seiner Leidensgenossen; viel mehr scheinen die ihm egal zu sein, so lange er seine Rache bekommt. Das Motiv mit der geliebten Ehefrau scheint all zu oft nur als Entschuldigung zu dienen. Oft ist Django genau so skrupellos und grausam, wie die, an denen er sich rächen will. Nicht weniger grausam ist Doktor Schultz, der seine Gewaltausbrüche aber in typischer Christoph-Waltz-Manier durch witzige Exkurse zu kaschieren weiß. Bei Waltz scheint alles nebenbei zu passieren; die Gewalt, der Humor, das Essen und Trinken; das Leben. Im Gegensatz zu seiner Darstellung des bösen Nazigenerals aus „Inglorious Basterds“, zeigt Schultz aber des Öfteren Menschlichkeit, die sogar zum Schlüsselelement avanciert.
Tarantino wurde Rassismus vorgeworfen. Diese Vorwürfe kamen allerdings nur aus Richtung der schockierten Amerikaner. Das Wort „Nigger“ würde so häufig benutzt werden, wie sonst nie. Folgerrichtig muss der Film also rassistischen Inhalts sein. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Tarantino einfach erneut sehr gründlich recherchiert hat, um den Zeitgeist dieser Epoche ein zu fangen. Möglicherweise ist ihm das besser gelungen, als die amerikanischen Zuschauer verkraften wollen. Aus meiner Sicht zeigt Tarantino eine etwas übertriebene und künstlerisch gestaltete Version der Wahrheit. Und mit der können viele Amerikaner wohl immer noch nicht so recht umgehen.

Ist „Django Unchained“ gut? Diese Frage wurde mir oft gestellt, seit ich den Film gesehen habe. In dieser Frage spiegelt sich die Skepsis wieder, ob es Tarantino nach dem überragenden „Inglorious Basterds“ wirklich noch einmal geschafft haben könnte, eine Schippe drauf zu legen. Ich kann nun antworten: Ja, er ist gut. Aber ist er besser? Ich tue mich schwer, bei Tarantinos Filmen zu sagen, welcher besser, oder schlechter ist. Jeder seiner Filme steht immer ganz für sich und er nähert sich unterschiedlichen Themen auf einzigartige Weise. Mir gefällt seine Kunst, denn für mich ist er in erster Linie Künstler und nicht unbedingt Filmemacher, oder Handwerker. Und wem gelingt schon die witzigste Kukluxklan-Szene der Filmgeschichte, wenn nicht einem Künstler?

Django Unchained (USA, 2012): R.: Quentin Tarantino; D.: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Don Johnson; Offizielle Homepage

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Dienstag, 15. Januar 2013

Beasts Of The Southern Wild

Es war die erste große Überraschung in diesem Jahr und entwickelte sich in rasanter Geschwindigkeit vom niedrig budgetierten Außenseiterprojekt zum Geheimtipp zahlreicher renommierter Festivals. Der Name Sundance ziert das Plakat und garantiert so ein kreatives und alternatives Filmerlebnis. Dann kam die überraschende Nachricht, dass der Film zahlreiche Oscar-Nominierungen erhalten hat. Unter Anderem geht „Beasts of the Southern Wild“ ins Rennen um den Preis für den besten Film und für die beste Hauptdarstellerin. Ebenso schnell war ich angefixt und ganz wild auf den Film – und noch schneller kam die Ernüchterung.

Wir sind irgendwoim Süden der USA in den Sümpfen. Genauer gesagt, befinden wir uns in der kleinen Siedlung Bathtub. Hier lebt das kleine Mädchen Hushpuppy mit ihrem Vater. Die Leute in Bathtub sind ein eigenes Völkchen. In ihrer Isolation sehen sie einen Segen und lieben ihre Heimat, auch wenn diese nicht mehr als eine Ansammlung stinkender Sümpfe darstellt – zumindest für Außenstehende. Hushpuppy kennt das Leben in ihrer Welt und harmoniert mit ihrer Umgebung so sehr, dass ein Lächeln reicht, um einen Fisch zu fangen. Eines Tages kommt ein großer Sturm, der den Bewohnern von Bathtub keinerlei Angst bereitet. Im Gegenteil. Sie freuen sich darauf und sagen sich: „Wenn das Wasser zurück kommt, um sich zu holen, was ihm früher schon zu stand, dann werden wir die letzten sein, die etwas dagegen tun werden.“
Und so ist es dann auch. Der Sturm überflutet alles und Hushpuppy, ihr Vater und einige andere Bewohner des Ortes, ziehen sich in ein kleines Lager zurück, wo sie fortan leben. Doch die Menschen von der anderen Seite des Dammes wollen das Gebiet zwangsevakuieren und der Sturm hat obendrein noch ein paar urzeitliche Bestien zu tage gefördert.

