Mittwoch, 5. März 2014

Das finstere Tal

Wenn man an Genrefilme aus Deutschland denkt, erinnert man sich nicht unbedingt an positive Kinoerfahrungen. „Hell“ hat irgendwie nicht funktioniert, obwohl die Idee mit einem zur Wüste erstarrten Deutschland gar nicht so weit her geholt ist. „Anatomie“ hat versucht, eine Slasher-Reihe im deutschen Kino zu etablieren. Kann man dem ersten Teil noch eine gewisse Spannung zusprechen und ihm vielleicht noch die Star-Power anrechnen, ging es mit der Fortsetzung mächtig schief. Andere Versuche, klassische Hollywoodgenres zu bedienen waren ebenfalls selten von Erfolg gekrönt. Man denke nur an den durchaus gelungenen, aber kolossal gefloppten „Cloud Atlas“. Das Publikum möchte derartige Filme eben lieber mit echten Hollywood-Stars sehen. Das ist im Großen und Ganzen eine Frage der Sehgewohnheiten. Etwas, wogegen Til Schweiger zum Beispiel seit vielen Jahren anzukämpfen versucht. Andreas Prochaska aus Wien versucht das auch und möglicherweise hat er es mit seinem neuesten Film auch geschafft.

Finster fängt es an. Es ist ein trüber Herbstmorgen, irgendwann, gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem entlegenen Tal, mitten in den Alpen. Ein einsamer Reiter kommt nach einer langen Reise in einem kleinen Dorf an und bittet um Quartier. Die ansässigen Bauern sind sehr skeptisch und fragen sich, was der Fremde hier will. Besonders, da der Wintereinbruch kurz bevor steht und niemand dass Tal verlassen kann, solange es eingeschneit ist. Sein Name sei Greider und er möchte gerne Fotografien anfertigen. Eigentlich ganz harmlos, würde er nur nicht die ganze Zeit den eindringlichen Blick zelebrieren. Trotz aller Skepsis überwiegt die Neugier. Man bringt ihm bei einer verwittweten Frau und der deren Tochter unter. Der Fremde interessiert sich sehr für das Leben im Dorf und vor allem für die Familie des Großbauern, die den Ort und seine Bewohner offensichtlich fest im Griff haben. Und es dauert nicht lange, da kommt es zu merkwürdigen Todesfällen. Immer sind es die Söhne des Bauern, die auf brutale Weise zu Tode kommen. Bald ist auch klar, dass der Fremde aus einem ganz anderen Grund im Tal ist, als Fotos zu schießen.

Vor dem Kinobesuch habe ich nicht gewusst, was mich erwartet. Im Vorfeld habe ich weder Synopsis gelesen, noch Trailer gesehen. Tobias Moretti wurde an verschiedenen Stellen lobend erwähnt. Mehr wusste ich nicht. Ab der ersten Minute baut der Film sehr gekonnt eine düstere und bedrohliche Atmosphäre auf und verwendet hierfür die klassischen Kniffe. Bombastische Landschaftsaufnahmen, denen aber irgendwie die Farbe und das Leben fehlt. Musik, die nicht weniger bombastisch daher kommt, sich aber munter bei gängigen Komponistengrößen bedient. Während des gesamten Intros sieht man einen einsamen Reiter mit Cowboyhut und Sporen. Die Ankunft dieses Reiters wird von argwöhnischen Blicken beobachtet. Die ersten Dialoge bestehen aus wenigen Worten. Ein Schelm, wer böses denkt, aber so etwas hab ich doch schon mal irgendwo gesehen. Der Einstieg zeichnet also ein nahezu perfektes Bild einer Homage an eines der ältesten Filmgenres überhaupt. Es fühlt sich etwas befremdlich an, dass alle Dialoge in breiter Alpen-Mundart geführt werden. Mir erschließt sich nach einer Weile, was „Das finstere Tal“ versucht; der Film entfaltet ein stilechtes Racheepos mit all den Dingen, die dazu gehören. Der mysteriöse Fremde knöpft sich seine Gegner der Reihe nach vor und dann gibt es sogar einen klassischen Showdown in dem Gewehrkugeln und Blut nur so durch die Gegend spritzen. Jeder Szene dieses Films merkt man die Hingabe zum Genre an und endlich funktioniert der Versuch, einen hiesigen Genrefilm zu kreieren. Das liegt an der Umgebung. Dieses Szenario in die Alpen zu verlegen, wirkt vielleicht abwegig, aber es funktioniert. Was wissen wir denn schon, was um die Jahrhundertwende in irgendeinem einsamen Tal dort los war? Außerdem ist der Stil auf visueller Ebene dermaßen konsequent, dass man vollkommen hineingezogen wird. Zusätzlich scheint der Film keinerlei überflüssige Elemente einzupflegen. Alles passt genau da hin, wo es ist. Die Story ist simpel, aber nicht oberflächlich. Das gleiche gilt für die Charaktere. Zusätzlich sprüht der Film vor Zitaten an „High Noon“, „Der Name der Rose“ oder auch „Django Unchained“.Bevor das aber alles ausartet, entdeckt man immer noch genug eigene Ideen.

