Dienstag, 25. Februar 2014

Berlin: Nyphomaniac 1

Kaum ein anderer Film wurde in den letzten Monaten mehr diskutiert und nicht wenige haben nach all dem Wirbel schmerzlich den Kinostart herbei gesehnt. Ob diese Aufregung gerechtfertigt war und nicht die Erwartungen so hoch geschraubt hat, dass sie dieser Film nicht erfüllen kann, ist dem Regisseur wahrscheinlich egal. Was man von Lars von Triers neuestem Machwerk „Nymphomaniac 1“ hingegen halten soll, weiß man wohl auch erst, wenn man im Kino war.

Es ist eine kalte Nacht, die an rostige und keimig, verklebte Wände, an denen Brackwasser herunter rinnt denken lässt und an Rammstein. In einer solchen Nacht findet der alte Mann namens Seligman eine übel zugerichtete Frau auf dem Fußweg liegend. Er kümmert sich um sie und schafft sie zu sich nach Hause. Hier packt er sie ins Bett und flößt ihr warmes Essen und Getränke ein. Ob er die Polizei oder einen Krankenwagen rufen soll, verneint sie. Sie sei ein schlechter Mensch und das sei in Ordnung so. (Hat nicht ein berühmter Regisseur vor klurzem etwas ganz Ähnliches gesagt?) Seligman glaubt nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Deshalb beginnt sie, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, um zu beweisen, dass sie doch ein schlechter Mensch ist. Dieses Leben besteht ausschließlich aus extremen, sexuellen Erfahrungen, die sie seit ihrer frühesten Kindheit sammelt. Der alte Mann zeigt sich von all den expliziten Schilderungen nicht sehr schockiert und kontert mit Analogien vom Fliegenfischen, dem Komponieren eines Orgelstückes und der Weltliteratur. Während sie also ungeniert von ihrem Leben berichtet, wird sie von ihm bemuttert und moralisch durchgefüttert.

Die Story klingt ziemlich banal. Bei den meisten Pornofilmen gibt es so etwas, wie eine Story gar nicht erst und so gesehen, könnte man sagen, ist „Nymphomaniac 1“ regelrecht tiefgründig. Lange habe ich überlegt, wie dieser Film zu bewerten ist und ich bin zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Manche bezeichnen diesen Film, als ein wildes Kunstwerk, welches im Grunde nur die Gewalt und Vielfältigkeit des Lebens nachzeichnet. Lars von Treir selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er einen Pornofilm gedreht hat. Ich finde, so sollte ich das auch halten. Zwischen den einzelnen Kapiteln, die alle jeweils ein neues Sexabenteuer schildern, gibt es Einschübe, die sehr verkrampft wirken und an die tatsächliche Bildgewalt früherer von-Trier-Filme erinnern sollen, hier aber total unpassend daher kommen. Alles wirkt dadurch eher konfus. In einer Szene beschreibt sie ausführlich von ihrer Entjungferung, in der nächsten zitiert er den Text irgendeines romantischen Autors. Einmal wird der Zuschauer mit einer beispiellosen Galerie männlicher Geschlechtsteile bombardiert, gleich darauf mit perfekten Bildern eines spektakulären Sonnenuntergangs verwöhnt. All das kann nicht verbergen, dass es in diesem Film nur um eines geht: Um Sex. Um Sex in all seinen faszinierenden, wie auch abstoßenden Formen. Ästhetische Liebesszenen wird man hier kaum finden. So etwas gibt es in Pornofilmen nun mal nicht. Stattdessen findet man eine beeindruckend gespielte, aber leider vollkommen überflüssige Szene mit ihrem Vater, der irgendwie noch zum Schlüsselsymbol werden soll. Vielleicht. Das kommt möglicherweise im zweiten Teil erst. Womit wir bei einem weiteren, großen Problem von „Nymphomaniac“ wären. Lars von Trier hat nach Fertigstellung seines Filmes den sogenannten Final Cut abgegeben. Dieser Cut legt fest, welche Version letztendlich in den Kinos laufen soll. Aus vermarktungstechnischen Gründen, wurde der Film erstens regelrecht kastriert – Sorry, aber anders kann man es in diesem Fall schwerlich nennen – und damit sämtlicher diskutabler Szenen, die im Vorfeld für so viel Gesprächsstoff sorgten beraubt; zweitens wurde „Nymphomaniac“ in zwei Teile gehackt. Der deutsche Verleih möchte dem deutschen Publikum also weder eine Laufzeit von 5 Stunden, noch explizit dargestellte, kopulierende Paare zumuten. Als Dank dafür bittet man aber natürlich doppelt zur Kasse.

Das Ergebnis ist eben eher unspektakulär, entspricht überhaupt nicht den Erwartungen – ob nun negativ, oder positiv - die man an einen Film dieses Regisseurs hat und zeigt vor allem, wie toll es noch immer in der Filmwelt funktioniert, wenn man auf möglichst platte und unkreative Art und Weise einfach mal drauf los provoziert.
Ich hatte nicht einmal Freude am durchaus sehenswerten Cast des Filmes. Einzig Uma Thurman zeigt gutes Schauspiel und rettet um Haaresbreite den Ruf ihrer Zunft. Alle anderen sind austauschbar. Vor allem der Typ mit der Papiertüte auf dem Kopf.