Beasts Of The Southern Wild“ ist der erste Spielfilm der Künstlergruppe „Court 13“, die in den letzten Jahren mit einigen aufregenden Kurzfilmen auf sich aufmerksam machte. In diesen Kurzfilmen bedienten sich die Bilder einer ganz besonderen Sprache und vor allem die Art und Weise, wie digitale Effekte mit realen Bildern harmonierten, war etwas Besonderes und ein echter Hingucker. In Verbindung mit der ungewöhnlichen Geschichte und den Bildern, die sich automatisch im Kopf etablierten, versprach dieser Film ein echtes visuelles Highlight zu werden und das Kinojahr mit einem Knall zu eröffnen. Von den visuellen Fähigkeiten des Künstlerkollektives ist während des gesamten Filmes kaum etwas zu sehen. Schlimmer noch; das niedrige Budget zwang die Filmemacher dazu, nicht nur an Ausstattung und Kostümen zu sparen, sondern offensichtlich auch an Filmmaterial und Ausrüstung. Einige Einstellungen und Szenen sind mit ganz einfachen Digitalkameras aufgenommen und das Bild wackelt so sehr, dass man fast nichts zu erkennen vermag. Andere Bilder wirken dafür wiederum total perfekt komponiert. Wenn zum Beispiel die urzeitlichen Viecher in Suprazeitlupe durch das Dickicht streifen, sieht das schon beeindruckend aus. Ebenso beeindruckend ist eine kurze Szene in einem Nachtclub, der auf Stelzen in Mitten der Wassermassen immer noch geöffnet hat.
Derartige Momente kommen aber viel zu selten. Stattdessen sehen wir kitschige Bilder vom kleinen Mädchen – der Heldin des Filmes – die mit ihren sechs Jahren nie aufgibt und immer weiter kämpft. Nur wofür sie das tut, wird nicht klar. Ihr Blick spiegelt häufig den Zweifel wider, wenn sie von ihrem zu Hause spricht. Ist ihr zu Hause nicht eigentlich im Schlamm versunken?
Die Metaphern, die der Film entwirft, sind ebenfalls nicht besonders einfallsreich. Klar! Wir haben es relativ schnell kapiert, dass es sich um die Katrina-Thematik handelt und die Urzeitviecher stehen für die bösen Behörden, die Hushpuppy aus ihrer Heimat verschleppen wollen. Angesichts der Absurdität der Lebensphilosophie des Vaters, die in keinster Weise nachvollziehbar ist, sondern einfach nur idiotisch und lebensmüde, ist man sogar gewillt, den paramilitärischen Beamten, oder eben den Auerochsen, einfach recht zu geben und zu sagen: „Nun lasst euch halt retten. Ist doch egal!“
Für das amerikanische Publikum ist es sicher ein Fest, diese simplen Sinnbilder zu sehen und es ist viel einfacher, derartige politische und auch gesellschaftliche Kritik in Zuckerwatte zu packen und mit sich überschlagender Stimme kreischend auf das kleine süße und so tapfere Mädel zu zeigen und zu sagen: „Sie ist so stark. Wäre ich nur auch so stark“

So gesehen kann man sich als enttäuschter Kritiker noch weiter hineinsteigern und dem Film offen praktizierten Patriotismus vorwerfen und sagen, der Film verharmlose die wirklich schrecklichen Zustände in den Überschwemmungsgebieten des Hurrikans. Ja, genau! So gesehen ist der Film patriotischer – und damit schlimmer – als ein „Zero Dark Thrity“. So einem Film sieht man es sofort an, dass hier lediglich die umstrittene Außenpolitik der vereinigten Staaten gerechtfertigt werden soll. Einem kleinen sechsjährigen Mädchen mit feuchten Kulleraugen jedoch nicht.

Beasts Of The Southern Wild (USA, 2012): R.: Ben Zeitlin; D.: Quvenzahne Wallis, Dwight Henry, Levy Easterly, u.a.; M.: Court 13; OffizielleHomepage

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Montag, 14. Januar 2013

Nachgereicht: In ihrem Haus

Einige Regisseure sind seit vielen Jahren im Geschäft. Sie haben nicht nur die aufregendsten Entwicklungen im Medium Film mit erlebt und überlebt, sie haben sie stets mit gestaltet und geprägt. Einige von diesen Altmeistern sind mit der Zeit mit gegangen, haben neue Techniken ausprobiert und haben sich angepasst. Andere sind bei dem geblieben, was sie schon immer gemacht haben und wirken deshalb heutzutage vielleicht etwas altmodisch. Woody Allen muss zum Beispiel gar nichts an seinem Stil ändern und kann sich voll und ganz auf seinen Stil des Geschichtenerzählens konzentrieren. Weil eben ein Woody Allen schon immer auf die gleiche Art Filme gemacht hat, hat er sich im Laufe der vielen Jahre einen festen Stamm von Fans angesammelt. Diese Fans wollen nichts Neues und wären regelrecht verärgert, wenn Allen jetzt beispielsweise einen rasanten Thriller machen würde.
Francois Ozon ist sicherlich genau so bedeutend, wie Woody Allen. Er hat dafür gesorgt, dass der französische Stil das ist, was er heute ist – im Guten, wie im Schlechten. Seine Filme waren irgendwie immer eine Mischung aus bierernster Gesellschaftsstudie und regelrecht grotesken Musicaleinlagen. So merkwürdig das klingen mag, Ozon ist ein unverzichtbarer Vertreter des typischen, französischen Films. Und der Altmeister ist immer noch aktiv und liefert regelmäßig neue Filme ab. Er wagt allerdings immer mal wieder Experimente und versucht sich auf Gebieten, die er bisher noch nicht so ausführlich bewandert hat. Mit „In ihrem Haus“ hat er sich tatsächlich an einem Thriller versucht – ohne Gesangseinlagen.