„Das finstere Tal“ ist also ein stilechter Western, der sich nicht davpr scheut, bei Genre-Referenzen zu klauen, ohne das ganze aber zu einem Remake, oder Persiflage verkommen zu lassen. Es ist eben einfach irgendwie etwas Eigenes, erinnert aber stark an Bekanntes.
Es fällt mir ein bisschen schwer, ausschweifend über den Film zu schreiben. Einerseits gibt es gar nicht so viel, über das man berichten kann. Das Gesamtbild dieses Films ist einfach total stimmig, so dass es kaum markante, oder besonders auffällige Sequenzen gibt. Außerdem will ich nicht zu viel verraten, denn für mich hat „Das finstere Tal“ vor allem deshalb so gut funktioniert, weil ich im Vorfeld nahezu keinerlei Informationen hatte. Man sollte sich allerdings auf harten Tobak einstellen. Die FSK hat dem Film zwar eine Ab-12-Freigabe erteilt, was das Entscheidungsgremium aber dabei geritten hat, versteht wohl kein Mensch.

Das finstere Tal (AUT, D, 2014): R.: Andreas Prochaska; D.: Sam Riley, Tobias Moretti, Paula Beer, u.a.; M.: Matthias Weber; OffizielleHomepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Donnerstag, 27. Februar 2014

FlimmerCASTen # 17 - Wie war's auf der Berlinale, Jan?

Während ihr hier nach und nach die Texte zu den einzelenen Filmen lesen könnt, die ich in Berlin gesehen habe, geht es im Podcast um das ganze Drumherum. Antonia und ich erklären zum Beispiel auch, warum hier solch merkwürdige Filme besprochen werden, die im diesjährigen Festival-Programm gar nicht aufgetaucht sind...



Wart Ihr schon auf der Berlinale? Sollten Papiertüten auf dem Kopf im nächsten Jahr der neue Modetrend auf dem Festival werden? Teilt's uns mit!

Dienstag, 25. Februar 2014

Berlin: Nyphomaniac 1

Kaum ein anderer Film wurde in den letzten Monaten mehr diskutiert und nicht wenige haben nach all dem Wirbel schmerzlich den Kinostart herbei gesehnt. Ob diese Aufregung gerechtfertigt war und nicht die Erwartungen so hoch geschraubt hat, dass sie dieser Film nicht erfüllen kann, ist dem Regisseur wahrscheinlich egal. Was man von Lars von Triers neuestem Machwerk „Nymphomaniac 1“ hingegen halten soll, weiß man wohl auch erst, wenn man im Kino war.