Nymphomaniac 1 (DK, D, B, F, GB, 2013): R.: Lars von Trier; D.: Charlotte Gainsbourgh, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Nebenbei: Von Stöckchen und dem Soundtrack zum Leben

Mir wurde ein Stöckchen zugeworfen. So kommt es, dass ich plötzlich über ein Thema nachdenke, welches nicht unbedingt etwas mit FIlmen zu tun hat und mich dazu bringt, olle Platten heraus zu wühlen und an früher zu denken.


In meinem Leben gibt es – und gab es schon immer – unglaublich viel Musik. Das fing schon als Kind an. Mein Papa war schon immer sehr interessiert und zu DDR-Zeiten als Schallplattenunterhalter mit extra DJ-Diplom unterwegs. In den 70er Jahren war es wichtig, sich mit der Musik zu identifizieren. Solche denkwürdigen Ereignisse, wie Woodstock zumindest aus der Ferne mitzukriegen, war schon irgendwie wichtig. Meine Eltern haben also schon immer viel Wert auf ihren Musikgeschmack gelegt. Das heißt, ich bin mit den Beatles, den Rolling Stones, Neill Young, Bob Dylan, und so ziemlich allen Ikonen des Rock und Pop aufgewachsen. Mir hat dann irgendwann eine Band besonders zugesagt. Ich weiß nicht warum, aber im Alter von sechs Jahren oder so, habe ich unentwegt Supertramp gehört. Das war irgendwann der Soundtrack zu allem, was ich so erlebt habe. Der Ostsee-Urlaub wurde von „Crime Of The Century“ begleitet, meine Grundschulzeit von „Chrisis? What Chrisis?“. Ununterbrochen hörte ich das Livealbum rauf und runter, während die Mitschüler auf die Eurodance-Welle und Schlumpfentechno abgingen. Aus heutiger Sicht ist Supertramp irgendwie weniger ernst zu nehmen und aus irgendeinem Grund werden die Fans unverhohlen belächelt. Möglicherweise liegt das daran, dass Supertramp seit vielen Jahren mit ein und dem selben Song ein eher mitleiderregendes Dasein auf den Servicewellen der deutschen Radiolanfschaft fristet. Lustigerweise wurde vor einiger Zeit „Give A Little Bit“ wieder neu entdeckt, weil Coca Cola den Song für die aktuelle Imagekampagne durch sämtliche Kanäle dudeln ließ. Irgendwann war bei mir dann chluss mit Supertramp. Von einem Tag auf den nächsten erschloss sich mir eine völlig neue Musik, die mit großflächig arrangierten Pop-Balladen über den Frieden in der Welt gar nichts zu tun hatte. Wenn man den kontrastreichen Schritt von Supertramp zu Drum'n'Bass beobachtet, könnte man vielleicht denken, mein Leben hätte einen ebenso gravierenden Einschnitt verzeichnet. Dem war nicht so. Plötzlich wollte ich hämmernde Bässe, wahnwitzige BPMs und kreischende Vocalsamples. Drum'n'Bass ist an sich keine Musik, die man sich geruhsam anhört, aber ab da an gab es für mich nichts anderes mehr. Mir gefiel es, eine Musik zu hören, die die meisten meiner Bekannten einfach nicht verstanden. Das mangelnde Verständnis schlägt sich übrigens auch in Filmsoundtracks nieder. Immer wieder haben Filmemacher versucht, diesen Sound in ihre Werke einzubauen – meist mit fatalen Ergebnissen. Der Soundtrack von „pi“ oder das Intro von „Event Horizon“ bieten da die seltene Ausnahme von gelungenen Einsätzen des Amen-Beats. Aber zurück zum Thema: Dadurch, dass ich so konsequent und unaufhörlich Musik höre, gibt es keinen Peak oder besonderen Moment, den ich mit einem bestimmten Song verbinde. Bei den denkwürdigen Ereignissen in meinem Leben, lief dann erstaunlicherweise keine Musik. Ich habe meine Freundin gefragt, welcher Song vielleicht sowas ähnliches, wie unser Song sein könnte. Sie antwortete: „Brauchen wir einen Song?“
Als DJ werde ich oft gefragt, was meine Lieblingsplatte ist. Wenn ich nur eine Lieblingsplatte hätte, könnte ich wohl kaum ein abwechslungsreiches Set spielen.
Zerdenke ich die ganze Sache vielleicht zu sehr? Okay! Ich sage jetzt einfach, welcher Song, mir ganz spontan durch den Kopf geht: „Lass das mal den Papa machen...“ Oha!

Das Stöckchen haben mir übrigens die Kollegen von Schöner Denken zu geworfen. Wie deren musikalischer Nostalgietrip aussieht, könnt Ihr hier nachlesen.