Germain ist Lehrer für Literatur und unterrichtet eine zehnte Klasse. Er hat sich vorgenommen, den jungen Menschen seine Begeisterung für die Sprache zu vermitteln. Die Schüler sind allerdings wenig motiviert und für die meisten bedeutet sein Unterricht nicht viel mehr, als die Zeit ab zu sitzen. Der zurück gezogene Claude allerdings, zeigt Talent. In einem Aufsatz über sein Wochenende beschreibt er wortgewandt, wie er einen Mitschüler zu Hause besucht, um ihm Nachhilfe zu geben. Etwas am Schreibstil des Jungen erweckt das Interesse des Lehrers und er ermutigt ihn, weiter zu schreiben. Die Geschichte des Mitschülers und seiner Familie entwickelt sich allerdings in eine merkwürdige Richtung. Germain realisiert nicht, dass die Dinge, die Claude schreibt keineswegs nur ausgedacht sind. Germain steigert sich immer mehr herein. Erst, als ihn seine eigene Frau auf die gefährliche Wendung aufmerksam macht, will er das Schreibexperiment stoppen. Aber dafür ist es bereits zu spät. Claude hat sich in den Kopf gesetzt, die Geschichte um die Familie fertig zu schreiben und nimmt dafür auch in Kauf, das Leben der Familie zu zerstören.

Die Geschichte wird langsam begonnen und die Figuren werden auf klassische Weise vorgestellt. Hier sind keine Quantensprünge zu erwarten. Der biedere Literaturlehrer sieht lustigerweise wirklich ein bisschen aus, wie Woody Allen und hat in der deutschen Fassung sogar dessen Synchronstimme.
Auch der typische Klassenmob, bestehend aus lärmenden Proletenkindern darf nicht fehlen, ebenso wenig, wie der melancholische Blick in die tiefen Augen des des besonderen Schülers. Der Film geizt also nicht mit Klischees und auch die Story ist recht vorhersehbar, wird zwischendurch allerdings noch aufgelockert mit einer Nebenhandlung, in der Germains Frau auf recht unterhaltsame Weise nach neuen Künstlern für ihre angeschlagene Galerie sucht. All das plätschert aber nur so vor sich hin und bietet einen mäßig dynamischen Spannungsbogen. Fabrice Luchini wirkt in seinem Spiel irgendwie festgefahren. Er bewegt sich in einem enorm engen Rahmen und sein Repertoire an Mimik und Gestik ist selten abwechslungsreich. Ob er nun den überzeichneten Fabrikbesitzer in den bunten 60ern spielt, oder eben einen frustrierten Literaturlehrer, scheint für ihn keinen großen Unterschied zu machen. Da hilft leider auch nicht eine so charismatische und intensive Schauspielerin, wie Kristin Scott Thomas an seiner Seite.
Der Film lässt relativ schnell die Hosen herunter und man gibt ebenso schnell die Hoffnung auf, dass noch etwas spannendes passiert. Leider geht auch das Ende des Films gründlich vor den Baum. Erst wird ein absurder Mindfuck provoziert und dann will Ozon sehr krampfig noch einmal das Ruder herumreißen und konstruiert ein quasi-Happy-End, welches gar keinen Sinn mehr ergibt.

So wenig ich mit früheren Ozon-Filmen anfangen konnte, habe ich es doch immer irgendwie akzeptiert, weil er über so viele Jahre seinem Stil treu geblieben ist. Mit aller Gewalt hat er hier versucht, etwas neues zu schaffen, hat aber lediglich Altbackenes aufgewärmt. Vielleicht sollte in seinem nächsten Film doch wieder gesungen werden. Die Groteske – ob nun absichtlich, oder unfreiwillig – passt besser zu dem Bild, welches ich von Ozon und der filmischen Epoche, der er angehört, in meinem Kopf gezeichnet und gespeichert habe.

Dans La Maison (F, 2012): R.: Francois Ozon; D.: Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, u.a.; M.: Philippe Rombi; OffizielleHomepage

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Sonntag, 23. Dezember 2012

Die Wand

Die Welt, wie wir sie kennen und jeden Moment unseres Lebens wahrnehmen, ist plötzlich einfach nicht mehr da. Sie wurde zerstört, und  auf die eine, oder andere Art verändert. Die Ursachen dafür sind stets unterschiedlich, das hängt vom Film ab. Hab ich euch erschreckt? Ja! Es geht wirklich um Filme. Filme, die den Weltuntergang mal mehr, mal weniger pompös gestalten. Es gibt die Filme mit Krachbumm – die im übrigen richtig großen Spaß machen – und es gibt die, mit dem emotionalen Hammer – die mich in der Regel richtig fertig machen.
Der neue Film von Julian Pölsler „Die Wand“ mit Martina Gedeck, schwimmt irgendwie auf sehr merkwürdige Weise dazwischen.