Es ist eine kalte Nacht, die an rostige und keimig, verklebte Wände, an denen Brackwasser herunter rinnt denken lässt und an Rammstein. In einer solchen Nacht findet der alte Mann namens Seligman eine übel zugerichtete Frau auf dem Fußweg liegend. Er kümmert sich um sie und schafft sie zu sich nach Hause. Hier packt er sie ins Bett und flößt ihr warmes Essen und Getränke ein. Ob er die Polizei oder einen Krankenwagen rufen soll, verneint sie. Sie sei ein schlechter Mensch und das sei in Ordnung so. (Hat nicht ein berühmter Regisseur vor klurzem etwas ganz Ähnliches gesagt?) Seligman glaubt nicht, dass sie ein schlechter Mensch ist. Deshalb beginnt sie, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen, um zu beweisen, dass sie doch ein schlechter Mensch ist. Dieses Leben besteht ausschließlich aus extremen, sexuellen Erfahrungen, die sie seit ihrer frühesten Kindheit sammelt. Der alte Mann zeigt sich von all den expliziten Schilderungen nicht sehr schockiert und kontert mit Analogien vom Fliegenfischen, dem Komponieren eines Orgelstückes und der Weltliteratur. Während sie also ungeniert von ihrem Leben berichtet, wird sie von ihm bemuttert und moralisch durchgefüttert.

Die Story klingt ziemlich banal. Bei den meisten Pornofilmen gibt es so etwas, wie eine Story gar nicht erst und so gesehen, könnte man sagen, ist „Nymphomaniac 1“ regelrecht tiefgründig. Lange habe ich überlegt, wie dieser Film zu bewerten ist und ich bin zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Manche bezeichnen diesen Film, als ein wildes Kunstwerk, welches im Grunde nur die Gewalt und Vielfältigkeit des Lebens nachzeichnet. Lars von Treir selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er einen Pornofilm gedreht hat. Ich finde, so sollte ich das auch halten. Zwischen den einzelnen Kapiteln, die alle jeweils ein neues Sexabenteuer schildern, gibt es Einschübe, die sehr verkrampft wirken und an die tatsächliche Bildgewalt früherer von-Trier-Filme erinnern sollen, hier aber total unpassend daher kommen. Alles wirkt dadurch eher konfus. In einer Szene beschreibt sie ausführlich von ihrer Entjungferung, in der nächsten zitiert er den Text irgendeines romantischen Autors. Einmal wird der Zuschauer mit einer beispiellosen Galerie männlicher Geschlechtsteile bombardiert, gleich darauf mit perfekten Bildern eines spektakulären Sonnenuntergangs verwöhnt. All das kann nicht verbergen, dass es in diesem Film nur um eines geht: Um Sex. Um Sex in all seinen faszinierenden, wie auch abstoßenden Formen. Ästhetische Liebesszenen wird man hier kaum finden. So etwas gibt es in Pornofilmen nun mal nicht. Stattdessen findet man eine beeindruckend gespielte, aber leider vollkommen überflüssige Szene mit ihrem Vater, der irgendwie noch zum Schlüsselsymbol werden soll. Vielleicht. Das kommt möglicherweise im zweiten Teil erst. Womit wir bei einem weiteren, großen Problem von „Nymphomaniac“ wären. Lars von Trier hat nach Fertigstellung seines Filmes den sogenannten Final Cut abgegeben. Dieser Cut legt fest, welche Version letztendlich in den Kinos laufen soll. Aus vermarktungstechnischen Gründen, wurde der Film erstens regelrecht kastriert – Sorry, aber anders kann man es in diesem Fall schwerlich nennen – und damit sämtlicher diskutabler Szenen, die im Vorfeld für so viel Gesprächsstoff sorgten beraubt; zweitens wurde „Nymphomaniac“ in zwei Teile gehackt. Der deutsche Verleih möchte dem deutschen Publikum also weder eine Laufzeit von 5 Stunden, noch explizit dargestellte, kopulierende Paare zumuten. Als Dank dafür bittet man aber natürlich doppelt zur Kasse.

Das Ergebnis ist eben eher unspektakulär, entspricht überhaupt nicht den Erwartungen – ob nun negativ, oder positiv - die man an einen Film dieses Regisseurs hat und zeigt vor allem, wie toll es noch immer in der Filmwelt funktioniert, wenn man auf möglichst platte und unkreative Art und Weise einfach mal drauf los provoziert.
Ich hatte nicht einmal Freude am durchaus sehenswerten Cast des Filmes. Einzig Uma Thurman zeigt gutes Schauspiel und rettet um Haaresbreite den Ruf ihrer Zunft. Alle anderen sind austauschbar. Vor allem der Typ mit der Papiertüte auf dem Kopf.