Dienstag, 18. Februar 2014

Berlin: Enemy

Bei diesem Film fühlt man sich versucht, ihn mit Dingen zu vergleichen, die man schon aus anderen Werken kennt. Eindringlich, wie „Drive“. Spannend und intensiv, wie „Vertigo“ vielleicht. Aufregend und erotisch, wie „Black Swan“. Aber diese Vergleiche halten nicht lange stand, denn „Enemy“ nutzt diese bekannten Elemente allenfalls als Sprungbrett für seinen ganz eigenen und – ironischer Weise – unverwechselbaren Stil.

Adam ist Professor für Geschichte an einer Universität. Auch, wenn er einen gut bezahlten Job hat, wäre er sehr unzufrieden mit seinem Leben, würde es ihn nicht so furchtbar langweilen. Seine Vorlesungen sind uninspiriert und verlaufen immer nach dem selben Strickmuster, seine Freundin bringt ihm mehr Ärger, als Glück und überhaupt fehlt seinem Leben das Besondere. Im Rahmen seines Lebensstils und seiner eigenen Motivation ist es Adam allerdings unmöglich, dieses besondere Etwas zu finden. Adam weiß genau, was er tun könnte, um diesen Zustand zu ändern, doch will er es im Grunde nicht, was seinen Frust noch verstärkt. Ein Kollege macht ihn eines Tages darauf aufmerksam, dass er ihn an einen Schauspieler erinnere. Adam schaut sich einige Filme mit besagtem Schauspieler an und stellt fest, der andere Mann sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Aus Neugier beginnt Adam, dem Schauspieler nach zu stellen und arrangiert sogar ein Treffen. Bei diesem Treffen kommt allerdings etwas zu Tage, was Adam nicht erwartet hätte.

Regisseur Denis Villeneuve nutzt diese Story, die im Grunde ganz klaren Linien und Rahmen folgt, um einen regelrechten Trip zu entfesseln. Von Beginn an versetzt er den Film mit abgedrehten Traumsequenzen. Immer wieder taucht hier das Motiv einer riesenhaften Spinne auf, die sich durch die Häuserschluchten der Großstadt hangelt. Außerdem ist der ganze Film in blassen Gelbtönen gehalten. Dadurch wirkt alles etwas fiebrig. Ein Großteil der dichten und oft auch bedrohlichen Atmosphäre entsteht durch die fast schon gewaltige Musik. Mächtige Hörner und quälende Streicher entfesseln ein ständiges Gefühl der Aufregung.
Außerdem kostet Villeneuve immer wieder ganz bestimmte Momente besonders aus. Die Treffen der beiden Doppelgänger zum Beispiel. Oder, wenn die Frau des Schauspielers die Bedeutung der ganzen Situation zu erkennen glaubt. Dieser Moment der Erkenntnis ist unglaublich eindrucksvoll und verliert seine Wirksamkeit auch nicht dadurch, dass dem Publikum diese Erkenntnis bis zum Ende des Films verwehrt bleibt. Ist dies die Geschichte getrennter Zwillinge? Ist es Zufall? Ist es Schicksal? Der Film liefert keine Erklärung, sondern packt lieber noch ein skurriles Abschlussbild auf das Ende.

„Enemy“ ist großartige Unterhaltung. Schauspieler, Musik und Inszenierung ergeben einen stilvollen, spannenden und eigenwilligen Thriller, der im Gedächtnis bleibt. Hitchcock wäre vielleicht stolz darauf gewesen.

Enemy (Can, Esp, 2013): R.: Denis Villeneuve; D.: Jake Gyllenhaal, Melanie Laurent, Isabella Rosselini, u.a.; M.: Danny Bensi

Bundesstart: 15. Mai 2014

Montag, 17. Februar 2014

What Is Left?

Ich habe auf der 64. Berlinale viele Filme verpasst, andere jedoch nicht verpasst. In den kommenden Tagen geht es hier um die Filme, die ich in diesem Jahr auf der und um die Berlinale sehen konnte. Den Auftakt macht ein Dokumentarfilm.

Wie zufrieden sind wir mit unserer Regierung? Kaum jemand, den man fragt, wird absolut nichts daran auszusetzen haben. Steuern zu hoch, Löhne zu niedrig, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Fachpersonal. Wenn uns – also dem Volk – die Regierung nicht passt, können wir sie durch Wahlen umbesetzen und dann hoffen, die neue Regierung ändert etwas an den Dingen, die uns nicht gefallen. In der Theorie klingt das relativ einfach, in der Praxis läuft das alles etwas komplizierter. Politiker stellen Programme auf, und sprechen Versprechen aus, die sie, falls sie gewählt werden, dann umgehend in die Tat umsetzen werden. Wenn die Politiker das nicht tun, werden sie bei der nächsten Wahl dann entsprechend weniger Stimmen erhalten.
Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass genau das nicht funktioniert und so passiert es, dass Politiker trotz ständiger und unverhohlener Inkompetenz über viele Jahre an der Macht bleiben. Zum Beispiel Silvio Berlusconi.