Eine Frau ist bei Freunden auf der Jagdhütte in den Alpen zu Besuch. Warum sie hier ist erfährt genau so wenig, wie ihren Namen. Eines wunderschönen Tages beschließt das befreundete Ehepaar, ins Dorf zu gehen, um dort Besorgungen zu machen. Die Frau bleibt zurück, denn sie will sich ausruhen. Sie erhält Gesellschaft vom Hund der Freunde. Es wird immer später und irgendwann geht die Frau zu Bett. Am nächsten – erneut wunderschönen – Morgen stellt sie fest, die Freunde sind nicht zurück gekehrt. Also macht sie sich auf, sie im Dorf zu suchen. Sie spaziert den Weg entlang und der Hund tollt durch sonnendurchflutete Natur. Plötzlich ändert sich alles. Ein Kraftfeld, oder etwas unsichtbares – eine Wand eben – hindert sie am Weitergehen. Sie hat keine Erklärung dafür und ist gefangen. Da von außen keinerlei Hilfe zu erwarten ist, und die wenigen Menschen, die sie außerhalb sehen kann, eingefroren zu sein scheinen, geht sie vom Schlimmsten aus. Sie hat nur ein kleines Gebiet im Umkreis der Hütte für sich und sie teilt es lediglich mit dem Hund, einer Katze, einer Kuh und zahlreichen wilden Tieren.
Man kann diesen Film auf tausend unterschiedliche Weisen sehen und interpretieren. Ich liefere an dieser Stelle mal zwei davon. Die Frau ist verrückt. Sie leidet an Wahnvorstellungen, die so komplex sind, dass das alles mehr oder weniger für sie Sinn ergibt. Die Wand ist nur in ihrem Kopf da und symbolisiert ihre Unfähigkeit, den Ort zu verlassen. Das würde auch erklären, warum das Gebiet, welches sie für sich zur Verfügung hat, zufällig genau die Dinge bietet, die sie zum Überleben braucht. Nahrung, ein Dach über dem Kopf und genügend Holz, um nicht zu erfrieren. Über ihre Vergangenheit ist nichts bekannt, aber man kann vermuten, dass ihr altes Leben hinter ihr liegen soll und ihr Verstand gaukelt ihr auf diese, sehr spezielle Weise ein neues Leben vor. Die Hütte liegt in einer sehr einsamen Gegend und es könnte sein, dass den Freunden etwas zugestoßen ist, und sie deshalb nicht  zurück kehren. Die eingefrorenen Menschen auf der anderen Seite der Wand symbolisieren, dass sie mit niemanden reden möchte und im Grunde die Einsamkeit bewusst sucht. Soweit, so gut. Im Laufe des Films gibt es aber einige Szenen, die diese Theorie komplett über den Haufen werfen. Das führt uns zur zweiten Interpretationsmöglichkeit. Alles ist echt und passiert genau so, wie es der Film zeigt. Es gibt dieses Phänomen der Wand tatsächlich und außerhalb ist alles tot. Sie ist der letzte Mensch auf der Welt und dementsprechend führt sie in bester Vincent-Price-Manier ein Tagebuch. Die Ursachen für diesen Zustand, oder überhaupt irgendwelche Erklärungsversuche lässt der Film indes vollkommen außer acht. Wie soll sie denn auch irgendwas wissen können, wenn sie vollkommen isoliert ist. Beide Versionen lassen aber grübeln.

Handwerklich ist der Film großartig. Er hat sofort eine ganz bestimmte Atmosphäre und die Anfangssequenz mit der wunderschönen Natur, dem herrlichen Wetter und der knalligen Popmusik aus dem Autoradio, erinnern irgendwie an die Anfangsszene aus Hanekes „Funny Games“. Man weiß von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Der Film inszeniert wunderbar langsame Bilder – absoluter Wahnsinn: das sterbende Reh – und schafft mit Hilfe der pulsierenden elektronischen Musik eine sehr dichte Atmosphäre. Der sehr schlichte Gesamtstil wird manchmal durchbrochen von recht spektakulären Spezialeffekten. Es gibt einen verblüffend aussehenden Autounfall, zum  Beispiel und die Wand selbst, ist auf interessante Weise dargestellt. Nicht zu Letzt ruht alles auf den Schultern Martina Gedecks, die hier in einer wahren Meisterleistung ihre stumme One-Man-Show auf die Bühne legt.

„Die Wand“ muss vielleicht auf eine völlig andere Weise interpretiert werden, aber für mich stellt sie das Ende der Welt dar, wie es kaum ein Film bisher geschafft hat. Da gibt es wie gesagt die Haneke-Elemente und einige Einstellungen vom Wald erinnern an Lars von Trier. Aber das, was den Film ausmacht, ist das Eigene und dieser schwer fassbare Stil, der irgendwie verhindert, dass man völlig klar sagen kann, was man von diesem Film hält. Beeindruckend...irgendwie. Aber warum?