Nymphomaniac 1 (DK, D, B, F, GB, 2013): R.: Lars von Trier; D.: Charlotte Gainsbourgh, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Nebenbei: Von Stöckchen und dem Soundtrack zum Leben

Mir wurde ein Stöckchen zugeworfen. So kommt es, dass ich plötzlich über ein Thema nachdenke, welches nicht unbedingt etwas mit FIlmen zu tun hat und mich dazu bringt, olle Platten heraus zu wühlen und an früher zu denken.


In meinem Leben gibt es – und gab es schon immer – unglaublich viel Musik. Das fing schon als Kind an. Mein Papa war schon immer sehr interessiert und zu DDR-Zeiten als Schallplattenunterhalter mit extra DJ-Diplom unterwegs. In den 70er Jahren war es wichtig, sich mit der Musik zu identifizieren. Solche denkwürdigen Ereignisse, wie Woodstock zumindest aus der Ferne mitzukriegen, war schon irgendwie wichtig. Meine Eltern haben also schon immer viel Wert auf ihren Musikgeschmack gelegt. Das heißt, ich bin mit den Beatles, den Rolling Stones, Neill Young, Bob Dylan, und so ziemlich allen Ikonen des Rock und Pop aufgewachsen. Mir hat dann irgendwann eine Band besonders zugesagt. Ich weiß nicht warum, aber im Alter von sechs Jahren oder so, habe ich unentwegt Supertramp gehört. Das war irgendwann der Soundtrack zu allem, was ich so erlebt habe. Der Ostsee-Urlaub wurde von „Crime Of The Century“ begleitet, meine Grundschulzeit von „Chrisis? What Chrisis?“. Ununterbrochen hörte ich das Livealbum rauf und runter, während die Mitschüler auf die Eurodance-Welle und Schlumpfentechno abgingen. Aus heutiger Sicht ist Supertramp irgendwie weniger ernst zu nehmen und aus irgendeinem Grund werden die Fans unverhohlen belächelt. Möglicherweise liegt das daran, dass Supertramp seit vielen Jahren mit ein und dem selben Song ein eher mitleiderregendes Dasein auf den Servicewellen der deutschen Radiolanfschaft fristet. Lustigerweise wurde vor einiger Zeit „Give A Little Bit“ wieder neu entdeckt, weil Coca Cola den Song für die aktuelle Imagekampagne durch sämtliche Kanäle dudeln ließ. Irgendwann war bei mir dann chluss mit Supertramp. Von einem Tag auf den nächsten erschloss sich mir eine völlig neue Musik, die mit großflächig arrangierten Pop-Balladen über den Frieden in der Welt gar nichts zu tun hatte. Wenn man den kontrastreichen Schritt von Supertramp zu Drum'n'Bass beobachtet, könnte man vielleicht denken, mein Leben hätte einen ebenso gravierenden Einschnitt verzeichnet. Dem war nicht so. Plötzlich wollte ich hämmernde Bässe, wahnwitzige BPMs und kreischende Vocalsamples. Drum'n'Bass ist an sich keine Musik, die man sich geruhsam anhört, aber ab da an gab es für mich nichts anderes mehr. Mir gefiel es, eine Musik zu hören, die die meisten meiner Bekannten einfach nicht verstanden. Das mangelnde Verständnis schlägt sich übrigens auch in Filmsoundtracks nieder. Immer wieder haben Filmemacher versucht, diesen Sound in ihre Werke einzubauen – meist mit fatalen Ergebnissen. Der Soundtrack von „pi“ oder das Intro von „Event Horizon“ bieten da die seltene Ausnahme von gelungenen Einsätzen des Amen-Beats. Aber zurück zum Thema: Dadurch, dass ich so konsequent und unaufhörlich Musik höre, gibt es keinen Peak oder besonderen Moment, den ich mit einem bestimmten Song verbinde. Bei den denkwürdigen Ereignissen in meinem Leben, lief dann erstaunlicherweise keine Musik. Ich habe meine Freundin gefragt, welcher Song vielleicht sowas ähnliches, wie unser Song sein könnte. Sie antwortete: „Brauchen wir einen Song?“
Als DJ werde ich oft gefragt, was meine Lieblingsplatte ist. Wenn ich nur eine Lieblingsplatte hätte, könnte ich wohl kaum ein abwechslungsreiches Set spielen.
Zerdenke ich die ganze Sache vielleicht zu sehr? Okay! Ich sage jetzt einfach, welcher Song, mir ganz spontan durch den Kopf geht: „Lass das mal den Papa machen...“ Oha!