Italien vor kurzer Zeit: Neuwahlen stehen an und es hat den Anschein, es könnte dem amtierenden Präsidenten diesmal an den Kragen gehen. Doch die Alternativen sind rar. Außerdem ist das Volk unsicher, was es überhaupt noch wählen soll. Die alte Aufteilung von Links und Rechts funktioniert in einem modernen Europa nicht mehr. Darf man als Linker eine Putzfrau beschäftigen oder eine Kreditkarte benutzen? Diesen und anderen Fragen gehen die Regisseure Gustav Hofer und Luca Ragazzi nach. Sie thematisieren ihre Unsicherheit und Ratlosigkeit, um ein unerwartetes Bild des politischen Italiens dar zu zeichnen, welches letztendlich nicht nur die Situation in einem Land zeigt, sondern stellvertretend als Stimmungsbild in ganz Europa erscheint. Neben der Unsicherheit stehen aber auch die Methoden der Politiker im Mittelpunkt. So geschieht es also, dass das ganze Land einen neuen Präsidenten fordert, die ganzen Kandidaten, die in Frage kämen auf den Plan treten und niemand weiß, was man mit diesen Kandidaten anfangen soll. Die Rechten darf man nicht wählen, schließlich will man den alten Präsidenten ja los werden. Die Linken sind allesamt unmotiviert und gesichtslos. Keiner traut ihnen zu, wirklich in der Lage zu sein, das Ruder um zu werfen. Wen gibt es also noch? Ein bekannter Komiker und Kabarettist gründet seine eigene Partei und schlägt vor, die Politiker allesamt nach Hause zu schicken und das Volk lieber direkt regieren zu lassen. Die Wähler – hungrig und lechzend nach Alternativen – nehmen den Mann vielleicht ein bisschen zu ernst und wählen ihn. Diejenigen, die politisch, verantwortungsbewusst wählen möchten, können den Komiker nicht wählen, denn er meint es ja eigentlich nicht ernst. Unterdessen kündigen alle Fraktionen an, sich keinesfalls auf eine Koalition mit der Witzpartei einzulassen. Es kommt der Wahlabend und es kommt, wie es kommen muss. Der Komiker gewinnt die meisten Stimmen, die Linken verlieren und eigentlich ist klar, das Berlusconi auch nicht an der Macht bleiben wird. So bildet sich eine Koalition, die den Komiker auslässt, einen neuen Präsidenten stellt, der aber nach kurzer Zeit schon wieder zurücktritt, nur um von einem Präsidenten ersetzt zu werden, der letztendlich nur die Marionette des ganz alten Präsidenten ist. Der ganze Zirkus also nur, um letztendlich den alten immer noch auf dem Thron sitzen zu haben.

Habe ich das alles richtig verstanden? Ehrlich gesagt, weiß ich das nach Genuss dieses Filmes nicht so genau und auch der Film selbst – beziehungsweise die Off-Stimme – hegt ernste Zweifel, ob das Publikum auch nur im entferntesten verstanden hat, oder nicht noch verwirrter ist, als vor Genuss dieses Filmes. Die beiden Regisseure gehen das Thema sehr locker an und durchsetzen den Inhalt ständig mit satirischen Einwürfen. Obwohl der Film letztendlich kein echtes Mehrwissen vermittelt, bekommt man durch die Interviews, Einspieler und Bilder ein ziemlich gutes Stimmungsbild und denkt sich: „Ich verstehe zwar
nichts von Politik, merke aber, wie es in Italien läuft“. Der unterhaltsame Ton des Films bringt einen aber dazu, zu glauben, in Italien sei alles total verrückt und bei uns ist alles super. Das der Film die italienische Politik nur stellvertretend für Europäische Politik darstellt und im Grunde zeigt, wie es überall längst ist, erkennt man erst, wenn man den Kinosaal verlässt und sich gerade kopfschüttelnd über die verrückten Italiener amüsieren will. In dem Moment fällt mir der Ausgang unserer letzten Wahlen ein. Möglicherweise hatte es nicht ganz so groteske Ausmaße, wie in Italien, aber das wird schon noch kommen.

„What is Left“ ist politische Satire in Reinform. Auf der suche nach der anfänglichen Frage – nämlich, was es heißt, links zu sein – zeichnet er ein treffendes Zeitbild des politischen Italiens und zwinkert dabei so kräftig mit den Augen, dass die Intention nach der Beantwortung der titelgebenden Frage am Ende einfach weg gewischt wird. Unterhaltsam – und die Jahre werden zeigen, ob der Film nicht sogar eine prophetische Ader hatte.