Die Wand (AUT, D, 2012): R.: Julian Pölsler; D.: Martina Gedeck, u.a.; Offizielle Homepage

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Mittwoch, 12. Dezember 2012

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise

Peter Jackson hatte schon immer, vor Allem, einen Wunsch. Er wollte den „Herrn der Ringe“ verfilmen, jenes Monster der zeitgenössischen Literatur von Tolkien. Als Jugendlicher stellte er mit einer einfachen Kamera und selbst gebastelten Puppen, wichtige Szenen aus den Romanen nach. Der Drehort war sein Vorgarten. Der diente auch als Schauplatz für seinen ersten Spielfilm „Bad Taste“ im Jahr 1987. Die ersten Gehversuche als Regisseur zeugten eher weniger von Klasse. Auch die beiden Nachfolger „Meet The Feebles“ und „Braindead“ schlugen einen sehr trashigen Ton an, der wenig ernst zu nehmen war. Dabei weiß doch jeder, der sich ein bisschen intensiver mit dem Entstehungsprozess eines Filmes beschäftigt hat, dass es gerade die weniger hoch finanzierten Projekte sind, die den Einfallsreichtum und die Kreativität heraus fordern. Mag man von Jacksons Frühwerk halten, was man will. Ihm selbst diente es als Möglichkeit, jede Menge Erfahrungen zu sammeln und es diente ihm auch als Geldquelle. Jetzt zählt Jackson zu den bedeutendsten Filmemachern der letzten 20 Jahre und hat mittlerweile so viel Geld und auch Prestige angehäuft, dass er uns ab diesem Jahr wieder jährlich ins Kino und damit nach Mittelerde locken kann.

Es ist Sommer im Auenland. Der ehrenwerte Hobbit Bilbo Beutlin, sitzt gemütlich vor seiner Haustür und raucht eine Pfeife. Da taucht plötzlich ein großer Mann mit grauem Mantel und langem Bart auf und erkundigt sich nach Leuten, die ein Abenteuer bestehen wollen.
Pah! Abenteuer? Woher kommst du, alter Mann? Du bist hier im Auenland. Hier leben nur ehrbare Hobbits. Und ein ehrbarer Hobbit zieht nicht so einfach in ein Abenteuer. Völlig absurd! Er möge sich gefälligst verziehen!
Der alte Mann im grauen Mantel lacht sich tot über diesen frechen kleinen Hobbit und malt ein Zeichen an seine Tür.
Und damit geht’s los. Der Alte ist ein Zauberer, genauer gesagt, er ist Gandalf, der Graue.
Der hat sich mit ein paar Zwergen zusammen getan, die für eine ganz bestimmte Unternehmung noch einen Meisterdieb benötigen.
Die Zwerge wollen in ihre alte Heimat zurück. Von dort sind sie vor vielen Jahren vertrieben worden, und seitdem sehnen sie sich nach den Schätzen ihrer Heimat. Höchste Zeit, diese Schätze zurück zu erobern. Das Problem ist, dass sie vom Drachen Smaug beschützt werden. Bevor man sich um den Drachen jedoch kümmern kann, muss jedoch ein weiter Weg gemeistert werden. Und der ist voller Gefahren, von denen betrunkene und übellaunige Trolle noch das kleinste Problem darstellen.

Groß war die Freude, als „Der Hobbit“ angekündigt wurde. Noch größer wurde sie, als bekannt wurde, dass es ein Wiedersehen mit zahlreichen Figuren aus den alten Filmen geben würde. Unbändige Freude erfüllte mich, als vor einem Jahr die ersten bewegten Bilder in Form eines Trailers erschienen.
Alles sah genau so aus, wie ich es mir gewünscht hatte. Warum, zum Teufel, hatte ich nur dieses unerklärliche Gefühl der Skepsis? Dann kamen die nächsten Meldungen. Erst hieß es, der Film wird in einem neuartigen Bildformat präsentiert. Der Film sollte in einer Bildrate von 48 Bildern pro Sekunde laufen, wodurch sich ein besseres und brillanteres Bild ergeben soll. Erste Reaktionen darauf ließen allerdings eher befürchten, es sähe aus, wie in einer Daily Soap. Dann kam der Hammer. Peter Jackson gab bekannt, aus dem „Hobbit“ eine Trilogie zu machen und nicht – wie angekündigt – nur einen Zweiteiler.
Ab jetzt war allen klar, dass Jackson nur noch ans Geld dachte und sicher kein Interesse mehr daran hatte, einen wirklich guten Film zu machen.
Was denn nun? Ist es jetzt gut, oder nicht? Sag doch endlich und hör auf zu schwafeln!“
Ja, verdammt nochmal. „Der Hobbit“ ist großartig. Mag Peter Jackson Geld verdienen wollen, er gibt uns dafür wenigstens auch was. Kann sein, dass drei Filme für diese Geschichte etwas überdimensioniert erscheinen, ich freue mich über jeden, noch so kleinen Schnipsel aus Mittelerde. Es kommt nichts Neues oder Innovatives in diesem Film und alles sieht haargenau so aus, wie wir es in „Die Rückkehr des Königs“ zu Letzt gesehen haben. Der Stil und die gesamte Dramaturgie des Filmes entspricht dem Muster der alten Trilogie. Die Kostüme und die Ausstattung und überhaupt alles hat man schon gesehen. Natürlich sieht alles noch schöner aus und ist noch bombastischer dargestellt. Und die Viecher sehen noch besser aus und alles ist größer und weiter. Aber ist es nicht genau das, was wir wollten? Ich jedenfalls wollte das. Ich wollte wieder einen Film, der mich in eine unglaublich detailliert entworfene Phantasiewelt mit nimmt. Ich wollte einen Film, der eine Geschichte schön erzählt, die ich bereits in- und auswendig kenne. Ich wollte genau das, was da beinahe drei Stunden zu sehen ist.

Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ ist ein absolutes Fest für die Fans. Das liegt wohl daran, dass Peter Jackson selbst der größte Herr-Der-Ringe-Fan der Welt ist. Gleichzeitig ist der Film aber auch Auftakt und Neubeginn und ist auch für jene perfekt, die weder die Bücher noch die bisherigen Filme kennen. Natürlich ist das erst der Anfang und der Film hört dem entsprechend an einer Stelle auf, an der die Geschichte eben erst zu einem Drittel erzählt ist. Und, dass ich jetzt schon wieder ein ganzes Jahr warten muss, bis es endlich weiter geht, ist einfach unfassbar. Wie soll ich das bloß aushalten? Auch dieses Gefühl kenne ich noch sehr gut, und es ist wieder da. Wie früher!

The Hobbit – An Unexpected Journey (USA, NZL, 2012): R.: Peter Jackson; D.: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, u.a.; M.: Howard Shore; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus, CineStar

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Freitag, 7. Dezember 2012

7 Psychos

Psychische Erkrankungen scheinen der neue Trend zu sein. In Deutschland erleiden jährlich ungefähr 30 Prozent aller erwachsenen Menschen eine psychische Störung. Die meisten leiden an Angststörungen und psychosomatischen Symptomen. In vielen Fällen wird eine Erkrankung zu spät oder gar nicht diagnostiziert. In derartigen Fällen kann eine psychische Störung schnell chronisch werden. Eine zunehmend verbreitete Art dieser Krankheit ist übrigens die Phobie, an einer psychischen Krankheit zu leiden. Man merkt schon, dass dieses Thema ein enormes Potential für Sarkasmus und Zynismus birgt. Vielleicht widmet sich der „Brügge sehen...und sterben“ - Regisseur Martin McDonagh deshalb einer Gruppe Menschen, die unter besonders ausgeprägten Formen, psychischer Störungen zu leiden scheinen.

Marty ist Drehbuchautor in Hollywood und weit entfernt von einem großen Karrieresprung. Trotz seines Talents, ist er abgestürzt. Das liegt wohl daran, dass er nicht in der Lage zu sein scheint, sein Leben zu organisieren. Sein Achtungserfolg liegt schon viel zu lange zurück und er hat schlicht versäumt, schnell nach zu legen. Und jetzt, als es fast zu spät zu sein scheint, leidet er unter einer Schreibblockade. An dieser Stelle kann man schon schmunzeln, denn ein Blick in die Biographie McDonaghs zeigt, dass er bis vor kurzem noch ganz ähnliche Probleme hatte. Im Film jedenfalls hat sich Marty's Kumpel Billy entschlossen, dem glücklosen Autor zu helfen. Billy verdingt sich als Kleinkrimineller. Mit seinem Freund Hans hat er eine ganz besondere Geschäftsidee entwickelt. Billy entführt Hunde und behält sie eine Weile bei sich. Wenn die Besitzer – der Verzweiflung nahe – bereit sind, dem hilfsbereiten Samariter großzügig zu belohnen, der ihren Liebling zurück bringt, betritt der nette alte Mann Hans die Bühne und spielt den großen Retter.
Eines Tages erwischt Billy den falschen Hund und entführt den Shih Tzu des Gangsterbosses Charlie Costello. Der versteht keinen Spaß und geht auf einen blutigen Rachefeldzug auf der Suche nach den Entführern. Costello ist selbst schwer gestört und verliert angesichts des Verlustes seines geliebten Hundes den Blick für das Wesentliche vollkommen aus den Augen. Billy und Hans geraten also in allerlei haarsträubende und auch nicht ungefährliche Situationen, die wiederum als perfekte Inspiration für Marty's Drehbuch dienen.

Martin McDonagh ist ein klassischer „Me Too“ - Regisseur. So werden Filmemacher bezeichnet, die sich frech bei Klassikern bedienen und auf den zusammen geklauten Haufen ihren Namen und einen möglichst knalligen Titel kleben. Okay, „7 Psychos“ ist nun ein weniger origineller Titel, was der Übersetzung geschuldet ist. Aber selbst „Seven Psychopaths“ - der englische Originaltitel – entbehrt jeglicher Originalität und birgt auch noch einen ganz gemeinen Zungenbrecher. Der Film selbst arbeitet mit recht typischen Figuren, die trotz ihrer extremen Handlungen so wirken, als hätte man sie schon mal gesehen. Man muss nicht lange überlegen und sofort fallen einem Vergleiche mit Tarantino und Rodriguez auf. Auch die spontanen Gewalteinlagen festigen den Eindruck, hier Dinge zu sehen, die man schon kennt. Immerhin gibt es ein paar nette Wendungen, einen lustigen Tom Waits und den ein oder anderen guten Dialog.