Das Stöckchen haben mir übrigens die Kollegen von Schöner Denken zu geworfen. Wie deren musikalischer Nostalgietrip aussieht, könnt Ihr hier nachlesen.

Dienstag, 18. Februar 2014

Berlin: Enemy

Bei diesem Film fühlt man sich versucht, ihn mit Dingen zu vergleichen, die man schon aus anderen Werken kennt. Eindringlich, wie „Drive“. Spannend und intensiv, wie „Vertigo“ vielleicht. Aufregend und erotisch, wie „Black Swan“. Aber diese Vergleiche halten nicht lange stand, denn „Enemy“ nutzt diese bekannten Elemente allenfalls als Sprungbrett für seinen ganz eigenen und – ironischer Weise – unverwechselbaren Stil.

Adam ist Professor für Geschichte an einer Universität. Auch, wenn er einen gut bezahlten Job hat, wäre er sehr unzufrieden mit seinem Leben, würde es ihn nicht so furchtbar langweilen. Seine Vorlesungen sind uninspiriert und verlaufen immer nach dem selben Strickmuster, seine Freundin bringt ihm mehr Ärger, als Glück und überhaupt fehlt seinem Leben das Besondere. Im Rahmen seines Lebensstils und seiner eigenen Motivation ist es Adam allerdings unmöglich, dieses besondere Etwas zu finden. Adam weiß genau, was er tun könnte, um diesen Zustand zu ändern, doch will er es im Grunde nicht, was seinen Frust noch verstärkt. Ein Kollege macht ihn eines Tages darauf aufmerksam, dass er ihn an einen Schauspieler erinnere. Adam schaut sich einige Filme mit besagtem Schauspieler an und stellt fest, der andere Mann sieht ihm zum Verwechseln ähnlich. Aus Neugier beginnt Adam, dem Schauspieler nach zu stellen und arrangiert sogar ein Treffen. Bei diesem Treffen kommt allerdings etwas zu Tage, was Adam nicht erwartet hätte.

Regisseur Denis Villeneuve nutzt diese Story, die im Grunde ganz klaren Linien und Rahmen folgt, um einen regelrechten Trip zu entfesseln. Von Beginn an versetzt er den Film mit abgedrehten Traumsequenzen. Immer wieder taucht hier das Motiv einer riesenhaften Spinne auf, die sich durch die Häuserschluchten der Großstadt hangelt. Außerdem ist der ganze Film in blassen Gelbtönen gehalten. Dadurch wirkt alles etwas fiebrig. Ein Großteil der dichten und oft auch bedrohlichen Atmosphäre entsteht durch die fast schon gewaltige Musik. Mächtige Hörner und quälende Streicher entfesseln ein ständiges Gefühl der Aufregung.
Außerdem kostet Villeneuve immer wieder ganz bestimmte Momente besonders aus. Die Treffen der beiden Doppelgänger zum Beispiel. Oder, wenn die Frau des Schauspielers die Bedeutung der ganzen Situation zu erkennen glaubt. Dieser Moment der Erkenntnis ist unglaublich eindrucksvoll und verliert seine Wirksamkeit auch nicht dadurch, dass dem Publikum diese Erkenntnis bis zum Ende des Films verwehrt bleibt. Ist dies die Geschichte getrennter Zwillinge? Ist es Zufall? Ist es Schicksal? Der Film liefert keine Erklärung, sondern packt lieber noch ein skurriles Abschlussbild auf das Ende.

„Enemy“ ist großartige Unterhaltung. Schauspieler, Musik und Inszenierung ergeben einen stilvollen, spannenden und eigenwilligen Thriller, der im Gedächtnis bleibt. Hitchcock wäre vielleicht stolz darauf gewesen.