What Is Left? (I, 2013): R.: Luca Ragazzi & Gustav Hofer

Bundesstart: 12. Juni 2014

Montag, 13. Januar 2014

Only Lovers left alive

Jim Jarmusch ist mit Sicherheit einer der interessantesten Regisseure der letzten 30 Jahre. Seine Filme sind stets etwas merkwürdig und sehen prinzipiell immer anders aus. Die Geschichten, die in seinen Filmen erzählt werden, gehen oft eher banalere, erste Schritte und entwickeln sich im weiteren Verlauf zu echten Dramen. „Dead Man“ beispielsweise beginnt als klassischer Western mit eiem grünen Stadtfrüchtchen, welches in der harten und rauen Umgebung des frisch besiedelten Landes kaum zurecht zu kommen vermag. Plötzlich gerät er in eine Mordserie und wird zum meist gesuchten Verbrecher der Stadt. Tragisch, denn eigentlich will er das alles gar nicht. Alles ist in rauem schwarz-weiß gehalten und Neill Young steuert einen düsteren, quälend monotonen, aber überaus passenden Soundtrack bei. Diese Mischung macht Jim Jarmusch schlicht unvergesslich. Bei anderen ist es stattdessen „Ghost Dog“, der sich ins Gedächtnis eingebrannt hat und wieder andere können „Broken Flower“ einfach nicht vergessen. Sein eigenwilliger Stil lässt Jarmush immer wieder ganz besondere und einmalige Filmerlebnisse auf die Leinwand zaubern. Nun ist er wieder da und erzählt ausgeredchnet die Geschichte zweier Vampire.

Sein Name ist Adam und er lebt in einer heruntergekommenen Villa in Detroit. Ihr Name ist Eve und sie lebt am anderen Ende der Welt in Tanger. Während Adam das exzentrische Leben eines eigenwilligen Rockstars zelebriert und deshalb den anderen Menschen kaum auffällt, gerät er zunehmend in depressive Stimmung. Der Grund dafür ist nicht nur die Tatsache, dass er von seiner geliebten Ehefrau Eve getrennt leben muss, sondern auch, mit an zu sehen, wie die Menschen ihre Welt zunehmend und sinnlos zerstören. Eve entschließt sich, nach Detroit zu reisen und ihrem Geliebten den Lebensmut erneut ein zu hauchen. Das funktioniert zunächst auch noch ganz gut, bis plötzlich Eves verhasste Schwester Ava auftaucht. Verhasst ist sie deshalb, weil sie mit ihrer ungestümen Art stets überall nur Chaos hinterlässt.

Eins ist sicher klar: Mit den glitzernden Schönwetter-Vampiren, die derzeit crossmedial Mädchenherzen höher schlagen lassen, haben diese Blutsauger nichts zu tun. Allerdings sind sie auch nicht mehr die gefürchteten Monster, die man von anderen Stellen kennt. Eve und Adam sind zivilisierte Vampire. Im 21. Jahrhundert werden keine Menschen mehr gebissen – oder eben getrunken. Man besorgt sich den roten Lebenssaft aus Krankenhäusern oder anderen Quellen. Die beiden Vampire hätten aber nicht so lange leben können, wenn sie tatsächlich nur auf ziviliserte Mittel und Wege angewiesen wären. Ebenso konsequent, wie sie in Ruhe und Frieden leben wollen, sind sie sofort bereit, alles aufzugeben, nur um zu überleben. Trotzdem wirken die Vampire relativ normal. Interessant ist, dass sich ihre Tarnungen total super in unserer heutiges Gesellschaftsbild einfügen. Während es heutzutage fast normal ist, dass sich irgendein verrückter Musiker in einer einsamen Villa verschanzt und nur nachts vor die Tür geht, hätte Adam damit vor 500 Jahren bestimmt Schwierigkeiten bekommen. So entsteht ein total überzeugendes Bild, aus einer völlig absurden Situation. An anderer Stelle wirkt der Film leider nicht ganz so überzeugend. Die Story ist dermaßen banal und lohnt kaum der Erzählung. Die Andeutungen, die immer mal wieder über die Zukunft der Menschheit gemacht werden, wirken zu aufgesetzt und nicht durchdacht. Während Tom Hiddelstons reduziertes, fast schon lustloses Spiel noch ganz gut passt, ist Tilda Swintons schwebendes und pathetisches Schmachten eher nervig. Potential wird auch mit Mia Wasikowska verschenkt. Das Vampir-Pendant zur nervigen und aufgedrehten kleinen Schwester, hätte man sicher besser hinbekommen. Großer Pluspunkt ist die Atmosphäre, die der Film mit einfachsten Mitteln aufzubauen versteht. Einen Großteil erledigt hier die Musik, die manchmal getragen von arabisch angehauchten Instrumenten und manchmal von trägen Post-Rock-Klängen zerstampft, immer perfekt zu passen scheint. Meinetwegen hätte man im Film auch nur die düsteren Ruinen eines verlassenen Industriegebietes zeigen können, wenn dazu diese inentsive Musik zu hören gewesen wäre. So toll und passend die Atmosphäre sein mag, wird deren Potenatial ebenfalls nicht vollständig genutzt.

Wer den nächsten Geniestreich eines eigenwilligen, aber total interessanten Regisseurs erwartet hat, ist vielleicht enttäuscht. Der Film ist nicht halb so groß, wie es die Werbekampagne oder der Trailer erwarten lässt. Die Botschaft kristallisiert sich sher schnell heraus und eine tiefere Bedeutung fehlt. Dennoch ist es gut, zu wissen, dass fernab vom Blockbusterzirkus, der jedes Jahr spektakulärer veranstaltet wird, ein Jim Jarmusch sitzt, auf seinen seltenen gesammelten Gitarren zupft und einfach das in einen Film packt, worauf er Lust hat. Gut, dass es Jim Jarmusch gibt.