Der Soundtrack bietet eine solide Mischung aus fetzigen Funk-Tracks für die witzigen Szenen, und einem düster-melancholischen Score von Carter Burwell für die ernsteren Sequenzen.
Die etwas konfus entwickelte Story schafft es sogar, hin und wieder über die Vorhersehbarkeit der ganzen Geschichte hinweg zu täuschen.
Jetzt aber mal genug der Meckerei, denn mir hat „7 Psychos“ eigentlich ganz gut gefallen.
Zumindest hatte ich Spaß und große Freude am grandiosen Schauspielensemble. Colin Farrell spielt einen Flenner – was er aus irgendwelchen Gründen immer am besten hinkriegt – Sam Rockwell harmoniert auf herrlich unkonventionelle Weise mit einem in die Jahre gekommenen, aber nicht minder überzeugenden Christopher Walken und Woody Harrelson dreht, wieder einmal jenseits aller Sphären, vollkommen am Rad, was er ebenfalls immer am besten kann.
McDonagh packt noch einige sehr nett platzierte Zitate an Gangsterklassiker dazu und serviert noch eine fröhliche Metaebene über das Produzieren von Filmen. Es geht also um Filme im Film und suggeriert einen Blick hinter die Kulissen, den es in Wirklichkeit natürlich nicht gibt. Auch dieser Einfall ist nicht neu, funktioniert aber immer und vermittelt den Eindruck, der Regisseur begibt sich auf eine gewisse Understatement-Ebene, die der Zuschauer vielleicht sogar teilt.

Letztendlich ist „7 Psychos“ die pure Unterhaltung für Erwachsene – wohl gemerkt. Das, was „Brügge sehen...und sterben“ so besonders gemacht hat, war eine poetische Melancholie, die die klassische Gangsterstory untermalt hat. Das wäre nun allerdings deplatziert gewesen, und hätte „7 Psychos“ nur unnötig schwermütig und krampfig gemacht. Stattdessen zwinkert man unentwegt mit den Augen und McDonagh hat es gerade noch einmal gemeistert. Beim nächsten Streich hilft die Devise „Besser gut geklaut, als doof selbst gemacht“ wohl nicht mehr.

Seven Psychopaths (GB, USA, 2012): R.: Martin McDonagh; D.: Colin Farrell, Sam Rockwell, Christopher Walken, Tom Waits, u.a.; M.: Carter Burwell; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Der Filmblog zum Hören: Jeden Sonntag, 14 bis 15 Uhr, auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 28. November 2012

Cloud Atlas


Bombastverfilmungen von unverfilmbaren Büchern sind selbst nach solch grandiosen Erfolgen, wie „Der Herr der Ringe“, oder „Watchmen“ ein streitbares Thema in der Filmwelt. Immer wieder erscheinen Filme, die beim Versuch, ein schwieriges Buch zu adaptieren, kläglich scheitern. Zu den prägendsten Beispielen der letzten Jahre gehört sicher die Verfilmung von Patrick Süskinds „Das Parfüm“ von Tom Tykwer. Weder inhaltlich, noch stilistisch konnte dieser Film der Vorlage gerecht werden. Tykwer selbst ist wohl wenig vor zu werfen. So ist das nun mal, wenn man sich an unverfilmbaren Stoff heran wagt.
Sein Experimentiergeist ist jedoch längst nicht erloschen. Nun hat er sich an die Umsetzung von David Mitchells „Wolkenatlas“ gewagt, ein Buch, welches durch seine unkonventionelle Erzählstruktur hervor sticht und schon so manchen Leser – also mich – vergrault hat. Das Buch bespielt eine Zeitspanne von 500 Jahren Menschheitsgeschichte, spielt mit sämtlichen Genrefacetten der zeitgenössischen Literatur und will obendrein noch eine essentielle Botschaft über das Schicksal vermitteln, die jedem Theologen und Sozialwissenschaftler schlaflose Nächte  bescheren dürfte. Zusammen gefasst: Etwas, was ein einzelner Mensch kaum stemmen kann, weshalb Tykwer auch noch die Wachowski-Geschwister mit ins Boot holte.

Die Story ist das Hauptelement des Films und präsentiert sich sehr komplex. Los geht’s mit einem alten Mann, der in einer merkwürdigen Sprache spricht und den Anfang einer großen Geschichte erzählt. Nach einem Schnitt sind wir im 19. Jahrhundert an einem Strand und werden Zeuge, wie der junge Anwalt Adam Ewing einen Dotor kennen lernt. Eigentlich bekommt er aber bald die Schrecken des Sklavenhandels während der Besiedlungsgeschichte Nordamerikas zu sehen. Dann geht es um einen jungen und talentierten Komponisten, der mit Hilfe eines Altmeisters seiner Zunft die Karriereleiter nach oben klettern will. In den 70ern begleiten wir eine junge Journalistin, die ein großes Komplott aufdeckt. In der Gegenwart lernen wir Timothy Cavendish kennen, dem als Verleger viel Glück und später großes Pech widerfährt. Im Jahr 2144 werfen wir einen Blick in die Zukunft. Hier dreht sich alles um eine geklonte Kellnerin, die eine größere Bedeutung zu haben scheint, als sie denkt. Welche Bedeutung das ist, könnte sich in einer noch weiteren Zukunft einer nahezu steinzeitlichen Version der Erde zeigen. Hier begleitet man Zachery, dessen Glauben auf sehr harte Proben gestellt wird.
Im Zentrum jeder Geschichte steht immer entweder ein Verbrechen oder eine gute Tat, welche gravierende Auswirkungen auf die Zukunft zu haben scheinen. Ebenso hängen alle Figuren irgendwie zusammen. Die Story adäquat zusammen zu fassen, ist nahezu unmöglich, was aber nicht einer Unübersichtlichkeit zu schulden kommt, sondern einfach der schieren Masse an Erzählsträngen.