Enemy (Can, Esp, 2013): R.: Denis Villeneuve; D.: Jake Gyllenhaal, Melanie Laurent, Isabella Rosselini, u.a.; M.: Danny Bensi

Bundesstart: 15. Mai 2014

Montag, 17. Februar 2014

What Is Left?

Ich habe auf der 64. Berlinale viele Filme verpasst, andere jedoch nicht verpasst. In den kommenden Tagen geht es hier um die Filme, die ich in diesem Jahr auf der und um die Berlinale sehen konnte. Den Auftakt macht ein Dokumentarfilm.

Wie zufrieden sind wir mit unserer Regierung? Kaum jemand, den man fragt, wird absolut nichts daran auszusetzen haben. Steuern zu hoch, Löhne zu niedrig, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Fachpersonal. Wenn uns – also dem Volk – die Regierung nicht passt, können wir sie durch Wahlen umbesetzen und dann hoffen, die neue Regierung ändert etwas an den Dingen, die uns nicht gefallen. In der Theorie klingt das relativ einfach, in der Praxis läuft das alles etwas komplizierter. Politiker stellen Programme auf, und sprechen Versprechen aus, die sie, falls sie gewählt werden, dann umgehend in die Tat umsetzen werden. Wenn die Politiker das nicht tun, werden sie bei der nächsten Wahl dann entsprechend weniger Stimmen erhalten.
Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass genau das nicht funktioniert und so passiert es, dass Politiker trotz ständiger und unverhohlener Inkompetenz über viele Jahre an der Macht bleiben. Zum Beispiel Silvio Berlusconi.

Italien vor kurzer Zeit: Neuwahlen stehen an und es hat den Anschein, es könnte dem amtierenden Präsidenten diesmal an den Kragen gehen. Doch die Alternativen sind rar. Außerdem ist das Volk unsicher, was es überhaupt noch wählen soll. Die alte Aufteilung von Links und Rechts funktioniert in einem modernen Europa nicht mehr. Darf man als Linker eine Putzfrau beschäftigen oder eine Kreditkarte benutzen? Diesen und anderen Fragen gehen die Regisseure Gustav Hofer und Luca Ragazzi nach. Sie thematisieren ihre Unsicherheit und Ratlosigkeit, um ein unerwartetes Bild des politischen Italiens dar zu zeichnen, welches letztendlich nicht nur die Situation in einem Land zeigt, sondern stellvertretend als Stimmungsbild in ganz Europa erscheint. Neben der Unsicherheit stehen aber auch die Methoden der Politiker im Mittelpunkt. So geschieht es also, dass das ganze Land einen neuen Präsidenten fordert, die ganzen Kandidaten, die in Frage kämen auf den Plan treten und niemand weiß, was man mit diesen Kandidaten anfangen soll. Die Rechten darf man nicht wählen, schließlich will man den alten Präsidenten ja los werden. Die Linken sind allesamt unmotiviert und gesichtslos. Keiner traut ihnen zu, wirklich in der Lage zu sein, das Ruder um zu werfen. Wen gibt es also noch? Ein bekannter Komiker und Kabarettist gründet seine eigene Partei und schlägt vor, die Politiker allesamt nach Hause zu schicken und das Volk lieber direkt regieren zu lassen. Die Wähler – hungrig und lechzend nach Alternativen – nehmen den Mann vielleicht ein bisschen zu ernst und wählen ihn. Diejenigen, die politisch, verantwortungsbewusst wählen möchten, können den Komiker nicht wählen, denn er meint es ja eigentlich nicht ernst. Unterdessen kündigen alle Fraktionen an, sich keinesfalls auf eine Koalition mit der Witzpartei einzulassen. Es kommt der Wahlabend und es kommt, wie es kommen muss. Der Komiker gewinnt die meisten Stimmen, die Linken verlieren und eigentlich ist klar, das Berlusconi auch nicht an der Macht bleiben wird. So bildet sich eine Koalition, die den Komiker auslässt, einen neuen Präsidenten stellt, der aber nach kurzer Zeit schon wieder zurücktritt, nur um von einem Präsidenten ersetzt zu werden, der letztendlich nur die Marionette des ganz alten Präsidenten ist. Der ganze Zirkus also nur, um letztendlich den alten immer noch auf dem Thron sitzen zu haben.