Only Lovers left Alive (USA, 2013): R.: Jim Jarmusch; D.: Tom hiddelston, Tilda Swinton, Mia Wasikowska, John Hurt, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: Lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Der Hobbit - Smaugs Einöde

Hört man den Namen Peter Jackson, denken die meisten wohl als erstes an „Der Herr der Ringe“. Manche denken vielleicht auch an sein filmisches Frühwerk – den Splatterbomben „Bad Taste“ und „Braindead“. Die wenigsten dürften an „The Frighteners“ denken, oder das missglückte „In meinem Himmel“. Anderen – eher realistisch verankerten – fällt möglicherweise als erstes Neuseeland ein. Welche Assoziationen man beim Klang dieses Namens auch haben mag: Ich denke als erstes „Noch ein Jahr warten!“

Bilbo Beutlin und seine neuen Zwergenfreunde haben es mit Mühe und Not geschafft und sind den Wargreitern am Fuße des Nebelgebirges entkommen. Mit Hilfe der Riesenadler, die Gandalf rufen konnte, wurden sie weit in die Ebene hinaus geragen und sind ihrem Ziel, dem einsamen Berg ein wenig näher gekommen. Hier nun geht es weiter gen Norden und das nächste große Hindernis ist Düsterwald. Dieser Wald ist nicht unendlich groß, es lauern auch zahlreiche Gefahren im Dickicht. Ohne die Hilfe des Hautwandlers Beorn, würde die Gruppe nicht weit kommen. Zu allem Überfluss wird Gandalf noch in den Westen gerufen. Hier rührt sich ein unbekanntes Grauen, welches es zu erkunden gilt. Ganz hilflos ist die Gruppe aber nicht. Bilbo hat schließlich den geheimnisvollen Ring in den Stollen des Gebirges gefunden. Von diesem Ring wissen die Zwerge allerdings noch gar nichts.
Trotz all der Gefahren, die sie durchlaufen müssen, wartet die größte Herausforderungen am Ende des langen Weges. Der Drache Smaug, der seinerzeit die Zwerge aus ihren Hallen unter dem Berg verjagt hat und seitdem den sagenumwobenen Schatz hütet. Zwar hat man das Ungetüm seit vielen Jahren weder gesehen noch gehört, doch kann man sicher sein, dass sein Schlaf nicht tief sein wird.

Weiter geht das große Abenteuer um den kleinen Hobbit. Peter Jackson hat sich nicht nur Begeisterung zugezogen, als er seine Absicht verkündete, auch aus dieser Tolkienvorlage eine großangelegte Trilogie zu machen. Auch nach „Eine unerwartete Reise“ waren nicht alle Zweifel beseitigt. Zu langatmig und zu detailliert waren für viele die Szenen aus dem eigentlichen Roman; zu losgelöst und gezwungen wirkten die zusätzlichen Erzählstränge. Nicht wenige hatten das Gefühl, dass Jackson nur auf Zeit spielte und nichts an seiner Adaption einen derartigen Umfang rechtfertigen wprde. Wie schon vor zehn Jahren in der ursprünglichen Herr-der-Ringe-Trilogie, nimmt auch hier im zweiten Teil, alles konkrete Formen an und lässt erahnen, dass Jacksons Erzählkonzept auch ein zweites Mal aufgehen wird, wenn die Trilogie erst einmal komplett ist.
Entgegen den Erwartungen steigert Jackson zunächst das Tempo. Innerhalb der ersten dreiviertel Stunde sind zwei prägende Elemente der Haupthandlung abgefrühstückt. Der Düsterwald fällt angenehm kurz aus, war diese Passage im Buch besonders zäh, um zu symbolisieren, wie groß dieser Wald wirklich ist. Die Konfrontation mit den Spinnen ist ebenso dynamisch gelöst. Der Umstand, dass die Monster sprechen, wurde sehr elegant mit den Fähigkeiten und Eigenschaften des Ringes verknüpft. Die Begegnung mit den strengen und manchmal unberechenbaren Waldelben bricht ebenfalls nicht den Rahmen und überhaupt galoppiert der Film gut die erste Hälfte regelrecht durch die Story. Parallel erfährt man, was Gandalf eigentlich treibt, nachdem er die Gruppe am Waldrand sich selbst überlässt. Dadurch sind die zusätzlichen Handlungsstränge sinnvoll in die Haupthandlung eingeflochten. Auch die neuen Charaktere Tanriel und Legolas wirken – trotz ihrer etwas zu bemühten aufkeimenden Liebesbeziehung – sehr überzeugend.
Und dann ändert sich der Stil des Filmes und den großen Rest der Laufzeit widmet Jackson voll und ganz Smaug, dem Großen. Smaug ist ein Ungeheuer unglaublichen Ausmaßes. Aber er ist kein stumpfes Monster. Smaug ist hochintelligent und bösartig und Smaug spricht. Im Original vernimmt man die tiefe und donnernde Stimme Benedict Cumberbatchs; hierzulande lauscht man der nicht minder donnernden Stimme seines Synchronsprechers Sascha Rotermund. Der vielschichtige Dialog zwischen Bilbo und Smaug, in dem beide jeweils den anderen auszuspielen versuchen und Schritt für Schritt ihre Trümpfe legen und bis zum Ende nicht sicher sein können, ob der andere nicht schön längst gewonnen hat, war im Buch immer meine Lieblingsszene. Ähnlich, wie im Rätselspiel mit Gollum im ersten Teil, geht es hier um Worte, die benutzt werden können, mit denen aber ungleich mehr gesagt werden kann. Dabei spielen körperliche Unterschiede der Kontrhenten für eine gewisse Zeit keine Rolle. Jackson kann in dieser Szene allerdings nicht ganz an sich halten. Zu stolz scheint er auf die Leistung der Tricktechniker zu sein, die einen wahrlich beeindruckenden Drachen auf die Leinwand zaubern. Zu kurz kommt der psychologische Aspekt und zu schnell geht die brachiale Action los. Dafür gelingt es Jackson einmal mehr, die Dynamik des Buches zu ändern und einen stimmigen und nachvollziehbaren Punkt für das Ende des zweiten Teils zu finden. So, wie Jackson es verwebt, kann man die Geschichte nur so erzählen und nicht anders und nun ist auch völlig klar, warum es drei Filme braucht.
Wie schon in der ersten Trilogie, bin ich auch diesmal vom zweiten Teil nahezu restlos begeistert. Der Flow stimmt, die Charaktere entwickeln sich sinnvoll weiter, die Bilder und das ganze kleine und detailverliebte Zeugs sind einmal mehr atemberaubend und der Drache sieht wirklich unfassbar gut aus. Peter Jackson hat die Kurve gekriegt und einen durchweg spannenden Abenteuerfilm geschaffen, selbst für jene, die das Buch in und auswendig kennen.