Wie kann dieser Film funktionieren? Wie können die vielen Stränge zusammen laufen, so dass man alles nachvollziehen kann? Das Buch kann man zur Seite legen und nach einer Pause das Lesen fortsetzen. Man kann im Buch zurückblättern, wenn man etwas nicht mitbekommen hat, oder sich der Zusammenhang zwischen zwei Strängen nicht sofort ergibt. Bei einem Film kann man das nicht. Hier gibt es sechs ausgeklügelte Einzelgeschichten, die irgendwie mit einander verbunden werden müssen. Tom Tykwer und die Wachowskis haben genau das tatsächlich geschafft und gemeistert. Die Story wird durch zahlreiche Schnitte voran getrieben und zu keiner Zeit im Film hat man das Gefühl, nicht zu wissen, worum es gerade geht. Die unterschiedlichen Settings sind so gut ausgearbeitet und entwickelt, dass man sich sofort wiederfindet und die Breaks werden an Stellen gemacht, die auch inhaltlich sinnvoll sind, so dass man selten lange überlegen muss, an welcher Stelle wir unterbrochen wurden. Muss man allerdings aufs Klo – was bei einer Laufzeit von fast 3 Stunden nicht ganz unrealistisch scheint – wird es schwierig. Während man sich von einem anderen Kinogast berichten lässt, was in der Zwischenzeit passiert ist, läuft der Film ja schon wieder weiter und die Handlung geht gnadenlos voran. Dieses – eher blasentechnische – Problem schlägt jedoch nicht all zu sehr ins Gewicht. Durch die dichten Schnitte bekommt der Film nämlich einen starken Flow und langweilt nicht für eine Sekunde. Technisch haben sich sowohl Tykwer mit seiner Vorliebe für eindrucksvolle Menschenbilder, als auch die Wachowskis mit ihrer Affinität zu wahren Orgasmen zünftiger Actionfeuerwerke ausgetobt und eine stimmige Mischung geschaffen. Überhaupt ist alles aus einem Guss und zeigt, dass das Drehbuch das Rückgrat des Ganzen bildet. Das Schauspielensemble zeigt eine enorme Spielfreude und Wandlungsfähigkeit, denn durch Drei- bis Vierfachbesetzungen wird ebenfalls eine Verbindung zwischen den einzelnen Elementen geschaffen. Bei einigen reicht ein neuer Bart, oder eine Perücke und schon sind sie jemand anderes. Besonders auffällig ist Hugo Weaving, der in der Episode um Timothy Cavendish einen mehr als denkwürdigen Auftritt feiert und Tom Hanks. Ich hatte in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, Tom Hanks sei fertig und hätte seine Fähigkeiten als Schauspieler einschlafen lassen. Hier nun prägt er die unterschiedlichen Charaktere nicht nur durch ein neues Kostüm oder einer bekloppten Frisur, sondern spielt total überzeugend die unterschiedlichsten Figuren. Man kann sagen, Tom Hanks allein liefert schon genug Gründe, sich diesen Film anzusehen.

„Cloud Atlas“ ist ein überaus gelungener Film. Die Message mag einen leichten Eso-Touch haben, spielt aber eigentlich keine große Rolle, da der Kern des Ganzen viel zu weit weg ist. Eine viel größere Stärke ist die komplexe Struktur des Films, die packende Inszenierung und die einzelnen Geschichten. Außerdem ist der Film in erster Linie Unterhaltung und großes Kino und Vergleiche mit dem bedeutungsschwangeren „Tree Of Life“ hinken ab der ersten Minute. Während Terence Malick tiefreliegös verankerte Ansichten über das Leben in all seiner Form auf eindrucksvolle und poetische Art und Weise inszenierte, will „Cloud Atlas“ diese Tiefe gar nicht erreichen. Vielmehr ist dieses Machwerk eine Verbeugung vor allen Filmgenres, die es überhaupt geben kann und der Beweis dafür, dass sich auch gutsituierte Hollywoodgrößen einfach mal kopfüber in ein Herzensprojekt stürzen können. Bei derartigen Aktionen sind bis jetzt auch immer die besten Filme entstanden.

Cloud Atlas (D, USA, 2012): R.: Tom Tykwer, Andy & Lana Wachowski; D.: Tom Hanks, Halle Berry, Hugo Weaving, u.a.; M.: Reinhold Heil, Johnny Klimek, Tom Tykwer; Offizielle Homepage

In Weimar: CineStar, lichthaus

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