Habe ich das alles richtig verstanden? Ehrlich gesagt, weiß ich das nach Genuss dieses Filmes nicht so genau und auch der Film selbst – beziehungsweise die Off-Stimme – hegt ernste Zweifel, ob das Publikum auch nur im entferntesten verstanden hat, oder nicht noch verwirrter ist, als vor Genuss dieses Filmes. Die beiden Regisseure gehen das Thema sehr locker an und durchsetzen den Inhalt ständig mit satirischen Einwürfen. Obwohl der Film letztendlich kein echtes Mehrwissen vermittelt, bekommt man durch die Interviews, Einspieler und Bilder ein ziemlich gutes Stimmungsbild und denkt sich: „Ich verstehe zwar
nichts von Politik, merke aber, wie es in Italien läuft“. Der unterhaltsame Ton des Films bringt einen aber dazu, zu glauben, in Italien sei alles total verrückt und bei uns ist alles super. Das der Film die italienische Politik nur stellvertretend für Europäische Politik darstellt und im Grunde zeigt, wie es überall längst ist, erkennt man erst, wenn man den Kinosaal verlässt und sich gerade kopfschüttelnd über die verrückten Italiener amüsieren will. In dem Moment fällt mir der Ausgang unserer letzten Wahlen ein. Möglicherweise hatte es nicht ganz so groteske Ausmaße, wie in Italien, aber das wird schon noch kommen.

„What is Left“ ist politische Satire in Reinform. Auf der suche nach der anfänglichen Frage – nämlich, was es heißt, links zu sein – zeichnet er ein treffendes Zeitbild des politischen Italiens und zwinkert dabei so kräftig mit den Augen, dass die Intention nach der Beantwortung der titelgebenden Frage am Ende einfach weg gewischt wird. Unterhaltsam – und die Jahre werden zeigen, ob der Film nicht sogar eine prophetische Ader hatte.

What Is Left? (I, 2013): R.: Luca Ragazzi & Gustav Hofer

Bundesstart: 12. Juni 2014

Montag, 13. Januar 2014

Only Lovers left alive

Jim Jarmusch ist mit Sicherheit einer der interessantesten Regisseure der letzten 30 Jahre. Seine Filme sind stets etwas merkwürdig und sehen prinzipiell immer anders aus. Die Geschichten, die in seinen Filmen erzählt werden, gehen oft eher banalere, erste Schritte und entwickeln sich im weiteren Verlauf zu echten Dramen. „Dead Man“ beispielsweise beginnt als klassischer Western mit eiem grünen Stadtfrüchtchen, welches in der harten und rauen Umgebung des frisch besiedelten Landes kaum zurecht zu kommen vermag. Plötzlich gerät er in eine Mordserie und wird zum meist gesuchten Verbrecher der Stadt. Tragisch, denn eigentlich will er das alles gar nicht. Alles ist in rauem schwarz-weiß gehalten und Neill Young steuert einen düsteren, quälend monotonen, aber überaus passenden Soundtrack bei. Diese Mischung macht Jim Jarmusch schlicht unvergesslich. Bei anderen ist es stattdessen „Ghost Dog“, der sich ins Gedächtnis eingebrannt hat und wieder andere können „Broken Flower“ einfach nicht vergessen. Sein eigenwilliger Stil lässt Jarmush immer wieder ganz besondere und einmalige Filmerlebnisse auf die Leinwand zaubern. Nun ist er wieder da und erzählt ausgeredchnet die Geschichte zweier Vampire.

Sein Name ist Adam und er lebt in einer heruntergekommenen Villa in Detroit. Ihr Name ist Eve und sie lebt am anderen Ende der Welt in Tanger. Während Adam das exzentrische Leben eines eigenwilligen Rockstars zelebriert und deshalb den anderen Menschen kaum auffällt, gerät er zunehmend in depressive Stimmung. Der Grund dafür ist nicht nur die Tatsache, dass er von seiner geliebten Ehefrau Eve getrennt leben muss, sondern auch, mit an zu sehen, wie die Menschen ihre Welt zunehmend und sinnlos zerstören. Eve entschließt sich, nach Detroit zu reisen und ihrem Geliebten den Lebensmut erneut ein zu hauchen. Das funktioniert zunächst auch noch ganz gut, bis plötzlich Eves verhasste Schwester Ava auftaucht. Verhasst ist sie deshalb, weil sie mit ihrer ungestümen Art stets überall nur Chaos hinterlässt.