„Smaugs Einöde“ ist obendrein düsterer und lässt seelische Abgründe im Geist all unserer strahlenden Helden erahnen, die sich im finalen Teil „Hin und wieder zurück“ wohl vollends zu ihren dramatischen und auch tragischen Ausmaßen entfalten werden. Alles gut, also in Mittelerde. Wäre da nicht schon wieder diese elende Wartezeit . Noch einmal ein Jahr warten.

The Hobbit – The Desolation of Smaug (USA, NZL, 2013): R.: Peter Jackson; D.: Martin Freeman, Ian McKellen, Benedict Cumberbatch, u.a.; M.: Howard Shore; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus (2D), CineStar(HFR 3D)

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Montag, 9. Dezember 2013

Jung & Schön

Francois Ozon ist ein Regisseur, der stets die Gemüter spaltet. Das liegt daran, dass er seit jeher mit Konventionen bricht. Jeher heißt im Übrigen noch gar nicht so viel. Mir hat sich immer der Eindruck geboten, Ozon sei einer dieser klassischen französischen Regisseure, die seit zig Jahren versuchen, die Novelle Vague aufrecht zu erhalten und sich einfach und konsequent jeder Innovation im Medium Film verweigern. Ozon selbst hat diese prägende Phase des europäischen Kinos gar nicht mitbekommen. Seinen ersten Spielfilm lieferte Ozon 1997 ab. „Besuch am Meer“ fiel schon damals auf, denn vor allem Ende der 90er erhielt das französische Kino mit Luc Besson einen wahnwitzigen Drive, der den Tugenden der großen Regisseure im Sturm davon lief.
„Besuch am Meer“ erhielt 12 Jahre später eine Fortsetzung und nach „Rückkehr ans Meer“, soll es noch einen abschließenden dritten Teil geben. Ozon schwor also in einer Phase, in der sich das Kino seines Heimatlandes in einer Art Aufbruchstimmung befand, auf seine ganz eigenen Vorlieben und etablierte eine Filmreihe, der er vollkommen und erbarmungslos das Tempo nahm, welches im Umkehrschluss direkt in Bessons Filme zu rauschen schien. Unterschiedlicher konnten Regisseure und ihre Filme zur selben Zeit wohl kaum sein. Beide Filmemacher sollten im Zuge ihrer Karriere einige Veränderungen durchlaufen. Ozon legte nach: Beachtung erhielten sein Quasiremake des Krimi-Thrillers „Swimming Pool“ und das ultimative Treffen der buchstäblichen Grand-Dames in „8 Frauen“.
In den letzten Jahren gelang Ozon mit „Das Schmuckstück“ ein weltweit erfolgreicher Film, der trotz seines konsequenten Bruchs mit Konventionen besonders viele Menschen ins Kino lockte.
Was seinen besonderen Stil ausmacht, und wodurch er entsteht, habe ich allerdings erst jetzt erkannt, nachdem ich seinen neuesten Film „Jung und Schön“ gesehen habe.

Isabelle ist gerade 17 Jahre alt geworden. Ihre Familie verbringt den Urlaub an einem wunderschönen Strand, denn das Leben meint es gut mit ihr. In Zeiten von Jobmangel und Finanzkrise fehlt es Isabelle an nichts und – mehr noch – sie bekommt alles, was sie will. Während des Urlaubs bandelt sie mit einem deutschen Touristen an. Was zunächst aussieht, wie eine erste zarte Liebe, entpuppt sich allerdings schnell, als das Sammeln erster, echter sexueller Erfahrungen. Bevor also mehr aus dem ersten Mal am Strand werden kann, ist der Urlaub schon wieder vorbei. Wieder zu Hause, beginnt Isabelle mit ihrem Leben zu hadern und bricht einfach aus den Grenzen ihrer Existenz aus. Sie beginnt, als Prostituierte zu arbeiten. Schnell merkt sie, dass ein Mädchen, welches so ungewöhnlich jung und schön ist, wie sie, sehr viel Geld für die entsprechenden Dienste verlangen kann. Nach anfänglicher Scheu häufen sich die Aufträge und innerhalb kürzester Zeit hat Isabelle eine beeindruckende Summe erwirtschaftet. Eines Tages wird die Polizei auf Isabelle aufmerksam und informiert ihre Mutter.

Bevor man diesen Film sieht, erkundigt man sich natürlich, worum es geht. Francois Ozon hat sich ein Thema heraus gesucht, das unangenehm ist, weil es mit gesellschaftlichen Werten und Tabus bricht. In unserer Gesellschaft hat sich ein festes Bild über minderjährige Prostituierte etabliert. Gepaart mit Menschenhandel und organisierten Verbrechen, sind wir uns dieses Problems bewusst, kapitulieren aber vor der Machtlosigkeit. Solche Dinge liegen im Schatten und wir leben im Licht. Mit diesem Klischee hat „Jung und Schön“ aber nichts zu tun. Isabelle entscheidet sich freiwillig und absolut bewusst für diese Tätigkeit. Teenager sind irgendwann in einem Alter, in dem sie etwas Neues probieren, rebellieren wollen. In den meisten Fällen äußert sich das allerdings anders. Die meisten Kids gehen heimlich auf Partys, saufen sich ins Koma, nehmen Drogen und verüben Ladendiebstähle, klauen das Auto des Vaters und tun immer genau das, was ihnen ihre Eltern verboten haben. Isabelle nun bricht aus ihrem wohl behüteten Leben aus, in dem sie anschaffen geht. Nicht mehr und nicht weniger. Und ebenso nüchtern stellt Ozon diese Geschichte dar. Dabei gelingt ihm das Kunststück, aus dieser Geschichte kein überkanditeltes oder kitschiges Drama werden zu lassen. Ozon entwickelt seine Figuren mit einer gewissen Oberflächlichkeit. Isabelle hat abgesehen von den Titel gebenden Eigenschaften keinerlei Charaktermerkmale, die in irgendeiner Weise ins Gewicht fallen würden. Diese Figur hat keine Skrupel das zu tun, was sie tut. Sie hat kein schlechtes Gewissen und ihr Handeln hat nahezu keinerlei Konsequenzen für sie; es gibt nichts, was sie aus diesen Ereignissen lernen kann. Ob man als Zuschauer etwas mit diesem Stil anfangen kann, oder nicht, spielt keine Rolle. Ozon schert sich nicht darum, wie ein anderer Regisseur diese Geschichte inszeniert hätte. Er erzählt die Geschichte, wie es ihm passt. Man könnte ihm eine fachliche oder gar kreative Unbedarftheit beim Entwickeln seiner Figuren vorwerfen, hätte er sich nicht ganz bewusst für diese blassen Charaktereigenschaften entschieden. Das ist Ozons Stil, den er sich über viele Jahre hinweg erarbeitet hat. In einem Thriller, wie „In ihrem Haus“ kann dieser Stil den ganzen Film vor die Wand setzen. Bei einem vielschichtigen Thriller, der sich erst im allerletzten Moment aufdröselt und entsprechend verzwickt und komplex konstruiert sein muss, funktioniert dieser reduzierte Stil einfach nicht. Bei einem Film über Dinge, die echt sind und in unserem Leben täglich passieren, entfaltet sich dieser Stil nahezu perfekt.

„Jung und Schön“ ist krass. Der Film konfrontiert den Zuschauer mit einer Situation, mit der man im alltäglichen Leben einfach nicht konfrontiert werden will. Im Kino sieht man aber nun mal nicht nur alltägliche Dinge. Ozon vermag es, dieses heftige Thema auf nüchterne, fast schon lieblose Art und Weise zu adaptieren und entwickelt seinen Stil konsequent weiter. Ob man etwas mit diesem Stil anfangen kann, muss jedoch jeder für sich entscheiden. Ich sehe in diesem Film und mit dieser Geschichte allerdings die perfekte Bühne für Ozons eigenwillige Erzählweise.

Jeune & Jolie (F, 2013): R.: Francois Ozon; D.: Marine Vacth, Geraldine Pailhas, Charlotte Rampling, u.a.; M.: Philippe Rombi; OffizielleHomepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.