Eins ist sicher klar: Mit den glitzernden Schönwetter-Vampiren, die derzeit crossmedial Mädchenherzen höher schlagen lassen, haben diese Blutsauger nichts zu tun. Allerdings sind sie auch nicht mehr die gefürchteten Monster, die man von anderen Stellen kennt. Eve und Adam sind zivilisierte Vampire. Im 21. Jahrhundert werden keine Menschen mehr gebissen – oder eben getrunken. Man besorgt sich den roten Lebenssaft aus Krankenhäusern oder anderen Quellen. Die beiden Vampire hätten aber nicht so lange leben können, wenn sie tatsächlich nur auf ziviliserte Mittel und Wege angewiesen wären. Ebenso konsequent, wie sie in Ruhe und Frieden leben wollen, sind sie sofort bereit, alles aufzugeben, nur um zu überleben. Trotzdem wirken die Vampire relativ normal. Interessant ist, dass sich ihre Tarnungen total super in unserer heutiges Gesellschaftsbild einfügen. Während es heutzutage fast normal ist, dass sich irgendein verrückter Musiker in einer einsamen Villa verschanzt und nur nachts vor die Tür geht, hätte Adam damit vor 500 Jahren bestimmt Schwierigkeiten bekommen. So entsteht ein total überzeugendes Bild, aus einer völlig absurden Situation. An anderer Stelle wirkt der Film leider nicht ganz so überzeugend. Die Story ist dermaßen banal und lohnt kaum der Erzählung. Die Andeutungen, die immer mal wieder über die Zukunft der Menschheit gemacht werden, wirken zu aufgesetzt und nicht durchdacht. Während Tom Hiddelstons reduziertes, fast schon lustloses Spiel noch ganz gut passt, ist Tilda Swintons schwebendes und pathetisches Schmachten eher nervig. Potential wird auch mit Mia Wasikowska verschenkt. Das Vampir-Pendant zur nervigen und aufgedrehten kleinen Schwester, hätte man sicher besser hinbekommen. Großer Pluspunkt ist die Atmosphäre, die der Film mit einfachsten Mitteln aufzubauen versteht. Einen Großteil erledigt hier die Musik, die manchmal getragen von arabisch angehauchten Instrumenten und manchmal von trägen Post-Rock-Klängen zerstampft, immer perfekt zu passen scheint. Meinetwegen hätte man im Film auch nur die düsteren Ruinen eines verlassenen Industriegebietes zeigen können, wenn dazu diese inentsive Musik zu hören gewesen wäre. So toll und passend die Atmosphäre sein mag, wird deren Potenatial ebenfalls nicht vollständig genutzt.

Wer den nächsten Geniestreich eines eigenwilligen, aber total interessanten Regisseurs erwartet hat, ist vielleicht enttäuscht. Der Film ist nicht halb so groß, wie es die Werbekampagne oder der Trailer erwarten lässt. Die Botschaft kristallisiert sich sher schnell heraus und eine tiefere Bedeutung fehlt. Dennoch ist es gut, zu wissen, dass fernab vom Blockbusterzirkus, der jedes Jahr spektakulärer veranstaltet wird, ein Jim Jarmusch sitzt, auf seinen seltenen gesammelten Gitarren zupft und einfach das in einen Film packt, worauf er Lust hat. Gut, dass es Jim Jarmusch gibt.

Only Lovers left Alive (USA, 2013): R.: Jim Jarmusch; D.: Tom hiddelston, Tilda Swinton, Mia Wasikowska, John Hurt, u.a.; Offizielle Homepage

In Weimar: Lichthaus

Kineast im Radio: Jeden Sonntag, 14 Uhr auf Radio Lotte Weimar.